…ein Freitag, der kein Freitag ist, weil in ihm kein „frei“ vorkommt.

Noch immer streiten alle Anwesenden um den Dienstplan, es fehlen viele, die nächste Woche wird völliges Chaos werden – immer schön, so etwas schon drei Tage vorher zu hören, dann kann man sich so richtig über das ganze (nichtexistente) Wochenende hinweg darauf freuen.

Und dennoch beginne ich, nachdem ich schwerfällig die nötigen Utensilien zusammengesucht habe, im ersten Zimmer mit dem Waschen – und lächle nach kurzer Zeit, rede über das Wetter, und da ist sie wieder: Die Sanftmütigkeit, die für mich so untrennbar mit Pflege verbunden ist, natürlich auch irgendwie das Gefühl, gebaucht zu werden. Das macht froh, genauso wie die freundlichen Begrüßungen der Menschen, die jeden Morgen von mir gewaschen werden und froh sind (auch wegen ihrer – sowieso schon genug geplagten – Intimsphäre), nicht auf einmal von jemand völlig Fremdem ausgezogen und abgeschrubbt zu werden, was automatisch dazu führt, dass sie auch froh sind, mich zu sehen, wenn ich den Kopf durch die Tür stecke, vorsichtig alle Lichtschalter ausprobiere (bis ich einen gefunden habe, dessen Licht nicht allzusehr blendet) und nach und nach recht ungeschickt all die nötigen Kleinteile ins Zimmer hineintrage.

Was schön war an jenem Tag:

Alle vier Wäschewagen aufzufüllen, was bedeutet: Viermal über den Flur in den Wäscheraum, der, ehemals ein „Stationsbad“, durch das Aufstellen transportabler Metallschränke zum Wäschevorratsraum umfunktioniert wurde und derart intensiv nach Waschpulver riecht, dass ich ernsthaft in Erwägung ziehe, das Studentenwohnheim zu kündigen und dort einzuziehen. Ich würde jeden Morgen aufwachen und in einem Wäsche-Himmel schweben… (Außerdem ist das Auffüllen der Wagen mit Laken, Bezügen und Handtüchern eine beinahe meditative Arbeit, bei der ich für ganz kurze Zeit für mich bin, allein, ohne Patienten und Kollegen, die alle irgendetwas haben und irgendetwas wollen.)

Keine einzige Situation zu haben, in der ich heillos überfordert gewesen wäre oder mich so gefühlt hätte, keine allzu kritischen/aggressiven Nachfragen von Patienten zu Themen, über die man (ohne Akte in der Hand) gar keine Aussage machen kann, aber auch kein beschäftigungsloses Was-soll-ich-nur-machen, das sich ansonsten oft gerne einmal breitmacht und – man glaubt es kaum – beinah schlimmer sein kann als das anstrengende Herumlaufen, weil es mit einer so demonstrativen Nutzlosigkeit verbunden ist.

Ich werde ja tatsächlich souveräner.

Ebenfalls passiert:

Ich stehe neben dem Bett von Herrn Z., einem alten Herrn (von dem inzwischen die ganze Station weiß, dass er nächste Woche 90 wird), der uns allen rhetorisch überlegen ist und mich meistens unter seinem beißenden Schalk zu begraben droht. Als ich mich hinunterbeuge, um ihn auf die Seite zu lagern, packt er mich an der Vorderseite des Kasacks, zieht mich noch ein Stück heran, wirft einen verstohlenen Blick nach rechts und links – und schiebt mir wie ein Mafiaboss zwei zusamengerollte Scheine in die Tasche. Ich stammle überrascht: „Erm…Danke, Herr Z.!“ – Er: „Schschsch, kein Wort! Sie haben nichts gesehen und nichts gehört!“ – Ich: „Ooookay…ich bin vollkommen ahnungslos!“, und setze leiser hinzu: „Das ist doch furchtbar lieb von Ihnen, Herr Z…“ – Er: „Ach, ich habe absolut keine Ahnung, wovon Sie eigentlich reden!“

Also liefere ich das Geld für die Kaffeekasse im Stationszimmer ab und gehe weiter meiner Wege, bis zwei Stunden später wieder Herr Z. meine Wege kreuzt (eigentlich eher umgekehrt, schließlich ist er bettlägerig). Und wieder wirft er mir einen verschmitzten Blick zu, nimmt meine Hand (die ihn gerade zwecks Blutzuckermessung in den Finger gepiekst hat), haucht einen galanten Alte-Herren-Handkuss darauf und drückt mir noch etwas Geld in die Finger. Entgeistert starre ich darauf: „Aber, Herr Z., Sie haben doch schon…Werden Sie vergesslich?“ – „Wollen Sie mich beleidigen!?“, ruft er.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als ebenso zu verfahren wie beim letzten Mal, wo man ebenso skeptisch ist wie ich. Schließlich bringt eine Kollegin das Geld zurück, wird dort wütend angefahren, und steckt die leidigen Scheine dann (grooooßer Fehler!) einfach in die Nachttischschublade zurück.

Nach dem Mittagessen gehe ich die Tabletts abräumen, mit der üblichen Frage: „Haben Sie fertig gegessen? Darf ich den Rest schon wieder mitnehmen?“ – „Pah!“, ruft Herr Z., „mit Ihnen rede ich gar nicht mehr!“ – „Ach Mensch, habe ich Sie so beleidigt? Sie wissen doch, es war gar nicht so gemeint!“, stammele ich. Doch umsonst: Erbleibt standhaft. Ich hocke mich neben die Kante seines Betts: „Herr Z., ich knie vor Ihnen!“, und breite mit theatralischer Geste die Arme aus. Ein „Ttsss…“ ist alles, was ich zu hören bekomme. Wenn Blicke töten könnten…

„Darf ich denn trotzdem Ihr Tablett mitnehmen?“, frage ich versöhnlich. Da sieht er mich an und seufzt: „Alles dürfen Sie, alles, was Sie wollen…“

(Den folgenden Tag war ich morgens im Zimmer und konnte nicht umhin, nochmals zu fragen: „Sind Sie mir immer noch böse, Herr Z.? Ich habe mir solche Sorgen gemacht.“ – „Achwas…wie könnte ich! Nie!“)

Wie wir wohl alle sein werden, wenn wir fast 90 sind…?

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