Da läuft man herum, wochenlang, schiebt alles vor sich her, findet kaum Mut, sich an den Auslöser heranzuwagen. Die letzten zehn Bilder beinah verzweifelt kurz nacheinander, in nur zwei Tagen.

Und voll ist der Film. Eine Art Erleichterung.

Die übliche Euphorie: Zum Rossmann traben (weil einem die beinah unnatürliche Farbübersättigung der entwickelten Bilder dort so gefällt, beinah könnte man darüber nachdenken, das zu einem Markenzeichen zu machen, in einem Anflug von Größenwahn), dort nach einem Papierumschlag suchen, kürzelweise die eigenen Daten draufschreiben, kontrollieren, in die Kiste werfen, nochmal mit dem Arm danach angeln, Umschlag wieder rausziehen, nochmal kontrollieren. Beim Verlassen des Ladens fällt einem ein, dass man vergessen hat, den Abholschein mitzunehmen. Sei’s drum, hat ja immer irgendwie geklappt. Anfangs wusste man nichtmal, wozu dieser Extraschnipsel eigentlich gut sein sollte.

Vier Tage später, drei braucht die Entwicklung (ein Tag Transport nach Kiel, ein Tag im Labor, ein Tag Transport zurück, ich hab nachgefragt), Samstagnachmittag. Es ist 16:05 Uhr. Das Abholen dieser Fotos: Aufgespart bis zum Schluss aller anderen Erledigungen, als krönendes Highlight. Zum Laden radeln. Die Tür ist zu, eine Verkäuferin wedelt mit entschuldigendem Gesichtsausdruck ihre Hand in einer wir-haben-schon-geschlossen-Geste. Bettelnder Hundeblick, eingelassen werden, zum Abholregal laufen. Mit dem Blick suchen. Mit den Händen suchen. Verzweifelt durchs ganze Regal suchen, sogar in den Rubriken, in denen es eigentlich nicht sein könnte, aber man kann ja nie wissen. Verkäuferin kommt hinzu, schaut entnervt, dann mitleidig.

„Passiert das manchmal, dass Bilder einfach verschwinden?“

„Ja, sowas kommt vor, leider.“

„Aber wer nimmt die denn einfach so mit…?“

Beginnende Heulattacke schon im Laden.

„Ich kann es Ihnen nicht sagen…Aber wir können versuchen, das mithilfe des Abholscheins zurückzuverfolgen. Das dauert natürlich eine Weile.“

„Aber ich habe meinen Abholschein vergessen mitzunehmen damals!“

„Tja…“

Hilfloses Schulterzucken ihrerseits.

Den Laden verlassen. Heimfahren. Zusammenbrechen. Der bestätigende Abschluss eines durch und durch grauenvollen Tages. Von der ganzen Welt verlassen.

Montagnachmittag der letzte Versuch, nach einem schönen Wochenende, man kann ja nie wissen. Suchen, dabei nicht nachdenken, mechanisch durchwühlen. Und dort – in der blauen Rubrik, als seien sie schon immer dagewesen – meine Schrift, im Umschlag fünfundzwanzig Vierecke Glanzpapier, es fühlt sich an wie beim allerersten Mal. Tanz durch den Laden. Freudentränen. Von der Kassiererin wiedererkannt werden („Sie waren doch schonmal am Samstag hier, oder irre ich mich?“), alle ansehen, im Laden, vor dem Laden, zur Bibliothek fahren, eine halbe Stunde mit dem Scanner ringen.

Hier sind sie, die unscheinbaren, dilettantischen und größtenteils verwackelten Beweise, dass ich doch nicht von der Welt verlassen wurde.

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