…letzter Tag auf der geriatrischen Station und einer, an dem ich privatmenschenbedingt hoffe, ihn nicht bis ganz zum Ende absitzen zu müssen.

Doch sobald ich auf Station komme: „Du, die von unten haben gerade angerufen! Sie sind schlecht besetzt und brauchen dich als Aushilfe!“ – Seufz. (Den – vorläufig – letzten Tag irgendwo anders aushelfen zu müssen, kann ja sogar positiv gesehen werden: Immerhin kommen so verhältnismäßig wenig Sentimentalitäten auf.)

„Unten“ ist eine interdisziplinäre Station, einige Patienten der inneren Medizin, aber die meisten auch geriatrisch. Zunächst fällt der Steinboden auf, etwas kalt und hart im Vergleich zum gewohnten Holzimitat-Linoleum; ich packe den Riemen meiner Tasche, lächle und lächle (draußen ist es immer noch dunkel) und nähere mich so dem Stationszimmer. Es gibt eine Übergabe mit lauter Patienten, deren Namen mir nichts sagen, auf einmal: „Kenne ich dich nicht?“ – „Tust du. Du bist Sarah. Wir waren im September auf der gleichen Station.“ – „Was hast du mit deinen Haaren gemacht..?“ – Ich lache und sage nichts. – „Wie heißt du nochmal?“ – Ich nenne meinen Namen, den ich so oft jedem nennen muss, und ihr fällt nicht auf, dass es ein anderer ist als zuvor. Mir soll das recht sein. Inzwischen bin ich doch in ihn hineingewachsen, diesen beinah selbstgewählten Namen, der wie ein schützendes Schneckenhaus ist, alles Spielerische und alles Frühere abschirmt.

Fremde Patienten, die von mir allein versorgt werden müssen, ohne den Hauch eines Wissens über ihre Fähigkeiten, ihre Eigenheiten und Bedürfnisse. Es ist eine Herausforderung: Einerseits spannend, mutig, doch es kostet auch viel Kraft. Es sollte so eigentlich nicht sein; in der Idealform eines Krankenhauses, das Patienten wie Personal gleichermaßen gerecht wird.

Und dennoch: Wütend machen mich am Ende weniger die Patienten selbst (die fiepende Frau, die alle drei Minuten ihr Zimmer nicht wiederfindet, jene, die noch öfter wegen unwichtiger Kleinigkeiten fragt, jene, die ein falsch sitzendes Gebiss hat, jener, der sich standhaft weigert, aufzustehen und lieber weiterschlafen will) und die Art, wie sie meine Zeit verschwenden, die eigentlich so knapp bemessen ist… (Immerhin bin ich Aushilfe auf dieser Station, weil sie katastrophal schlecht besetzt ist.)

Was mich wütend macht, ist die Art jener bereits bekannten „Kollegin“, alles nur halbherzig zu machen, mich ebenso zur Halbherzigkeit anzuhalten („Heute ist Ostermontag…Füße waschen und so können die morgen machen, das lass heute einfach sein, ist doch egal“), und dabei dennoch nichts hinzubekommen, wie es sein sollte. Die Nachlässigkeit im Umgang mit den Patienten, denen Tabletten in den Mund geworfen werden, Wasser hinterhergekippt und einfach aus dem Zimmer gegangen…Bis ich, 15 Minuten später, ins Zimmer komme und die breiig aufgeweichten Reste der verklumpten Tabletten im Mund der Patientin finde, die diese nicht zu schlucken imstande war. Diese Reste mit einem Löffel von Zunge und Gaumen abzukratzen und mit einem (eigens gesuchten) Joghurt noch einmal sehr langsam zu füttern. Den Geschmack möchte ich mir lieber selbst nicht vorstellen.

Allgemein die Langsamkeit dieser Patienten! Ich habe ein eiliges Arbeitstempo, das sie immer wieder ausbremsen, die Aufgaben häufen sich mehr und mehr an, ab und zu geht besagte „Kollegin“ mit einem lockeren „ach, könntest du nochmal…?“ an der offenen Tür des Zimmers vorbei, in dem ich beschäftigt bin, bis ich mir nicht mehr alles merken kann, was ich mir gleichzeitig zu erledigen vorgenommen hatte. Zwangsläufig bleibt der Rest auf der Strecke und verursacht ein dauerhaftes, bohrendes hätte-ich-eigentlich-noch-machen-müssen-Gefühl, verbunden mit der besorgten Hoffnung, dieses Versäumnis meinerseits möge nun keine allzu große Katastrophe provoziert haben. („Habe ich jemanden vergessen, der auf dem Klo saß und nun vielleicht deswegen hinfällt? Habe ich vergessen, irgendwo Blutzucker zu messen und es wird gleich jemand völlig überzuckert in ein diabetisches Koma fallen? Habe ich eine Blutdrucktablette zu verabreichen versäumt und jemand rutscht deswegen in eine hypertensive Krise?“ – verbunden mit all den Dingen, die einem gar nicht mehr detailiert im Gedächtnis bleiben, sondern nur ein diffuses Gefühl der Angst und der eigenen Unzulänglichkeit provozieren.)

Ich beginne wieder, alte Leute zu hassen. Auf der vorigen Station ist das in dieser Form, obgleich es von dementen alten Leuten wimmelt, niemals in dieser Form vorgekommen, hier dagegen passiert es nach weniger als vier Stunden. Es scheinen so viele zu sein, hier, sie bedrängen mich mit ihrer Unfähigkeit und ihrer Bedürftigkeit, und ich bin ganz allein. Als ich auf den Flur sehe und um Hilfe bitten will, ist niemand da. Also erledige ich alles so halb, man würd es wohl „wischi-waschi“ nennen, sage mir, besser ginge es eben nicht und begebe mich schließlich in Richtung Stationszimmer. Hier sehe ich meine „Kollegin“ wieder, die bereits ihre Handtasche unter dem Arm hat und sich anschickt, zum Frühstück in die Cafeteria zu gehen. Nebenbei wirft sie mir zu: „Hast du die Wagen schon aufgeräumt und abgewischt?“

Meine Mund wird zu einem Strich, um nicht zu schreien und zu fluchen. „Ja“, erwidere ich knapp, obgleich ich nichts dergleichen getan habe (wann auch?). Sie wird sie selbst auffüllen und saubermachen müssen, wenn sie vom Frühstück wiederkommt…Ich packe meine Sachen und gehe zurück auf meine Station.

Dort werde ich mit Frühstück empfangen, jemand holt mir einen Teller, ein Messer und Brötchen, während ich geschafft dasitze. „Nun iss mal in Ruhe, und danach kannst du nach Hause gehen! Hier ist heute sowieso nichts zu tun!“ Ich könnte ihnen um den Hals fallen. Nach einer in die Länge gezogenen Mahlzeit voller Schwatz und Marmelade klopfe ich vorsichtig an einige Türen, und da ist sie wieder, die Wehmut: „Herr J., ich wollte nur sagen…heute ist mein letzter Tag…ja, genau, das ist ja nur ein Praktikum gewesen. Alles Gute wünsche ich Ihnen, ich denke an Sie! Danke! Ja, ich Sie auch…“ (Innerliches Seufzen.) Einige Patienten schlafen, und ich nehme leise und unbemerkt Abschied von ihnen. Ein paar von ihnen werden schnell der Erinnerung entschwinden, unbemerkt und lautlos. Ein paar werden mir im Gedächtnis bleiben, und gelegentlich finden die Gedanken zu ihnen zurück, sie werden sich vermischen mit anderen Patienten aus anderen Krankenhäusern, in denen ich schon gearbeitet habe.

Auf dem Weg nach draußen stelle ich mich auf meiner neuen Station vor, kläre Details und stelle einige Fragen…und habe doch keine Ahnung, was mich eigentlich erwartet. Aber es ist Chirurgie! Meine Medizinerseele hüpft!

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