…Nun  muss nur  noch entschieden werden: Wer frisst hier wen? Ich sie oder sie mich? Doch immerhin hat die Physik keine Seele, die man ihr rauben kann in Stunden krampfhafter und ungewollter Beschäftigung. Es ist eine beängstigende wie in letzter Zeit immer wünschenswertere Vorstellung, auf ähnliche Weise zu existieren, als funktionelle Kreation, die ihrem Zweck nachkommt, ohne das Bedürfnis oder die Notwendigkeit tiefergreifender Gedanken. Allerdings müsste man sich damit auch automatisch mit der Frage auseinandersetzen, welches denn der zu erfüllende Zweck wäre. Klar, Medizin ist der Zweck, das übergeordnete Ziel, das non-plus-ultra unter den Zukunftsvisionen, selbst mit der Gewissheit, dass nichts so sein wird, wie man es sich ausmalt, und dass auch nach der Approbation nicht plötzlich Palmen im OP-Raum wachsen, unter denen das jahrelang pausenlos gepaukt habende Ego (schön wärs’s) auf einmal wie von allein agiert, während der Verstand ausruhen und sich in Literatur und geisteswissenschaftlichen Fragestellungen ergehen kann.

Die Vorstellung der ewigen Tretmühle ist das Beängstigende in der realitätsbezogeneren Erwartung, resultierend aus Schwäche und Ruhebedürfnis. Doch letztendlich sind „ein Leben lang“ Worte, die in jedem einzelnen, subjektiven Augenblick nichts bedeuten als eine unüberschaubare Masse von Stunden und Minuten, die man unmöglich in echter Proportion betrachten kann. Ein Leben lang als Ärztin arbeiten. Ein Leben lang mit jemandem zusammenbleiben. Ein Leben lang die jetzigen Meinungen und Einstellungen zu allen möglichen Themen behalten, als sei man mit 20 schon so etwas wie „fertig“, was Bullshit ist. Doch wünscht sich mensch natürlich so eine Konstante, mag sich nicht andauernd damit abfinden, nicht zu wissen, was morgen sein wird, oder in einem halben Jahr. Langsamere Veränderung kann Fluch und Segen zugleich sein.

Doch was verstehe ich davon. Ich lerne nur Physik. Lächerlicherweise kann die mir auch nichts über den Zusammenhalt von Menschen sagen, den ich noch immer verstehen muss, hoffentlich, irgendwann. Ich muss lernen, beides voneinander zu trennen, lernen, dass das Wissen in meinem Kopf mir niemals alles wird geben können und es trotzdem nicht bedeutet, dass ich kein Anrecht auf alles andere hätte.

Und immerhin hat die Angst, vermischt mit diversen anderen aktuellen Einflüssen, den positiven Nebeneffekt der Enthaltsamkeit von Nährstoffen, was in einem angenehmen Wenigerwerden resultiert, von anderen nicht bemerkbar (der Vorteil, unbeachtet zu sein), aber dennoch eine Kaskade von Ängsten und Hoffnungen auslösend. 18,3 ist im Vergleich lächerlich, doch gleichzeitig sonne ich mich Lightcola-trinkend in dieser Zahl, weil sie nach oben und unten nahezu perfekt erscheint. Dazu die Scham über das Wiederaufflackern aller krankhaften Gewohnheiten. Vielleicht liegt es auch nur an der Jahreszeit… Aber auch das stellt die Stimme nicht ab, die immer wieder sagt: „Mach dich nicht lächerlich. Du hattest ein knappes Jahr, das ich dir gelassen habe, um herauszufinden, wer oder was du sonst noch sein kannst, und du hast behauptet, es herausgefunden zu haben. Du hast herumprobiert mit Einstellungen und Gewohnheiten, hast Gedanken an- und abgelegt wie Make-Up. Und das alles nur, um jetzt wieder zurückzukehren? Als ob du nichts anderes hättest, wo du hinkönntest. Überlege es dir gut.“

Advertisements