Nun ist sie also vorbei, die große Entlassungswelle, und noch immer werden keine neuen Patienten aufgenommen, es leert sich also zusehends, einige Zimmer sehen geradezu gespenstisch aus: Halb aufgeräumt, nach der Grundreinigung, in der Ecke steht noch ein vergessener Papierkorb und mittendrin das nackte Skelett eines ganz hochgefahrenen Krankenhausbettes (dessen Matratze in der Reinigung ist).

Eine meiner liebsten Patienten wurde heute also tatsächlich entlassen: All ihrer vorigen Angst zum Trotz saß sie seit neun Uhr morgens senkrecht auf der Bettkante: „Wann kommen sie denn? Wann kommen sie denn?“

Gegen Mittag war sie immer noch da, etwas geknickt („Haben die mich vergessen?“), war aber fest entschlossen, nicht mehr zu Mittag zu essen. Schließlich aß sie um eins doch noch etwas, und ganz kurz vor meinem Schichtende stand ich hibbelig im Flur, als die Menschen mit dem Transportstuhl (zum letzten Mal) durch die Stationstür kamen. „Auf Wiedersehen, Frau K.! Gute Besserung und alles Gute! Kommen sie heil zu Hause an! Viele Grüße an Ihren Mann! Sie schaffen das schon!“

Sogar ihre Bettnachbarin (mit der ich mindestens ebenso viel zu tun habe), war gerührt. Diese Frau, die wie ein Pflegefall auf die Station kam und die ich heute zum allerersten Mal mit den PhysiotherapeutInnen (^^) über den Flur laufen sah! Mit kleinen Schrittchen, an den Rollator geklammert, tappte sie an allen anderen Zimmertüren vorbei, den Blick starr geradeaus. Ich freute mich lauthals, als ich sie sah und sie blickte mich erschrocken an, wie irritiert, und wagte dann ein wenig zu lächeln.

Später war ihre Tochter da, und ach. Saß auf Ihrer Bettkante und half ihr beim Essen, und als ich den Kopf hereinstreckte, um zu fragen: „Möchten Sie vielleicht noch etwas Kaffee oder Tee?“, legte die Tochter ihrer Mutter den Arm um die Schultern und murmelte in deren zerzauste Haare: „Wie ist es, Mama, möchtest du ein bisschen Tee, vielleicht?“

Nun bin ich sehr sentimental, was auch während des Dienstes gelegentlich passiert (aber nach spätestens ein paar Minuten immer wieder jäh abgewürgt wird), womit ich mich selbst lächerlich fühle, aber dennoch: Es ist wundervoll, zu sehen, dass die Menschen, mit denen man jeden Tag soviel zu tun hat und denen es teilweise so schlecht geht…Dass auch diese Menschen oft von jemandem geliebt werden. Natürlich nicht alle, aber doch viele. (Dann seufze ich ab und zu, während ich irgendwelche Dinge tue (Wäschesäcke wechseln oder so), bis mein Mit-Praktikant irgendwann vorbeikommt und sagt: „Ey, es ist eins, lass uns einfach abhauen, ich kab kein‘ Bock mehr!)

Allgemein wundere ich mich immer wieder, wie unterschiedlich meine Prioritäten für verschiedene Arbeiten sind. Einen Patienten komplett saubermachen, der aufs Ekligste schmutzig geworden ist, stellt für mich kein Problem dar, sondern gelegentlich sogar eine zufriedenstellende Sache. Das Saubermachen an sich, danach den Müllsack wechseln, alles in Ordnung bringen, und dabei (sofern es ein alter, weggetretener Mensch ist) ein bisschen den Gedanken nachhängen, kurz Zeit für sich selbst haben, nachdenken. Ruhe im Kopf. Bei aller Freude über die Menschen und das mit-ihnen-zu-tun-haben: Manchmal tut das sehr, sehr gut.

Erinnerungswerter, schöner Moment, der sich beinah täglich wiederholt: Morgens beim Austeilen des Frühstücks, wenn der Kaffee-Vorratsbehälter leer ist, in die Stationsküche gehen und neuen kochen. Da ist ein Sieb, in das zwei Kaffee-Pads hinein müssen, ich nehme jede Packung, reiße sie auf, stecke für einen kurzen, unbeobachteten Moment meine Nase hinein und inhaliere tief. Über den Geschmack lässt sich streiten, aber der Geruch von gemahlenem Kaffee macht mit zuverlässiger Erfolgsquote glücklich…

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