Archive for April, 2015


Schönes #17

Am 19. März dieses Jahres habe ich eine relativ große Prüfung im Fach Chirurgie abgelegt. Sie unterschied sich dadurch von allen anderen Prüfungen meines bisherigen Studiums, dass die Antworten nicht multiple-choice, also zum ankreuzen waren, sondern tatsächlich echte Antworttexte von uns erwartet wurden. Keine langen, nur so zwei-Satz-Dinger, manchmal nur Aufzählungen, die besagen sollten: „Ich weiß das und habe es verstanden“, anders als bei multiple choice: „Ich habe aus den fünf Antwortmöglichkeiten einfach willkürlich eine ausgewählt, weil ich keine Ahnung hatte, und zufällig hatte ich Glück“.

Nachdem wir diese Prüfung geschrieben (tatsächlich geschrieben!) hatten, war ich ziemlich fertig mit mir und der Welt, weil meine Unfähigkeit wohl bisher kaum so deutlich offengelegt wurde. In mündlichen Prüfungen kann ich vieles mit Rhetorik retten, hier guckten mich die leeren weißen Felder an und ich wusste bei vielen beim besten Willen nicht, was ich da hätte hinschreiben sollen. Also schrieb ich einfach irgendwas in der Hoffnung auf Teilpunkte.

Hinterher regten sich alle sehr auf, weil es ihnen ähnlich ergangen war, zumindest glaubten sie das. Dann warteten wir. Es kamen noch andere Prüfungen, es kamen die Ferien. Der Zauberer und ich waren in England, es kamen keine Ergebnisse, ich machte meine Famulaturen, es kam immer noch nichts. Eine neugierige Mitstudentin rief im Institut für Chirurgie an und fragte nach, wann wir denn mit unseren Ergebnissen rechnen könnten. Es wurden ausschweifende Gespräche in einer Facebook-Gruppe geführt.

Da dieser Post unter „100 schöne Dinge“ gelistet ist, muss ich eigentlich nicht mehr viel ergänzen, denn Menschen mit Verstand können sich den Rest sowieso erschließen. Heute kamen die Ergebnisse online. Ich las davon in der Facebook-Gruppe, bekam schreckliches Herzklopfen und meine Hände zitterten. Ich vertippte mich bei Eingabe der Uniwebsite-URL und verklickte mich bei der Suche nach der Datei. Dann sah ich, dass alle bestanden hatten, weil offenbar die Gleitklausel angewandt werden musste… Haben andere Unis so etwas auch? Wenn der Durchschnitt zu schlecht ist, wird einfach die Bestehensgrenze gesenkt, bis der Durchschnitt gut genug ist. So machen es die Lehrverantwortlichen sich selbst und uns leichter, wir profitieren also ziemlich direkt von ihrer Faulheit.

Dank dieser Gleitklausel hatte also auch ich bestanden. Endlich, nach all diesen Wochen ist der Druck weg, den ich sonst aufgrund der elektronischen MC-Prüfungen nie habe oder höchstens mal einen Tag lang. Ich bin so froh.

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Schönes #16

Ich habe insgesamt vier Wochen Famulatur gemacht, davon zwei Wochen in der Viszeralchirurgie (Bäuche aufschneiden) und zwei Wochen in der Gynäkologie (Brustkrebs, Gebärmutter- und Eierstockkrebs, Schwangere). Beide Famulaturen waren, um es vorsichtig auszudrücken, ernüchternd. Nach der ersten freute ich mich auf die zweite, doch die hatte eine fast noch schlechtere Bilanz. Ein derart starres Netz von Hierarchien, Geklüngel, Engstirnigkeit und Egozentrik umfängt jede_n, der_die als arbeitende Person diese Bereiche betritt, dass es eins einfängt und eins sich großeMühe geben muss, nicht versehentlich auch noch an der Schinderei mitzuwirken, sei es durch Geläster, unterschwellig gemeine Bemerkungen, den Versuch, andere gegeneinander auszuspielen oder, am schlimmsten, den ganzen Frust an Patient_innen auszulassen (was leider ziemlich häufig vorzukommen scheint).

Vielleicht war es nur Pech. Ich hoffe es. Ich wüsste nicht, wohin mit mir und meinem Wunsch, Ärztin zu werden, wenn ich einsehen müsste, dass mein zukünftiger Arbeitsalltag… so aussehen würde und es kaum eine Chance gibt, irgendwo hinzukommen, wo es anders ist, freundlicher, menschlicher. Wo ein Hinweis einfach nur ein Hinweis ist und nicht ein Verweis mit entsprechendem Vorwurf. Wo die Aussage „das geht jetzt (leider) nicht“ nicht klingt wie „sei still und nerv nicht, wir wollen dich da nicht dabeihaben“. Wo jemand auf Wissbegier nicht reagiert, indem er_sie anderen deutlich macht, sich von der fragenden Person gestört zu fühlen, die immer noch mit im Raum ist. Wo jemand einsieht, dass eins ohne eigene Schuld misinformiert worden ist und etwas daher nicht richtig machen kann, oder noch schlimmer: Wo ein System aus widersprüchlichen Meinungen herrscht, was Arbeitsgewohnheiten betrifft, sodass die lernende Person immer wieder hin- und hergeworfen wird: Befolgst du Anweisungen von A, schnauzt B dich an. Entschuldigst du dich bei B (ohwohl es eigentlich nichts gibt, was du dir hast zuschulden kommen lassen) und änderst deine Arbeitsweise so, dass es B gefällt, kannst du sicher sein, dass kurz darauf A um die Ecke kommt und entsetzt ruft: „Was tust DU denn da!?“. Es ist aussichtslos, darauf zu hoffen, dass A und B untereinander ein klärendes Gespräch bezüglich ihrer divergenten Ansichten führen würden, denn A und B wollen ja dicke Kolleg_innen sein und das Betriebsklima schonen, und du bist nur ein_e dumme_r kleine_r Prantikant_in, da macht es nichts, wenn du einmal zuviel statt einmal zu wenig angeschnauzt wirst.

Ich bin, bis auf die Zeit in Russland, selten so häufig gedemütigt worden.

Ich wurde ganz zu Anfang, an meinem zweiten Tag in der Viszeralchirurgie, vom Chefarzt persönlich gedemütigt, als ich zum ersten Mal bei einer Operation assistieren sollte. Der Chefarzt stand neben mir und trug einen halben Mundschutz. Wer noch nie einen getragen hat: Die Dinger haben vier Bänder (eins an jeder Ecke) und oben ein kleinen, biegsamen, eingearbeiteten Metallsteg. Der gehört nach oben und wird über die Nase gedrückt, sodass der Mundschutz sich dem Nasenrücken anpasst und nicht herunterrutschen kann. Die beiden oberen Bänder und danach die beiden unteren Bänder werden am Hinterkopf zu Schleifen gebunden. (In Kombination mit der großen Schleife der Kopfhaube sieht eins dann ein bisschen aus wie ein Geschenk.)

Nun stand der Chefarzt neben mir und ich konnte seine ganze Nase sehen, mitsamt der Poren und der Nasenhaare. Darunter begann sein Mundschutz, der in seinem Fall wirklich nur ein Mundschutz war. Vor uns lag eine Patientin und war vom Rippenbogen bis zum Venushügel aufgeschnitten, ein Halterahmen spannte ihre Bauchdecke auseinander und ihr Darm lag auf dem Halterahmen, damit im Bauchraum mehr Platz war. Ich war ein bisschen fassungslos, wie jemand einfach munter aus der Nase in diesen Bauch hineinatmen konnte. Der Chefarzt wirkte nicht irritiert. (Manchmal, wenn etwas juckt oder verrutscht und eins sich selbst nicht kratzen kann, weil eins ja steril ist, dann kommt jemand von der OP-Pflege und kratzt, oder rückt die Brille gerade.) Ich stand und stand und wusste nicht, was ich zu ihm sagen sollte; schließlich entschied ich mich für ein bescheidenes „Entschuldigen Sie, Professor, ich glaube (!); ihr Mund-Nasenschutz (!) ist…ähm…heruntergerutscht.“ (Das war das einzige Mal, dass ich jemand mit Prof.-Titel auch tatsächlich mit solchem angesprochen habe, ich hasse diese Schleimerei und Titelgeilheit wie die Pest…)

Der Chefarzt sagte erst nichts. Dann sagte er, geradeaus blickend: „Aha. Ja…dankeschön.“ Er blickte zum Oberarzt, der mit am Tisch stand, und beide…kicherten, wie alte Männer eben kichern, eher ein Schnauben, stimmlos, aber unüberhörbar. Der Rest der OP verlief in sturem Wir-ignorieren-die-Praktikantin-Modus, irgendwann wurde ich dann glücklicherweise auch beinahe-ohnmächtig (wie es mir bei OPs so oft passiert) und trat vom OP-Tisch ab. Die nächsten Male, die ich mit dem Chefarzt operieren durfte musste, traute ich mich nicht mehr, das Thema anzusprechen. Stattdessen fragte ich eine Assistenzärztin auf Station sehr schüchtern danach. Sie druckste herum. Ihr war anzumerken, dass sie beinahe auf Spott gegen mich ausgewichen wäre, um das Thema nicht zu besprechen. Sie entschied sich dann für ein wie-selbstverständlich-klingendes: „Tja, das ist eben einfach seine Art.“ Damit war die Sache für sie beendet.

Letzten Endes war es mein Vater, der tatsächlich einmal eine hilfreiche Idee hatte, und so rief ich die Hygienebeauftragte der Uniklinik an schob ich es zwei Wochen vor mir her, bei der Hygienebeauftragten der Uniklinik anzurufen, um nach dem Ende der Famulatur den Chefarzt persönlich anzuschwärzen.

Heute habe ich es endlich getan. Ich war sehr unsicher, telefonierte mit mehreren Personen, erzählte allen zu ausführlich mein Problem, um dann weiterverwiesen zu werden (so eine Uniklinik ist groß). Hier schließt sich der Kreis zum Titel des Beitrags, und nach all dem Elend komme ich doch noch zum Wesentlichen: Ich habe es geschafft, mit der Hygienebeauftragten, die selbst studierte Medizinerin ist, zu sprechen, und fand bei ihr zwei sehr offene Ohren für dieses so banal wirkende Problem. Sie redete sehr lange über die verfehlte Vorbildfunktion dieses Professors, über „grundlegende Hygienestandards am Situs“ (= OP-Feld = offene_r Patient_in), über „Patientenschutz“, über das Alter dieses Chefarztes und die Ansicht solcher Männer (denn solche sind es beinahe immer: 1. alte 2. Männer; ich habe noch nie eine weibliche Chefärztin erlebt), sie seinen „Halbgötter in weiß“ und seien so gut, dass sie „auch locker einen Kaiserschnitt auf einer Kuhwiese durchführen könnten“.

(Das erinnerte mich an den Famulaturbericht zweier Mitstudenten, die in Indonesien waren und auch berichteten, dass dort ohne Mundschutz operiert werde. Was wohl daran liegt, dass Indonesien schlechte medizinische Standards hat und solche Dinger vielleicht gar nicht vorhanden waren. Hier ist es dasselbe, basierend auf der Arroganz eines alten Mannes.)

Ich telefonierte Die Hygienebeauftragte telefonierte eine halbe Stunde mit mir (ich sagte meistens nur: hm, ja…) und regte sich kräftig über alles auf, und es war Balsam für meine Seele. Nachdem wir aufgelegt hatten, war ich auf eine Art froh und erleichtert, als hätte das meine ganzen deprimierenden Erlebnisse der letzten Wochen ein wenig relativiert, allein durch das Wissen, dass ich nicht nur überempfindlich bin, und dass das System wirklich ein Scheißsystem ist. Zuletzt kündigte sie an, unabhängige Kommissionen „wie zufällig“ die OP-Säle der Viszeralchirurgie inspizieren zu lassen, die Statistiken der Wundinfektionen einzusehen und den ärztlichen Direktor, der der direkte Vorgesetzte der Chefärzte ist, in Kenntnis zu setzen, und ich war ziemlich baff, was ich gerade bewirkt hatte nur mit einem Anruf wegen eines Mundschutzes.

Ich weiß noch, zuletzt sagte sie, dass dieses System sich selbst überhole, dass es solche Formen von Hierarchie und damit verbundener Arroganz nicht mehr allzu lange geben könne und dürfe, dass die Dinge sich ändern würden… und dass ich das im Laufe meines Berufslebens wohl noch erleben würde.

Ferien

Also hatte ich die letzten vier Wochen Ferien und werde noch eine Woche haben, aber von den gesamten fünf Wochen werde ich vier gearbeitet haben. Es bleibt eine Woche übrig, in der ich mit dem Zauberer weggefahren bin, und zwar mit dem Bus. Wir waren in England. Ich kann erzählen, dass ich Leute kenne, die Engländer_innen sind oder zumindest derzeit in England wohnen, und dass ich die besucht habe; das klingt sicherlich sehr beeindruckend. Vor allem war es schön, zu wissen, wo wir schlafen würden und nicht diese Unsicherheit zu haben, eventuell eine sehr ungemütliche Nacht verbringen zu müssen ohne die Chance, sich am nächsten Morgen anständig waschen zu können. (Ich stelle fest: Mir ist es enorm wichtig, mich morgens einmal zu waschen und mir die Zähne zu putzen. Ich fühle mich sonst grässlich.)

Ich war sehr froh, einen Schal dabeizuhaben, denn es war so fürchterlich windig, dass ich beinah weggeflogen wäre, und manchmal regnete es auch, aber glücklicherweise selten. Am Victoria-Busbahnhof in London, wo wahrscheinlich alle Linien-Reisebusse ankommen und abfahren, die irgendwie im Süden Englands verkehren, gibt es furchtbar viele Obdachlose, und allgemein sind viele Viertel so heruntergekommen, mit kleinen und schmutzigen Häusern, in denen Leute wohnen, die es nicht groß zu stören scheint, dass ihr Haus ihnen irgendwann wegschimmeln könnte. Es ist bedrückend, das zu sehen, egal wie oft eins sich sagt, dass es in anderen Gegenden, anderen Teilen der Welt, noch viel schlimmer ist. In England scheint es in sehr vielen Gegenden so zu sein; in London, in Bristol und in Cornwall war es jedenfalls so.

Dafür gibt es das Meer, was wunderschön ist in seiner Wildheit, seiner Farbe und seiner immerwährenden Anwesenheit, die für mich, wo ich nicht am Meer lebe, etwas Beeindruckendes hat. Es ist so besonders, am Meer entlangzugehen („Spazieren“ kann ich nicht sagen, denn dafür muss eins sich zu sehr gegen den Wind stemmen), oberhalb der Klippen durch die Graslandschaft der Dünen zu streifen, die wie ein fremder Planet aussieht, über die zerklüfteten Felsen zu klettern oder einfach durch die kleinen Ortschaften zu wandern, mit ihren oftmals heruntergekommen Häusern und Häuschen und dazwischen ab und zu eine Palme oder ein großer Farn. Dem Golfstrom sei Dank.

Ich lade einige Fotos hoch:

Möchte ich nach diesen ganzen Bildern, die mich jetzt schon wieder wehmütig machen, überhaupt noch vom frustrierenden und desillusionierenden Alltag der Wochen danach berichten? Eigentlich nicht. Vielleicht ein anderes Mal, wenn auch das wieder in weitere Vergangenheit gerückt ist und somit distanziert und bilanzierend erzählt werden kann. Derzeit knabbere ich noch zu sehr an den deprimierenden Eindrücken, die mich an mir, meinem Verhältnis zu anderen Menschen, meiner Berufswahl und somit auch ein wenig an meiner Berufswahl zweifeln lassen, auch wenn es netto „nur“ zwei jeweils zweiwöchige Famulaturen waren, die mir sowohl mein Interesse an der Chirurgie ausgetrieben als auch meine Freude an der Gynäkologie – nunja – zumindest ziemlich madig gemacht haben. Es zehrt an mir, und das mehr, als es vermutlich sollte. Ich lasse es erst einmal ruhen und warte den Beginn des neuen Semesters ab. Adieu, liebes Blog.