Am 19. März dieses Jahres habe ich eine relativ große Prüfung im Fach Chirurgie abgelegt. Sie unterschied sich dadurch von allen anderen Prüfungen meines bisherigen Studiums, dass die Antworten nicht multiple-choice, also zum ankreuzen waren, sondern tatsächlich echte Antworttexte von uns erwartet wurden. Keine langen, nur so zwei-Satz-Dinger, manchmal nur Aufzählungen, die besagen sollten: „Ich weiß das und habe es verstanden“, anders als bei multiple choice: „Ich habe aus den fünf Antwortmöglichkeiten einfach willkürlich eine ausgewählt, weil ich keine Ahnung hatte, und zufällig hatte ich Glück“.

Nachdem wir diese Prüfung geschrieben (tatsächlich geschrieben!) hatten, war ich ziemlich fertig mit mir und der Welt, weil meine Unfähigkeit wohl bisher kaum so deutlich offengelegt wurde. In mündlichen Prüfungen kann ich vieles mit Rhetorik retten, hier guckten mich die leeren weißen Felder an und ich wusste bei vielen beim besten Willen nicht, was ich da hätte hinschreiben sollen. Also schrieb ich einfach irgendwas in der Hoffnung auf Teilpunkte.

Hinterher regten sich alle sehr auf, weil es ihnen ähnlich ergangen war, zumindest glaubten sie das. Dann warteten wir. Es kamen noch andere Prüfungen, es kamen die Ferien. Der Zauberer und ich waren in England, es kamen keine Ergebnisse, ich machte meine Famulaturen, es kam immer noch nichts. Eine neugierige Mitstudentin rief im Institut für Chirurgie an und fragte nach, wann wir denn mit unseren Ergebnissen rechnen könnten. Es wurden ausschweifende Gespräche in einer Facebook-Gruppe geführt.

Da dieser Post unter „100 schöne Dinge“ gelistet ist, muss ich eigentlich nicht mehr viel ergänzen, denn Menschen mit Verstand können sich den Rest sowieso erschließen. Heute kamen die Ergebnisse online. Ich las davon in der Facebook-Gruppe, bekam schreckliches Herzklopfen und meine Hände zitterten. Ich vertippte mich bei Eingabe der Uniwebsite-URL und verklickte mich bei der Suche nach der Datei. Dann sah ich, dass alle bestanden hatten, weil offenbar die Gleitklausel angewandt werden musste… Haben andere Unis so etwas auch? Wenn der Durchschnitt zu schlecht ist, wird einfach die Bestehensgrenze gesenkt, bis der Durchschnitt gut genug ist. So machen es die Lehrverantwortlichen sich selbst und uns leichter, wir profitieren also ziemlich direkt von ihrer Faulheit.

Dank dieser Gleitklausel hatte also auch ich bestanden. Endlich, nach all diesen Wochen ist der Druck weg, den ich sonst aufgrund der elektronischen MC-Prüfungen nie habe oder höchstens mal einen Tag lang. Ich bin so froh.

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