Ich habe eigentlich wirklich Lust, von meiner angefangenen Promotion zu erzählen, auch auf die Gefahr hin, dass es ausschließlich langweilig wird. Vielleicht, weil ich mich immer noch irgendwie privilegiert fühle, dass ich diese, tatsächlich diese Stelle bekommen habe, weil ich scheinbar die einzige Person auf der großen weiten Welt bin, die das spannend findet. Abgesehen von meinem Doktorvater, allerdings wundere ich mich manchmal ohnehin, ob er der menschlichen Spezies angehört, oder ob er irgendwann einer Zellkultur entstiegen ist, die mit Eppstein-Bahr-Viren behandelt wurde, um ihr Superkräfte zu verleihen.

Ich habe diese Stelle nun seit über einem einem Jahr sicher, und seit über einem dreiviertel Jahr arbeite ich hier jeden Tag, und ich habe noch nie wirklich darüber gebloggt. Anfangs war alles noch so unsicher: Ich erfuhr von einem Programm zur Promotion für Mediziner_innen, das an meiner Uni angeboten wird, dann erfuhr ich noch ein wenig mehr, ich schleppte eine arme, unbeteiligte Person zu einer schnarchlangweiligen Infoveranstaltung, ich traute mich nicht. Damals nahm ich psychologische Beratung für Studierende in Anspruch und der innere Widerspruch aus Faszination und grandioser Angst führte dazu, dass ich eine ganze Stunde lang mit der Psychologin in ihrem Büro saß und lamentierte, Flyer für Bewerbungstraining durchging und aus dem Fenster sah. (Nach den Stunden bei ihr erinnere ich mich am allerbesten eigentlich an den Blick aus dem Fenster, das ging mir bei der „echten“ Psychotherapie auch so, ich muss wirklich eine dämliche Art der Gesprächsführung haben.)

Ich bewarb mich auf letzten Drücker und sehr unorganisiert. Mein Mitbewohner musste, von mir telefonisch gesteuert, mein Zimmer auf den Kopf stellen und meine Physikums-Bescheinigung finden, einscannen und mir schicken, weil ich sie vergessen hatte, bevor ich für einen Monat wegfuhr. So schaffte ich es gerade noch rechtzeitig, vor der Deadline meine Unterlagen einzureichen. Es stellte sich heraus, dass das gar nicht nötig gewesen wäre, denn alle Bewerber_innen wurden  ohnehin ins Programm aufgenommen und der wirklich schwierige Teil kam erst noch, denn die Aufteilung auf die Projekte inklusive persönlichen Anschreibens der Projektleiter_innen war nun ganz unsere eigene Sache. Ich schrieb pauschal alle an, die hämato-onkologische Projekte anboten, sich also mit Blutkrebs, Lymphdrüsenkrebs und Knochenmark- bzw. Stammzelltransplantation und den entsprechenden Folgen beschäftigten. Einige antworteten nicht, zweimal wurde ich um ein persönliches Treffen gebeten.

Das erste Treffen fand an einem Samstag statt, die Klinik war ziemlich leer, ich hatte das einzig vorzeigbare angezogen, was in meinem Schrank lag und war dann aber mit dem Fahrrad gefahren, sodass ich ziemlich außer Atem ankam. Ich kannte die Wegbeschreibung zu der Station, in die ich musste, und hatte eine Telefonnummer in der Tasche, die ich anrief, als die Tür nicht aufging. Die nächsten zwei Stunden verbrachte ich mit Nicken und „mh-mh“-sagen, denn dieser Mensch war furchtbar begeistert von allem, was mit seiner Forschung zu tun hatte. Ich versuchte, ein paar zumindest schlau klingende Fragen zu stellen und verließ die Station nach sehr langer Zeit mit zwei Pulikationen in den Händen und einem ganz guten Grundgefühl, gemischt mit dem Eindruck, dass der Mensch eher Werbung für sein Projekt gemacht hatte, dabei hätte doch eigentlich ich Werbung für mich machen sollen.

Das zweite Treffen begann damit, dass ich den Ort nicht fand und, nachdem ich die Projektleiterin persönlich dazu bringen musste, mich von woanders abzuholen, nicht wusste, was ich über mich selbst erzählen sollte. Das Gespräch fand statt mit ihr und einer anderen wissenschaftlichen Mitarbeiterin, mir wurde mitgeteilt, wieviel Wert auf die „Atmosphäre“ im Labor gelegt wird und dass die „Persönlichkeit der Bewerber“ (sic) sehr ernst genommen wurde, dass englisch die Grundsprache sei und die „bisherigen Doktoranden“ das aber nach einer Weile ganz gut hingekriegt hätten. Ich bewundere diese Frau dafür, wie sie sich einer Person gegenüber, die sie eigentlich nicht leiden mochte, so betont freundlich verhalten konnte.

Ich merke hier, ich schreibe sehr parteiisch und vorhersehbar. Alle anderen Menschen in meinem Jahrgang erzählten sich gegenseitig, wieviele Labore und Projekte sie schon angeschaut hätten und noch anzuschauen gedachten, und ich wollte eigentlich nur das erste Projekt, das ich angeschaut hatte und hatte gar keine Lust, noch andere Projekte anzuschreiben und um einen Termin zu bitten. Dennoch überwand ich mich und mailte an die Leiterin des zweiten Projekts, dass es mir sehr gut gefallen hätte und ich mich freuen würde, dort Doktorandin zu sein, nur weil ich Torschlusspanik hatte und befürchtete, im schlimmsten Fall sonst ganz ohne Projekt dazustehen.

Ich wurde glücklicherweise nicht genommen. Stattdessen folgte ein zweites Treffen im ersten Projekt, bei dem ich nicht so recht wusste, wie ich die Klippe der Entscheidungsnotwendigkeit diplomatisch umschiffen sollte und aus Hilflosigkeit recht deutlich wurde. Also erzählte ich vom anderen Projekt und sagte: „Die wollen sich schon bis zum Ende dieser Woche entscheiden, aber eigentlich mag ich dieses Projekt lieber. Ich muss denen eine Rückmeldung geben. Also wenn sie mich nehmen, dann sage ich denen ab.“

Im Nachhinein war das etwas peinlich, denn irgendwie war ich wohl sowieso schon als Doktorandin in diesem Projekt gehandelt worden und hatte das falsch verstanden, als ich dachte, das zweite Treffen sei eine Art Stichwahl oder so. Somit war die Erkenntnis, dass ich nun wirklich ein Projekt hatte, erst im Nachhinein ein freudiges Feuerwerk und im ersten Moment eher Verwirrung.

So begann ich mit diesem Projekt, es war recht seltsam. Ich weiß noch immer nicht, ob ich gut war oder Glück hatte und zu welchen Anteilen beides ein Faktor war…

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