…nun, zugegebenrmaßen, ich bin etwas hinterher.

Die Tage fliegen nur so vorbei, noch immer sind die meisten Patienten wie vorher da, einige sind in der Zwischenzeit entlassen worden…

Entlassungen sind oft etwas seltsames. Zunächst ist da meist Freude meinerseits, wenn ich von einer Entlassung höre. Bei manchen Patienten (zugegebenermaßen) freue ich mich für mich selbst, nicht mehr mit ihnen zu tun haben zu müssen… Und bei den netten Patienten natürlich auch die naive Freude darüber, dass sie nicht mehr im Krankenhaus liegen müssen, „nach Hause können“, wie man es sich so klassisch vorstellt. In meiner Phantasie eine Schar Angehöriger, die sie an der Pforte mit Luftballons und Blumen empfängt, sie nach Hause begleitet, wo der/die Partner/in schon sehnsüchtig darauf gewartet hat, das gewohnte Leben wieder aufzunehmen…

…Doch diese Rechnung geht leider in der Geriatrie allzu selten auf, wenn überhaupt einmal.

Da sind die Patienten, die im Heim wohnen, und das ist ein großer Teil. „Entlassung“ bedeutet also in diesem Fall nur: Von einer stationären Versorgung in eine andere stationäre Versorgung, wo das Personal noch schlechter bezahlt ist, vielleicht höchstens der Tagesablauf anders ist. Diese Patienten haben allzu selten noch (Ehe-)Partner, die Kinder leben oft in einer anderen Stadt und lassen sich ab und zu mal blicken, nehmen gelegentlich telefonisch Kontakt auf, um sich nach Krankheitsverlauf und ärztlichen Anordnungen zu erkundigen. Das aber meist auch nicht direkt mit den Patienten, sondern nur mit dem Personal der Station, denn wie will man auch mit einer dementen Person, die höchstwahrscheinlich auch noch schwerhörig ist, am Telefon kommunizieren? So kommt es dann oft, dass „Entlassung“ in diesem Fall bedeutet: Jemand, der vielleicht gar nicht mitbekommt, was da eigentlich passiert, wird von zwei jungen Transportdienst-Mitarbeitern in einem fahrbaren Stuhl angeschnallt und dann mit einem Krankentransportwagen zurück ins Heim gefahren.

Dann gibt es auch noch die Patienten, die von zu Hause kommen, bei denen aber in absehbarer Zeit keine wirkliche Besserung zu erkennen ist, sodass fragwürdig bleibt, ob sie jemals wieder dorthin zurück können. Zum Beispiel Herr H., der auf die 90 zugeht, dessen Frau erst Ende letzten Jahres verstorben ist, der nach einem Schlaganfall im Krankenhaus liegt und bei dem zusätzlich eine beginnende Demenz diagnostizert wurde. (O-Ton Chefarzt zum Patienten: „…Und Sie werden ja auch in der letzten Zeit etwas mehr vergesslich…“) Das Wahrscheinlichste, was diesen Menschen bevorsteht, ist eine lange Odyssee durch diverse Reha-Kliniken (falls das die Krankenkasse bezahlt) und Kurzzeitpflege, bevor endgültig entschieden wird, dass jemand nicht mehr zum selbstständigen Leben wird zurückkehren können.

Dritter Fall sind Patienten, die jemanden haben. Frau K. wird, soweit ich das mitbekommen habe, morgen entlassen. Sie hat einen Mann, dem es selbst schon seit einiger Zeit nicht gut geht, immerhin er hat schon eine Pflegestufe (was in einem langwierigen Verfahren von Antragstellung und-Prüfung ermittelt werden muss, schließlich geht es darum, dass eine Krankenkasse Geld herausrücken muss) und auch einen ambulanten Pflegedienst. Dieser ist aber nur für ihn zuständig und kann nicht sie einfach mit „erledigen“: Sie, die nicht alleine vom Bett zum Bad gehen kann, ohne sich bei jemandem festzuhalten, und in deren Wohnung (nach eigenen Angaben) nie und nimmer ein Rollator hineinpassen würde. Es scheint also, als müsse sie zusehen, wie sie alleine zurechtkommt, wenn sie morgen nach Hause verfrachtet wird. Sie hat Angst, sagt sie. Und ihr kann niemand wirklich helfen in diesem administrativen, finanzorientierten Dschungel.

Für mich selbst gibt es aber zwei gute neue Dinge:

  • Seit es wieder so viele Norovirus-Fälle gibt, hat sich die Klinikleitung gnädigerweise endlich bereiterklärt, unserer Station einen Aufnahmestopp zu verschaffen! Das bedeutet: Keine Neuaufnahmen, solange, bis alle Noro-Fälle von der Station runter (oder nachweislich negativ = gesund) sind… Keine Neuaufnahmen, viel weniger Hetze am Vormittag, leere Zimmer, ruhigere Arbeit! Obgleich derzeit soviel Personalmangel herrscht, bekommt die Arbeit endlich wieder den Charakter, den ich zu kennen glaubte und dessentwegen ich mich für die geriatrische Station entschieden hatte. Mit einem Patienten zusammen frühstücken (=sich in Ruhe zu denen setzen, die Hilfe beim Essen brauchen, und ihre ganze Mahlzeit in Ruhe mit begleiten, sodass ihr Frühstück ausnahmsweise mal (fast) so verläuft, wie wie wir „Normalen“ es ganz selbstverständlich kennen), auf dem Flur für ein kurzes Gespräch an einer offenen Patiententür stehenbleiben, und zwischendurch mal mit einem Seufzer kurz auf einen Stuhl sinken, statt sich ununterbrochen selbst zur Arbeit im Stehen zu zwingen. Ach…
  • Es sind zwei neue Praktikanten da! Ein Schülerpraktikant, schon im dritten Ausbildungsjahr, der menschenunmögliche Arbeit leistet (gestern erzählte er mir, dass er nach seiner Frühschicht immer noch gleich eine Spätschicht im Altenheim dranhängt, um Geld zu verdienen, dass er um vier Uhr aufsteht und um zehn Uhr heimkommt, jeden Tag), und, ganz im Gegensatz dazu, ein Pflegepraktikant, ein wenig wie ich, und doch ganz anders. „Wieviele Monate Praktikum machst du denn?“, fragte er mich. „Drei“, erwiderte ich, „aber das hier ist schon mein letzter.“ (Ich konnte nicht umhin, kurz grinsend die geballte Faust in die Luft zu recken…) – „Was, du machst nur drei!? Scheiße, warum? Ich muss sechs!“

Als ich dann fragte, warum das, erzählte er bereitwillig: Vom verhauenen Abi, dem 3,5er Schnitt im zweiten Anlauf und dem Versuch, nun an eine private Universität zu kommen, irgendwo im Norden von NRW. Kostenpunkt: 700 Euro im Monat. Ja, sagte er, ihm sei bewusst, dass das viel sei. Und nun sei er hier, um eine ruhige Kugel zu schieben, weil seine private Hochschule (an der er höchstwahrscheinlich nicht angenommen werden wird) ihm vorschreibt, sechs Monate Praktikum zu absolvieren, bevor er sich überhaupt bewerben darf. Und er lässt sich ganz und gar nicht anstecken von meinem unterschwellig-suggestiven Gerede über das mit-Patienten-zu-tun-haben (das ihm zuwider ist), den meditativen Charakter kleiner Arbeiten (die er langweilig findet), die Freude darüber, etwas eigenständig zu können (lieber läuft er nur bei anderen mit, statt sich selbst zu kümmern) und den Sinn solcher Praktika im Allgemeinen („Sowas muss ich doch später sowieso nicht machen, als Arzt und so!“)

Seufz.

(Entschuldigt, dass das hier so lang ist, eigentlich sind es zwei Tage in einem.)

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