Vermutlich ist es als depressive Person vollkommen unsinnig, einen Blog machen zu wollen, in dem Depression nicht vorkommt oder zumindest nicht thematisiert wird. Denn sie ist überall. Sie lauert in jedem Winkel, bereit zu einem Überfall im unpassendsten Augenblick.

Es kommt auf etwas an? Du hast nächste Woche Testat und müsstest in den Präpariersaal fahren, um endlich nochmal zu lernen, weil du das vorher nie getan hast, du faule Kuh? Oh nein, das kann ich nicht zulassen. Ich werde dich an dein Bett fesseln. Ich werde dir keinen anderen Weg lassen als den zum Kühlschrank und zu sämtlichen Süßigkeitenvorräten. Ich werde dich aufgehen lassen wie einen Hefekloß, damit du dich so unförmig und unbeweglich fühlst, dass du erst recht nirgendwo hinkommen wirst. Du wirst dasitzen und dich fragen, wie alle anderen Leute es schaffen können, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen. Ich werde es einrichten, dass dir sämtliche Augenblicke des Glücks und der Selbstsicherheit wie falsche Illusionen vorkommen.

Ooohh ja, du wirst dasitzen und heulen. Fressen, heulen. Ich werde dich dazu bringen, deinen Freund, den du verlassen und vor den Kopf gestoßen hast, und der dich (Schicksal?) in genau dem Moment anruft, in dem es dir am allerschlechtesten geht, am Telefon anzuschreien, er solle dich in Ruhe lassen, weil du nicht willst, dass er dein Elend miterlebt. Dabei wollte er dir doch nur helfen. Jedes Mal, wenn du mit ihm telefonierst, schicke ich einen netten Gruß mit durch die Leitung.

Ich bringe dich dazu, sämtliche Menschen, die dir eventuell etwas bedeuten könnten, zu vernachlässigen, damit du dich in naher Zukunft in deiner perfekten Einsamkeit suhlen kannst. Ich verhindere sämtliche Freundschaften mit Leuten, die du triffst. Du wirst sie brüskieren, ihnen auf die Nerven gehen und sie, die Normalen, Gesunden, so lange verwirren, bis sie feststellen, dass es die Mühe nicht wert ist, sich mit jemand so Verrücktem wie dir abzugeben.

Ich weiß, vor ein paar Monaten hast du dich noch normal gefühlt, dir eingeredet, es sei nichts, weil das Eingeständnis dieser Schwäche einfach zu lächerlich gewesen wäre. Hast du wirklich gedacht, du könntest mich verleugnen? Menschen, die mich nicht wahrhaben wollen, die besuche ich nicht nur sanft. Nein, ich schleiche mich an sie heran, ich pirsche lange, sehr lange um sie herum, bis sie nicht mehr wissen, was eigentlich mit ihnen los ist…Bis ich sie anfalle, sie von hinten in den Nacken beiße, sie zu Boden ringe und sie alles vergessen lasse, was jemals in ihnen Mensch gewesen ist.

Sei weiser beim nächsten Mal, falls es ein nächstes Mal noch geben wird. Bis dahin wünsche ich dir viel Freude und alles Gute,

Deine Depression.

Das ist alles. Willkommen, liebe Depression, in meinem Blog, der mir doch mal fast heilig war… So heilig, dass ich mich kaum getraut habe, etwas darin zu schreiben, weil nichts, was ich zu sagen gehabt hätte, mir gut genug vorkam.

Hoffentlich fühlst du dich hier wohl und richtest dich schön häuslich ein… Bring gern all deine Freunde mit, Ana ist ja auch schon fast eine alte Bekannte von mir. Wer auch immer dir sonst noch einfällt: Mein Haus steht dir immer offen.

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