Ich bin selten wirklich anwesend, wenn ich im Internet bin. Dort verbringe ich normalerweise etwa die Hälfte meiner Tage, und ich fühle mich „offline“ ein wenig verloren und haltlos ohne die Möglichkeit, Dinge schnell und unkompliziert nachsehen zu können.

Doch es gibt diese Menschen, die dem Internet, die anderen passiv Lesenden (wie mir) und zufällig-darüber-Stolpernden etwas geben, sei es irgendeine beliebige Art von Text; die die Fähigkeit haben, Gedanken entweder sehr schnell oder sehr geduldig zu formulieren und denen es vielleicht auch in gewisser Weise hilft, sie auf diese Weise niederzuschreiben und hochzuladen. Einige möchten vielleicht gern gelesen werden, anderen ist es eher egal.

Und ich dümpele dazwischen herum, bin ziellos und auch im Internet nicht so richtig willkommen, trage nichts bei und schiele beim Verfassen von Texten immer nur  auf die „Anzahl der Wörter im Text“ (gerade: 135). Wahrscheinlich bin ich einfach nicht dafür geschaffen, vieles mit anderen zu teilen, oder da ist einfach nicht sehr viel, auf jeden Fall nicht genug Teilenswertes, die Blogposts sind erbitterte Kämpfe mit der eigenen Schreibfaulheit und dem gleichzeitig existierenden Gefühl, wahnsinnig zu werden und innerlich vollständig zu verkümmern, wenn nicht zumindest manchmal die Initiative ergriffen wird, um etwas zu strukturieren, zu schaffen, zu schreiben. Es ist – kurz gesagt – ein Trauerspiel. Und dennoch bleibt dieser Blog so halb am Leben, immer irgendwie mitgeschleift für die nächste einsam-ruhige und pseudokreative Nacht, in der ja möglicherweise doch noch einmal etwas zustande kommt, worauf ich mich dann wieder mehrere Wochen ausruhen kann.

Es gibt dieses ekelhafte Gefühl von Unproduktivität, das vermutlich hauptsächlich aus der (übertriebenen) Annahme stammt, andere Leute hätten, so etwas wie einen natürlichen, permanent aktiven Quell von Kreativität. Dieser muss nicht einmal besonders schnell oder groß sein, es reicht ja eine gewisse Beständigkeit, um diese Person, sofern sie nicht von selbst dauernd schreibt oder sich sonstwie schöpferisch auslebt, mehr und mehr mit Ideen und Gedanken anzufüllen, die dann über kurz oder lang von selbst ihren Weg in die Welt finden. Das Trugbild in meinem Kopf ist also, dass alle (außer mir natürlich) von sich aus den Drang haben, sich der Welt mitzuteilen, und das auch noch auf ästhetisch-ansprechende Art und Weise; dass selbiges natürlich auch von mir erwartet wird, die ich vollkommen unfähig bin, solche Erwartungen auch nur im Ansatz zu erfüllen. Am liebsten möchte ich Mäuschen sein im gesamten Internet, niemanden wissen lassen, dass ich überhaupt da bin, um ja nicht unter dem Druck zu stehen, auch mal selbst irgendetwas beizusteuern zu alledem, was ich tagtäglich konsumiere.

Und weil mich dieser permanente Konsum krank macht, schreibe ich, auf ekelhafte Art und Weise, subjektiv, vollkommen metaphernlos, lieblos, hingerotzt, eigentlich nur für mich selbst. Als eine irrationale Legitimation für den ganzen Rest, als Erfüllung von eingebildeten Erwartungen, um mich selbst nicht so sehr hassen zu müssen, gelegentlich. Weil ich nicht das Zeug dazu habe, um die „Stille und Geheimnisvolle“ zu sein, die ich so gern in anderen sehe, und die ich dafür  ebenso sehr hassen könnte. Laut und faul zu sein, das ist keine gute Kombination.

Heute Nacht scheint der Mond, derartig strahlend hell, dass die Bäume  gespenstische Schatten auf den gespenstisch schimmernden Asphalt werfen und die gesamte Nacht wirkt wie ein seltsam verkorkster Tag mit einer verhinderten Sonne. Meine Kaninchen sitzen irritiert und hellwach in ihrem Stall und rühren sich kaum von der Stelle, die Frösche sind schon seit längerer Zeit verstummt. Die Kälte kriecht unter die Kleider und sagt der Faszination angesichts dieses Gusses aus weißem Licht den Kampf an.

Ich sitze im Haus und suche (im Internet, wo sonst) nach Photographie von Edward Hopper; weiß, dass es sie gibt, finde aber keine und bin irritiert, ob das Wissen um die Existenz früher „Fotokunst“ Hoppers nicht nur Einbildung gewesen sein könnte. Doch da sind genaue Kopfbilder, die unmöglich erfunden sein können, wenn ich sie nur fände, wenn, wenn… Es ist fehlbar, das Internet. Das ist eine gruselige Vorstellung; dass all die Quellen, auf die ich mich in Diskussionen und auch in alltäglichen, stillen Gedankenspielen verlasse, ebenso gut manipuliert oder schlicht erfunden sein könnten und alles, was ich anderen davon erzähle, nicht wahr ist. Dass diese das jedoch nicht hinterfragen, sondern es ebenso weitertragen, dass ich somit selbst Schuld sein könnte an einer gewissen Ausbreitung von falschen Tatsachen, Gerüchten und Irrglauben. Dieser Gedankengang lässt sich endlos fortsetzen in einer zerfressenden Reihe von Was-wäre-wenn-Spielen, die alles noch Verlässliche auf einmal ins Wanken bringen.

Doch ich brauche es, diesen virtuellen Rahmen, der ein Café ist voller Menschen, die sich dort zu Hause fühlen, sich mit hippen Accessoires dort einrichten und kreativ sind. Ich sitze an einem Tischchen an der Wand und trinke alleine einen Tee, innerlich schon mit dem Gedanken beschäftigt, wann ich wieder gehen kann, ohne dass es komisch wirkt. Ich bin viel im Internet, jedoch selbst eher avirtuell.

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