Hallo Blog. Du bist noch immer da, und du wirst kaum gelesen. Ich werde dir jetzt ein Geständnis machen, vielleicht das erste ernsthafte Geständnis, das ich dir jemals gemacht habe in den vier Jahren, die du nun mein bist. Natürlich bist du vorrangig zuständig für hübsche Bilder, für nachdenkliche und manchmal auch Überzeugungs-verbreitende Texte, weniger als eine Art persönliches Tagebuch. Du sollst und wirst ordentlicher bleiben als ein Tagebuch es sein darf und nicht vermüllt werden mit den ganz alltäglichen Gedanken. Du bist – im Gegensatz zu echten Tagebüchern – eine zumindest halbwegs vorzeigbare Gedankensammlung. Liebes Blog, ich hätte gerne ein Kind.

Ich erinnere mich, vor längerer Zeit einmal am Ende eines Artikels den scherzhaften Einwurf gemacht zu haben, ich würde in einem folgenden Artikel einmal das Thema behandeln, warum ich immer vehement behaupte, garantiert niemals Kinder haben zu wollen, obwohl ich eigentlich vielleicht doch gar nicht so denke (oder so). Damals war ich auch wirklich sicher, dass Kinder nichts für mich persönlich sind und schon gar nicht in den nächsten Jahren, und sowieso sind Kinder ekelhafte Mistblagen, die kreischen und ständig alles und jede_n herausfordern müssen/wollen. Ich bin nicht die Person für Kinder, das ist meine Schwester; die wird von allen Kindern geliebt und beantwortet das auch mit Gegenliebe. Neben ihr bin ich die komische Kinder-skeptisch-beäugende Halberwachsene, die sich lieber mit anwesenden Tieren oder Büchern beschäftigt. Zugegebenermaßen ist das prätentiös und gelogen. Wenn meine Schwester nicht in der Nähe ist und die beste Cousine/Patentante/große Freundin der Welt darstellt für die kleinen Mistblagen, dann bin ich die coolste Spielgefährtin/Erklärerin. Ich kann stundenlang kreischend durch Keller laufen und Verstecken spielen. Ich liebe Ice Age. Ist das genug, um es sich zuzutrauen, selbst ein Kind zu haben?

Wann ist diese Veränderung eingetreten? Ich weiß es nicht. Ich gebe noch immer einen feuchten Dreck auf meine biologische Uhr, dazu bin ich zu jung. Eigentlich bin ich, auch was die Lebenssituation betrifft, insgesamt eher zu jung. Vielleicht macht das den Reiz aus. Das Gefühl, ein Kind, sollte es jetzt (oder im nächsten oder übernächsten Jahr) auf die Welt kommen, großziehen zu können ohne das Gefühl, es nur aus so etwas wie Torschlusspanik gezeugt zu haben. Oder weil es eben gerade so gut passte in die Planung. Es wäre allein der große Wunsch. Natürlich hinterfrage ich das wieder als naiv und romantisch, weil es genau derselbe Grund ist, den wahrscheinlich die meisten Teenager-Eltern angeben würden, wenn sie nach ihrer Motivation gefragt würden, im Teenageralter Eltern zu werden.

Der Unterschied hierbei besteht vielleicht darin, dass ich mir einbilde, relativ nüchtern und aufgeklärt an die Sache heranzugehen. Ich bin mir, zumindest theoretisch, des ganzen Stresses bewusst, der Unsicherheiten, die zwangsläufig entstehen, der Erschöpfung, des Kraftaufwands. Ich will es trotzdem. Ich hege die Hoffnung, noch in einer Phase zu sein, in der mir der Perfektionismus fehlt, dessentwegen andere Menschen sich scheinbar für Kleinigkeiten wahnsinnig machen. Ich bestehe nicht auf Ordnung und Sauberkeit und schlafe auch jetzt locker wie ein Stein, sobald ich mich hinlege. Ich habe keine eigenen Krankheiten und Gebrechen. Mir ist es egal, wenig Geld zu haben, sofern es nicht einen gewissen Lebensstandard unterschreitet (um auch hier sehr ehrlich zu sein, denn natürlich habe ich von echter Armut keinen Schimmer und möchte hier nicht meinen Mund aufreißen).

Vielleicht liegt es auch daran, dass meine Sicht auf die Welt und meinen Platz in ihr sich noch immer rasant verändert und, soweit ich das einschätzen kann, hin zu mehr Integrität und Souveränität bewegt. Es sind viele Kleinigkeiten, an denen das bemerkbar ist und die mich, im Gegensatz zum Schmerz des Erwachsenwerdens, nicht quälen, sondern eher helfen. Und auf einmal, ohne dass ich es bewusst realisierte, war auf einmal dieser Wunsch da, der bislang in meinem Kopf geblieben ist. Der Wunsch danach, einen kleinen Menschen hier herumliegen und später -laufen zu haben, der irgendwann sprechen lernt und für diesen kleinen Menschen zu sorgen, und…naja, warum Menschen eben Kinder in die Welt setzen wollen. So kam es, dass ich während eines nächtlichen Telefongesprächs mit dem Zauberer damit herausplatzte und das somit nun zu einem Thema geworden ist, über das gesprochen wird, das ich nicht mehr zurücknehmen kann. Zumindest wurde bisher keine Häme über mich ausgeschüttet, denn erwartbar wäre es doch gewesen bei der Absurdität dieses plötzlich geäußerten Sinneswandels. Stattdessen Überraschung, nicht unbedingt negative, und Nachdenklichkeit. Diese hat sich bis jetzt gehalten und wird es wohl auch noch eine Weile lang tun. Sie soll es dürfen, meinetwegen so lange, wie es eben braucht für andere Menschen als mich, um zu einer Entscheidung zu kommen, die nicht spontan aus dem Bauch heraus gefällt wird und dann unumstößlich steht, ohne dass daran groß zu rütteln wäre. (Für sich betrachtet, ist das ein ziemliches Privileg, das ich vielleicht mehr würdigen sollte.)

Es würden viele andere hypothetische Abenteuer dafür aufgegeben werden, aber das Konzept Selbstverwirklichung ist mir ohnehin zu perfektionistisch. Ich argumentiere vor mir selbst damit, dass Elternschaft an sich ja auch ein Abenteuer darstellt, ein nicht allzu kleines, was scheinbar die meisten Eltern so sehen. Das gibt mir Hoffnung.

Blöd nur, dass ich mir vor nichtmal einem Jahr eine doch recht teure Kupferspirale habe einpflanzen lassen, die, sollte sie in absehbarer Zeit wieder entfernt werden, eine ziemliche Geldverschwendung darstellt. Über was für Dinge eins sich so Gedanken macht… Genauso wie darüber, ob diese Wohnung platzmäßig reicht. Ob Reisen theoretisch noch möglich wären. Ob es machbar wird, das ganze ohne Auto zu managen. Zeit. Geld. Ob die Basis an Vertrauen und beziehungstechnischer Sicherheit breit genug ist, um ein Kind daraufzusetzen, und wie groß das Risiko ist, dass dieses Kind schon im jungen Alter als Trennungskind aufwächst. Ob das Kind nicht unter elterlicher Überforderung leiden wird. Ob es klug ist, schwanger zu werden, wenn ich dann keine Antidepressiva nehmen kann, wo ich doch derzeit schlecht einschätzen kann, wie groß die Rolle dieser Antidepressiva für meine Stimmung ist. Darüber steht immer wieder etwas, das ich mir letztlich doch immer als etwas zauberhaftes vorgestellt habe: ein Mistbalg, ein kreischendes, und das ganze pathetische Drumherum. Was vielleicht für den ganzen Rest und die Sorgen entschädigen könnte.

Noch weiß ich nicht, wie die Geschichte weitergehen wird; es kann sehr gut sein, dass nach reiflicher Überlegung entschieden wird, das Ganze doch noch ruhen zu lassen, die Spirale zu behalten und so zu tun, als hätten diese ganzen Gedanken und Gespräche während dieser (bisher doch recht kurzen) Zeitspanne gar nicht stattgefunden. Ich wäre nicht allzu traurig deswegen, denn noch bin ich ohnehin so jung und alles noch so offen… da ist es noch nicht an der Zeit, sich intensiv über potentiell verpasste Chancen zu ärgern. Allein das Gefühl, sich theoretisch zu so etwas in der Lage zu fühlen, ist ein gutes, und es wird hoffentlich nach Abbruch der Kinderpläne bleiben, als ein kleines, aber hartnäckiges „Aber du hättest gekonnt!“

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