…denn Nachtleben kann man das nicht nennen, was zu jenem Zeitpunkt in dieser Stadt passiert. Ein Uhr, unterirdische Bahnstation, ich höre meinen Zug losfahren, während ich auf der Treppe nach unten bin. Gerade komme ich von meinem ersten alleine-Kinobesuch, der nicht so war wie erwartet, aber nicht ganz so schlimm wie befürchtet, ich war in einem anderen Kino, habe einen „falschen“ Film gesehen, mir einredend, es sei dennoch nicht schlimm, wie mein Sitznachbar ihn glasklar als „Männerfilm“ einstufte. „Das Kino da drüben (wo ich eigentlich hinwollte), die zeigen ja immer nur so Filmkunst-Sachen, nachdenkliches Zeug, ein richtiges Frauenkino ist, da gehen doch mindestens zu 80% nur Frauen rein.“

Scheinbar ist „Contagion“ also ein Männerfilm, weil in ein paar Szenen tote Affen und Schweine sowie effektvoll sterbende Menschen enthalten sind, sowie eine Obduktions-Kraniotomie, die die beiden einzigen Personen, die sich außer dem Mann und mir im Raum befanden, zum Quietschen brachte. Aufschlussreich ist er dennoch nicht, bemühtes Verständlichmachen von biologischen Details auch für Laien, was rührend klingt. Interessante, weil minimalistisch-abwechslungslose Filmmusik, sehr funktionell also.

Den Abspann abwarten, das Kino langsam verlassen, durch die nur noch notdürftig beleuchtete Vorhalle auf den Vorplatz, wo sich einige Sechzehnjährige an zwanzigprozentigen, gesüßten Flaschengetränken festhalten. Ein Fuß vor den anderen. Die Schuhe sind lautlos. Immer wieder Blicke.

Feststellen, dass die nächste Bahn in einer Stunde fährt. Eine Stunde für sich allein, noch immer erfüllt von dieser beklemmenden, atmosphärischen Stimmung, von der man genau weiß, woher sie kommt, sich aber die eigene Beeinflussbarkeit nicht eingestehen will. Langames Umherwandern unterm dürftigen Sternenhimmel, soviel Lichtsmog mitten in der Stadt.

Außer mir keine einzige Frau, Gruppen von Männern überall, man könnte meinen, ein komplettes Geschlecht sei auf einmal verlorengegangen. (Schlecht für das Frauenkino wäre diese Entwicklung.) Was soll schon passieren, mitten in der Innenstadt, mit anderen Menschen in Sichtweite. Nichts ist passiert. Die Kunst, Annäherungsversuche in jeder Sprache emotionslos abzuwehren, außer auf russisch, denn das unbeholfene Russisch weckt zuviel Interesse.

Sitzen auf einem von einem geschlossenen Café entwendeten Korbstuhl, lesend im Schein der den Platz überstrahlenden Lampen. Neben mir eine Gruppe Menschen, die sich stark akzentgefärbt über die Größe von Fernsehern unterhält.

Kindermenschen werden in Hesses „Siddharta“ jene genannt, die nach gewöhnlichen Dingen streben. Jene, die sich über Besitztum freuen, die nach Erfolgen streben, nach Kontakten. Jene, die lieben können.

Hesses Überheblichkeit ist manchmal kaum fassbar.

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