Wir waren bei den Großeltern, ich war vorher das zweite Mal bei meiner Therapeutin (denn als solche wird die arme Frau wohl enden), die Lehrbücher lagen den Großteil der Zeit einsam und verlassen in möglichst uneinsichtigen Ecken und stattdessen wurde gefuttert, die ganzen lieben langen Tage. Quelle Horreur!

Nun ist es Abend, und der Tag ging in erstaunlicher Sanftheit zu Ende. Sowas kennt man doch gar nicht mehr. Keine Dämmerung, die sich hinterhältig anschleicht, als wollte sie flüstern:

„Sieh nur, und wieder geht ein Tag vorüber! Und wieder hast du nichts erreicht! Das Übliche…“

Stattdessen flammende Schönheit hinter der vertrauten Baumkulisse. Keine Vorwürfe vom Himmel heute Abend. Da steigt doch auch die Motivation, tatsächlich aus eigenen Stücken heraus etwas zu tun, ein Buch zur Hand zu nehmen, trockenen Stoff zu fressen wie andere Leute Kartoffelchips (530 kcal/100g), und geradezu poetische Monologe über die Ästhetik von entspringenden und ansetzenden Muskeln zu halten („An den Processus transversi! Paarig! Innerviert von den Spinalnerven bis C8! Ist es nicht wundervoll?“)

Nun gibt es zu viele irrelevante Details, die wahrscheinlich niemanden interessieren, der nicht Anspruch auf ein Eckchen in meinem Stachelschädel erhebt. Musical (Neid auf Stimmen und Schlankheit der Darsteller, Unverständnis über den allgemeinen Sinn solcher Veranstaltungen), Diskussionen über Kinder (Muss ich Kinder haben, um nicht im Alter einsam zu sein? Gibt es tatsächlich keine andere Möglichkeit? Kann ich damit leben, ein asozialer „evolutionspolitischer Blindgänger“ zu sein?), viel zuviel Essen (Ein Salat bleibt ein Salat, auch wenn er 9,99 € kosten soll und beschwipste Birnen drin sind), und Schlafen neben meiner Schwester.

Wenn es nach mir ginge und solche Dinge wie Konzentration tagsüber nicht vollkommen überbewertet wären, würde ich nie mehr allein Schlafen. Ich würde freiwillig auf Doppelmatratzen neben Fremden schlafen, Mehrbettzimmer in Jugendherbergen buchen, Kuschelparties besuchen. Was ist schon nächtlicher Komfort gegen die Erinnerung an einen verzückenden Traum? Aufwachen, weil jemand schnarcht oder sich gedreht hat, und im Kopf…

Dieses herrliche Bild, wie mich jemand umarmt. Grüne Hügel mit Häusern darin. Menschen Arm in Arm. Ein Fisch sein und durchs Wasser fliegen. Den Arm mit Daumen und Zeigefinger umfassen. Das Gesicht vergraben in einer flauschigen Decke.

Von mir aus könnte ich komplett dorthin umziehen. Und die Uni könnte mir den Buckel runterrutschen, während ich schon längst auf dem Weg zur nächsten Wattewolke bin, auf nackten Füßen, die Reste meiner armseligen Schuhe betrachtend, wie sie flatternd hinunter zur Erde taumeln.

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