…und eine alte Dame, die alles ein wenig durcheinandergebracht hat.

Sonntagmorgen, neun Uhr, ich bin gerade dabei, Wäschewagen aufzufüllen oder Tabletts herumzutragen oder so, da ruft irgendjemand im Vorbeigehen: „Da ist eine in der Ambulanz für uns, schnapp dir doch einen Rollstuhl und hol sie ab, danke!“

Ich: „Wie heißt sie? Was hat sie?“

Vergessene Person: „Ach, total dement, den Rest wissen wir auch noch nicht, passt schon.“

Rollstuhl, Lift, durch alle Flure des Kellergeschosses bis in die Ambulanz, „Wo ist denn Raum 1?“ – „Gleich da hinten rechts!“

Dort erwartet mich ein winziges Persönchen in blauem Mantel und mit Kammspangen in den weißen Haaren; sie liegt steif wie ein Brett auf der Untersuchungsliege, und schaut mich schon beim Hereinkommen böse an. Ich: „Guten Tag, ich soll sie auf Station bringen! Haben sie noch etwas an Gepäck dabei?“

Sie: „Was wollen Sie von mir? Ich bin nicht krank! Ich wollte nicht hierherkommen! Meine Nichte… Sie entführen mich hier ja! Sehen Sie, ich habe nicht einmal die Haustür abgeschlossen…da kann jeder einbrechen!“ Sie wedelt mit ihrem Schlüsselbund vor meiner Nase herum. Dement, hat jemand gesagt, also was solls, es kommt ja durchaus vor, dass die Leute ganz klar wirken und trotzdem völlig aus der Phantasie erzählen. Was ich inzwischen gelernt habe: Glaube keinem Patienten!

Ich: „Ja, das wird schon, es wird keiner bei Ihnen einbrechen! Vielleicht fühlen Sie sich nicht krank, aber es ist doch gut, dass Sie hier sind!“ – Verständnislose Blicke Ihrerseits, die Dame hört so gut wie nichts. Auch schreiend kaum eine Möglichkeit der detaillierten Verständigung. Mir bleibt nichts anderes übrig, als sie in den Rollstuhl zu setzen, mit ihr durch alle Flure zurück und auf die Station zu fahren. Wir werden verwundert empfangen. „Wie, kein Gepäck? Keine Begleitung?“ – „Nein, sie war ganz allein da. Wie heißt sie nun eigentlich?“ – „Wissen wir auch noch nicht! Es gibt irgendwie keine Dokumente.“

Da ist also diese Frau, die nach mehrmaligem Anschreien mitteilt, wie sie heißt, jedoch weder ihre Adresse noch eine Telefonnummer irgendeiner Kontaktperson nennen kann. Sie bekommt ein Zimmer und schreit: „Was soll ich hier? Ich will nach Hause! Nach Hause! Ich bin nicht krank!“ Selbiges teilt sie auch allen anderen Patienten mit, die sie hören können (und man kann sie laut und deutlich hören, auf dem gesamten Flur), sie wird von einigen umsorgt, die selbst recht dement und hilflos sind, sich aber für ihr Wohlergehen verantwortlich fühlen.

Währenddessen emsige Diskussionen im Stationszimmer, die ganze Sache wird immer seltsamer, es wird ein Rundruf an alle Krankentransporte geschickt, wer die Frau denn nun hergebracht hat und von wo, und warum… Scheinbar hat irgendjemand die Polizei gerufen, vielleicht sie selbst, oder jemand von den Nachbarn, warum, weiß niemand. Also kam ein Rettungswagen, dessen Sanitäter, ohne zu wissen, was eigentlich los ist, die alte Dame ins Auto verfrachtet und ins Krankenhaus gefahren haben; ihre Empörungsrufe schlicht ignorierend. Ihr Kommentar: „Entführt haben die mich! Mit Gewalt in den Krankenwagen gezerrt! Sehen sie, ich habe noch nicht einmal eine Hose an!“

Tatsächlich: Sie lüftet verstohlen den Saum ihres Mantels, den sie den ganzen Vormittag über störrisch anbehalten hat. Was muss nur in dieser Wohnung passiert sein? Sanitäter in Zeitnot, sodass eine Frau keine Gelegenheit hat, sich anzuziehen oder Papiere mitzunehmen? In ihrer Manteltasche findet man einen Einkaufszettel, es ist zwar Sonntag, aber dennoch.

Dann die nächste Information von ihr: Eine Nichte! Drei Leute bestürmen sie mit Fragen: Wie diese Nichte denn heiße, wo sie wohne, Telefonnummer? Nach mehreren Fehlversuchen ist sie sich des Namens sicher; man sucht im Internet, ergebnislos. Wohnt die Nichte in der Stadt? Sie weiß es nicht; nur, dass sie öfter vorbeikommt. Zum Mittagessen ist die Dame immer noch da, steht aufgelöst zwischen Tür und Angel, schimpft und flucht und weigert sich, das ihr zugewiesene Bett anzurühren. Noch immer ist unklar, ob ihr überhaupt etwas fehlt. Sicher ist nur, dass irgendein Element in der Kette aus Gesundheitsdiensten in diesem Fall gründlich versagt hat.

Leider hat diese Geschichte kein Happy End, denn da kam das Schichtende dazwischen… Sie spukt mir noch immer im Kopf herum, die kleine, schiefzahnige Furie in ihrem blauen Rüschenmantel. Was aus ihr geworden sein mag?

Advertisements