Wer bin ich? Und was tue ich eigentlich hier?

Hat jeder Mensch eine Vorstellung davon, wie andere ihn sehen, kann man vorhersagen, was die Mitmenschen antworten würden, wenn man sie nach ihrer Meinung fragte? Wahrscheinlich sind wir so weit davon entfernt, uns selbst zu kennen, wie von der anderen Seite des Mondes (und sehen immer nur eine einzige Seite, immer dieselbe, und nur weil der Mond wandert, glauben wir, eine Abwechslung wahrzunehmen, aber: Pustekuchen).

Die meisten unserer Handlungen sind nur auf einem derart oberflächlichen Niveau kontrollierbar, dass trotzdem fast alles, was wir ausdrücken, von anderen nicht so wahrgenommen wird, wie wir es gerne hätten.

Ich bin kein sanftes Wesen, auch wenn ich das gerne hätte. Ich bin auch keine geheimnisvolle, schattenhafte Figur, selbst wenn ich mich manchmal so fühle. Ich wäre gerne unendlich tolerant, so sehr, dass ich mich manchmal zu der Annahme hinreißen lasse, ich sei es tatsächlich. Diese Irrtümer, geboren aus dem Wunsch, etwas Besonderes zu sein, bestimmen wohl den Großteil meines alltäglichen Lebens.

Suche nach Wahrheit? Alles schön und gut. Vielleicht starte ich irgendwann, wenn ich genug Kräfte gesammelt habe, einen zweiten Anlauf. Der erste Versuch hieß knallharte Selbstreduktion. Keine so gute Idee, wie sich herausstellen sollte. Die Seele mag es nicht, wenn man ihr die geliebten Kleider vom Leib reißt, sie ausweidet in dem Versuch, bis in die hinterletzten Winkel vorzustoßen. Sie zappelt, schreit und wehrt sich, sie klammert sich an Ausweichrituale, und immer wieder entgleitet sie einem. Man weiß nicht, was man da eigentlich tut, aber es erschien einem irgendwann einmal sinnvoll, also macht man weiter. Vielleicht stößt man ja doch noch auf ein paar Goldkrumen. Vielleicht birgt das eigene Wesen ja doch ein paar Geheimnisse, die alles umkrempeln, einen selbst in anderem Licht erscheinen lassen und den ganzen Staub der Alltäglichkeit vom einen Moment auf den anderen abstreifen.

„Tu dir selbst weh, und du wirst deinen wahren Charakter erkennen.“

Was für ein prätentiöser, platter, hingeworfener Scheißdreck. Ich weigere mich, anzuerkennen, dass Anorexie irgendetwas mit meinem wahren Charakter zu tun haben soll. Oder Depression. Mein „wahrer Charakter“, kann, darf, soll nicht heulend und sich selbst bemitleidend in irgendeiner Ecke hocken. Und wenn er das tut, dann will ich ihn ärgern, bis er von dort wieder hervorkriecht. Ich will, ich will!

Nun bin ich wohl in ziemlich metaphorische Ebenen gerutscht, und müsste mich schon wortreich rechtfertigen, damit das alles noch einen Sinn ergibt. Um mal harte Fakten auf den Tisch zu knallen, selbst wenn mir diese Fakten selbst nicht gefallen:

  • Ich bin groß. (1,73m)
  • Ich bin laut.
  • Ich bin oftmals arrogant, beharre auf meiner Meinung, ich bin herrschsüchtig, wenn ich merke, dass ich es mir erlauben kann.
  • An mir ist nichts wirklich Weiches; selbst wenn ich dick bin, ist das nicht die Art von Weichheit, die ich meine. Ich bin kantig, und selbst wenn ich verletzlich dreinschaue, hat das nicht wirklich etwas mit meinem Innenleben zu tun.
  • Ich bin gewissenlos. Ich kann grandios lügen.

Es wäre wahrlich an der Zeit, sich all diese Dinge einzugestehen. Sie gehören dazu, und sie sollten mit mir zusammen leben dürfen. Wenn ich leben will (und das will ich, oh ja, wirklich-wirklich), dann muss ich endlich zulassen, dass sie mir zumindest folgen dürfen, wenn ich sie auch nicht auf dem Präsentierteller vor mir hertragen mag.

Scheinbar gibt es Leute, so ein paar, die das nicht schlimm finden. Es wird schon irgendwie gehen. Bitte, das wäre so schön. Ich freu mich darauf, wenn die Uni wieder anfängt. Ich habe beschlossen, ins Wohnheim zu ziehen. Und dann mal weitersehen. Es wird gut werden. Ich hoffe es so sehr.

Wie das Leben sein könnte, wenn wir zweidimensional wären:


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