Es ist zehn nach zehn am Abend, und allmählich nimmt die Müdigkeit Überhand, mal ganz davon abgesehen, dass mein Wecker für morgen früh auf 4:25 Uhr programmiert ist. Aufstehen, schlaftrunken im totenstillen Haus herumhuschen, Jacke überwerfen, mit Musik und kaputter Fahrradlampe über den weißlich schimmernden Betonstreifen bis zum Bahnhof. Kein Wind, der legt sich in der Nacht und ist um fünf Uhr auch noch nicht wieder aufgewacht. Fünfzehn Minuten Alleinsein im stetigen Keuchen der Tachykardie, die sogar jetzt, nach Wochen der (vermeintlich) aufbauenden Ernährung immer noch nicht so ganz verschwinden will.

Seit zwei Tagen mache ich Praktikum, und schreiben tu ich darüber so spät am Abend, weil ich mehr und mehr das Gefühl hatte, es sei menschlich gesehen eine Dreistigkeit, die unendliche Dankbarkeit darüber noch länger für mich zu behalten. Es grenzt fast an ein Wunder (Warum, zum Teufel, glaube ich noch an Wunder? Naives Ding.), wieviel zwei kleine, ahnungslose Tage ausmachen. Ankommen auf Station, und die allererste Handlung ist das Eintauschen der Straßenkleidung gegen gestärkte, hellblaue, figurtötende, absolut hinreißende Einheitskleidung. XS ist achtunddreißig. Warum kann man sowas nicht immer tragen, frage ich mich? Niemand sieht mich darunter. Jeder sieht nur die (ein wenig zu kurze) Hose, den langen Kasack mit dem hochgeschlossenen V-Ausschnitt aus sich überlappenden Stoffstücken. Alles ist gerade, die Ärmel sind kurz, aber nicht zu kurz. Ich würde heiraten wollen in solch einer Uniform, denn sie nimmt alles Ich weg und macht mich zu einer funktionellen Figur. Ade, Brüste, machts gut, Schlüsselbeine, Man sieht sich, Oberschenkel.

Eigentlich wollte ich nicht über Kleider und Körper schreiben. Es ist nur eine Sache der Gewohnheit. Eigentlich wollte ich schreiben über Menschen, über Kranksein und Gesundsein, über Träume und Hoffnung, all das, was in nur zwei Tagen wieder meinen allzu vergesslichen Kopf erobert hat. Denn auf einmal bin ich wieder dort, wo ich mal war, vor Russland und all diesem Hickhack aus Verachtung und Verständnislosigkeit und sinnlosem Leben, gefolgt von sinnlosem Tod, was meine Vorstellung von Pflege und vom Sinn des Menschseins so unwiderruflich zerbrochen zu haben schien.

Ich habe einen geregelten Tagesablauf. Er beginnt sehr früh, und gibt viel Raum am Nachmittag. Er beinhaltet einen Gastausweis und damit Zugang zur Krankenhausbücherei (Belletristik !!!), und Menschen, die mich morgens um neun beim Stationsfrühstück besorgt ansehen und mit dem Brotkorb unter meiner Nase herumwedeln, während ich dasitze mit meinem vierten Becher Süßstoffkaffee (Beides beinhaltet mein Tagesablauf en masse).

Er hält Aufgaben für mich bereit, deren Lösungen mich mit mehr als kindischem Enthusiasmus erfüllen. Ich habe Blutzucker gemessen, Puls und Temperatur. Ich habe die Zentralapotheke gefunden, Essen ausgeteilt, mir zigmal die Hände desinfiziert, bin auf- und abgelaufen, den ganzen Vormittag, in diesem herrlichen hellblauen Kittel, der sämtliche Gedanken über Bauch und Arme und Beine und Gangarten einfach in der Versenkung verschwinden lässt (im wahrsten Sinne des Wortes.) Menschen sind freundlich zu mir. Menschen danken mir, bitten mich, fragen mich, tun meine Entschuldigungen ab mit einem Lächeln, bieten mir Dinge an. Ich bin erleuchtet und geborgen in einem Kokon aus Menschen, die zusammen funktionieren wie Teile eines Uhrwerks.

Ich kann es schaffen, singt eine Stimme in mir, wenn ich es nur genug will, kann ich mein Leben schaffen, es bewältigen wie eine weitere Aufgabe, nur etwas umfangreicher.

Es ist kein Hochgefühl, aber eine nicht zu unterschätzende Stabilität in meinem rumpelnden Holzachterbahn-Leben. Sie ist da und trägt mich, und ich kann mich fallen lassen und mit Leib und Seele schuften, ohne Hunger zu spüren, und danach den Hunger stillen, ohne dafür schuften zu müssen. Es wird nicht immer so bleiben, aber die Seele klinkt derzeit ihre endlosen Schuldgefühle aus und hängt selig seufzend die Füße in den Pool.

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