Die wichtigsten Erkenntnisse und schönsten Zitate aus zweieinhalb Tagen Dreck und Regen:

Wir kommen an, wir verlaufen uns. Es ist sieben Uhr abends, dazu die Unschlüssigkeit, ob nun Euphorie angebracht ist oder eher Skepsis. Wir hätten es nicht erwartet. (ich habe erst zwei Tage danach verstanden, nach welchen Regeln das Spiel Flunkyball
funktioniert…)

Meine Schwester jammert über ihren Rücken. Wir sind weiserweise mit Rucksäcken angereist, statt mit Plastiktüten/Sackkarren/Bollerwagen. Das Gelände ist groß, überhaupt ist alles so groß, dicke Wolken über dem ganzen Areal. Wir herzen einige betrunkene Fremde, die nach eigenen Aussagen ihr „Free Hugs“-Schild irgendwo verloren haben, und dürfen dafür unser Zelt auf dem winzigen Flecken Erde aufbauen, der zwischen ihren anderen Zelten bleibt. Am Ende bleiben Teile der Zeltstangen übrig, unklar ist nur, wo wir sie hätten einbauen müssen.

Wir machen uns auf die Suche nach Toiletten. Noch heben wir dabei die Füße, um nicht in Dosen/Plastiktüten/leere Grillfleischpackungen o.ä. zu treten. Danach suchen wir unser Zelt. Bis heute ist ungeklärt, wie all diese betrunkenen Menschen es schaffen konnten, sich in diesem Camp zu orientieren, oder ob sie genauso herumgeirrt sind, ihnen das aber nur egal war aufgrund ihres Alkoholpegels. Man weiß es nicht. Vielleicht hätten wir uns betrinken sollen, um die aufkeimende Panik zu bekämpfen, die sich nach einer Dreiviertelstunde des Herumirrens auf dem gesamten Areal allmählich breitmacht.

Dann, endlich, betreten wir das Festivalgelände. Ich kann nicht anders, als pausenlos zu lächeln, ich höre so viel, sehe so viel, alles ist unglaublich groß. Ihr bin ich wohl ein wenig peinlich. Überall sind Essensstände, die mir wahrlich zum Verhängnis werden…Unnötig, zu erwähnen, dass sie (wie alle anderen auch) hoffnungslos überteuerte Billigware anboten.

Verwirrter Versuch, sich mal wieder zu orientieren, auf diesem gigantischen Areal, zwar kleiner als der Zeltplatz, aber das hier stellt eine ganz andere Liga dar.

Bands, die wir gesehen haben:

Portishead

Arcade Fire

The Chemical Brothers

Brother

Gogol Bordello

My Chemical Romance

Incubus

The Kaiser Chiefs

Flogging Molly

The Kills

The Eels

Clueso

The Foo Fighters

Meine Highlights:

Portishead

Gogol Bordello

The Eels

Ihre Highlights:

My Chemical Romance

Incubus

Flogging Molly

Bands, die uns in die Dunkelheit gesungen haben:

Portishead (Freitag)

My Chemical Romance (Samstag)

Foo Fighters (Sonntag)

Wozu sie Komplimente bekam von betrunkenen, aber sehr freundlichen Männern:

Beine, Brüste, Augen.

Wozu ich Komplimente bekam von betrunkenen, aber sehr freundlichen Männern:

Augen.

Male, die wir „unser“ Zelt gesehen haben:

36, gefühlte 250.

Geld, das ich ausgegeben habe:

Diese Zahl soll niemals wieder von irgendjemandem genannt werden!

Manchmal fühlte sie sich langweilig, weil sie nicht betrunken durch die Gegend zog und wir unser Zelt auch nicht mit Fahnen in Form alter Unterhosen schmückten. Wir hatten uns Samstagmittag daran gewöhnt und kultivierten unser Spießertum, indem wir Tee kochten und ich begann, mit Karteikarten Anatomie zu lernen, während neben mir „Samen im Darm“ von den Ärzten gespielt wurde.

Es gab zwei oder drei Momente im Laufe des Wochenendes, wo ich mich so bodenlos glücklich fühlte, dass ich nicht mehr darüber nachdachte, was ich tat. Es gab mehrere Streits, die jedoch zum Glück nicht allzu gravierend verliefen.

Ich bin noch immer heiser. Jedes Mal, wenn ich eine Toilette mit Wasserspülung benutze, bin ich im Herzen zutiefst dankbar dafür. Mein Lippenpiercing von Freitagnacht befindet sich mittlerweile in der kritischen Phase, hat aber das Festival überlebt, ohne dass mir der Kiefer weggefault ist, was mich noch immer sehr beeindruckt. Das Armband kann ich nicht tragen, weil ich solche (vollkommen überbewerteten) Dinge tue wie Präparation, klinische Visite o.ä. Aber was solls, dieses Armband wird danach ausschließlich zu demonstrativen Zwecken getragen, um Bewunderung und vielleicht ein bisschen Neid hervorzurufen, ein reines Mittel zur Selbstdarstellung.

Ob ich nächstes Mal wieder hinwill? Vielleicht ein anderes Festival, vielleicht am Chiemsee Reggae hören? Vielleicht auch was ganz anderes. Ich denke zuviel nach, über den Sinn von allem, über diese göttergleiche Verehrung von Menschen, die gute Musik machen und noch dazu gut vermarktet werden, den gedankenlosen Verschleiß von Dingen, die einmal wertvoll waren und die am Ende hinüber sind, nur weil man zu betrunken war, um sich um sie zu kümmern (Zelte, Pavillons, Schuhe, eigentlich die ganze Bandbreite von Dingen, die man am Ende zerfetzt im Matsch findet).

Hach, das Hurricane war schön, ich kann es nicht anders sagen, ich werde es einfach unter „schön“ abspeichern und unter „aufregend“, denn das war es tatsächlich, von der ersten bis zur letzten Minute.

Und nun hat mich der Alltag wieder, ein einfach nur anders stressiger Alltag, zum Beispiel beinhaltet er eine Vorlesung Neuroanatomie in minus zwei Minuten minus Zeit zum Duschen und Anziehen. Adieu.

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