Nun ist es schon mehrere Monate her, dass ich wieder in Sankt Petersburg gewesen bin, und ich trauere um meine Kinder, meine armen, armen, russischen behinderten Kinder, um die, die leben und um die, die gestorben sind. Alles ist so weit weg. Wahrscheinlich brauche ich die Distanz, zu den Ereignissen und den eigenen, damit verknüpften Emotionen.
Ich habe eine CD im Kinderheim gehabt, die wahrscheinlich jemand von den früheren Freiwilligen aufgenommen hat; es sind Klavierstücke, überwiegend nicht sehr gut gespielt, mit kleinen Fehlern und Aufnahmerauschen im Hintergrund, viele Filmsoundtracks. Ich habe diese CD unzählige Male gehört, wenn ich mit einem Kind in diesem Spielzimmer war, etwas fernab der Gruppe, ganz allein. Ein Raum mit braunem Linoleumboden und einer Ecke mit Teppich, einer „Höhle“, die durch einen Vorhang vom restlichen Raum abgetrennt war, einem Klapptisch mit blumenbedruckter Wachstuchdecke, in der gegenüberliegenden Ecke ein Regal, in dem einige Bücher über Pflege behinderter Menschen standen, einiges Spielzeug, ein CD-Spieler und ein Wasserkocher. Hinter dem Tisch ein Wandschrank, der voll mit Dingen war, die wir eigentlich nie benutzt haben und dazu einigen Fotoalben mit Bildern der Kinder und des Personals, dazu Beschreibungen, wer wer ist, damit die neuen Freiwilligen sich besser zurechtfinden. Der Raum war permanent überheizt. Im Winter lief ständig die nicht regulierbare Heizung auf Hochtouren, im Sommer schien die pralle Sonne herein. Auch bei Minusgraden unter -20°C saßen wir noch immer im T-Shirt in diesem Raum.
Hier war ich mit den Kindern. Ich habe sie auf den Teppich oder eine Weichmatte gesetzt oder gelegt, habe sie massiert oder versucht, mit ihnen zu spielen, ihnen schöne Dinge in die Hand gegeben, habe manchmal Duftöl an ihre Nasen gehalten oder etwas für sie gesungen. Natürlich war das meiste nicht von Erfolg gekrönt, manchmal sogar ganz im Gegenteil. Wie groß war jedes Mal meine Scham, wenn ich ein Kind durch etwas eigentlich Gutgemeintes versehentlich zum Weinen oder sogar zu einem Tobsuchtanfall gebracht hatte! Viele haben sich in solchen Phasen selbst gebissen und ich hatte immer Angst, das Kind mit einer frischen (Eigen-)Bisswunde zurück in die Gruppe zu bringen, was dann die Sanitarkas und die Erzieherinnen sagen würden, wenn sie es sähen.
Mit einigen Kindern war nicht viel „anzufangen“. Sie waren zu schlecht in ihrer körperlichen Verfassung, sehr schwach und schwerkrank. Ein Junge erbrach sich nach jeder Mahlzeit sehr lange, immer ein bisschen und wahrscheinlich zu einem beträchtlichen Teil absichtlich. Er greinte und überstreckte seinen Kopf, schlug den Hinterkopf an die Rückenlehne seines improvisierten Rollstuhls und rubbelte den Kopf daran, sodass er an dieser Stelle kaum noch Haare hatte. Ein anderer Junge mochte gar nicht erst essen; jeder Bissen war eine Geduldsprobe, er konnte kaum schlucken und hatte einen derart verkrümmten Rücken, dass es sehr schwer war, ihn in eine halbwegs aufrechte Position zu bringen. Im Liegen ist Schlucken tatsächlich sehr schwer. Der erste Junge ist Nikita, der zweite war Ilja.
Mit diesen beiden saß ich oft im Spielzimmer in einem Sitzsack. Ich setzte das Kind auf meine Knie, ließ mich dann in den Sitzsack sinken und ruckelte mich mit dem Po zurecht wie eine Amsel in ihrem Nest. Wenn ich bequem und stabil saß, ließ ich das Kind zurücksinken, bis es auf mir, in meinen Armen lag, und sein krummer Körper halbwegs in die Umgebung eingeschmiegt war. Obwohl diese beiden Kinder meine „Problemkinder“ waren, ging ich manchmal sogar bevorzugt mit ihnen ins Spielzimmer. Einmal, weil ich dachte, sie hätten es vielleicht nötiger als die anderen, fitteren Kinder, vielleicht auch, weil sie von der Atmosphäre der Ruhe und Geborgenheit mehr profitieren könnten, und letztendlich, ich gestehe es, vielleicht auch aus egozentrischen Gründen. Wenn ich mit Nikita oder Ilja im Spielzimmer war, war es für mich nicht anstrengend. Alles andere in diesem Kinderheim war anstrengend; das Füttern, die hygienische Pflege, die Beschäftigung, der Umgang mit dem Personal. Doch dann gab es diese Momente, in denen ich mit einem Kind im Sitzsack saß und es sich, manchmal jedenfalls, allmählich beruhigte. Ich habe Nikita so selten gesehen, wie er nicht greinte und seinen Kopf an der Lehne schubberte oder sein Essen hochwürgte, und diese Erinnerungen sind fast alle aus diesem Spielzimmer, als er im Sitzsack auf mir lag. Ich habe dann fast immer diese CD mit der Klaviermusik der ehemaligen Freiwilligen angemacht, oft genug passierte es, dass ich selbst dabei eingenickt bin, wenn das Kind auf meinem Schoß auch schlummerte, und erst wieder aufwachte, als nach einer Stunde die CD zu Ende war.
Natürlich sind das nicht die einzigen schönen Erinnerungen aus dem Spielzimmer; ich tue den anderen Kindern unrecht, wenn ich diese Stunden als die einzig erfüllenden hinstelle. Im Nachhinein vermisse ich vieles aus diesen Spielzimmerstunden, aber nicht alles davon hat so einen eindeutigen Trigger in Form von einer immer und immer wieder gehörten Musik.
Als unser Freiwilligenjahr sich dem Ende zuneigte, wurde immer klarer, dass wie die letzten Freiwilligen in diesem Heim sein würden, dass uns niemand nachfolgen würde, und so begannen wir in den letzten eineinhalb Wochen mit dem Ausräumen des Spielzimmers und dem Transport der meisten Dinge darin zur Zentrale der Organisation („Perspektivy“) in Sankt Petersburg. Ich bedaure heute, mir kein Andenken mitgenommen zu haben, ein kleines Spielzeug oder so, niemand hätte es vermisst oder wohl auch nur bemerkt. Ich war damals von viel Bitterkeit erfüllt, dass ich auf diesen Gedanken nicht kam. Alles ging auf einmal sehr schnell, wir hatten Helfer und waren sehr tatkräftig im Ausräumen und Abbauen, so habe ich nichts für mich selbst mitgenommen. Die Gitarre hatte ich in meinem Zimmer in der Stadt, wo sie auch geblieben ist, denn ich konnte sie nicht mit nach Deutschland nehmen. Die CD habe ich am Ende Sweta geschenkt, einer erwachsenen Bewohnerin, die ich ein wenig kannte und die mich wohl gernhatte, denn ich wollte allen, die ich im Heim kannte und die etwas davon hatten, ein kleines Abschiedsgeschenk machen und zu ihr passte es, so dachte ich, am besten.
Heute bin ich schrecklich froh, dass ich vorher darauf kam, die Musik der CD auf meinen Computer zu digitalisieren, wo sie noch heute ist. Ob Sweta die CD jemals gehört hat, weiß ich nicht, aber ich höre sie immer noch manchmal und denke dabei immer an den Sitzsack, an die bullerige Wärme, an Nikita und an Ilja, der diesen Mai gestorben ist.

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