…und wieder in der Straßenbahn sitzen. Wie so oft. Und gegenüber sitzen zwei Mädchen, die eine ist schwer für ihr Alter, vielleicht 13 Jahre alt, hat ein Handy in der Hand und spitzt beim Sprechen die Lippen wie ein Weidetier, dem man etwas aus der Hand füttert. Neben ihr eine winzige Schönheit mit langem schwarzen Haar und asiatischen Gesichtszügen, im selben Alter. Ihre Augen ertrinken in schwarz. Ihre Lippen sind pink betont, ihre kleine Stupsnase verrät durch irrealistische Mattheit den exzessiven Gebrauch von Gesichtspuder. Sie lächelt. Ihre Zähne sind groß und ich meine, etwas blitzen sehen zu können, Strass oder auch nur poliertes Metall. Zwischen ihren Fingernägeln, die golden schimmern und eckig gefeilt sind, ein Telefon, es ist schwarz und platt. So ein Telefon habe ich einmal geschenkt bekommen und verloren. Sie schüttelt ihre Haare hinter die Schultern und überkreuzt die Beine in engen, dunkelblauen Jeans, reibt mit einem Schuh gegen den anderen. (Sie trägt diese Stiefel, die aussehen wie Moonboots.)

Ihre Blicke wandern zu mir, häufig, ohne dass ich deuten könnte, warum. Ich, herumsitzend wie aus einer Kloake gekrochen, zumindest im Kontrast zu diesem bizarr-hübschen Wesen, das sich seiner Hübschheit so überdeutlich bewusst ist. Des Öfteren ertappe ich sie, woraufhin sie Mal für Mal die Augen niederschlägt. Gekonnt niederschlägt. Vielleicht übt sie vor dem Spiegel. Ich möchte mich selbst nicht beschreiben, ich geschlechtsloses Wesen in ausgebeulten Jeans und schmutzigen Schuhen. Vielleicht starrt sie auch nur das Piercing an, manche tun das.

In alledem keimt die Präsenz von Selbstbewusstsein, das mit einem guten Schuss Überheblichkeit einhergeht. Das Niederstarren, das Kopfgeradehalten. Sie ist 13. Ich bin 20. Ich bin irgendwo angekommen, wo ich vielleicht auch bleiben werde. Ich war zu keinem Zeitpunkt meines Lebens so schön wie sie und werde auch niemals die winzige Zerbrechlichkeit erlangen, die diese Puppengestalt in den Moonboots auszeichnet. Das nicht zu wollen ist ein Schritt, einer, den man nur tun kann, wenn man Siebenmeilenstiefel trägt mit groben Sohlen darunter.

Ihre Freundin ist inzwischen ausgestiegen, ich habe mich wieder meinem Buch gewidmet, als die Bahn hält und ich aufstehe, sie genauso. Ich gehe zur Ampel, hoffe vielleicht sogar insgeheim, sie möge eine andere Richtung einschlagen, doch sie steht auf einmal neben mir. Oder vielleicht eher unter mir; denn im Stehen ist sie mehr als 20 Zentimeter kleiner als ich. Sie sieht zu mir hoch. Ich denke: Sie muss doch gleich eine Nackenstarre bekommen.

Die Ampel wird grün, der Bus steht schon da, ich sprinte los, schlängele mich zwischen den Abbiegern durch. Sie hetzt genauso auf den Bus zu; ihre mit Metallsteinchen besetzte Tasche schlenkert in ihrer Armbeuge. Ich halte den Türöffner-Knopf gedrückt.

Man sollte vielleicht öfter Straßenbahn fahren, einfach, um sich seiner Menschlichkeit wieder bewusst zu werden.

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