Heute ist der Abend vor meinem Geburtstag, diesem eigentlich so normalen und doch völlig absurden, überschätzten Tag.

Wie bei allen Dingen ist die schönste Freude die Vorfreude, schon jetzt habe ich es nicht lassen können, mehreren Leuten beiläufig und vermutlich mit kindisch-quietschender Stimme mitzuteilen, dass ich „am Samstag Gebuuurztaaaaag habe“. Das gesamte Wort wird seinem eigentlichen Sinn entrissen, steht ein wenig leer herum, beinahe vergesse ich dabei selbst, dass ich vor soundsoviel Jahren auf die Welt gekommen bin, was vermutlich keine angenehme und auch keine sehr ästhetische Angelegenheit war, sondern im Gegenteil eine Menge Stress und strapazierte Nerven bedeutete. Ganz abgesehen davon, dass dieses Vorkommnis, das alle natürlich ganz toll und bejubelnswert fanden, meine Mutter die Karriere gekostet hat, die sie vielleicht hätte haben können, wenn meine Schwester (eineinhalb Jahre später) ihr erstes Kind gewesen wäre, ein Wunschkind. Vielleicht wären dann ohnehin eine Menge Dinge einfacher gewesen.

Mein Vater hätte in Ruhe zu Ende studiert und nicht zwei Jahre lang mit Müh und Not und einer Doktorandenstelle versuchen müssen, zwei weitere Menschen über Wasser zu halten, vielleicht hätten meiner Mutter und er nach seiner Promotion mehr Muße gehabt mit der Frage, wie es nun weitergehen solle. Vielleicht würden sie dann beide noch heute in Hamburg leben und arbeiten, statt arbeitsbedingt 200 Kilometer nach Süden ziehen zu müssen, und hätten zwei Kinder, die nicht meiner Schwester und ich gewesen wären. Vielleicht würden die beiden auch Medizin studieren und sich wünschen, irgendwann mal (nach einer Kindheit in einer Großstadt) geflegt je zwei Kinder in die Welt zu setzen (natürlich erst mit über 30) und ins Grüne zu ziehen.

Ich wünsche mir keine Kinder. Ich kann mir mich selbst nicht vorstellen beim Ausrichten von Partys mit Papierhüten, mein Veganertum schließt Spiele wie Eierlaufen eher aus, ohnehin würden meine vegetarisch/vegan ernährten Kinder entweder verhungern oder ich würde mich gezwungen sehen, sie aus dem Haus zu werfen, wenn sie anfangen, im Alter von 12 Jahren mit ihren Freunden aus Trotz bei „McDonald’s“ zu essen. Ich würde zusammenbrechen und anfangen, mich selbst und sie gleichartig zu hassen, noch ehe sie Fahrrad fahren könnten, vermutlich noch ehe sie vollständige Sätze bilden könnten.

Ich müsste dankbar dafür sein, ein Kind gewesen zu sein und es so lange sein zu dürfen, wie es mir beliebt, auch jetzt noch, und alle kindlichen oder kindischen Eigenschaften langsam und nacheinander ablegen zu können. Noch immer sind nicht alle davon verschwunden, vermutlich werden sie es auch nicht in näherer Zukunft, und es ist ein Luxus meines westlichen Lebens, dass die Gesellschaft, in der ich lebe, es mir erlaubt, meinen Egoismus feiern zu dürfen und mich „selbst zu verwirklichen“, selbst wenn diese Egozentrik einigen (vielen?) meiner Mitmenschen auf die Nerven geht. „Tut mir Leid, aber ich bin eben so (…)“

Meine Familie, an die ich normalerweise nicht so oft denke im Alltag, wenn ich nicht gerade Ferienjob-bedingt zu Hause wohne, scheint zur Zeit meines Geburtstags unerwartet wieder an Bedeutung zu gewinnen. Das mag nur eine sentimentale Masche sein, vielleicht wird mir bewusst, dass ich die Menschen brauche, die mein Leben so nachhaltig (und wohl nicht nur zum Guten) verändert haben. Noch viel mehr hat es aber wohl mit dem Verfallen in Kindheitsverhältnisse zu tun, das ich am Anfang dieses wirren Beitrags kurz angerissen habe. Geburtstage und Weihnachten wiederholen sich jedes Jahr in einer derartigen Regelmäßigkeit, dass sie wie Meilensteine zwischen allen anderen Veränderungen stehen, es ist, als sei keine Zeit vergangen, zumindest fühlt es sich für mich so an. Neuerungen fallen mir zwar auf, spielen aber in der Gesamtsymbolik keine größere Rolle.

Irgendwann stand fest, dass ich für meinen Geburtstag eine Jacke brauchen würde, weil ich selbst immer zu geizig bin, um solche teuren Dinge anzuschaffen. Als ich sagte, dass ich „mir mal eine suchen“ würde, war meine Mutter enttäuscht und deutete mehr als dezent an, dass sie gerne mit mir zusammen losgehen würde, um eine auszusuchen. (So etwas lässt sich leider schlecht als Überraschung planen, insbesondere mit so kapriziösen Kindern wie mir, die keine Stangenware aus wollen.) Erst, nachdem sie das gesagt hatte, wurde mir klar, wie unendlich traurig und trostlos es gewesen wäre, alleine (!) nach etwas zu suchen, was ich zum Geburtstag haben möchte. Ich habe niemals mit so etwas ein Problem, aber etwas in mir ist sieben oder acht Jahre alt und furchtbar einsam und liebes- und gesellschafts- und familienbedürftig, wenn es um meinen Geburtstag geht.

Dieses Ereignis reißt alle meine Schutzpanzer des Alltags auf und legt die empfindlichen Nervenleitungen bloß, macht mich emotional wie kaum einmal, weil ein Haufen Erwartungen auf ein paar kleinen Stunden liegt, die diese Last kaum zu tragen vermögen. Vermutlich werde ich morgen mindestens einmal weinen. Ob aus Enttäuschung oder aus Freude, das wird sich noch herausstellen. Ach.

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