So allmählich wird es dunkler um mich herum, auf dieser Wiese. Uni-WLAN sei Dank. Über mir spannt sich ein blaugrauer Himmel zwischen den schwarzen Silhouetten der Blätter, kein Mensch weit und breit, sogar die Vögel sind inzwischen verstummt. In zwei drei drei Labors brennt noch Licht, doch sogar der Geruch der anatomischen Sammlung (deren Milchglasfenster auf diese Seite des Campus hinausführen) hat sich inzwischen verflüchtigt. Sehr weit weg kreischen Mädchen, die den Abend auszukosten scheinen mit Alkohol und lauter Musik irgendwo hinten bei den Schwesternwohnheimen. Sogar das Gras scheint inzwischen schwarz zu sein, das Display des Laptops wirft blassweißes Licht auf meine torkelnden Hände.

In meinen Ohren Philip Glass.

Es ist Sommer. Nun ist Sommer. Ich kann es wohl unmöglich noch leugnen, und beinahe fürchte ich mich ein wenig davor, so wie ich mich vor dem Erreichen jedes Zenits fürchte.

Im Augenblick, in dem mir bewusst wird, dass es gerade angebracht wäre, das höchste Glück zu empfinden, die Gegenwart ohne Hintergedanken zu genießen, scheint es, als sei etwas im Getriebe defekt, es knirscht und hakt und auf einmal gibt es die ersten Grübeleien über später. Dass es wieder kälter werden könnte, in diesem Fall. Dass ganz allgemein etwas vorbeigehen kann, so gut wie immer. Die Gewissheit, dass nichts für ewig bleibt, verursacht Verlustgedanken ab dem Moment, in dem der Aufstieg überwunden scheint. Das langsame Herantasten an die Sonne, das Ablegen der Jacke, mittags an trockenen Tagen. Auf einmal, Mitte März, eine Wärme, die zum Barfußlaufen einlud und doch ein kurzlebiges Wunder war, welches als solches akzeptiert werden konnte und auf die keine Wut über die darauf folgenden Regentage zu schieben ist. Nun jedoch kann niemand mehr von einem Wunder sprechen, warme Tage im Mai sind warme Tage im Mai, ganz normal und seit Januar langersehnt, weil von jedem insgeheim erwartet.

Dann verfluche ich meinen Mangel an jener Fähigkeit, weniger Gedanken zu haben; weniger zu grübeln, als gut ist.

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