Sie macht Bilder, es hat jedenfalls den Anschein, sie klackt und rüttelt, ich muss den vorderen Teil des Objektivs festhalten, damit er sich dabei nicht löst, vielleicht wird auch alles Schrott.

Ich hab mich um Hilfe zu bitten getraut, mein Leidensgenosse in der Uni (Man hört, das Wort „Kommilitone“ stamme ursprünglich aus einem militärischen Zusammenhang, da ist der Begriff „Genosse“ doch gar nicht so falsch gewählt) war neutral wie immer, kein Ja, kein Nein, doch ist mir trotzdem gefolgt bis in den dritten Stock des Wohnbunkers, durch die stinkenden Flure, bis zu meinem Zimmer (ein kurzer Moment des Unwohlseins, dieses hilflose Klammern an Privatsphäre), und da lag sie auf dem Tisch.

Ich hatte genau das vorgehabt. Ich hatte das Bett gemacht am Morgen, in der vagen Vermutung, dass eventuell, unter ganz rätselhaften und mirakulösen Umständen so etwas passieren könnte. Dass ich ihn fragen würde, und dass wir kommen und sie holen würden, und tatsächlich, es schien, als habe sie darauf gewartet.

Wir beide im Gras, sie wandert zwischen den Händen hin und her, schrauben hier, klicken dort, jeder Knopf ein Geheimnis (ich hatte die ganze Anleitung wieder vergessen), alles mehr oder weniger in Ordnung, der Autofokus funktioniert nicht, welch Ironie. Mit ihm hat sie damals ihren Triumphzug angetreten, eine Kamera mit Autofokus, welch eine Neuheit. Jetzt ist sie eine Autofokus-Kamera ohne Autofokus, also nur noch eine Kamera, ich könnte sie noch viel mehr lieben dafür.

Sie hat ein Objektiv bis 70mm (glaube ich), und noch dazu einen Makromodus, für vergessliche Menschen ist da sogar eine Anzeige, die einem sagt, wie viele Bilder man noch machen darf, ein pinkfarbener Film, vier kleine Haushaltsbatterien im Batteriefach.

Die Sonne hat geschienen, er hat sie hin- und hergewendet, ich habe mich erschrocken, als er das Objektiv abnahm und man den Spiegel sehen konnte; ich habe mich erschrocken, als wir das erste Mal mit Batterien das Filmfach öffneten und es machte Klick-Klick-Klick-Klick-Klick, ganz schnell nacheinander. Ihm schien es gutzutun, über Physik hat er gesprochen, über Belichtungszeiten, über Techniken, über Objektive, er hat eines seiner Vorbilder zitiert:

„Die ersten 1000 Bilder mit einer neuen Kamera sind Müll.“

(„Na, danke auch, du machst mir ja Mut.“ Er hat gegrinst.)

Und währenddessen immer wieder diese Anflüge von Seligkeit, das darf doch gar nicht wahr sein, alles Gerede für die Katz. Nichts davon hab ich behalten. Hab sie angestarrt, hab mich nicht getraut, das erste Bild mit ihr zu schießen, zu heilig schien dieser Moment, er hat sich freundlich geweigert, wollte mir ebendiesen Moment nicht nehmen.

Und das, wo der Tag so schlimm begann, zweifache Ängste, ich sei nicht rechtzeitig in Kurse fürs zweite Jahr eingetragen, ich bin nicht alltagsfähig, ich hinke immer hinter den anderen her, es ist ein Trauerspiel. Mir muss man immer noch einen wohlgemeinten Tritt geben, alles schleift sonst. Vielleicht fliege ich aus dem Studium, vielleicht wäre das sogar das beste, vielleicht sollte ich einfach schlussmachen, mit allem, mit dieser ewigen, allumfassenden Ausweglosigkeit. Dann in der Pause zwischen zwei Vorlesungen mehrere Telefonate mit einem uralten Schnurtelefon, das im Korridor hängt, Sekretariat, Dekanat, Erstsemesterbeauftragte, und nun habe ich die Plätze, warum sieht alles im Kopf immer so unüberwindlich aus? Bin ihm um den Hals gefallen vor Erleichterung, dem pazifistischen Genossen, habe den peinlichen Moment gekonnt überspielt.

Dann Essen in der Mensa, Suppe und Salatbar, teuer, aber schön. Mit nur einem klein wenig Reue. Nachmittagsseminar. Wiese.

Mit dem Fahrrad losgefahren, querbeet, elf Fotos sind es bisher (Baum, Schuhe, Bäume, Tasche, Hausmauer, Blumen, Blumen, Haustreppe, Stuckfassade, Blumen, Torbogen). Dreizehn dürfen noch, dann Geld löhnen, warten, Moment der Entscheidung. Es darf nicht soviel Aussichtslosigkeit geben, jetzt bloß kein falscher Optimismus, ich beende das hier realistisch. Es gibt nie ein Happy End, genaugenommen gibt es einfach kein End. Man wird sehen. Посмотрем.

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