Bis eben gerade habe ich immer gedacht, der Begriff „Frühjahrsmüdigkeit“ sei nur Ironie, ein kleiner Scherz am Rande über die allgemeine Trägheit und die nie vorhandene Verlegenheit unserer Gesellschaft um faule Ausreden.

Es gibt „Frühlingsgefühle“, den Tanz in den Mai, jeder scheint von neuem zu leben beginnen im Frühling, es ist geradezu lächerlich konventionell, sich im Frühling gut zu fühlen. Natürlich leide ich unter Frühjahrsmüdigkeit, so wie ich im Herbst unter Herbstmüdigkeit und im Sommer unter Sommermüdigkeit leide, während man im Winter wohl sogar von einer Art Winterschlaf sprechen kann. Allerdings kann man das doch eher zurückführen auf ein gestörtes Schlaf-Wachverhältnis, auf Unzufriedenheit des Organismus mit der angeboteten Kalorienzufuhr, auf Perspektivlosigkeit und Lebensangst. Warum sollte sich das ändern, nur weil plötzlich alles Federvieh zu glauben anfängt, dass es nun an der Zeit sei, neues Federvieh in die Welt zu setzen, weil die Bahnunpünktlichkeit nicht mehr von Schneefall, sondern nur noch von Streiks und allgemeiner Unfähigkeit abhängt und es noch dazu anfängt, abartig warm zu werden, sodass alle Welt sich gezwungen sieht, ihre trotz Brigitte-Diät im Winter nicht verschwundenen Speckrollen erneut der Öffentlichkeit zu präsentieren?

Scheinbar lassen sich wirklich Leute von diesen sozialen Zwängen fertigmachen, wenn das tatsächlich die Suizidraten in den Monaten von März bis Juli so signifikant in die Höhe treibt, im Vergleich zum Rest des Jahres (insbesondere Herbst und Winter). Der Kontrast zwischen Außenwelt und Innenwelt kann recht verstörend sein, oder vielleicht ist es zu dieser Jahreszeit einfach romantischer, Selbstmord zu begehen, weil es mehr Romeo-und-Julia-mäßig rüberkommt.

Will sagen, ich bin im Frühling genauso wach oder müde oder depressiv oder tatkräftig wie vorher auch, meine Liebesbedürftigkeit liegt wie immer einen winzigen Tick über der meiner Mitmenschen und Träume kehren auch nicht nur deswegen wieder. Wenn es warm ist, sitzen Muck&Alvin ab und zu mal wieder draußen und mir wird mit einem angenehmen Gefühl bewusst, dass zwei kleine Tiere bei uns in unserem Haushalt leben, deren Alltag aus nicht viel mehr besteht als Fressen, Kuscheln und Auslauf, was in etwa dem meinen entspricht. Ich trinke weniger Tee und stattdessen, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, mehr Kaffee.

Heute war mein siebenjähriges Alter Ego ein bisschen im Dreck buddeln, während die gewissenhafte Tochter froh war über die zu erwartende Anerkennung, und der böse böse Rest hat die meiste Zeit über den Kalorienverbrauch pro 30min bei der ganzen Sache nachgedacht, denn „Gräben für Rohrleitungen ausheben“ ist leider in keiner Anorektiker-Sporttabelle aufgeführt… Währenddessen ging mir ab und zu durch den Kopf, wie sinnlos die ganze Magersuchtssache erscheint, geradezu lächerlich im Angesicht richtiger Arbeit. Man könnte beinahe zu dem Schluss kommen, diese neurotischen, egozentrischen Mädchen hätten sonst nichts Besseres zu tun den ganzen Tag..!

Nett war es. Einfach nur nett. Ein bisschen gelebt, ein bisschen was anderes gemacht. Die Zeit plätschert dahin wie ein sanftmütiger Bach.

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