…ist die Zeit, die Dinge verändert im Leben. Wenn man aufwacht und weiß, dass es so nicht weitergehen kann. Wenn man lange wachliegt, grübelnd, und erst dann einschläft, wenn sich eine Lösung, und sei sie noch so verrückt, eingefunden hat. Wenn man einfach gar nicht vorhat, schlafen zu gehen, weil das die Zeit ist, in der man sich am meisten von allen Tageszeiten fühlt wie man selbst…

Es ist eine Zeit zwischen den Zeiten, einige Stunden, die eigentlich gar nicht existieren, weil niemand sonst wach ist, der bezeugen könnte, dass alles überhaupt wahr ist. Perfekte Stille. Die Uhr scheint zu lügen; in Wirklichkeit vergeht die Zeit gar nicht, sie schwebt nur verwirrt durch den Raum, als habe sie vergessen, wozu es sie überhaupt gibt. Der Begriff „Blaue Stunde“ bezeichnet eigentlich die Zeit der Dämmerung, in der es gerade so eben hell geworden ist, in der noch immer ein Schleier über der Welt liegt…doch für mich wäre es, hätte ich die Wahl, immer diese Zeitspanne, in der nichts anderes existiert als das Sein selbst in seiner reinsten Intensität.

Denn plötzlich scheint alles so fern, alle Gedanken des Tages machen Platz für etwas anderes, das größer erscheint und beinahe in sich geschlossen. Das Menschsein wird irrelevant. Mein größter Wunsch, ein Astralgeist zu sein; nie bin ich ihm näher als im stillen Halbdunkel des kleinen Raumes, in dem man alles Draußen für eine Weile ignorieren kann, weg sein, unsichtbar sein. Es gibt nichts, was es sich zu spüren lohnen würde, also bleiben nur die Gedanken, wie große, weiße Stofffetzen, und ich bin die mit dem Edding in der Hand.

Es ist, als ob es keine Uni gäbe, keine anderen Menschen, keine anderen Probleme, ich stelle mir vor, dass irgendwo jetzt gerade die Sonne scheint, dass Menschen gehen, arbeiten, sprechen, essen, doch ich kann es genauso wenig realisieren wie die tatsächliche Entfernung zum Pluto. Dazu das beruhigende Gefühl, dass man ohnehin nichts tun könnte zu dieser Zeit, selbst wenn man wollte. Es ist eine Entbindung von sämtlichen Pflichten, die das Menschenleben mit sich bringt, von Verantwortung, von Erwartung.

Und dann, ganz plötzlich, blickt man auf und der Himmel ist hell. Die Nacht ist unwiederbringlich vorüber. Die Gedanken an den nächsten Tag beginnen leise zu rumoren, man bemerkt auf einmal die Müdigkeit wie ein schweres Tuch, das sich sich über den Geist legt. Morgen werden diese Stunden schon wieder fast vergessen sein. Vielleicht hat es sie auch nie gegeben, wer weiß, vielleicht war alles nur Einbildung? Man wird es nicht beschwören können.

Vorsichtige Rituale des Zubettgehens, an deren Ende das schon beinahe überflüssige Licht ausgeknipst wird. Auf die Seite drehen, und im Moment des Augenschließens wissen: Nun hat die wahre Blaue Stunde begonnen.

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