Zuhause ist vielleicht der Ort, an dem man Unordnung machen darf, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben. Natürlich ist Unordnung absolut böse, niemand freut sich über umherliegende Gabeln auf dem Fußboden, über Füller im Bett und eine Bettdecke ohne Bezug auf dem Schreibtisch, fein säuberlich ausgebreitet über drei Schichten übereinanderliegender Anatomie-Atlanten, allesamt aufgeschlagen bei Extremitäten: Knochen, Gelenke, Bänder, Muskeln, Nerven, Arterien, Venen.

Zuhause ist der Ort, den man betritt und dessen Unordnung einem irgendetwas sagt. Der einsame Gummihandschuh direkt neben einem Paar winziger Kofferschlösser (zur Sicherheit im Doppelpack, man kann ja nie wissen, wie oft man die Leute im anatomischen Institut noch darum bitten muss, einem notgedrungen den Spind aufbzurechen), die Blätter der Palme, die unser gemeinsames Zimmer nicht ganz so sehr schätzt wie ich und um die ich mich furchtbar sorge.

Der weiße Sessel, dessen tägliches Schrauben-Nachzieh-Ritual noch nicht vollzogen ist und auf dessen Kante ich die Füße stelle, wenn ich vor mir selbst den Eindruck zu erwecken versuche, in nachdenklicher Stimmung zu sein. Der Kopf der Gitarre halb auf dem Nachttisch zwischen Kerzen, Kerzenhaltern und Teebechern, die abzuwaschen es jetzt schon zu spät ist (aufgrund schlafender Mitbewohner).

Bücher über Fotografie, deren sieben Siegel sie noch immer mit einer ehrfurchtgeschwängerten Aura umhüllen.

Auf dem Schreibtisch ein Bild, gerahmt, das wohl nie aufgehängt wird (wer kann denn auch ahnen, dass die Wände aus massivem Beton sind?) und so wohl seinen Platz ebenda finden muss, als willkommene Ablenkung für Menschen, die beim Lernen kurz aufschauen. Edward Hopper: Eine Tür, die zum Meer führt.

Das Telefon, liegend genau auf der Abbildung einer Hand mit Muskeln und Sehnen, die Muster von beiden haben verblüffende Ähnlichkeit (mein Handy ist ein Chamäleon).

Wohin der Blick auch schweift, alles erzählt Geschichten, bloß keine Fremden hereinlassen, ehe nicht alles aufgeräumt ist, aber bis dahin… Der braune DIN A5-Umschlag, der mahnend neben der Petersilie liegt. Ich mache ihn nie auf, aber ich weiß, was darin ist. („Iss anständig“, steht darin, „und kümmere dich gefälligst auch wirklich drum!“ Und dazu kleine Kästchen für jede Woche, um Erfolge oder Niederlagen zu vermerken mit einem wahrhaft idiotensicheren System.) Es reicht also, ihn anzusehen. Und zu wissen: Da ist Naturreis in der Schublade. Zwar derzeit das einzig Vorzeigbare, aber es ist eindeutig Reis, der (bis jetzt) einzige Kompromiss auf der Kohlenhydrate-Panikliste. Der Reis macht den Zettel glücklich, der Zettel macht meine Therapeutin glücklich, sie lächelt vielleicht, ich bin optimistisch. Danke, lieber Reis.

Ganz schüchtern in der Ecke des Tisches ein roter, werbebedruckter Umschlag, und darin… Baum, Schuhe, Bäume, Tasche, Hausmauer, Blumen, Blumen, Haustreppe, Stuckfassade, Blumen, Torbogen, und noch 13 andere, zehn mal fünfzehn Zentimeter auf Hochglanzpapier, sie sind da, sie sind tatsächlich da. Bin durch den Laden getanzt. Bin durch den nächsten Laden getanzt. Bin glückselig-geistesabwesend durch den übernächsten Laden geschlurft und wurde der Diebstahlsabsicht verdächtigt.

Wünscht mir also Glück, dass die morgen schnell meinen Spind aufbrechen können, denn danach gilt es Krieg mit dem Scanner zu führen und das möglichst noch vor Beginn des Nachmittagsseminars.

Howgh.

Advertisements