Es ist Herbst, ich habe im Herbst Geburtstag, und weil ich es mir so sehr gewünscht habe, haben meine Eltern für mich bei Ebay eine digitale Kamera ersteigert. Von einem sehr netten Hobby-Journalisten und Hobby-Journalismus-Fotografen (d.h., glaube ich, er hat immer mal wieder Themen recherchiert und ausgearbeitet und das dann Zeitungen angeboten), der sie uns schickte mit allem, was dabei war. Das zweite Objektiv, ein Tele, habe ich noch gar nicht ausprobiert, aus Furcht, sowieso nichts Gutes damit anfangen zu können. Er ist starker Raucher, dementsprechend riecht alles.

Es ist Herbst, und ich bekomme eine unglaubliche Angst vor allem, was mich erwartet. Dazu gehören die Dinge, die drinnen stattfinden. Unendliche Zugfahren, Busfahrten, Autofahrten, hunderte und tausende Kilometer, die ich vernichten werde allein aus der Notwendigkeit heraus, um da sein zu können, wo ich sein will, und dann auch wieder dahin zu kommen, wo ich sein muss. Immer abwechselnd. Dazu gehört die Ungewissheit, was aus meinem Promotionsprojekt werden wird, welches gerade erst im Anlaufen ist, für das ich versuche, geregelte Arbeitszeiten zu akzeptieren, Überstunden zu machen, mich nicht zu beklagen und mich in etwas einzufinden, das wohl einen Vorgeschmack auf mein ganzes späteres Leben darstellt. Für das ich komplizierte, wissenschaftliche, englische Texte lesen muss und versuchen, mir komplexe Sachverhalte selbst mithilfe von bunten Grafiken aus dem Internet beizubringen. Und dann auch noch selbst denken, analysieren, mir Sachen ausdenken und sie präsentieren, nicht dumm dastehen. Dabei habe ich eine Schreibhemmung, wenn es um so etwas geht. Ich habe es nicht einmal geschafft, in der Schule eine vernünftige Facharbeit zu verfassen. Wie kam ich auf den grandiosen Gedanken, mich an eine Doktorarbeit zu setzen? Wollte ich das, oder wollte ich nur mir und allen anderen um mich herum etwas beweisen? Wieviel „arrogante Naturwissenschaftlerin“ ist in mir, die das Wort „Work-Life-Balance“ am liebsten in die Tonne treten würde, um zum passionierten Workaholic zu mutieren? (Leider stehen mir hierfür zu viele persönliche Bedürfnisse im Weg.) Ich bemühe mich also, einfach nicht aufzugeben und es Beppo Straßenkehrer nachzutun, der einmal atmet, fegt und wieder atmet und so allmählich seine 100.000 Stunden abarbeitet. (Soviel wird vermutlich meine ganze Promotion nicht an Zeit einnehmen, schließlich bin ich angehende Medizinerin.)

Es ist Herbst, und ich fürchte mich vor den fallenden Temperaturen und noch viel mehr vor der Dunkelheit. Ich gehöre wohl zu den Menschen, die alles Licht gierig in sich aufsaugen, gedämpfte Lampen hassen (außer in Cafés und Restaurants) und Panik bekommen, wenn sie sich in Räumen mit funzeligen Energiesparlampen befinden, die nicht heller gedimmt werden können. Ich kann morgens nicht aufstehen, wenn kein Licht in meine Zimmer fällt. Ich schlafe konsequent ohne Vorhänge. Doch bald bräuchte ich die gar nicht mehr, denn es wird dunkel sein, wenn ich nach Hause komme und dunkel, wenn ich morgens das Haus verlasse, und dazwischen sind einige sehnsüchtige Blicke aus dem Fenster und der verfrorene Gang zur Mensa. Es gibt Therapieleuchten für Menschen mit saisonaler Depression. Ich habe kein Geld für so etwas und bekäme wohl auch keine Krankenkasse dazu, so etwas zu finanzieren, also tröste ich mich mit dem gelegentlichen Komfort überheizter Räume.

Am Wochenende war ich in Strasbourg, was wirklich eine menschenfreundliche Stadt ist. Sie ist barrierefreier als alles, was ich aus Deutschland kenne, multilingual (Die Namen der Pflanzen im Botanischen Garten waren auch auf deutsch vermerkt), hat viele kostenlose Angebote, ein gut ausgebautes ebenerdiges Verkehrsnetz und Unmengen von günstiger Wohnfläche im Innenstadtbereich (was, zugegeben, auf Kosten der optischen Attraktivität geht), wodurch Gentrifizierung vermieden wird.

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(Wer sagen kann, was die grüne, schrumpelige Frucht ist, bekommt einen Orden.)

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