Worüber ich heute bei einer virtuellen „Aufräumaktion“ gestolpert bin, was mir seltsam vorkam, weil es mehr als eineinhalb Jahre alt ist, weil ich sonst nichts zu erzählen habe und es scheinbar in Mode kommt, altes Zeug von sich zu texten, wenn es nichts Neues gibt, was man aktuell vorweisen kann.

Das scheint mittlerweile alles wieder recht lange her zu sein, genau wie alles andere mehr und mehr in diffuser „malgewesen“-Erinnerung verschwimmt, was wohl gut ist, heilsam und beruhigend.

Schnee

Weißt du, wie es ist, Schnee auf der Zunge zu spüren? Solch fließende Kälte, die sich verteilt, erfrischend ist das nicht mehr. Und dennoch, beide Hände voll zusammenraffen, drei kurze Gedanken an sauren Regen, Chemie und Pestizide, und sich soviel wie möglich in den Mund stopfen.

Danach ist der ganze Kopf wundervoll betäubt. Daliegen und darauf warten, dass das dumpfe Pochen verschwindet.

Der Tag, an dem ich Schnee aß, war kein allzu kalter, verglichen mit den härtesten jenes Winters. Über den Bäumen fegten Wolkenfetzen dahin und ab und zu donnerte ein Flugzeug über die weißverschüttete Szenerie.

Ein Vogel saß zwei Bäume weiter und schien demonstrativ in eine andere Richtung zu starren, mit wunderschönen Perlaugen in seinem spitzen schwarzen Gesicht. Meine Wimpern waren verkrustet, und beim Atmen erfüllte die Kälte einen von innen. Ich konnte meine Zunge nicht mehr spüren.

Ich steckte meine nackten Hände in den Ausschnitt der Jacke und wärmte sie überkreuz an den Stellen, wo einmal meine Schlüsselbeine gewesen waren. Ich wartete.

Dann griff ich wieder zu, eine Handvoll, zwei, als sei es Puderzucker, sehr kalter Puderzucker, und die Lippen sind schon lange taub, bald ist der Mund nicht mehr warm genug, um den Schnee überhaupt zu schmelzen. Das Würgen zu unterdrücken ist ein Kinderspiel geworden.

Ich saß da und dachte über die alte Technik der Tataren nach, wie sie auf diese Art weiße Morde verüben konnten. Bis die Opfer gefunden werden, hatte ihre eigene Restkörperwärme den Schnee in ihren Kehlen wieder geschmolzen. „Mach es nicht wie die Tataren, Mädchen“, sagte ich zu mir, scheinbar laut, denn der Vogel sah mich nur irritiert an und flog hastig zwei Bäume weiter.

Der Schnee schmolz glasklar, ich versuchte, mir den Vorgang bildlich vorzustellen: Sich lösende Moleküle, die beginnen, in der Temperatur meines Innern umherzuflirren wie kaputte Aufziehschmetterlinge. Mit genügend Phantasie kann man das vor seinem inneren Auge sehen. Es lenkt wunderbar ab.

Stunden habe ich an diesem Ort zubringen können, abgeschnitten von allem anderen, von Gedanken, Menschen, von Worten und Vorwürfen und der allseitigen Sorge. Daliegend, Schnee essend. Als könnte der Schnee alles andere Gegessene auslöschen, einfach so, durch seine klare Kälte, wie ein Wundermittel.

Als ich schließlich aufstand, war der Vogel immer noch da, wie eine kitschige Plastikfigur saß er auf der kahlen Birke, die Existenz von Reihenhäusern mit Vorgärten ignorierend. Es ist nicht gerade heldenhaft, Neid auf einen Vogel zu spüren, weil er keine Orte kennt, an denen er sich rund und dick füttern lassen könnte und stattdessen sein Leben in einem Wald fristet, in dem es nicht mehr gibt als ein paar tiefgefrorene Körner und ab und zu Flugzeuglärm. Ein Vogel müsste man sein…!

„Auf Wiedersehen, kleiner Hungerkünstler“, warf ich dem Vogel im Vorbeigehen zu, als ich durch den knietiefen Schnee in Richtung Straße stapfte. Ich konnte spüren, wie meine Oberschenkel aneinander rieben und nahm noch schnell eine Handvoll Schnee mit auf den Weg.

Anfang April begann es das erste Mal, zu tauen, und keine drei Monate danach war Hochsommer. Weitere drei Monate darauf hatte ich auch wieder Schlüsselbeine, und sogar Wirbel und so herrliche, herrliche Rippen und Hüften, die eine Raute um meinen Bauch herum geformt haben. Nun hab ich nichtmal mehr Fotos davon. So ist das Leben.

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