Wenn ich morgens zum Zug gehe, fröstelnd und die ersten Strahlen der Morgensonne auf dem Kopf, während diese allmählich durch den Nebel bricht, die Ohren voll mit purifiziertem Kitsch, dann ist da nichts als Erwartung, was den Tag angeht.

Jeden Morgen dieselben Leute auf dem Bahnsteig, Erschöpfung. Manchmal denke ich, gut die Hälfte von allem, was ich für die Uni lerne, lerne ich auf einer der halb zerfallenen Bänke dieses Provinzbahnhofes. Einfach, weil nichts anderes da ist, worauf die Aufmerksamkeit gelenkt werden könnte. Der Bahnhof ist der Inbegriff für all diese verschwendeten Minuten, Sekunden. Seufzendes Versinken in Bedeutungslosigkeit. Wieviel man tun könnte am Tag, und wie groß der Teil davon ist, den man einfach so dasitzt und Dinge tut, die den Kopf beschäftigen, aber mehr auch nicht. Völlige produktive Blockade. Ich möchte kein Tagesablaufs-Tortendiagramm zeichnen, so wie man es manchmal in Tandemkursen tun soll, denn wenn man sich an meinem Tortendiagramm ein Beispiel für den Tagesablauf der Jugend unseres ganzen Landes nehmen würde, dann wäre der DAX vermutlich ruckzuck im Keller.

Ich habe gekocht heute, ein türkisches Gericht mit Reis und Spinat. Reis ist gut, Spinat ist gut. Esst das, Leute! Aber bitte ohne Salz, Reis soll doch entwässern! Und Zwiebeln in Öl anbraten, das tun nur die faulen Leute, die, denen es egal ist. Die meinen vielleicht, Karriere sei lebenswichtig oder soziale Bindungen. Was für ein Quatsch. Wie man es schafft, schmackhaftes Essen ohne Salz und Öl zu fabrizieren, sowas entscheidet über Erfolg oder Misserfolg eines Tages. Man soll ja nicht gleich größenwahnsinnig werden.

Worum es eigentlich ging? Um Curry. Denn je stärker ein Essen gewürzt ist, desto weniger isst man davon. Also Curry, ein Esslöffel und noch einer, und dazu die Zwiebelwürfel in Wasser, und auf einmal roch es nach Russland. Die beigefarbenen Steinfliesen unter den nackten Füßen wurden plötzlich wieder zu klebrigem, gewelltem Linoleum. Nebenan der tropfende Wasserhahn, der Kühlschrank, der röhrt wie ein verwundeter Elch, Tag und Nacht, die speckigen orangenen Vorhänge vor dem abblätternden weißen Lack der Fensterrahmen. Unten heult eine Autosirene in fünfzehn verschiedenen Variationen. Die Streichholzschachtel ratscht, die Gasflamme flirrt beinahe unsichtbar im einfallenden Sonnenlicht. An den Wänden immer noch Wasserflecken vom Winter, als es reingeregnet hat. Alles vermischt sich, Gedanken mit Erinnerung mit Wünschen mit Alpträumen, der ganze Dreck hier überall, der schon gar nicht mehr auffällt.

Wie kommt man in Russland auf die Idee, dünn sein zu wollen? Es gibt Millionen wichtigere Dinge im Leben. Aber nein, das Kind muss sich ausgerechnet so etwas in den Kopf setzen. Essen kochen, das ich selbst gar nicht mag, mit Unmengen von Curry, damit es nach irgendetwas schmeckt. Die kleinen Beutelchen aus Plastik zum Aufreißen, mit der großen Aufschrift:

КАРРИ

Ein Wort, das schon fast vergessen war, und dieser Geruch. Der sagt immer wieder dasselbe. Glaubt man den Veteranen der Branche, wird er immer bleiben.

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