Manchmal frage ich mich, wozu ich dieses Blog habe. Das ist ein wunderbar dramatischer Satz (der wohl von sehr wenigen Menschen überhaupt gelesen werden wird); eigentlich ist dieses Drama in der Form gar nicht meine Sache.

Dennoch spiegelt diese Internetadresse einen Teil meiner Zerissenheit wieder, zwischen Persönlichkeit und Politik, Ehrlichkeit und Idealismus. Ich weiß oft nicht, was ich schreiben soll. Private Erzählungen aus meinem Alltagsleben? Diskurse und Monologe über Dinge, die wirklich wichtig sind, aber von einer Person wie mir schlecht bis gar nicht formuliert werden können? Ab und zu schimmert die Motivation des Veganismus hier durch, ansonsten wenig. Ich weiß auch nicht, ob die anwesenden Leute sowas lesen würde oder eher Persönliches wollen. Vielleicht bleibt es also bei einer Mischung aus beidem, mit Einsprengseln von fachlicher Begeisterung, die sonst niemand interessieren.

Es wird Sommer und ich fühle mich mal wieder ein bisschen wie ein Baum. Ich ernähre mich vom Licht, ich bewege mich wieder lieber, meine Haare werden grün… Foto 74

Hups.

Vor zwei (drei?) Monaten ist mein Mitbewohner ausgezogen, hat die Katzen mitgenommen und ein unerwartetes Loch des Vermissens gerissen, das in lanAlltgem, betroffenem Schweigen mündete. Nun ist der Flur sehr leer. Wir haben eine Zimmerpalme an den Ort gestellt, wo der Kratzbaum war, um die Leere zu kaschieren. Nun ist jemand eingezogen, sie hat einen Hund, ist auch Vegetarierin, lebt meistens vegan, hat unglaublich lange Haare, wir verstehen uns überraschend gut trotz meiner Anfälle von Minderwertigkeitskomplexen und Introvertiertheit. Der Hund ist faul, belagert mich, wenn ich esse, und lässt sich mit Freude kraulen. Ich habe alle Privilegien, was diesen Hund betrifft, ohne die dazugehörigen Pflichten. Dennoch bleibt es anders, irgendwie seltsam. Ich nabele mich allmählich ab, habe ich das Gefühl. Die bevorstehende Veränderung reißt ein Loch in mein Zugehörigkeitsgefühl, und so bin ich selbst wohl nicht kontaktfreudig genug, weil ich die Sache ökonomisch angehe.

Ich werde wieder nach Russland fliegen. In dieses riesige, öde Land, das sich seit meinem letzten Aufenthalt dort derartig unbeliebt gemacht hat mit diversen Kriegen, Menschenrechtsverstößen und der Wiederwahl des verrückten und gößenwahsinnigen Vladimir Putin. Die Petitions-Website „Campact“ mahnte vor einiger Zeit: „Russia censoring gay? Don’t go there!“, und ich dachte: Doch, ich werde es trotzdem tun. Irgendwann, irgendwie, werde ich es tun. In der Hoffnung, dass alles, was in mir und um mich herum dort kaputtgegangen ist, sich irgendwie wieder findet, sich vielleicht ein Stück weit zusammenfügen oder zumindest besser einordnen lässt. Ich lebe jetzt in den wenigen verbleibenden Tagen in der Gewissheit, die Flugtickets in meinem E-Mail-Posteingang zu haben. Und ich kann dort hinfliegen, komme was wolle. Wäre ich sehr melodramatisch, würde ich sagen: Vielleicht schließt sich damit der Kreis. Wahrscheinlich jedoch werde ich einfach nur noch verwirrter zurückkehren, in der Gewissheit, dass ich mir eine Menge vorgemacht habe und die Dinge nicht so sind und nie so waren, wie ich es jetzt noch denke. Hoffentlich kann Campact mir das verzeihen. Ich würde auch nicht als Touristin dort hinfliegen, aber durch diesen persönlichen Bias kommt mir alles ganz anders vor.

Ich habe meine damalige (deutsche) Arbeitskollegin angeschrieben, mit der ich in einem Verhältnis permanenten Konkurrierens und Misstrauens umgegangen bin, das selten durch freundliche Momente durchbrochen wurde. Sie antwortete in einer sehr langen Nachricht und entschuldigte sich für damals, mehrfach, und ich weiß nicht einmal, ob es an mir wäre, diese Entschuldigung umgekehrt ebenso auszusprechen. Wahrscheinlich schon. Es wirkt so lange her, das damalige Ich gar nicht mehr einschätzbar, sodass ich kaum sagen kann, was ich mir damals habe zuschulden kommen lassen und wieviel von dem ganzen Unglück ihr zuzurechnen ist, oder ob es einfach eine Verkettung ungünstiger Umstände war mit der Kombination zweier unvereinbarer Charaktere. Vermutlich ist es besser, sich einmal zu viel zu entschuldigen als einmal zu wenig. Und vermutlich schauen wir meistens mit einem zu milden Blick auf unsere Vergangenheit und sehen nur zu gern darüber hinweg, wie unausstehlich wir selbst waren, unabhängig von einzelnen Situationen, sondern im Gesamten.

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