Es ist Sommer, tatsächlich, unbemerkt hat sich der Juli vorbeigeschlichen, heute ist ein Film in meiner Kamera fertig geworden, der erste seit Monaten, ich bin oft müde und arbeite viel, lerne nebenbei – nein, ich kann mich über Leere wahrlich nicht beklagen.

Normal ist das Leben geworden, auf eine Art, die ich würdigen kann und mag; ich bin umgeben mit Dingen und Menschen, mit denen ein durchschnittliches westeuropäisches Individuum in den meisten Fällen umgeben ist, und mir gefällt der Gedanke, dass das alles um mich ist wie ein Netz, eines, in das ich falle, wenn meine eigenen Stricke gelegentlich reißen, was sie durchaus mal tun. Es ist, alles in allem, nicht allzu viel. Eltern und Geschwister, ein Zuhause in dem kleinen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, in dem die Orte meiner Kindheit sind, die Flüsse und Felder und zwei beglückende Kaninchen. Und ein Zuhause in der Stadt, das ich selbst bezahlen muss und in seiner Kleinheit mal beschützt, mal beengt, Freiheit gibt, aber auch nimmt.

Dazu kommen die Leute, mit denen ich zu tun habe und Gedanken, gelegentlich Gefühle austausche, die ich ab und zu sehe, es sind nicht viele, meistens reichen sie mir. Ach, immer und immer wieder muss ich mir vor Augen halten, welche Dankbarkeit in mir sein sollte für diese paar hartnäckigen Menschen, die auch Sendepausen meinerseits ignorieren und mir erhalten bleiben. Ich kann die Liebe, die in mir ist, projizieren, sodass sie nicht eingeht, und dort stößt sie nicht auf Ablehnung. Gelegentlich krault man mir den Rücken.

Es gibt Themen, die besprechenswert sind, kleine, aber deutliche Akzente eines sich ständig ändernden Charakters, die viele für ihre Assimilation beim Kennenlernen benutzen können, die diese kleinen Ecken und Kanten respektieren oder auch nicht und somit als potentielle nähere Menschen für mich einzuordnen sind.

Und dann die Uni – auch in den Ferien omnipräsent, jede Prüfung ein Grund zu zittern, sie schwebt so oft als Big Brother über allen anderen Tätigkeiten. Noch immer dabei und im Rennen, das grenzt an ein Wunder, ein gar nicht kleines. So viele Denkanstöße gibt sie trotz reiner Orientierung am Pflichtstoff, sie beeinflusst mein Welt- und Menschenbild, fördert Toleranz, in manchen Aspekten aber auch die Erkenntnis der Wichtigkeit von Selbstschutz.

Da war neulich der Gedanke, dass dieses Studium – Medizin, auf die allgemeine Frage Fremder oft eher drucksend hervorgebracht – tatsächlich alle anderen Dinge übersteigt, die ich in meinem Leben wollte, und gleichzeitig alle Dinge, die ich vielleicht einmal mehr wollte, im Laufe der Zeit überlebt hat, als recht klarer und langfristig beständiger Wunsch. Dann kam, irgendwann, der Wunsch dazu, ein wandelndes Nichts zu sein, im wahrsten Sinne des Wortes mit der Welt anzuecken und zu diesem Zweck zunächst einmal eckig zu sein. Dieses Begehren hat es tatsächlich geschafft, alle anderen Säulen (denn nichts anderes stellen die oben aufgezählten Dinge dar) nach und nach ins Wanken zu bringen. Diese Mechanismen sind bekannt; wir alle sind wohl schon mit der Materie in Berührung gekommen, haben Dokus über fast durchsichtige junge Mädchen gesehen, die wegen eines Stücks Paprika oder eines Joghurts einen Weinkrampf bekamen und haben selbst zwischen Mitleid, Befremdung und Verachtung geschwankt.

Nun habe ich nicht wegen Paprika geweint. (Wegen Joghurt allerdings schon ab und zu.) Weinen tut man eine Menge als Möchtegern-Lufthauch (welch ein Widersinn eigentlich) und da ist die Erinnerung an solche leidigen Tage, die wirklich vieles versaut haben, sich zu häufen begannen, bis ich irgendwann wusste: Dies ist der erste und vielleicht einzige Grund, der es tatsächlich schaffen könnte, alles ins Wanken zu bringen, was da an Träumen ist. Dann begann das große Abwägen. Natürlich siegt das Herz bei 90% aller und bei 100% aller befriedigenden Entscheidungen über den Kopf, und natürlich kann eine solche Herzsache wie das eigene, praktisch Intimsphäre-kongruente Körpergefühl (Dünnsein), kaum über das eher rationale Wissen triumphieren, dass eins sich auf diesem Wege vielleicht die allergrößte Chance der eigenen Jugend ruiniert.

Hier kam Big Brother ins Spiel; das, was die Uni in meinem Kopf (und meinem Herzen) repräsentiert. Ich bin heute bereit, das als eine Art kleines Wunder anzuerkennen, es womöglich auch übertrieben zu verklären, solange diese Verklärung guttut. Es hat den Anschein, als ob mein Hängen an diesem Studium, diesem Studienplatz, in jeder Hinsicht triumphiert hat über die dümmliche Idee, ein zartes Elflein sein zu wollen – oder, mit anderen Worten, höchstens 49 Kilo zu wiegen, was letztendlich dazu geführt hat, dass ich eine strenge, spitznasige Psychotherapeutin aufsuchte, die diesen „wunden Punkt“ recht schnell gefunden hatte und der zuliebe ich das häufige Gerede über progressive Muskelentspannung, selbstheilende Aura und „Balance“ ertrug. Und lernte. Durchfiel und wieder lernte, und wieder. (Und wieder. Testate kann man unendlich oft wiederholen.) Den ganzen Sommer lang, dann nach dem Winter wieder, bis zu diesem Sommer. Nun stehe ich hier und habe keine offenen Rechnungen, keine Schulden bei mir selbst, und ja, verdammt. Ich bin stolz darauf, mehr wohl, als ich es dem gesunden Menschenverstand nach sein sollte. Ich werde gehen müssen und mich bei meiner Therapeutin bedanken.

Einen Kniefall vor meiner Uni muss ich nicht tun, das habe ich bereits unzählige Male, wenn auch nur in Gedanken, bei einem flüchtigen Blick zurück auf dem Heimweg getan. Falls das Bild nicht schon in irgendeiner Sammlung herumschwirrt: Dies ist die Medizinische Hochschule Hannover, die den Großteil meines Lebens und meiner Lebensplanung bestimmt, ich hasse sie (in einigen Punkten) und ich danke ihr.

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