…und schon gibt es, obwohl ich gerne lustige Dinge erzählen würde, auch wieder Dinge, die mir im Kopf herumgehen, die da sind in manchen Momenten, wenn etwas ist, das sich gar nicht zum Lachen anfühlt.

Der freundliche Mensch mit dem grandiosen, bereits erwähnten Dekubitus (von dessen Ausmaße er wahrscheinlich selbst gar keine Ahnung hat, wie auch…), der mein kurz angebundenes „Hallo, haben Sie schon aufgegessen? Ja? Kann ich dann Ihr Tablett abräumen?“ zum Anlass nimmt, mir zu erzählen:

  • von der Freundin seines Bruders, bei der nun Krebs diagnostiziert wurde, ein „faustgroßer“ Tumor an der Niere, und sie wurde schon operiert, glücklicherweise „mit Schlüssellochtechnik“ (ich denke: „minimalinvasiv“), also musste man sie nicht ganz aufmachen, aber trotzdem.
  • von seiner Mutter, bei der nun Osteoporose festgestellt wurde, und sie müsste eigentlich so ein „Gestell“ tragen zur Stabilisierung der Wirbelsäule, aber das will sie nicht, und sein Bruder und er versuchen, sie vom Gegenteil zu überzeugen, denn das ist doch sinnlos, wenn sie hier ist und trotzdem ihre Therapie verweigert.
  • von allen Krankenhäusern, in denen er vorher war, und dass er manchmal so daliegt und sich schreckliche Sorgen macht, wie das bloß alles ausgehen wird.

Dann stehe ich da, zwanzigjährig, und weiß nichts besseres zu sagen als: „Achmensch, es trifft doch immer die Falschen…“, und vielleicht noch ein unbekanntes Knie zu tätscheln, durch die Bettdecke, denn was weiß man schon von wirklich schlimmen Dingen, mit all der möchtegern-Lebensphilosophie? Vielleicht liege ich auch da, in dreißig Jahren, bin eigentlich noch „jung“ und doch schon dreimal reanimiert worden, kann mich an Kleinigkeiten nicht mehr erinnern und an meinem Hintern ist ein faustgroßes Loch vom vielen Liegen, das ich schon selbst nicht mehr spüre.

Ich könnte dement werden, zwei Schlaganfälle haben und stuhlinkontinent sein, dann würde ich mich totstellen und nur ab und zu ein bisschen wimmern, während eine erfahrene Krankenschwester und eine andere, zwanzigjährige Praktikantin mich von einer Seite auf die andere schieben und mich (immer ungeduldiger) mit nassen Tüchern abwischen, die vom Bauchnabel bis zur Mitter der Oberschenkel gleichmäßig schmutzig werden, die unter mir das Laken vom Bett und ein neues darauf ziehen und das alte Laken wegwerfen, weil es nicht mehr waschbar ist. Zweimal pro Stunde.

An diese Dinge denke ich nicht, wenn ich mit einem Tablett auf der Hüfte und einem Thermometer in der anderen Hand um die Ecke biege, ein leerer Joghurtbecher vom Tablett fällt und jemand hinter mir ruft: „Tjaja, dieser Wind..!“

Noch immer absolut keine Ahnung, wo Dinge sind. Ich kann EKG-Ausdrucke interpretieren, erzähle es aber niemandem, denn es würde noch lächerlicher wirken im Vergleich dazu, dass ich keine Thrombose-Spritzen geben kann, zum Blutzuckermessen eine halbe Stunde brauche und noch immer nicht weiß, wie in der Kurve die Medikamente zu interpretieren sind. Ach.

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