Und wieder einmal bin ich in einer beliebigen Klinik Deutschlands, einer kleinen, niedlichen, in der die Rohrpost nur eine einzige Bombe hat und es auf den Patientenzimmern kein Reservoir an Handschuhen gibt. In der das Essen von außerhalb geliefert wird und vor dem Verteilen aufgewärmt werden muss, Privatpatienten und gesetzlich Versicherte ihre Zimmer gemischt auf ein- und demselben Flur haben, die einen davon mit Kühlschrank und Parkettimitatlinoleum, und die Putzfrauen (Reinigungsfachkräfte) große Dosen Zitronengras-Raumspray mitführen, um eventuell auftretende Gerüche von Krankenhaus-Menschlichkeit beseitigen zu können.

Eine Klinik, so nah am Temporär-Zuhause, dass der Fußweg exakt ausreicht, um auf dem Weg dorthin eine Banane zu schälen, langsam zu essen und die Schale in den Papierkorb vor der Eingangs-Glastür zu werfen. Tag für Tag.

Eine Klinik, in der ein Drittel der Zimmer gar nicht besetzt ist, was endlos scheinende Laufwege an verschlossenen Türen vorbei bedeutet, einige Kilometer am Tag, mit auf dem Steinboden des Ganges sachte quietschenden Turnschuhen und schwingenden Armen, die Taschen der Gummibundhose vollgestopft mit Handschuhen (qietschblau und latexfrei). Der Genuss des Dünnerwerdens versüßt all jenes, ziert es wie ein Tuch aus Seide. Jeden einzelnen Schritt.

Meine Kamera wieder folgsam bei mir, nachdem sie und ich fast im Streit auseinandergegangen wären –

Mittlerweile Mut zu sechsunddreißiger-Filmen, was zu Hemmungs- und Maßlosigkeit führt, Verschwendung von soviel gelatinebeschichtetem Celluloid. Sonne hinter Bäumen, Sonne hinter Häusern, Sonne, die durch Blütenblätter leuchtet, einige Wolken, ein wenig Makro, noch immer keine Sinnfindung in alldem.

Nach dem Heimkommen das Auftauchen von Freundlichkeit und Sanftmut nach all dem Bestehenmüssen. Sich die Müdigkeit nicht anmerken lassen wollen und es doch nicht verhindern können, alles sehen wollen, die ganze Stadt, jeden Ort, alles erleben, dagewesen sein wollen. Beinahe überstürzt. Nicht alles ist möglich im Angesicht der Erschöpfung, doch bis zur Grenze will ich immerhin gegangen sein, um mir alles Verpasste verzeihen zu können. Nahezu ununterbrochene Gesellschaft von Menschen, was guttut und anstrengend ist und immer so bleiben soll. Gestohlene Umarmungen und bisher nie ausgegangene Ideen.

Ich bin mir der belastenden Situation meiner langen Gegenwart bewusst.

Über allem schwebt Angst vor dem Kälterwerden, dem Älterwerden und sämtlichen Prüfungen, der Schrecken der Uni lauert versteckt hinter jeder vergeudeten Stunde. Die Gedanken finden immer neue Auswege. Bald wird sich alles entscheiden. Bald. Bald. Irgendwann.

(Hoffentlich.)

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