Da steh ich nun, am Abend eines gewöhnlichen Wochentags, glücklich und besorgt, mit dem schon bekannten gelben Regenschirm in der Hand, obwohl es gar nicht mehr regnet, in einer verlassenen Ecke der Südstadt.

Um mich herum schlendert der Unimensch, grummelnd, warum wir ausgerechnet an einem Tag ohne Kamera hierherkommen mussten, und versucht, mit der wahrscheinlich auch nicht gerade schlechten Handykamera seines Kommunikationsmonsters einer bekannten IT-Firma zumindest einige Eindrücke aufzunehmen: Vom blühenden Unkraut, das aus dem Kies spießt, von der abblätternden Werbefarbe auf der Backsteinwand eines verlassenen Fabrikgebäudes. Von den Sträuchern, in denen Reste von Steinwolle hängen wie gelber Kunstschnee.

Es ist eine seltsame Gegend; nicht mehr im Zentrum, doch nicht allzuweit außerhalb. Drumherum Wohnviertel, Mehrfamilienhäuser, Vorgärten. Und mitten dazwischen dieser unspektakuläre Abenteuerspielplatz für große Kinder.

Hinter der Mauer und dem verschlossenen, mannshohen Tor des gegenüberliegenden Schrottplatzes kann man die Autoberge sehen, dahinter die Oberleitungen der Bahnstrecke. Auf dem Weg hierher ist uns absolut niemand begegnet. Die Luft hat sich abgekühlt, noch ist alles feucht vom vorangegangenen starken Regenschauer. In den Schlaglöchern des rissigen Straßenbelags steht das Wasser. Es ist halb neun.

Wir sind hergekommen, mit meinem mangelhaften Orientierungssinn, um das „halbe Haus“ zu sehen, das, weißhölzern wie eine Ferienhütte, inmitten dieses riesigen verlassenen Grundstücks steht. Zu klein, um ein Wohnhaus gewesen sein zu können, das Dach nur auf einer Seite schräg, nach vorn hin eine hohe Front herausgeschlagener Fenster und eine scherbenübersäte Veranda. Der mit Wasser vollgesogene Teppich kitzelt mich an den Füßen, während ich versuche, dem herumliegenden Glas auszuweichen. Man müsste hier picknicken, an schönen Tagen, mit einem Picknickkorb auf den Verandastufen sitzend, ein gar nicht geheimer Geheimplatz, von wo aus man (bis um vier Uhr nachmittags) das Treiben auf dem Schrottplatz beobachten kann.

Hinter dem Haus steht eine leere Schlauchrolle. Die Füße klettern hinauf, sorgfältig auf Holzsplitter achtend, und stoßen die Rolle voran, über den Kies, quer über das halbe Grundstück, bis sie an einer schlammigen Stelle einsinkt. Herunterspringen, ein paar Schritte gehen…

Und die untergehende Sonne, zwischen zwei bröckeligen Mauern lugt sie hervor, scheint auf mich, auf den Unimenschen einige Meter hinter mir, das halbe Haus, lässt das Gestrüpp im Gegenlicht aussehen wie Hände mit Fingern, und ich schließe die Augen, halte meinen Schirm ganz fest, und da ist Stille, ganz unbeschreibliche Stille, die Zehen graben sich in den Boden und ich kann nicht anders, als den Kopf zu heben, jeden abendlichen Sonnenstrahl aufzusaugen.

Drehe mich nach einer Ewigkeit um, öffne die Augen wieder, und alles ist in warmes, orangefarbenes Licht getaucht. Die Luft, frisch nach dem Regen, trägt schon wieder den Duft der Blüten. Ich rupfe ein paar ab, binde sie mit einem Halm zusammen, gehe hinüber und breche die Stille mit einem flapsigen Spruch.

Wir gehen.

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