Tatsächlich habe ich seit geraumer Zeit nichts zu sagen vor lauter Einsamkeit. Wie sollte man da behaupten können, sie sei etwas Ruhiges, was einem Raum und Zeit zum Nachdenken gibt? Mir gibt sie Raum und Zeit, um darüber nachzudenken, dass ich einsam bin.

Und das Schlimme daran ist: Je länger sie andauert, desto mehr gewöhnt man sich an sie, ohne es überhaupt zu bemerken, es ist ein schleichender Prozess, und auf einmal stellt man fest, dass soviel Zeit vergangen ist, ohne sich erinnern zu können, womit sie eigentlich gefüllt war. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass die Dinge, die es trotz allem noch gibt, nicht genug gewürdigt werden, in ihrer Bedeutung herabgestuft, ignoriert, obgleich sie eigentlich wertvoll und wichtig sein könnten, wenn man sich denn nur auf sie besänne – doch nein, etwas scheint zu fehlen, beinah andauernd, ist gedanklich überpräsent, macht glücklich, traurig und sehnsüchtig und überlagert damit alles andere…

Es gibt eine Art Lampe, die mich, seit ich ein Kind war, fasziniert hat – man findet sie ab und zu noch in den Städten, über Zebrastreifen, hier und da in Tunneln, früher gab es sie auch oft als Straßenlaterne, bis sie allmählich immer häufiger durch helle, energiesparende Neonlampen ersetzt wurde, die heutzutage die Bürgersteige in fahlweißes Licht tauchen.

Das Besondere an diesen Lampen ist, dass sie tatsächlich kein ganzes Farbspektrum absondern, kein weißes Licht, sondern nur eine einzige, ganz bestimmte Wellenlänge knapp unterhalb von 600 nm: ein fahles Gelb. Ich spreche von Natriumdampflampen, die ihrem beleuchteten Umkreis auf faszinierende, beinah unbemerkte Weise alle Farben rauben. Diese Lampen machen das Leben zu einem Schwarzweißfilm in Echtzeit, man kann den Unterschied feststellen, wenn man sich langsam aus dem Licht einer „normalen“ Lampe in das einer solchen Natriumdampflampe hineinbewegt und allmählich die Farben blasser werden, bis man irgendwann blau nicht mehr von grün unterscheiden kann und die Hände fahl aussehen wie die einer Wasserleiche, wenn man sie vor die Augen hält. Ein an sich wundervoller Effekt, vielleicht auch nur, weil in der Faszination der Farblosigkeit auch die Vorfreude liegt, das Licht wieder zu verlassen und zu sehen, wie die Farben ganz allmählich zurückkehren, bis die Menschen irgendwann wieder so aussehen, wie man sie kennt. Man kann in diesem Licht spielen, man sei nur eine Filmfigur. Man kann spielen, man sei in einer anderen Welt, in der es keine Farben gibt, dafür aber dreimal so viele Töne. (Wen interessieren schon physikalische Naturgesetze.)

Wenn die Lebensdauer einer solchen Lampe sich dem Ende zuneigt, dann beginnt sie regelmäßig auszugehen und von alleine wieder an, zu flackern in kürzer werdenden Abständen, eventuell gehört es noch zur Kindheit von manchen, dass man früher in den Straßen so etwas hat beobachten können, in meinem Kopf ist es verbunden mit Winter, mit Fäustlingen, die an einer Schur durch die Jackenärmel befestigt waren, damit, winzige Schneemänner auf dem Bordstein zu bauen, und später auch damit, ein einziges Mal unter einer solchen Lampe geküsst zu werden, allerdings zum Abschied, was das ganze weniger erinnerungswürdig macht.

In mir regiert eine kleine, und doch unbezwingbare Vorfreude, die zu mir flüstert vom Aufstehen bis jetzt, die ich nicht zum Schweigen bringen will und vor der ich mich doch ein wenig fürchte. Erwartungen.

Ich wünsche mir so oft die Welt in meinem Kopf „zurück“, bis mir klar wird, dass es eine solche womöglich nie in der Form gegeben hat, sie nur ein Erinnerungswunschbild ist , und dass es, wenn ich „wieder“ eine haben möchte, es an mir selbst liegt, aus eigener Kraft eine aufzubauen.

Keine Politik, keine Philosophie, keine Kultur, nur Egogefasel, tut mir Leid.

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