Nun ist also offiziell die Grenze durchbrochen.

Und eigentlich wäre es der Moment, ein paar bewegende Worte zu schreiben, irgendetwas Selbstbewusstes, Besonnenes, doch da ist nichts als Verzweiflung und Ablehnung, und auf einmal ist es wieder da.

All diese Details, die auf einmal auftauchen, die Hälfte der Sachen in meinem Kleiderschrank darf nicht einmal mehr eines Blickes gewürdigt werden, ich konnte es leugnen, bis da diese Zahl war. Feindseligkeit gegenüber allem, und dazu diese Schwäche. Körper oder Prüfungen, beides auf einmal geht nicht. Also wird aufgeschoben: Zeit nach den Prüfungen, doch was wird dann sein?

Wunsch, selbst bei mir im Wohnheim alle Dinge in den Müll zu werfen: Die Kohlenhydrate, den Süßkram, noch immer völlig unkontrollierte Nahrungsaufnahme. Und es wird nicht aufhören, vielleicht wird es niemals wieder aufhören, sehe mich als dreißigjährige Mami, die, nachdem das Kind in den Kindergarten gebracht ist, auf dem Weg nach Hause heimlich eine ganze Packung Kekse verschlingt. Eine ganze Packung Gummiteile. Eine ganze Pizza. Es gibt nichts Halbes in dieser Welt, kein Maß, kein Aufhören. Beherrschung bedeutet Nulldiät. Keine Nulldiät bedeutet Fressen.

Als ich neulich wieder ein ganzes Wochenende in Gesellschaft verbrachte, fiel mir überhaupt erst wieder auf, was das alles bedeutet. Diese Normalität. Und dennoch bin ich so unauffällig, ich esse mehr als die normalen Menschen, weil ich nicht anders kann, und mal esse ich nichts, weil ich denke, das tun zu müssen. Da ist kein Gefühl außer der Gier.

Manchmal, wenn ich innehalte, spüre ich, dass ich satt bin. Ich werte das als Fortschritt. Immerhin spüre ich es, auch wenn es kein Aufhören bedeutet; es gibt kein Aufhören. Manchmal, wenn ich in Gesellschaft esse, ist da die Angst, dass alles entgleitet. Es gab Tage, die ich zur Hälfte nach einem Fressanfall auf dem Rücken liegend verbracht habe, um die Schmerzen zu minimieren, was, wenn das unter Leuten passiert? Würden sie es merken, dass ich nach einem Essen nicht nur zum Spaß sage: „Ich kann gar nicht mehr aufstehen“ ?

Es gibt im Internet Zitate von Menschen, vermutlich vorwiegend Mädchen, eine Sammlung mit dem platten Titel: „Ich hasse Ana, weil…“

„Weil sie mich in meiner Spontaneität einschränkt.“

„Weil ich so verdammt abhängig bin, sie nicht gehen lassen kann, obwohl ich es hasse, mit ihr mein Leben zu teilen.“

„Weil ich Menschen, die ich liebe, ihretwegen anlüge.“

„Weil sie mir meine Jugend versaut!“

„Weil ich nichts Leckeres essen kann, ohne mich schuldig zu fühlen.“

„Weil sie über meine Gefühle und meine Gedanken entscheidet, ohne mich zu fragen, was ich gerne will!“

„Weil ich körperliche Folgen spüre.“

„Weil ich all diese Kraft und Energie eigentlich anderen Menschen schenken möchte, aber ich kann es nicht.“

„Weil ich mich allen dünneren Menschen gegenüber automatisch geringwertig fühle.“

„Weil ich merke, dass ich keine Kontrolle habe, sondern im Gegenteil kontrolliert werde.“

Ich unterschreibe alles bedingungslos.

Und dennoch ist das immer dieses Gefühl, lächerlich zu sein, immer nur halb da zu sein, und halb ganz woanders, ich negiere einfach rigoros alles, was damit zu tun hat, befinde mich in einem Zustand, in dem Dinge wie Baden unmöglich sind und schon Umkleiden eine Herausforderung, immer in dem Versuch, den Körper zu ignorieren, nicht an ihn zu denken, an gar nichts zu denken.

Dabei die Angst, dass es nicht ewig so wird weitergehen können, doch der Moment der Akzeptanz birgt unheimliche Schreckensvorstellungen, vielleicht fängt dann alles wieder an („hach, das wäre doch schön, denk mal an letzten Winter, da warst du sooo kurz vor der Perfektion„, flüstert sie in meinem Kopf), vielleicht nichts weiter als noch schlimmere Verzweiflung, Unfähigkeit, überhaupt vor die Tür gehen zu können, Herbeisehnen kalter Tage, um drei Schichten dicker Pulis anziehen zu „dürfen“, dauerhaftes Tragen von Schals, um den eigenen Hals und Kiefer nicht ertragen zu müssen.

Und nein, geliebt werden hilft nicht dagegen.

Ein Ding wie „Ana“ ist eine lächerliche Kleinmädchenvorstellung, aber sie zu hassen, ist immer noch besser, als sich selbst zu hassen.

Advertisements