Als ich klein war, spielten wir gelegentlich, wir seien Hexen; wir hatten kleine Reisigbesen, die uns unsere Eltern im Urlaub in Schweden gekauft hatten und die niemals zum Fegen benutzt wurden, sondern eigentlich ausschließlich zum Fliegen. Wir hatten drei Grundstücke, über die wir flogen, mit Sprüngen über die kleinen Buchsbaumhecken, die den Weg dazwischen säumen (und manchmal auch in die Buchsbaumhecken, was nicht so erfreulich war), dazwischen kein Zaun. Irgendwo im Garten war ein kleiner Plastikpflock, der die Grundstücksgrenze markieren sollte, doch irgendwann erwischte ihn meine Mutter mit dem Rasenmäher, seitdem ward er nicht mehr gesehen. Unser eigenes Grundstück ist weit hinter der Straße, angebunden an ein großes, das vorne liegt, und neben einem, das so groß ist wie die beiden anderen zusammen.

Im vorderen Grundstück lebten zwei alte Leute, deren Tochter mit ihrem Mann „unser“ Haus gebaut hatte, aber sich dann von ihm hatte scheiden lassen, sodass irgendwann meine Eltern, zwei recht junge Stadtmenschen mit zwei kleinen Kindern, dieses Haus kauften.

Hier bin ich aufgewachsen.

An den ungemütlicheren Tagen, besonders im Winter, verschlug es uns häufiger nach nebenan, in die kleine Küche des uralten Fachwerkhauses an der Straße, die von einem Kohlenofen gnadenlos überheizt war (schließlich musste auch der Rest des Hauses etwas abbekommen), wo wir herumsaßen und heimlich hofften, dass unsere alte Nachbarin ins Nebenzimmer ging und uns „Bollsche“ holte: Nimm-2-Bonbons aus einem großen Glas, das sich wundersamerweise von selbst nachuzfüllen schien. Ich aß grundsätzlich orange, meine Schwester gelb.

Wenn wir Glück hatten, sahen die alten Leute fern und wir lümmelten uns mit ausgestreckten Beinen auf der Plüschcouch und genossen diese Tätigkeit, die uns unser Zuhause in Ermangelung eines Fernsehgerätes nicht bieten konnte. Wenn nichts interessantes lief, durften wir KiKa sehen, und ich erinnere mich, dass wir ansonsten oft Skispringen ansahen (obwohl mich Skispringen bis heute nicht die Bohne interessiert) und dabei Kekse aßen. Manchmal wurden wir von unseren Eltern dort geparkt, wenn sie Wichtiges zu tun hatten. Mein Leben lang wurde ich nicht einmal von einem_r „Babysitter_in“ gehütet, soweit ich mich erinnern kann.

Der Garten dieser alten Leute bestand zu einem Großteil (also etwa der Hälfte) aus einem Beet, in dem Folgendes wuchs: Erdbeeren, Karotten, Lauch, Kartoffeln, Zuckererbsen. (Sicher habe ich etwas vergessen.) Die Pflanzen waren in Reihen nach Größe geordnet. An mehreren Stellen des restlichen Gartens gab es Himbeeren, die an einem Spalier wuchsen, Obstbäume und einige Johannisbeersträucher. Wir rissen uns um die Erdbeerernte und die der Zuckerschoten, an den restlichen Sträuchern räuberten wir, was das Zeug hielt, auch weit vor Erntezeit.

Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, stürzte die alte Frau, während sie gerade die Wäsche aufhängte; mein Vater sah es und sprintete aus dem Haus. Ich verstand die Aufregung nicht, sie war nur auf die Knie gefallen, als sei sie gestolpert. Sie kam ins Krankenhaus, blieb eine Weile dort und kam wieder nach Hause. Irgendwann kam sie wieder ins Krankenhaus und ein paar Tage später holte mich meine Mutter vom Bus ab und erzählte, dass sie gestorben sei. Ich war so trotzig, dass ich deswegen nicht geweint habe, auch bisher nicht. Es wird schwierig sein, wegen eines Menschen zu weinen, der schon seit Jahren tot ist und an den man nur verschwommene Erinnerungen hat, also versuche ich es nicht.

Als nächstes erinnere ich mich, dass das Beet allmählich verkleinert wurde, weil es für meinen Nachbar schwer wurde, es allein mit zunehmendem Alter zu bewirtschaften. Zum Schluss war noch ein Streifen übrig, auf dem frei gewordenen Stück spielten wir manchmal „Federball über die Wäscheleine“. Seit einigen Jahren ist es ganz weg, dafür ist dort nun viel Rasen. Er hörte auf, seine Kirschen selbst zu ernten, dafür stellte er ein paar jüngere Leute an, die in den großen Kirschbäumen herumkletterten. Einer der Kirschbäume wurde zu alt und musste „umgemacht“ werden, was mir nicht ungelegen kam (früher hatte ich Alpträume, eben dieser Baum würde brennend umfallen und uns dem Weg aus dem Garten versperren), dafür wurden mehrere kleine Apfelbäume gepflanzt, die noch heute klein sind. Er hörte auf, seine Pfingstrosen zu ernten und noch im Knospenzustand auf dem Markt zu verkaufen, stattdessen blühten sie im Garten in ihrer vollen Pracht auf und verwelkten dann. (In einem der frühesten Blogbeiträge ist ein Foto ebendieser Pfingstrosen.)

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Dann ging ich weg für ein Jahr, und konnte den Gedanken nicht vertreiben, dass ich mich vielleicht zum letzten Mal in der Gartenlaube verabschieden würde, mit sehr lauter Stimme, jedes Wort betonend. Es war ein halb von Sensationslust getriebener Gedanke und ich schäme mich bei der Erinnerung daran, aber vertreiben ließ er sich dennoch nicht. Mein Nachbar pflegte dazusitzen und mit einer Lupe die Regionalzeitung zu studieren und jedes Mal, wenn ich in der Laube vorbeischaute, konnte ich es nicht lassen, mir die harten Stacheln der riesigen Aloe-Vera-Topfpflanze in die Fingerkuppen zu drücken. Ich muss 16 Jahre alt gewesen sein, als ich das Aufzieh-Blechhuhn von seinem Stammplatz im Eckregal in die Hand nahm, den kleinen Vierkant darin drehte und es über den Tisch wackeln ließ, fasziniert davon, dass es nach Jahren des unberührten Herumstehens noch nicht eingerostet war, doch vermutlich war dasselbe auch schon viele Jahre vor meiner Geburt der Fall.

An Weihnachten luden meine Eltern jedes Mal Nachbarn der beiden anderen Grundstücke ein, „für eine Stunde“ herüberzukommen, auf Tee und Kekse, nach der Bescherung, sodass für uns Kinder eine kleine zweite Bescherung stattfand. Zumindest war das ab irgendeinem Jahr so, denn so lange hatte die Tochter meines alten Nachbarn gebraucht, bis sie wieder einen Fuß in dieses Haus setzen konnte und wollte, in dem sie selbst einmal gelebt hatte und mit dem sie wohl nicht nur gute Erinnerungen verband. Eines der spätesten Bilder der alten Frau ist es, wie er sie vorsichtig die Treppe vor unserer Haustür hinuntergeleitet und sie unten angekommen ihren Arm in seinen hakt, wie die beiden sehr langsam den Gartenweg zurück zu ihrem eigenen Haus gehen, zwischen den Buchsbaumhecken im schwachen Licht der Gartenlaternen. Einige Jahre später war es ein ähnliches Bild, nur dass nun seine Tochter ihn die Treppe vor der Haustür hinuntergeleitete und ihn danach stützte, um mit ihm sehr langsam den Gartenweg zum alten Fachwerkhaus an der Straße entlangzugehen, nachdem er irgendwann gesagt hatte, er könne nun nicht mehr und er wollt „mal nach’m Bette“.

Er ist nun irgendwann im Dezember gestorben (ich habe es ewig nicht fertiggebracht, diesen Blogpost fertigzuschreiben), ich war gerade im Studentenwohnheim, als meine Mutter mir eine Mail schrieb und ich rief zurück und weinte, und meine Mutter weinte, und bei der Beerdigung weinten so ziemlich alle (bis auf mich, weil ich der blöden katholischen Kirche, in der wir saßen, diese Genugtuung nicht geben wollte), meine Geschwister und die ganzen Leute aus dem Dorf, die ich kenne, seit ich klein bin, aber immer nur flüchtig. Wir saßen im Restaurant des Schwimmbades unserer Kleinstadt hinterher, es gab nichts, was ich veganismusbedingt hätte essen wollen, meine Schwester und ich unterhielten uns mit halbfremden alten Menschen und am Ende, als die anderen gegangen waren, noch mit der Familie meines Nachbarn: Seiner Tochter, seiner Enkelin, ihrem Mann und ihrem Sohn. „Weißt du noch“, sagte seine Enkelin zu mir“, als du das letzte Mal weggegangen bist und wir waren gerade alle im Garten und du bist nochmal hingegangen und hast Tschüss gesagt, obwohl du es eilig hattest. Als ob du…als ob es…“

(Natürlich ist es Humbug, ich bin nicht extra hingegangen und habe Tschüss gesagt, weil ich eine Ahnung hatte, dass er bald sterben könnte, sondern nur, weil man mir beigebracht hat, respektvoll zu den Leuten im Dorf zu sein und Höflichkeit zu wahren, und auch, weil ich wusste, dass es nur noch so schlecht sah, dass er mich kaum bemerkt hätte oder mich zumindest nicht hätte einordnen können. Deswegen bin ich am Kirschbaum vorbeigesprintet und habe ihm die Hand gegeben, statt nur im Vorbeigehen zu rufen, bevor wir zum Bahnhof fuhren, um den Zug zu kriegen.)

Danach gingen wir durch die leeren Straßen zu unserem Auto zurück und mein Vater sagte in die Stille hinein: „Nun ist er wirklich nach’m Bette gegangen.“

Das hatte ich auch schon die ganze Zeit gedacht.

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