Category: Krankenhaus


Tag 13

…war der vergangene Dienstag, zumindest der 13. Tag, über den ich berichten möchte, weil er so herrlich war und sowieso.

In letzter Zeit fasse ich WordPress mit einem so schlechten Gewissen an, weil es eben nichts mit Unizeug zu tun hat, ebensowenig mit Dinge-draußen-tun oder sonstigen „Aktivitäten mit Menschen“. Ich prokrastiniere das Bloggen mit Lernen, wie tief bin ich nur gesunken?

Nun aber: Dienstag.

Zunächst einmal habe ich Spätschicht, Beginn um 13 Uhr, also wird der Vormittag in einer ganz ungewohnten Ruhe verbracht, bis ich dann schließlich doch beinahe zu spät bin (diese Versuchung, die mit der Möglichkeit einhergeht, zu Fuß zum Krankenhaus gehen zu können, ohne Bus- oder Bahnfahrzeiten einhalten zu müssen!) und zehn Minuten eher hilflos im Stationszimmer herumstehe, mich bei allen nacheinander vorstelle und versuche, Namen zu lernen.

Im Spätdienst sind wir vier Menschen: Eine ältere, examinierte Krankenschwester, ein Krankenpflegeschüler, eine FSJlerin und ich. Herrliche Mischung, oftmals fühle ich mich wie in einem Wurf junger Schäfchen, der regelmäßig (grimmig, aber wohlmeinend) vom alten Mutterschaf angeknurrt wird und bei jeder Kleinigkeit um Hilfe bitten muss. Doch das Faszinierende dabei ist: Es braucht sich nicht angestrengt zu werden, um gute Laune beizubehalten. Die Arbeit ist durchaus da, aber sie drängt nicht. Beeilen tut man sich nur freiwillig, weil es gelegentlich guttut, etwas schnell erledigt zu haben. Und so messe ich Blutdruck, habe ganz viel mit Infusionen zu tun, bereite Tropfenbecher vor, packe Kisten mit bestellten Waren aus… Alles wie gewohnt.

Auch hier gibt es wieder eine Menge Isolationszimmer, mit einer bunten Mischung aus Norovirus-, Clostridien- und MRSA-Patienten. Zwei davon sind Voll-Pflegefälle (was haben die eigentlich auf einer chirurgischen Station zu suchen? Ich weiß es bis heute nicht), doch der Rest stellt sich

mir da als überraschend…menschlich. Soll heißen: Patienten, die antworten, wenn man mit ihnen spricht! Patienten, die nur dann klingeln, wenn sie wissen, was sie wollen, und das auch nicht so sonderlich oft. Patienten, die ich verstehen kann, und das mit jedem Wort, die manchmal sogar Witze machen und welche verstehen.

Und natürlich die Infusionen… Es mag paradox klingen, aber vielleicht reizen sie mich gerade deshalb so, weil sie etwas sind, was ich nicht darf (so offiziell zumindest). Dennoch tue ich es. Es ist wie mit Tropfen und anderen Medikamenten: Die ersten Dinge, die wirklich (zum Teil) dem entsprechen, was ich eigentlich tun will. Ich mag es, sie vorzubereiten: Bei flüssigen IV-Medikamenten eine 2-mL-Spritze zu nehmen, eine Aufstecknadel, die kleinen Glasphiolen aufzubrechen (Die mir jemand aus dem abgeschlossenen Betäubungsmittel-Schrank holen muss) und jeweils die Hälfte in eine 1000-mL-Infusionsflasche mit Ringerlösung zu geben. Das ganze entsprechend zu markieren, dann eine Packung mit grün-orangefarbenem Infusionsbesteck aufzureißen, die Plastikkanüle in die Flasche zu stecken und aufzudrehen, bis das Ganze zum Ende des Schlauchs gelaufen ist. Wieder zudrehen, zum Patienten bringen. Nun kommt der Teil, den ich eigentlich nicht darf, aber trotzdem öfters tue: Das Anhängen. Ich tue es, wenn

  1. Irgendeine „stärkere“ Art von Medikament in der Flasche ist, evtl. sogar Betäubungsmittel, die Flasche selbst aber schon beim Patienten steht,
  2. Ich die Flasche selbst vorbereite und hinbringe, sie aber nur z.B. Ringerlösung (zur intravenösen Flüssigkeitszufuhr) enthält,
  3. Ich selbst eine Flasche mit Medikament vorbereitet habe, aber jemand anderes vom Pflegepersonal mit im Raum ist und das dementsprechend kontrollieren kann.

Und ach, es ist herrlich, ich liebe das Aufdrehen des Schlauchendes auf die Braunülen (auch „Nadeln im Arm“) genannt, das Lösen des Stellrads zur Einstellung der Laufgeschwindigkeit, das leichte Tippen gegen den Kontrollbehälter (da, wo es immer tropft…), um eventuelle Luftbläschen zu lösen…

Genauso liebe ich es, wenn jemand keine IV-Medis mehr braucht und die Nadel gezogen wird, denn das ist meist meine Aufgabe. Vielleicht rührt meine Vorliebe auch nur daher, dass mir meist eine große Welle der Dankbarkeit von Seiten der Patienten entgegenschwappt, endlich von „diesem Ding“ befreit zu sein. Es verursacht ein Gefühl der Großartigkeit, als sei das allein mein Verdienst…jaja. (Man möge über mich lachen!) Ich nehme eine große Flasche Desinfektionsmittel zum Sprühen mit und weiche damit zunächst die weißen Schlitzpflaster auf, die daraufhin langsam um die Nadel herum abgezogen werden. Nun gilt Schnelligkeit: Ich drücke einen (desinfizierten) Tupfer auf die Einstichstelle, aber nicht zu fest, ziehe die Nadel mit einer Bewegung raus und drücke dann sofort sehr fest auf, weil diese Stellen gern nachbluten (gern auch mal sehr heftig, mehr dazu später…). Sobald die Blutung gestoppt ist, nur noch zwei zusammengerollte Tupfer mit einem Streifen Klebeband fest auf der Stelle fixieren und hoffen, dass das Bluten nicht doch wieder anfängt.

Genug geschwärmt!

Definitiv schönster Moment des besagten Tages: Irgendwann gegen fünf Uhr, kurz vor dem Verteilen des Abendessens, jogge ich durch den Gang, um irgendetwas zu holen. Mir kommt der Krankenpflegeschüler entgegen: „Was ist los? Notfall?“ – Ich: „Ja, ich muss dringend eine Wasserflasche holen…“ (kichere) – Er lacht: „Mach mal langsam, du! Wir müssen uns echt nicht hetzen…das hat alles Zeit.“ Ach, ich hätte ihn umarmen mögen dafür.

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Tag 12

…letzter Tag auf der geriatrischen Station und einer, an dem ich privatmenschenbedingt hoffe, ihn nicht bis ganz zum Ende absitzen zu müssen.

Doch sobald ich auf Station komme: „Du, die von unten haben gerade angerufen! Sie sind schlecht besetzt und brauchen dich als Aushilfe!“ – Seufz. (Den – vorläufig – letzten Tag irgendwo anders aushelfen zu müssen, kann ja sogar positiv gesehen werden: Immerhin kommen so verhältnismäßig wenig Sentimentalitäten auf.)

„Unten“ ist eine interdisziplinäre Station, einige Patienten der inneren Medizin, aber die meisten auch geriatrisch. Zunächst fällt der Steinboden auf, etwas kalt und hart im Vergleich zum gewohnten Holzimitat-Linoleum; ich packe den Riemen meiner Tasche, lächle und lächle (draußen ist es immer noch dunkel) und nähere mich so dem Stationszimmer. Es gibt eine Übergabe mit lauter Patienten, deren Namen mir nichts sagen, auf einmal: „Kenne ich dich nicht?“ – „Tust du. Du bist Sarah. Wir waren im September auf der gleichen Station.“ – „Was hast du mit deinen Haaren gemacht..?“ – Ich lache und sage nichts. – „Wie heißt du nochmal?“ – Ich nenne meinen Namen, den ich so oft jedem nennen muss, und ihr fällt nicht auf, dass es ein anderer ist als zuvor. Mir soll das recht sein. Inzwischen bin ich doch in ihn hineingewachsen, diesen beinah selbstgewählten Namen, der wie ein schützendes Schneckenhaus ist, alles Spielerische und alles Frühere abschirmt.

Fremde Patienten, die von mir allein versorgt werden müssen, ohne den Hauch eines Wissens über ihre Fähigkeiten, ihre Eigenheiten und Bedürfnisse. Es ist eine Herausforderung: Einerseits spannend, mutig, doch es kostet auch viel Kraft. Es sollte so eigentlich nicht sein; in der Idealform eines Krankenhauses, das Patienten wie Personal gleichermaßen gerecht wird.

Und dennoch: Wütend machen mich am Ende weniger die Patienten selbst (die fiepende Frau, die alle drei Minuten ihr Zimmer nicht wiederfindet, jene, die noch öfter wegen unwichtiger Kleinigkeiten fragt, jene, die ein falsch sitzendes Gebiss hat, jener, der sich standhaft weigert, aufzustehen und lieber weiterschlafen will) und die Art, wie sie meine Zeit verschwenden, die eigentlich so knapp bemessen ist… (Immerhin bin ich Aushilfe auf dieser Station, weil sie katastrophal schlecht besetzt ist.)

Was mich wütend macht, ist die Art jener bereits bekannten „Kollegin“, alles nur halbherzig zu machen, mich ebenso zur Halbherzigkeit anzuhalten („Heute ist Ostermontag…Füße waschen und so können die morgen machen, das lass heute einfach sein, ist doch egal“), und dabei dennoch nichts hinzubekommen, wie es sein sollte. Die Nachlässigkeit im Umgang mit den Patienten, denen Tabletten in den Mund geworfen werden, Wasser hinterhergekippt und einfach aus dem Zimmer gegangen…Bis ich, 15 Minuten später, ins Zimmer komme und die breiig aufgeweichten Reste der verklumpten Tabletten im Mund der Patientin finde, die diese nicht zu schlucken imstande war. Diese Reste mit einem Löffel von Zunge und Gaumen abzukratzen und mit einem (eigens gesuchten) Joghurt noch einmal sehr langsam zu füttern. Den Geschmack möchte ich mir lieber selbst nicht vorstellen.

Allgemein die Langsamkeit dieser Patienten! Ich habe ein eiliges Arbeitstempo, das sie immer wieder ausbremsen, die Aufgaben häufen sich mehr und mehr an, ab und zu geht besagte „Kollegin“ mit einem lockeren „ach, könntest du nochmal…?“ an der offenen Tür des Zimmers vorbei, in dem ich beschäftigt bin, bis ich mir nicht mehr alles merken kann, was ich mir gleichzeitig zu erledigen vorgenommen hatte. Zwangsläufig bleibt der Rest auf der Strecke und verursacht ein dauerhaftes, bohrendes hätte-ich-eigentlich-noch-machen-müssen-Gefühl, verbunden mit der besorgten Hoffnung, dieses Versäumnis meinerseits möge nun keine allzu große Katastrophe provoziert haben. („Habe ich jemanden vergessen, der auf dem Klo saß und nun vielleicht deswegen hinfällt? Habe ich vergessen, irgendwo Blutzucker zu messen und es wird gleich jemand völlig überzuckert in ein diabetisches Koma fallen? Habe ich eine Blutdrucktablette zu verabreichen versäumt und jemand rutscht deswegen in eine hypertensive Krise?“ – verbunden mit all den Dingen, die einem gar nicht mehr detailiert im Gedächtnis bleiben, sondern nur ein diffuses Gefühl der Angst und der eigenen Unzulänglichkeit provozieren.)

Ich beginne wieder, alte Leute zu hassen. Auf der vorigen Station ist das in dieser Form, obgleich es von dementen alten Leuten wimmelt, niemals in dieser Form vorgekommen, hier dagegen passiert es nach weniger als vier Stunden. Es scheinen so viele zu sein, hier, sie bedrängen mich mit ihrer Unfähigkeit und ihrer Bedürftigkeit, und ich bin ganz allein. Als ich auf den Flur sehe und um Hilfe bitten will, ist niemand da. Also erledige ich alles so halb, man würd es wohl „wischi-waschi“ nennen, sage mir, besser ginge es eben nicht und begebe mich schließlich in Richtung Stationszimmer. Hier sehe ich meine „Kollegin“ wieder, die bereits ihre Handtasche unter dem Arm hat und sich anschickt, zum Frühstück in die Cafeteria zu gehen. Nebenbei wirft sie mir zu: „Hast du die Wagen schon aufgeräumt und abgewischt?“

Meine Mund wird zu einem Strich, um nicht zu schreien und zu fluchen. „Ja“, erwidere ich knapp, obgleich ich nichts dergleichen getan habe (wann auch?). Sie wird sie selbst auffüllen und saubermachen müssen, wenn sie vom Frühstück wiederkommt…Ich packe meine Sachen und gehe zurück auf meine Station.

Dort werde ich mit Frühstück empfangen, jemand holt mir einen Teller, ein Messer und Brötchen, während ich geschafft dasitze. „Nun iss mal in Ruhe, und danach kannst du nach Hause gehen! Hier ist heute sowieso nichts zu tun!“ Ich könnte ihnen um den Hals fallen. Nach einer in die Länge gezogenen Mahlzeit voller Schwatz und Marmelade klopfe ich vorsichtig an einige Türen, und da ist sie wieder, die Wehmut: „Herr J., ich wollte nur sagen…heute ist mein letzter Tag…ja, genau, das ist ja nur ein Praktikum gewesen. Alles Gute wünsche ich Ihnen, ich denke an Sie! Danke! Ja, ich Sie auch…“ (Innerliches Seufzen.) Einige Patienten schlafen, und ich nehme leise und unbemerkt Abschied von ihnen. Ein paar von ihnen werden schnell der Erinnerung entschwinden, unbemerkt und lautlos. Ein paar werden mir im Gedächtnis bleiben, und gelegentlich finden die Gedanken zu ihnen zurück, sie werden sich vermischen mit anderen Patienten aus anderen Krankenhäusern, in denen ich schon gearbeitet habe.

Auf dem Weg nach draußen stelle ich mich auf meiner neuen Station vor, kläre Details und stelle einige Fragen…und habe doch keine Ahnung, was mich eigentlich erwartet. Aber es ist Chirurgie! Meine Medizinerseele hüpft!

Tag 11

Nun ist sie also vorbei, die große Entlassungswelle, und noch immer werden keine neuen Patienten aufgenommen, es leert sich also zusehends, einige Zimmer sehen geradezu gespenstisch aus: Halb aufgeräumt, nach der Grundreinigung, in der Ecke steht noch ein vergessener Papierkorb und mittendrin das nackte Skelett eines ganz hochgefahrenen Krankenhausbettes (dessen Matratze in der Reinigung ist).

Eine meiner liebsten Patienten wurde heute also tatsächlich entlassen: All ihrer vorigen Angst zum Trotz saß sie seit neun Uhr morgens senkrecht auf der Bettkante: „Wann kommen sie denn? Wann kommen sie denn?“

Gegen Mittag war sie immer noch da, etwas geknickt („Haben die mich vergessen?“), war aber fest entschlossen, nicht mehr zu Mittag zu essen. Schließlich aß sie um eins doch noch etwas, und ganz kurz vor meinem Schichtende stand ich hibbelig im Flur, als die Menschen mit dem Transportstuhl (zum letzten Mal) durch die Stationstür kamen. „Auf Wiedersehen, Frau K.! Gute Besserung und alles Gute! Kommen sie heil zu Hause an! Viele Grüße an Ihren Mann! Sie schaffen das schon!“

Sogar ihre Bettnachbarin (mit der ich mindestens ebenso viel zu tun habe), war gerührt. Diese Frau, die wie ein Pflegefall auf die Station kam und die ich heute zum allerersten Mal mit den PhysiotherapeutInnen (^^) über den Flur laufen sah! Mit kleinen Schrittchen, an den Rollator geklammert, tappte sie an allen anderen Zimmertüren vorbei, den Blick starr geradeaus. Ich freute mich lauthals, als ich sie sah und sie blickte mich erschrocken an, wie irritiert, und wagte dann ein wenig zu lächeln.

Später war ihre Tochter da, und ach. Saß auf Ihrer Bettkante und half ihr beim Essen, und als ich den Kopf hereinstreckte, um zu fragen: „Möchten Sie vielleicht noch etwas Kaffee oder Tee?“, legte die Tochter ihrer Mutter den Arm um die Schultern und murmelte in deren zerzauste Haare: „Wie ist es, Mama, möchtest du ein bisschen Tee, vielleicht?“

Nun bin ich sehr sentimental, was auch während des Dienstes gelegentlich passiert (aber nach spätestens ein paar Minuten immer wieder jäh abgewürgt wird), womit ich mich selbst lächerlich fühle, aber dennoch: Es ist wundervoll, zu sehen, dass die Menschen, mit denen man jeden Tag soviel zu tun hat und denen es teilweise so schlecht geht…Dass auch diese Menschen oft von jemandem geliebt werden. Natürlich nicht alle, aber doch viele. (Dann seufze ich ab und zu, während ich irgendwelche Dinge tue (Wäschesäcke wechseln oder so), bis mein Mit-Praktikant irgendwann vorbeikommt und sagt: „Ey, es ist eins, lass uns einfach abhauen, ich kab kein‘ Bock mehr!)

Allgemein wundere ich mich immer wieder, wie unterschiedlich meine Prioritäten für verschiedene Arbeiten sind. Einen Patienten komplett saubermachen, der aufs Ekligste schmutzig geworden ist, stellt für mich kein Problem dar, sondern gelegentlich sogar eine zufriedenstellende Sache. Das Saubermachen an sich, danach den Müllsack wechseln, alles in Ordnung bringen, und dabei (sofern es ein alter, weggetretener Mensch ist) ein bisschen den Gedanken nachhängen, kurz Zeit für sich selbst haben, nachdenken. Ruhe im Kopf. Bei aller Freude über die Menschen und das mit-ihnen-zu-tun-haben: Manchmal tut das sehr, sehr gut.

Erinnerungswerter, schöner Moment, der sich beinah täglich wiederholt: Morgens beim Austeilen des Frühstücks, wenn der Kaffee-Vorratsbehälter leer ist, in die Stationsküche gehen und neuen kochen. Da ist ein Sieb, in das zwei Kaffee-Pads hinein müssen, ich nehme jede Packung, reiße sie auf, stecke für einen kurzen, unbeobachteten Moment meine Nase hinein und inhaliere tief. Über den Geschmack lässt sich streiten, aber der Geruch von gemahlenem Kaffee macht mit zuverlässiger Erfolgsquote glücklich…

…nun, zugegebenrmaßen, ich bin etwas hinterher.

Die Tage fliegen nur so vorbei, noch immer sind die meisten Patienten wie vorher da, einige sind in der Zwischenzeit entlassen worden…

Entlassungen sind oft etwas seltsames. Zunächst ist da meist Freude meinerseits, wenn ich von einer Entlassung höre. Bei manchen Patienten (zugegebenermaßen) freue ich mich für mich selbst, nicht mehr mit ihnen zu tun haben zu müssen… Und bei den netten Patienten natürlich auch die naive Freude darüber, dass sie nicht mehr im Krankenhaus liegen müssen, „nach Hause können“, wie man es sich so klassisch vorstellt. In meiner Phantasie eine Schar Angehöriger, die sie an der Pforte mit Luftballons und Blumen empfängt, sie nach Hause begleitet, wo der/die Partner/in schon sehnsüchtig darauf gewartet hat, das gewohnte Leben wieder aufzunehmen…

…Doch diese Rechnung geht leider in der Geriatrie allzu selten auf, wenn überhaupt einmal.

Da sind die Patienten, die im Heim wohnen, und das ist ein großer Teil. „Entlassung“ bedeutet also in diesem Fall nur: Von einer stationären Versorgung in eine andere stationäre Versorgung, wo das Personal noch schlechter bezahlt ist, vielleicht höchstens der Tagesablauf anders ist. Diese Patienten haben allzu selten noch (Ehe-)Partner, die Kinder leben oft in einer anderen Stadt und lassen sich ab und zu mal blicken, nehmen gelegentlich telefonisch Kontakt auf, um sich nach Krankheitsverlauf und ärztlichen Anordnungen zu erkundigen. Das aber meist auch nicht direkt mit den Patienten, sondern nur mit dem Personal der Station, denn wie will man auch mit einer dementen Person, die höchstwahrscheinlich auch noch schwerhörig ist, am Telefon kommunizieren? So kommt es dann oft, dass „Entlassung“ in diesem Fall bedeutet: Jemand, der vielleicht gar nicht mitbekommt, was da eigentlich passiert, wird von zwei jungen Transportdienst-Mitarbeitern in einem fahrbaren Stuhl angeschnallt und dann mit einem Krankentransportwagen zurück ins Heim gefahren.

Dann gibt es auch noch die Patienten, die von zu Hause kommen, bei denen aber in absehbarer Zeit keine wirkliche Besserung zu erkennen ist, sodass fragwürdig bleibt, ob sie jemals wieder dorthin zurück können. Zum Beispiel Herr H., der auf die 90 zugeht, dessen Frau erst Ende letzten Jahres verstorben ist, der nach einem Schlaganfall im Krankenhaus liegt und bei dem zusätzlich eine beginnende Demenz diagnostizert wurde. (O-Ton Chefarzt zum Patienten: „…Und Sie werden ja auch in der letzten Zeit etwas mehr vergesslich…“) Das Wahrscheinlichste, was diesen Menschen bevorsteht, ist eine lange Odyssee durch diverse Reha-Kliniken (falls das die Krankenkasse bezahlt) und Kurzzeitpflege, bevor endgültig entschieden wird, dass jemand nicht mehr zum selbstständigen Leben wird zurückkehren können.

Dritter Fall sind Patienten, die jemanden haben. Frau K. wird, soweit ich das mitbekommen habe, morgen entlassen. Sie hat einen Mann, dem es selbst schon seit einiger Zeit nicht gut geht, immerhin er hat schon eine Pflegestufe (was in einem langwierigen Verfahren von Antragstellung und-Prüfung ermittelt werden muss, schließlich geht es darum, dass eine Krankenkasse Geld herausrücken muss) und auch einen ambulanten Pflegedienst. Dieser ist aber nur für ihn zuständig und kann nicht sie einfach mit „erledigen“: Sie, die nicht alleine vom Bett zum Bad gehen kann, ohne sich bei jemandem festzuhalten, und in deren Wohnung (nach eigenen Angaben) nie und nimmer ein Rollator hineinpassen würde. Es scheint also, als müsse sie zusehen, wie sie alleine zurechtkommt, wenn sie morgen nach Hause verfrachtet wird. Sie hat Angst, sagt sie. Und ihr kann niemand wirklich helfen in diesem administrativen, finanzorientierten Dschungel.

Für mich selbst gibt es aber zwei gute neue Dinge:

  • Seit es wieder so viele Norovirus-Fälle gibt, hat sich die Klinikleitung gnädigerweise endlich bereiterklärt, unserer Station einen Aufnahmestopp zu verschaffen! Das bedeutet: Keine Neuaufnahmen, solange, bis alle Noro-Fälle von der Station runter (oder nachweislich negativ = gesund) sind… Keine Neuaufnahmen, viel weniger Hetze am Vormittag, leere Zimmer, ruhigere Arbeit! Obgleich derzeit soviel Personalmangel herrscht, bekommt die Arbeit endlich wieder den Charakter, den ich zu kennen glaubte und dessentwegen ich mich für die geriatrische Station entschieden hatte. Mit einem Patienten zusammen frühstücken (=sich in Ruhe zu denen setzen, die Hilfe beim Essen brauchen, und ihre ganze Mahlzeit in Ruhe mit begleiten, sodass ihr Frühstück ausnahmsweise mal (fast) so verläuft, wie wie wir „Normalen“ es ganz selbstverständlich kennen), auf dem Flur für ein kurzes Gespräch an einer offenen Patiententür stehenbleiben, und zwischendurch mal mit einem Seufzer kurz auf einen Stuhl sinken, statt sich ununterbrochen selbst zur Arbeit im Stehen zu zwingen. Ach…
  • Es sind zwei neue Praktikanten da! Ein Schülerpraktikant, schon im dritten Ausbildungsjahr, der menschenunmögliche Arbeit leistet (gestern erzählte er mir, dass er nach seiner Frühschicht immer noch gleich eine Spätschicht im Altenheim dranhängt, um Geld zu verdienen, dass er um vier Uhr aufsteht und um zehn Uhr heimkommt, jeden Tag), und, ganz im Gegensatz dazu, ein Pflegepraktikant, ein wenig wie ich, und doch ganz anders. „Wieviele Monate Praktikum machst du denn?“, fragte er mich. „Drei“, erwiderte ich, „aber das hier ist schon mein letzter.“ (Ich konnte nicht umhin, kurz grinsend die geballte Faust in die Luft zu recken…) – „Was, du machst nur drei!? Scheiße, warum? Ich muss sechs!“

Als ich dann fragte, warum das, erzählte er bereitwillig: Vom verhauenen Abi, dem 3,5er Schnitt im zweiten Anlauf und dem Versuch, nun an eine private Universität zu kommen, irgendwo im Norden von NRW. Kostenpunkt: 700 Euro im Monat. Ja, sagte er, ihm sei bewusst, dass das viel sei. Und nun sei er hier, um eine ruhige Kugel zu schieben, weil seine private Hochschule (an der er höchstwahrscheinlich nicht angenommen werden wird) ihm vorschreibt, sechs Monate Praktikum zu absolvieren, bevor er sich überhaupt bewerben darf. Und er lässt sich ganz und gar nicht anstecken von meinem unterschwellig-suggestiven Gerede über das mit-Patienten-zu-tun-haben (das ihm zuwider ist), den meditativen Charakter kleiner Arbeiten (die er langweilig findet), die Freude darüber, etwas eigenständig zu können (lieber läuft er nur bei anderen mit, statt sich selbst zu kümmern) und den Sinn solcher Praktika im Allgemeinen („Sowas muss ich doch später sowieso nicht machen, als Arzt und so!“)

Seufz.

(Entschuldigt, dass das hier so lang ist, eigentlich sind es zwei Tage in einem.)

Tag 9

…ein Freitag, der kein Freitag ist, weil in ihm kein „frei“ vorkommt.

Noch immer streiten alle Anwesenden um den Dienstplan, es fehlen viele, die nächste Woche wird völliges Chaos werden – immer schön, so etwas schon drei Tage vorher zu hören, dann kann man sich so richtig über das ganze (nichtexistente) Wochenende hinweg darauf freuen.

Und dennoch beginne ich, nachdem ich schwerfällig die nötigen Utensilien zusammengesucht habe, im ersten Zimmer mit dem Waschen – und lächle nach kurzer Zeit, rede über das Wetter, und da ist sie wieder: Die Sanftmütigkeit, die für mich so untrennbar mit Pflege verbunden ist, natürlich auch irgendwie das Gefühl, gebaucht zu werden. Das macht froh, genauso wie die freundlichen Begrüßungen der Menschen, die jeden Morgen von mir gewaschen werden und froh sind (auch wegen ihrer – sowieso schon genug geplagten – Intimsphäre), nicht auf einmal von jemand völlig Fremdem ausgezogen und abgeschrubbt zu werden, was automatisch dazu führt, dass sie auch froh sind, mich zu sehen, wenn ich den Kopf durch die Tür stecke, vorsichtig alle Lichtschalter ausprobiere (bis ich einen gefunden habe, dessen Licht nicht allzusehr blendet) und nach und nach recht ungeschickt all die nötigen Kleinteile ins Zimmer hineintrage.

Was schön war an jenem Tag:

Alle vier Wäschewagen aufzufüllen, was bedeutet: Viermal über den Flur in den Wäscheraum, der, ehemals ein „Stationsbad“, durch das Aufstellen transportabler Metallschränke zum Wäschevorratsraum umfunktioniert wurde und derart intensiv nach Waschpulver riecht, dass ich ernsthaft in Erwägung ziehe, das Studentenwohnheim zu kündigen und dort einzuziehen. Ich würde jeden Morgen aufwachen und in einem Wäsche-Himmel schweben… (Außerdem ist das Auffüllen der Wagen mit Laken, Bezügen und Handtüchern eine beinahe meditative Arbeit, bei der ich für ganz kurze Zeit für mich bin, allein, ohne Patienten und Kollegen, die alle irgendetwas haben und irgendetwas wollen.)

Keine einzige Situation zu haben, in der ich heillos überfordert gewesen wäre oder mich so gefühlt hätte, keine allzu kritischen/aggressiven Nachfragen von Patienten zu Themen, über die man (ohne Akte in der Hand) gar keine Aussage machen kann, aber auch kein beschäftigungsloses Was-soll-ich-nur-machen, das sich ansonsten oft gerne einmal breitmacht und – man glaubt es kaum – beinah schlimmer sein kann als das anstrengende Herumlaufen, weil es mit einer so demonstrativen Nutzlosigkeit verbunden ist.

Ich werde ja tatsächlich souveräner.

Ebenfalls passiert:

Ich stehe neben dem Bett von Herrn Z., einem alten Herrn (von dem inzwischen die ganze Station weiß, dass er nächste Woche 90 wird), der uns allen rhetorisch überlegen ist und mich meistens unter seinem beißenden Schalk zu begraben droht. Als ich mich hinunterbeuge, um ihn auf die Seite zu lagern, packt er mich an der Vorderseite des Kasacks, zieht mich noch ein Stück heran, wirft einen verstohlenen Blick nach rechts und links – und schiebt mir wie ein Mafiaboss zwei zusamengerollte Scheine in die Tasche. Ich stammle überrascht: „Erm…Danke, Herr Z.!“ – Er: „Schschsch, kein Wort! Sie haben nichts gesehen und nichts gehört!“ – Ich: „Ooookay…ich bin vollkommen ahnungslos!“, und setze leiser hinzu: „Das ist doch furchtbar lieb von Ihnen, Herr Z…“ – Er: „Ach, ich habe absolut keine Ahnung, wovon Sie eigentlich reden!“

Also liefere ich das Geld für die Kaffeekasse im Stationszimmer ab und gehe weiter meiner Wege, bis zwei Stunden später wieder Herr Z. meine Wege kreuzt (eigentlich eher umgekehrt, schließlich ist er bettlägerig). Und wieder wirft er mir einen verschmitzten Blick zu, nimmt meine Hand (die ihn gerade zwecks Blutzuckermessung in den Finger gepiekst hat), haucht einen galanten Alte-Herren-Handkuss darauf und drückt mir noch etwas Geld in die Finger. Entgeistert starre ich darauf: „Aber, Herr Z., Sie haben doch schon…Werden Sie vergesslich?“ – „Wollen Sie mich beleidigen!?“, ruft er.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als ebenso zu verfahren wie beim letzten Mal, wo man ebenso skeptisch ist wie ich. Schließlich bringt eine Kollegin das Geld zurück, wird dort wütend angefahren, und steckt die leidigen Scheine dann (grooooßer Fehler!) einfach in die Nachttischschublade zurück.

Nach dem Mittagessen gehe ich die Tabletts abräumen, mit der üblichen Frage: „Haben Sie fertig gegessen? Darf ich den Rest schon wieder mitnehmen?“ – „Pah!“, ruft Herr Z., „mit Ihnen rede ich gar nicht mehr!“ – „Ach Mensch, habe ich Sie so beleidigt? Sie wissen doch, es war gar nicht so gemeint!“, stammele ich. Doch umsonst: Erbleibt standhaft. Ich hocke mich neben die Kante seines Betts: „Herr Z., ich knie vor Ihnen!“, und breite mit theatralischer Geste die Arme aus. Ein „Ttsss…“ ist alles, was ich zu hören bekomme. Wenn Blicke töten könnten…

„Darf ich denn trotzdem Ihr Tablett mitnehmen?“, frage ich versöhnlich. Da sieht er mich an und seufzt: „Alles dürfen Sie, alles, was Sie wollen…“

(Den folgenden Tag war ich morgens im Zimmer und konnte nicht umhin, nochmals zu fragen: „Sind Sie mir immer noch böse, Herr Z.? Ich habe mir solche Sorgen gemacht.“ – „Achwas…wie könnte ich! Nie!“)

Wie wir wohl alle sein werden, wenn wir fast 90 sind…?

Tag 8

…der, wie es schien, einen krassen Gegensatz zum vorangegangenen darstellen wollte.

Morgens zu verschlafen, ist eine Sache. Morgens zu verschlafen, völlig gehetzt und nur halb wach anzukommen und dann zu hören: „Oh, eigentlich stehst du heute aber als frei auf dem Plan…hat dir das keiner gesagt?“, eine andere…

Also hieß es; nicht nur arbeiten, sondern sogar noch eine Stunde zusätzlich dranhängen, bis um drei Uhr nachmittags, zur völligen Erschöpfung, und das wegen einer verpassten Stunde am Morgen (die sich normalerweise durch Dienstplan-Durchgehen, reden, Teetrinken und Raucherpause für die Raucher auszeichnet). Natürlich ist jemand wie ich unfähig, diesbezüglich den Mund aufzumachen und sich gegen die Bevormundung zu wehren. Man ist ja auch nur Praktikant, eher geduldet (zumindest wird so getan in Momenten, in denen es um das Klären von Dingen geht), und ein kleiner Fisch bei wahllosen Herumschiebereien im Dienstplan.

Da ist der Ärger mit Arbeit an den Wochenenden, die aufgezwungen wird, obwohl es eigentlich nicht sein sollte, mit der Begründung: „Das wird hier eben immer so gemacht“, und: „Es ist Sache des Krankenhauses, wann und wie die Praktikanten beschäftigt werden, und nicht des Landesprüfungsamtes.“

Natürlich. Das Landesprüfungsamt spart wohl auch nicht so heftig wie dieses Krankenhaus, das sich mit der Zugehörigkeit zu einer religiös geprägten Organisation schmückt, auf Plakaten im Aufzug Frömmigkeit zu verbreiten versucht, und im selben Moment Personal spart, die eigene Küche zugunsten von prestigeträchtigeren Projekten streicht und stattdessen ekelhaftes, tiefgekühltes Essen von außerhalb kommen lässt. Das an den Wochenenden, weil studentische Hilfskräfte reihenweise kündigen, anstelle von examinierten Kräften lieber unbezahlte Praktikanten verheizt, was natürlich eine Zumutung für beide Seiten ist (die Praktikanten selbst ebenso wie das am Wochenende arbeitende „richtige“ Personal).

Zudem ist niemand Verwaltungsbeauftragtes jemals aufzufinden, derzeit sind sowohl die Stationsleiterin als auch die stellvertretende Stationsleiterin gleichzeitig im Urlaub (wie sinnvoll!). Und ich stehe dazwischen, hilflos, schüchtern und ahnungslos, und mir fehlt jede Kraft, um diesen Konflikt mit den höheren Instanzen entschlossen auszutragen (in der Gefahr, sich für immer und ewig unbeliebt zu machen).

Soviel zum heutigen Tag… Ein Lichtblick: Die Arbeit mit den Patienten selbst ist (obgleich anstrengend und ermüdend) auch erfüllend: Sie besser kennenzulernen, Fortschritte beobachten zu können und morgens beim ersten Eintreten ins Zimmer mit einem freudigen Lächeln begrüßt zu werden: „Ach, da ist ja die nette Schwester mit den kurzen Haaren schon wieder!“ Und ganz gleich, wie viel unterschwelliges Gezanke im Stationszimmer ich gerade erdulden durfte, ich kann nicht anders, als zu lächeln.

…so ausgeruht wie lange nicht mehr!

Lächelnd bin ich zur Arbeit gegangen und lächelnd dort herumgelaufen, es gibt eine neue Praktikantin, die 1,50m groß ist und acht Jahre jünger geschätzt wird, als sie ist, und meine Haare sind kurz, was die dementen Leute einigermaßen verwirrt. Beste Kommentare bisher:

  • „Sie waren aber noch nicht hier, oder?“ (langer, misstrauischer Blick.) – Ich: „Schauen Sie nochmal hin, überlegen Sie!“ (fange an, wahllose mir bekannte Details über die Dame aufzuzählen zum Beweis, dass ich sie kenne.) – Sie: „Oh, warten Sie…waren Sie gestern da?“ – (Ich strubbele demonstrativ über den Kopf.) – Sie (laut klagend): „Oooohhh, was haben sie getan!?!“
  • Mensch, der allgemein sehr freundlich und lustig ist: „Was ist denn bloß mit Ihnen passiert? Sind sie unter den Rasenmäher gekommen?“ – Ich: „Tja, wissen Sie, ich lag so ganz arglos auf einer Wiese herum und dachte an nichts Böses…“ (immer diese Versuche, lustige Dinge zu sagen, und das mit meiner Naivität, gepaart mit Mangel an schlagfertigem Humor…) – Er: „Jaja, diese jungen Leute. Mal den Kopf in den Wolken, mal lauschen sie den Würmern!“ – Ich: <kann nur lachen, weil er nett ist und mir nichts zu sagen einfällt>
  • Tochter einer Patientin: „Ach, so wie Sie aussehen…also es ist hübsch, aber…Sie erinnern mich an diese eine Sängerin, wie hieß sie noch? Connor!“ – Ich: „Sinead O’Connor meinen Sie?“ – Sie: „Ja, genau…was macht die eigentlich?“ – Ich: „Ich glaube, sie singt nicht mehr. Und sie ist ein bisschen dick geworden.“ – Andere Pflegerin neben mir: „Ach, noooothing compaares…Nothing compares“ (kiekst) „to yoouu…“
  • Pflegerin, die unglaublich hübsch ist: „Aaach, isch mag deine Frisur. Es ist sähr sexy, ich möschte auch haben, passt gut. Weißt du, mein Mann sagt immer: Eine hübsche Gesicht braucht Platz!“ – Ich: <imbodenversink>

Zudem stellt sich allmählich heraus, dass eine Patientin, die ich gern hab, die ich gut kenne und jeden Morgen wasche, doch nicht so hilflos ist, wie man anfangs dachte. Sie hatte einen schweren Schlaganfall mit Sprech- und Bewegungsstörungen, sie kann schlecht ihren Körper und die Umwelt auseinanderhalten (zum Beispiel piekt sie ab und zu mit dem Finger ins Essen, als sei der Finger eine Gabel…)

Und nun sitzt diese Frau, der ich anfangs das Essen im Schneckentempo anreichen musste, weil sie kaum schlucken konnte, da und greift nach dem Löffel, als sei nichts gewesen, und hält ihn mit drei Fingern, ohne dass ich ihre Hand verbiegen muss wie die einer Marionette. (Wer das gerade liest, kann ja einmal spontan und ohne Beispielmaterial sagen, wie er oder sie einen Löffel hält, welcher Finger dabei wo ist! Dann Besteck oder einen Stift in die Hand nehmen und nachsehen, ob es richtig war…)

Und sie spricht! Sie hat sogar Humor! Sie besteht darauf, dass ihre Haare gebürstet werden, und wackelt beim Strümpfe-anziehen mit den Zehen, um mich zum Lachen zu bringen. Und ich kann nicht aufhören, ihr immer und immer wieder zu sagen, wie froh ich bin.

…an dem nichts war, weil Ansteckungsgefahr, weil Norovirus. Also zu Hause bleiben, obwohl eigentlich gar nichts mehr war, den sonnigen Tag genießen, faul sein und nur noch ein ganz kleines bisschen schlapp. Es ist zu hoffen, dass auf diese Weise das Immunsystem etwas dazugelernt hat, vielleicht ab nun gewappnet ist gegen diese Art von widerlichem Zeug. Unglaublich viel geschlafen.

Tag 5

…ach, man möge über mich lachen. Heute Nacht habe ich den Porzellanthron mehrere Male angebetet, um den Rest des Tages wie ein Waschlappen vom Wohnzimmer auf den Balkon und wieder zurück aufs Sofa zu schleichen und regelmäßig mit einer Desinfektionsmittel-Sprühflasche bewaffnet die Wohnung zu belästigen.

Der Lieblingsmensch hat mir Kartoffeln und Möhren gestampft, als ich abends um halb sieben meinte, vielleicht ein bisschen essen zu können.

Ob es was mit der Patientin zu tun haben mag, die mich gestern angespuckt hat, nachdem sie auf meine wiederholten (besorgten) Nachfragen erwiderte, das sei nichts Besonderes, ihr sei morgens meistens ein bisschen schwindelig? Das schlechte Gewissen sagt, ich hätte es wissen müssen.

Die Gutgläubigkeit hat mich in ein Noro-Monster verwandelt!

…und eine alte Dame, die alles ein wenig durcheinandergebracht hat.

Sonntagmorgen, neun Uhr, ich bin gerade dabei, Wäschewagen aufzufüllen oder Tabletts herumzutragen oder so, da ruft irgendjemand im Vorbeigehen: „Da ist eine in der Ambulanz für uns, schnapp dir doch einen Rollstuhl und hol sie ab, danke!“

Ich: „Wie heißt sie? Was hat sie?“

Vergessene Person: „Ach, total dement, den Rest wissen wir auch noch nicht, passt schon.“

Rollstuhl, Lift, durch alle Flure des Kellergeschosses bis in die Ambulanz, „Wo ist denn Raum 1?“ – „Gleich da hinten rechts!“

Dort erwartet mich ein winziges Persönchen in blauem Mantel und mit Kammspangen in den weißen Haaren; sie liegt steif wie ein Brett auf der Untersuchungsliege, und schaut mich schon beim Hereinkommen böse an. Ich: „Guten Tag, ich soll sie auf Station bringen! Haben sie noch etwas an Gepäck dabei?“

Sie: „Was wollen Sie von mir? Ich bin nicht krank! Ich wollte nicht hierherkommen! Meine Nichte… Sie entführen mich hier ja! Sehen Sie, ich habe nicht einmal die Haustür abgeschlossen…da kann jeder einbrechen!“ Sie wedelt mit ihrem Schlüsselbund vor meiner Nase herum. Dement, hat jemand gesagt, also was solls, es kommt ja durchaus vor, dass die Leute ganz klar wirken und trotzdem völlig aus der Phantasie erzählen. Was ich inzwischen gelernt habe: Glaube keinem Patienten!

Ich: „Ja, das wird schon, es wird keiner bei Ihnen einbrechen! Vielleicht fühlen Sie sich nicht krank, aber es ist doch gut, dass Sie hier sind!“ – Verständnislose Blicke Ihrerseits, die Dame hört so gut wie nichts. Auch schreiend kaum eine Möglichkeit der detaillierten Verständigung. Mir bleibt nichts anderes übrig, als sie in den Rollstuhl zu setzen, mit ihr durch alle Flure zurück und auf die Station zu fahren. Wir werden verwundert empfangen. „Wie, kein Gepäck? Keine Begleitung?“ – „Nein, sie war ganz allein da. Wie heißt sie nun eigentlich?“ – „Wissen wir auch noch nicht! Es gibt irgendwie keine Dokumente.“

Da ist also diese Frau, die nach mehrmaligem Anschreien mitteilt, wie sie heißt, jedoch weder ihre Adresse noch eine Telefonnummer irgendeiner Kontaktperson nennen kann. Sie bekommt ein Zimmer und schreit: „Was soll ich hier? Ich will nach Hause! Nach Hause! Ich bin nicht krank!“ Selbiges teilt sie auch allen anderen Patienten mit, die sie hören können (und man kann sie laut und deutlich hören, auf dem gesamten Flur), sie wird von einigen umsorgt, die selbst recht dement und hilflos sind, sich aber für ihr Wohlergehen verantwortlich fühlen.

Währenddessen emsige Diskussionen im Stationszimmer, die ganze Sache wird immer seltsamer, es wird ein Rundruf an alle Krankentransporte geschickt, wer die Frau denn nun hergebracht hat und von wo, und warum… Scheinbar hat irgendjemand die Polizei gerufen, vielleicht sie selbst, oder jemand von den Nachbarn, warum, weiß niemand. Also kam ein Rettungswagen, dessen Sanitäter, ohne zu wissen, was eigentlich los ist, die alte Dame ins Auto verfrachtet und ins Krankenhaus gefahren haben; ihre Empörungsrufe schlicht ignorierend. Ihr Kommentar: „Entführt haben die mich! Mit Gewalt in den Krankenwagen gezerrt! Sehen sie, ich habe noch nicht einmal eine Hose an!“

Tatsächlich: Sie lüftet verstohlen den Saum ihres Mantels, den sie den ganzen Vormittag über störrisch anbehalten hat. Was muss nur in dieser Wohnung passiert sein? Sanitäter in Zeitnot, sodass eine Frau keine Gelegenheit hat, sich anzuziehen oder Papiere mitzunehmen? In ihrer Manteltasche findet man einen Einkaufszettel, es ist zwar Sonntag, aber dennoch.

Dann die nächste Information von ihr: Eine Nichte! Drei Leute bestürmen sie mit Fragen: Wie diese Nichte denn heiße, wo sie wohne, Telefonnummer? Nach mehreren Fehlversuchen ist sie sich des Namens sicher; man sucht im Internet, ergebnislos. Wohnt die Nichte in der Stadt? Sie weiß es nicht; nur, dass sie öfter vorbeikommt. Zum Mittagessen ist die Dame immer noch da, steht aufgelöst zwischen Tür und Angel, schimpft und flucht und weigert sich, das ihr zugewiesene Bett anzurühren. Noch immer ist unklar, ob ihr überhaupt etwas fehlt. Sicher ist nur, dass irgendein Element in der Kette aus Gesundheitsdiensten in diesem Fall gründlich versagt hat.

Leider hat diese Geschichte kein Happy End, denn da kam das Schichtende dazwischen… Sie spukt mir noch immer im Kopf herum, die kleine, schiefzahnige Furie in ihrem blauen Rüschenmantel. Was aus ihr geworden sein mag?