Hach, ich bin so professionell geworden – zumindest kann ich ansatzweise so tun, als ob.

Eigentlich wollte ich damit herausplatzen, dass ich tatsächlich glaube, so etwas wie ein “Steckenpferd” gefunden zu haben, ein Fachgebiet, von dem ich nicht immer nur leer rede, sondern das mich wirklich interessiert. Ein Monat ist vergangen, seit ich wieder Uni habe, es stehen schon wieder Prüfungen an, ich werde wie immer schlecht abschneiden (falls ich sie überhaupt bestehe), und ich fürchtete schon, alles zu vergessen, was ich noch erzählen wollte.

Ob es nicht schlimm sei, mit Krebspatien_innen zu tun zu haben. (Natürlich sagen alle nur “Patienten”, genauso wie konsequent “Ärzte” und “Schwestern” gesagt wird. Oh ja, inmitten all des verwirrenden Fortschritts der Sprache steht die Medizin als eine der letzten Bastionen, in denen noch jede_r ungestraft und selbstverständlich diskriminieren darf.) Dann sage ich meistens, dass es eigentlich nicht schlimm war, meistens. Vielleicht bin ich so gefühlskalt, vielleicht auch wie geschaffen für den Umgang mit leidenden Menschen, vielleicht hängt auch beides miteinander zusammen; das wäre mir am unangenehmsten. Vielleicht lag es auch nur an der freundlichen Atmosphäre, die mir entgegenwehte wie die Luft aus einem Fön, dass alles andere mir nicht so schlimm vorkam.

Die Selbstverständlichkeit, mit der das Leiden dieser fast 20 Menschen behandelt wurde, war so eine “aus Gewohnheit”. Es gibt diesen festen Horizont von therapeutischen Möglichkeiten, und danach ist eben das Repertoire erschöpft, da kann eben nichts getan werden, und dies schien beiden Seiten bewusst zu sein und wurde auch nicht angezweifelt. Vielleicht mag ich das so sehr, dass es recht feste Schemata gibt, und wenn Entscheidungen anfallen, muss eins sie nicht immer ganz allein treffen. Wenn Fehler passieren, hat das meist eher mit Vergessen oder mangelnder Kommunikation zu tun. Und dennoch ist es keine kalte Stimmung, die herrscht, die Menschen werden nicht wie am Fließband abgefertigt, irgendwo ist da doch immer Sorge um sie.

Eine Ärztin sagte einmal auf dem Weg zum Mittagessen, dass sie morgens aufwacht und überlegt, was sie heute mit welchen Patienten machen muss; dass sie das eigentlich nervt. An einem ruhigen Tag bekamen wir Besuch von einer, die lange auf “meiner” Station gearbeitet hatte, die Zeit hatte und einfach vorbeikam, dann saßen sie zu dritt am Computer und guckten im Intranet alle Patienten nach, die sie kennen und die gerade auf Intensiv liegen. Ob sie noch leben, und wenn ja, ob sie noch intubiert sind. In der Hämatoonkologie kommen und gehen die Menschen, sie sind wie Bumerangs. Wenn ich länger geblieben wäre, hätte ich alle, die gingen, garantiert nochmal getroffen. Sie kriegen einen Chemozyklus stationär, Betreuung danach, erholen sich langsam, und fahren irgendwann für einige Zeit “Pause” heim. Dann kommen sie für den nächsten Zyklus, werden wieder aufgenommen, alles beginnt von vorn. Wenn ich Krebs hätte, bräuchte ich das wohl auch. So viel Zeit im Krankenhaus zu verbringen muss noch viel ekelhafter sein, wenn eins nichtmal vertraute Gesichter hat, weil alle immer wechseln. Aber so war es etwas anderes.

An einem Tag wurde eine Aufnahme angekündigt, die aus einem anderen Krankenhaus kam wegen unklarer Hypermenorrhoe. Eine Frau, die elf Tage lang ihre Periode hatte und sich deswegen untersuchen ließ, dabei kam eine “eklatante Verminderung aller drei Zellreihen” heraus (Erys, Leukos und Plättchen), mit “akutem Verdacht auf ernsthafte Erkrankung!!”. So stand es ernsthaft im Überweisungsschein und im Dienstzimmer wurde herzlich gelästert. Die Frau hatte eine Freundin dabei, war dick und trug eine Kobmination aus rot, grasgrün und Ringelstrümpfen, sie lächelte und erzählte, dass sie seit zwei Jahren wieder rauche, dass sie in psychologischer Behandlung sei, dass sie Freiberuflerin sei. Was genau, wurde zuerst gar nicht gefragt. Sie war die erste, bei der ich sozusagen die “Abfolge” von Schritten miterlebt habe, die am Anfang einer solchen Erkrankung stehen. Sie wurde mehr oder weniger sofort stationär aufgenommen, ihre Freundin holte ihr Kleidung von zu Hause, sie bekam eine Knochenmarksbiopsie. Sprich, auf dem Bauch liegen, örtliche Betäubung am hinteren Hüftkamm (da, wo diese Kuhle oberhalb des Pos ist), mit einer großen Nadel den Knochen durchbohren und das flüssige Mark aspirieren. Das tut weh, und je jünger die Menschen sind, desto härter sind ihre Knochen, das ist richtig zu spüren. “Meine” Nanny-Ärztin, so klein und zierlich, war ziemlich erschöpft danach. Mit dem Knochenmark werde Ausstriche auf Objektträgern gemacht (schnell, sonst gerinnt es), die kommen dann ins Labor und werden mikroskopisch untersucht.

Nun kam also heraus, dass ihr Knochenmark praktisch nur noch aus Blasten besteht, also unreife Blutzellen, die nichts taugen und alles verstopfen, sodass keine richtige Blutbildung mehr stattfinden kann…eine ziemlich typische Leukämie, außer, dass sie einen fiesen Typ hat (hatte?), der schwer therapierbar ist. Ich durfte bei der Diagnosemitteilung dabei sein, und stand/saß ewig lange mucksmäuschenstill in der Ecke, um nicht zu stören; sie weinte und ihr Bruder, riesig und bärtig, saß verwirrt daneben, ich habe alle Infohefte geholt, die es auf der Station gab. Sie fragte, ob sie denn in etwa vier Monaten halbwegs fit sein könnte, weil sie keine feste Arbeit hat. Darauf fiel der Satz: “Ich kann sie ewig lang krankschreiben, so lange Sie möchten.” – “Nein”, sagte sie, “ich bin Sängerin. Ich muss auftreten.”

Aber es ist utopisch, in so einem Fall. Noch immer stehen auf ihrer Website (ja, ich bin eine Stalkerin) die Termine dieses Sommers, bei denen sie garantiert nicht aufgetreten ist, und ich kann es mir nur so erklären, dass sie wohl anderes im Kopf hat, als ihre Website jetzt zu aktualisieren. Sängerin!, denke ich immer wieder. Ich habe Aufnahmen von ihr gehört (wie auch der Rest der Personals auf Station, wir sind alle Stalker), und sie sind so unglaublich viel besser, als ich es jemals können werde. Natürlich ist diese Frage müßig, aber sie taucht dennoch manchmal auf; warum denn ausgerechnet so jemand so etwas kriegen muss. Es erscheint so ungerecht. Immer, wenn ich danach bei ihr im Zimmer war, zum Blutnabnehmen, war ich  ein wenig ehrfürchtig und manchmal extrem trottelig deswegen. Equipment vergessen, dreimal gelaufen, ZVK versehentlich zweimal angespült, sterile Verpackungen nicht aufgekriegt, nichts schlimmes, aber dennoch peinlich.

Da ist ein älterer Mann gewesen, der Atemnot hatte. Er kam mit einer Sauerstoffsättigung von 85% (ich keuche bei 97%), weil seine Erythrozyten so niedrig waren. Nach etwa 10 Ery-Konzentraten ging es ihm besser, aber seine Leukämie-Diagnose hatte er trotzdem, und mit über 70 waren seine Chancen, die Chemoterapie zu überleben, recht gering. Als jemand ihm die Möglichkeit einer palliativen Therapie erklärte, sagte er gar nichts, und seine Frau neben ihm wäre dem Arzt fast an den Hals gesprungen, dass er es wagen konnte, den Vorschlag zu machen, ihren Mann “einfach sterben” zu lassen. Ich glaube, sie hat die ganze Zeit hindurch trotz vieler Erklärungsversuche das Prinzip nicht verstanden, also entschieden sie sich für die kurative Möglichkeit, und als meine Famulatur zu Ende war, lag er auf der Intensivstation im Sterben, weil durch die Toxizität der Therapie seine Organe nacheinander versagten. Das weiß ich aber nur noch aus Erzählungen; gesehen habe ich ihn da nicht mehr. Ich habe in der Zeit ein wenig drüber nachgedacht, ob ich, wenn mir so etwas jemals passieren sollte, mich selbst als jüngere Person für einen kurativen Therapieansatz entscheiden würde, wenn dieser nicht 100% Effektivität verspricht. Vielleicht sollte ich das einfach hinnehmen und auf eine nettere Art sterben als…naja, so.

Dennoch sind diese Gedanken müßig: Höchstwahrscheinlich würde ich verzweifelt alles in Anspruch nehmen, was mir angeboten würde an Therapie, Schmerzmitteln, Erleichterung. Ich vermute, wenn jemand mir sagte, dass ich für die gesamte Dauer der Erkrankung in ein künstliches Koma versetzt werden könnte, würde ich auch das mit Kusshand bejahen. Denn sich solche heroischen Gedanken zu machen, ist immer leicht, wenn eins nicht wirklich in der betreffenden Situation ist…

Nächste Woche lesen Sie : Warum ich immer vehement behaupte, niieeemals Kinder haben zu wollen, und warum es eventuell doch passieren könnte. Und warum ich jetzt wahrscheinlich trotzdem eine Abtreibung in Anspruch nehmen würde. Warum ich über Leute meckere, die mir ihr glückliches Pärchenleben ins Gesicht klatschen, obwohl ich selber eins habe, mit dem ich versuche, nicht so aufdringlich hausieren zu gehen (was mir vielleicht nicht immer gelingt, weshalb ich anderen damit trotzdem auf die Nerven gehe).

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