Und wieder ist es Nacht, die Zeit fliegt, die Wochen verschmelzen zu Monaten, beinah unbemerkt, Regen wird zu Sonne wird zu Regen. Ich erwarte die Zukunft, etwas bang und etwas euphorisch, male Szenarien an den geistigen Horizont, alles wofür?

Nach all den Monaten nimmt die Einsamkeit zu, die vielen Gedanken. Falls Sie das lesen, großer schwarzer Mensch mit dem Schal aus roter Wolle, obwohl heute so ein warmer Tag war: Ich war die mit dem schwarzen Elefanten-T-Shirt und dem breitkrempigen schwarzen Hut, und ich wäre eigentlich gerne mit Ihnen ausgegangen, wenn ich nicht so perplex gewesen wäre. Hinterher habe ich mich verflucht für meine Hasenherzigkeit. Sie sind, wenn ich Ihnen glauben kann, sechs Stationen zu weit gefahren, um mit mir zusammen aus der Straßenbahn steigen zu können, und das für eine höfliche Abfuhr.

Man begegnet so vielen Menschen, nur einen Augenblick, sie streifen den eigenen Weg, und dennoch existieren sie auch danach weiter, unbedacht, in irgendeinem anderen Winkel der Welt, eines jeden Tag hat dieselben 24 Stunden. „Übersinnlich“ würde bedeuten, die Existenz dieser halbbewussten Menschen wahrnehmen zu können aus unbekannter Entfernung, zu ahnen, was sie tun, in genau diesem Moment. Nachts ist diese Frage müßig und gerade deswegen so schön zu stellen. Wo mag die betrunkene alte Frau gerade sein, der ich schon hundertmal am Hauptbahnhof begegnet bin, weil sie da irgendwo zu wohnen scheint? Sie trägt pinkfarbene Leggins, sommers wie winters. Behält sie sie auch zum Schlafen an?

Wer ist noch da draußen, hat Musik an, die man tagsüber fast nie hört, und grübelt über sich drehenden Gedanken?

Die Dresden Dolls retten wie immer diese Minuten. Amanda. Ihre Stimme. Zum Weinen. Oder auch einfach nur eine willkommene Entschuldigung dafür.

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