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Substitution

Wie ich in der letzten Zeit leidvoll lernte, ist es sehr, sehr schwierig, Vitamine und Spurenelemente zu substituieren. Eigentlich sollte das kein allzu großes Problem sein. Eigentlich sollte eins meinen, der menschliche Körper sei schon darauf ausgerichtet, immer genau das zu bekommen, was er braucht, und höchstens bei Ernährungsformen wie Veganismus sei es angeraten, mehr auf so etwas zu achten. Eigentlich ist das ein Irrtum. Ich habe sogar den Eindruck, die ganze „woher bekommst du denn deine ganzen Vitamine“-Debatte hat sich so sehr in Richtung Vegetarismus/Veganismus verschoben, dass Fleischfresser_innen eigentlich gar nicht mehr darüber nachdenken, ob sie eventuell in die eine oder andere Richtung unterversorgt sein könnten. Und das, obwohl viele von ihnen es wohl irgendwie sind. Da sind die Menschen, die selten rausgehen und/oder dick angezogen sind und/oder dunkelhäutig in einem nördlichen Land leben und prompt steht Vitamin D-Mangel vor der Tür. Eine Studie in New York hat junge Frauen getestet, von denen hatte im Winter die Hälfte einen teils massiven Vitamin-D-Mangel, und von den Schwarzen Frauen drei Viertel.

Eine chronische Erkrankung wie HIV/AIDS oder Alkoholismus führt aus verschiedensten Wegen zu Vitamin- oder Spurenelementmangel, durch Verwertungsstörungen im Körper oder gestörte Aufnahme aus der Nahrung, oder auch, weil die entsprechende Nahrung gar nicht mehr zugeführt wird (Stichwort Gemüse, was Menschen, die sich fast ausschließlich von alkoholischen Getränken ernähren, kaum mehr essen).

Der Zauberer und ich, und das traue ich mich kaum zu sagen, saßen vor einiger Zeit auf der Couch und beratschlagten weitere Details des Ernstfalls, dass ein matschiger und noch dazu veganer Mensch wie ich einen komplett anderen und noch dazu schnell wachsenden Menschen monatelang in sich beherbergen könnte. Das klingt schon in der Theorie kompliziert und es wird zunehmend komplizierter, wenn eins sich Gedanken über so etwas macht wie: Selen. Oder verschiedene Arten von Cobalamin.

Ich fange einfach beim Letzteren an; Cobalamin ist das, was wir „Vitamin B 12“ nennen, und es ist…kompliziert. Einerseits gibt es mehrere verfügbare Formen, in denen wir es aufnehmen können. Sie sind unterschiedlich gut verwertbar, weil der Körper unterschiedlich viele Reaktionsschritte braucht, um daraus die bioaktive Form zu machen, die er benutzen kann (um DNA zu bauen, zum Beispiel Nervenzellen oder rote Blutkörperchen). Daran sind verschiedene Enzyme beteiligt, von denen einige gut, andere eher träge arbeiten. Einige Cobalamin-Formen sind komplett synthetisch.

Wenn jemand ein B 12-Präparat zu Hause herumliegen hat, möge er_sie mal daraufsehen und herausfinden, welche Bindungsform das ist. Die häufigsten beiden sind: Cyano-Cobalamin und Methyl-Cobalamin. Es gibt zwar noch andere Formen, aber diese beiden kommen eigentlich als einzige im Handel vor.

Und dann gibt es diese Menschen, die sich denken: „Cyano?! War da nicht was? Blaualgen? Blausäure? Böse!“ – Ja, In Cyanocobalamin ist das Vitamin, an der wir heranwollen, tatsächlich durch sehr geringe Mengen Cyanid gebunden. Allerdings so geringe Mengen, dass sie unserem Körper nichts anhaben können, und sie werden schnell abgebaut und als ungefährliches Endprodukt ausgeschieden. Es besteht also kein Grund zur Sorge. Manche Menschen machen sich allerdings Gedanken darüber, dass von der Menge Vitamin B12, die wir aufnehmen, nur ein sehr kleiner Teil unsere Zellen überhaupt erreicht. Bei Cyanocobalamin braucht es mehrere Stufen der Umwandlung im Körper, bis es überhaupt in der biologisch aktiven Form vorliegt und somit verwertet werden kann. Ist der Körper ein bisschen träge oder fehlen ihm bestimmte Enzyme, dann schafft er es nicht oder kaum, aus der (meist lustig schmeckenden) Tablette das zu machen, was er benutzen kann. Kann das gemessen werden? Nein. Und wenn es das könnte, könnten wir es uns finanziell leisten? Nein. Weil wir von dem Geld lieber achtmal ins Kino gehen. (Viel Info zu verschiedenen Tests gibt es hier.)

Sicherer ist hier Methylcobalamin, das sehr viel schneller und mit nur einem Umwandlungsschritt biologisch aktiv ist. Deswegen ist es auch dreimal so teuer. Weil meine Frauenärztin und sowieso alle Leute uns vorwarfen, wir seien so unverantwortlich, eine vegane Schwangerschaft zu versuchen, gönnten wir uns diesen Scheiß von einer Möchtegern-anthroposophischen Feelgood-Firma und seitdem lutsche ich Vitamin-B12-Tabletten (yup, wird über die Mundschleimhaut aufgenommen), die so exorbitant hohe Mengen B12 enthalten (44.000% des angeblichen Bedarfs) , dass jeder vermeintliche Mangel damit wohl Geschichte ist. Soweit bekannt ist, kann eins B12 nicht überdosieren. Menschen, die eine Aufnahmestörung oder einen schweren Mangel haben, bekommen das Zeug in ähnlicher Dosis per intramuskulärer Depotspritze. (Der Zauberer kaut die Tabletten und schluckt sie pulverisiert runter, was eine gigantische Verschwendung ist, aber angeblich sind sie zu lecker, um es nicht zu tun. Sie schmecken nach Orange.)

Mit Vitamin D ist es einfacher. Am einfachsten ist es wohl, in die Sonne zu gehen, oder zumindest tagsüber mal nach draußen, und das Gesicht gen Himmel zu halten. Und nein, UV-Licht kommt nicht durch Glassscheiben, am Fenster sitzen gilt nicht. In der Sowjetunion haben sie die Kinder im Kreis um UV-Lampen aufgestellt, das sah dann so aus.nyqjv9i(Quelle: http://airductpros.org/uv-light/)

Das UV-Licht stößt in der Haut einen Prozess an, durch den letztendlich vom Körper Vitamin D produziert wird. Deswegen müssen Menschen mit dunklerer Haut mehr darauf achten, denn wem UV-Licht weniger anhaben kann, der_die ist hier im Nachteil.

Aber wenn Winter ist und alles sich eklig anfühlt, was über den Radius des Bettes hinausgeht, dann dürfen es eben auch mal die Vitamine aus der Drogerie sein, denn eigentlich sind die nicht schlimm. Sie wirken nicht anders als das „natürlich“ produzierte Vitamin D. Es nervt nur eben, diese kantigen, Würgreiz-verursachenden, widerlich schmeckenden Brocken runterzuschlucken. Unsere Omas nehmen die alle, weil alte Frauen Osteoporose-gefährdet sind und Vitamin D nunmal den Aufbau der Knochen bewirkt. Also dass die kleinen Zellen, die Knochengewege aufbauen, aufwachen und denken: „Yay, wir müssen Knochen bauen, denn das ist das einzige, was wir können!“. Dann besiegen sie in einer dramatischen Schlacht die kleinen Zellen, die die Knochenstruktur abbauen wollen und…naja.

Wenn ihr Tabletten in der Drogerie kauft, dann achtet bitte darauf, solche zu nehmen, wo auch Kalzium enthalten ist. Denn Knochenaufbau passiert durch Vitamin D immer, und irgendwoher nimmt der Körper sich auch sein Kalzium immer, zur Not halt aus den Muskeln, was nicht so gut wäre. Und die Omnivoren und Laktos unter euch, die jetzt sagen: „Aber ich trinke doch Milch, und Barbara Schöneberger hat gesagt, die hat ganz viel Kalzium!“ – Barbara Schöneberger wurde von der Milchindustrie dafür bezahlt und außerdem hat Milch nicht soviel Kalzium und hemmt noch dazu die Kalziumaufnahme. Sprich, wenn ich dieselbe Menge Kalzium durch was anderes aufnehme, habe ich viel mehr davon.

Also: Wo Vitamin D ist, muss auch Kalzium sein. Die Veggies unter euch: Achtung, in manchen Kombipräparaten versteckt sich Gelatine.

(Und weil das hier mein Blog ist, noch an die Omnivoren: Was aus euch wird, ist mir sowas von scheißegal. Bisher nichts Gutes offensichtlich.)

Dieser Artikel hat scheußlich wenig Links und wenn jemand eine Quelle möchte, dann grabe ich dafür im Internet, bis ich das gefunden habe, was ich hier erzählt habe. Vieles weiß ich aber auch bloß vom Studium, das meiste ist eh Zeug, was alle wissen, und da kann ich keine Originalquellen angeben.)

Bis dann, ihr Zaubermäuse.

 

Sommer

Er ist vorbei. Ich liege in meinem großen Bett, ich bin nackt und frisch aus der Badewanne geklettert, und draußen prasselt der Regen gegen die Scheibe, der, ich meine es zu spüren, mich eben in diesem Moment von diesem Sommer verabschiedet. Vielleicht werden noch warme Tage kommen, es ist sogar recht wahrscheinlich, doch es werden, wenn, dann goldene Herbsttage sein, und nach diesem Wochenende schließen die Freibäder meiner Stadt.

Ich bin weggefahren in diesem Sommer mit dem Zauberer; wir waren in Polen und haben gezeltet und sind viel mit dem Zug gefahren, haben sehr viele getrocknete Tomaten mit Weißbrot gegessen, uns gefreut, dass alles so billig ist, und doch zuviel Geld ausgegeben. in sieben polnischen Städten waren wir und Breslau hat mir von allen wohl am meisten gefallen. Krakau war auch wunderschön, doch außer uns fanden das noch sehr viele andere Leute, und das machte es sehr anstregend.

So viele Tage in spartanischen Verhältnissen haben mich ermüdet, ich muss es ehrlich gestehen. Der Verfall der eigenen Standards ist kaum übersehbar, und ich habe es alles mit Fassung getragen, habe meine Hand eine Stunde lang über den Abfluss eines Waschbeckens gepresst, das keinen Stöpsel hatte und in dem der Zauberer mit geklauter Handseife unsere Klamotten gewaschen hat. Gelegentlich habe ich uns in ein Café komplimentiert, dort so getan, als sei ich hübsch angezogen, und möglichst elegant extravagante Getränke bestellt, damit es sich auch zum Teil wie ein schicker Urlau anfühlt. Das war so halberfolgreich.

Wir waren dann noch in Schweden, wir sind in einer sehr langen Odyssee von Lötzen in den Masuren nach Danzig, von da abends nach Gdingen gefahren (was sehr in der Nähe liegt), haben dort am Meer zwischen lauter feiernden und betrunkenen Leuten bei Regen im Zelt geschlafen und sind frühmorgens mit einer Fähre elf Stunden lang über die Ostsee gefahren, bis wir in Karlskrona, Schweden ankamen. Wir haben auf einer winzigen Schäreninsel gecampt, sind am nächsten Morgen in den nächsten Zug gestiegen und kamen auf diese Art zu meinen sowas-wie-Schwiegereltern nach Göteborg, die uns in ihrem Ferienhaus aufgenommen haben, wo wir eine Woche mit Kanufahren, Pilze sammeln, Blaubeeren sammeln und Trödelhändler besuchen zugebracht haben.

Es war so warm, oft unerträglich heiß, und inzwischen sind einige Narben von aufgekratzten Mückenstichen nur noch kleine weißliche Flecken auf meiner Haut. Meine Arme haben die Farbe von Milchkaffee angenommen und wer meine Brüste sieht, kann erkennen, dass der Rest von mir Sonne gesehen hat. Ich habe meine Haare abschneiden lassen und sehe jetzt aus wie Spock aus Star Trek, und das ist okay.

Ich war mutig in diesem Urlaub. Ich habe vieles getan, das ich sonst nie tue, und habe ich schon erwähnt, wie furchtbar anstrengend es war..? Ich habe gelernt, polnische Wörter auszusprechen, finde es aber immer noch sehr schwer. Irgendwie bleibt Polen mir trotz allem ein wenig fremd. Ich bin froh, es endlich mal gesehen zu haben, und es ist wunderschön, dort Urlaub zu machen, Städte anzuschauen und die Natur zu genießen. Dennoch schlägt mein Herz nicht voller Liebe, wie es das (wider besseren Wissens) immer noch tut, wenn ich in Frankreich bin.

Die Menschen sind zwar sehr viel netter als in Russland, aber viel weniger nett, als ich sie in Südengland erlebt habe. Das ist nach meiner bisherigen Erfahrung immer noch die herzlichste Gegend, in der mir am meisten Aufgeschlossenheit und Hilfsbereitschaft begegnet ist.

Der Zauberer und ich waren in einem Wissenschaftsmuseum für Kinder, in mehreren Kunstgalerien, in unzähligen Kathedralen (die ich, Schande über mich, schon gar nicht mehr in der Erinnerung auseinanderhalten kann, aber ich weiß, dass sie alle sehr schön und viele ziemlich barock überladen waren), und in einem runden Gebäude, das ein riesiges kreisförmiges Gemälde beherbergt, das die Schlacht von Raclawice (sprich: Ras-wa-wize) darstellt. Ich war skeptisch, denn eigentlich gibt mir das Betrachten von Schlachtgemälden nicht viel Befriedigung, aber dieses Gemälde besticht durch seine wunderbare Aufarbeitung, eine liebevoll gestaltete Kulisse und viele historische Hintergrundinformationen.

Ich habe das Gefühl, dass in Polen die nationale Identität sehr hochgehalten wird, und dass das zu einem Gutteil mit der ständigen Unterdrückung und mehrfachen Auslöschung Polens zu tun hat. So sehr, dass ein Gemälde gefeiert wird, das einen einzigen Sieg Polens in einer Sclacht darstellt, obwohl der zugehörige Krieg (ich habe vergessen, welcher es war) trotzdem verloren wurde.

In der Bildergalerie ist auch ein Foto davon zu sehen.

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Nun habe ich mich also wieder in meinem alten, häuslichen Leben installiert, wo immer ein bisschen zuviel Geschirr herumsteht und ein paar Klamotten zuviel auf dem Fußboden im Schlafzimmer liegen, und wo ich mich zu Hause fühle. Das habe ich zum ersten Mal wirklich gemerkt, nachdem der Zauberer und ich aus den Ferien zurückkamen und ich es kaum erwarten konnte, in diese Wohnung zurückzukehren, die hier auf uns gewartet hat.

Schönes #17

Am 19. März dieses Jahres habe ich eine relativ große Prüfung im Fach Chirurgie abgelegt. Sie unterschied sich dadurch von allen anderen Prüfungen meines bisherigen Studiums, dass die Antworten nicht multiple-choice, also zum ankreuzen waren, sondern tatsächlich echte Antworttexte von uns erwartet wurden. Keine langen, nur so zwei-Satz-Dinger, manchmal nur Aufzählungen, die besagen sollten: „Ich weiß das und habe es verstanden“, anders als bei multiple choice: „Ich habe aus den fünf Antwortmöglichkeiten einfach willkürlich eine ausgewählt, weil ich keine Ahnung hatte, und zufällig hatte ich Glück“.

Nachdem wir diese Prüfung geschrieben (tatsächlich geschrieben!) hatten, war ich ziemlich fertig mit mir und der Welt, weil meine Unfähigkeit wohl bisher kaum so deutlich offengelegt wurde. In mündlichen Prüfungen kann ich vieles mit Rhetorik retten, hier guckten mich die leeren weißen Felder an und ich wusste bei vielen beim besten Willen nicht, was ich da hätte hinschreiben sollen. Also schrieb ich einfach irgendwas in der Hoffnung auf Teilpunkte.

Hinterher regten sich alle sehr auf, weil es ihnen ähnlich ergangen war, zumindest glaubten sie das. Dann warteten wir. Es kamen noch andere Prüfungen, es kamen die Ferien. Der Zauberer und ich waren in England, es kamen keine Ergebnisse, ich machte meine Famulaturen, es kam immer noch nichts. Eine neugierige Mitstudentin rief im Institut für Chirurgie an und fragte nach, wann wir denn mit unseren Ergebnissen rechnen könnten. Es wurden ausschweifende Gespräche in einer Facebook-Gruppe geführt.

Da dieser Post unter „100 schöne Dinge“ gelistet ist, muss ich eigentlich nicht mehr viel ergänzen, denn Menschen mit Verstand können sich den Rest sowieso erschließen. Heute kamen die Ergebnisse online. Ich las davon in der Facebook-Gruppe, bekam schreckliches Herzklopfen und meine Hände zitterten. Ich vertippte mich bei Eingabe der Uniwebsite-URL und verklickte mich bei der Suche nach der Datei. Dann sah ich, dass alle bestanden hatten, weil offenbar die Gleitklausel angewandt werden musste… Haben andere Unis so etwas auch? Wenn der Durchschnitt zu schlecht ist, wird einfach die Bestehensgrenze gesenkt, bis der Durchschnitt gut genug ist. So machen es die Lehrverantwortlichen sich selbst und uns leichter, wir profitieren also ziemlich direkt von ihrer Faulheit.

Dank dieser Gleitklausel hatte also auch ich bestanden. Endlich, nach all diesen Wochen ist der Druck weg, den ich sonst aufgrund der elektronischen MC-Prüfungen nie habe oder höchstens mal einen Tag lang. Ich bin so froh.

Ferien

Also hatte ich die letzten vier Wochen Ferien und werde noch eine Woche haben, aber von den gesamten fünf Wochen werde ich vier gearbeitet haben. Es bleibt eine Woche übrig, in der ich mit dem Zauberer weggefahren bin, und zwar mit dem Bus. Wir waren in England. Ich kann erzählen, dass ich Leute kenne, die Engländer_innen sind oder zumindest derzeit in England wohnen, und dass ich die besucht habe; das klingt sicherlich sehr beeindruckend. Vor allem war es schön, zu wissen, wo wir schlafen würden und nicht diese Unsicherheit zu haben, eventuell eine sehr ungemütliche Nacht verbringen zu müssen ohne die Chance, sich am nächsten Morgen anständig waschen zu können. (Ich stelle fest: Mir ist es enorm wichtig, mich morgens einmal zu waschen und mir die Zähne zu putzen. Ich fühle mich sonst grässlich.)

Ich war sehr froh, einen Schal dabeizuhaben, denn es war so fürchterlich windig, dass ich beinah weggeflogen wäre, und manchmal regnete es auch, aber glücklicherweise selten. Am Victoria-Busbahnhof in London, wo wahrscheinlich alle Linien-Reisebusse ankommen und abfahren, die irgendwie im Süden Englands verkehren, gibt es furchtbar viele Obdachlose, und allgemein sind viele Viertel so heruntergekommen, mit kleinen und schmutzigen Häusern, in denen Leute wohnen, die es nicht groß zu stören scheint, dass ihr Haus ihnen irgendwann wegschimmeln könnte. Es ist bedrückend, das zu sehen, egal wie oft eins sich sagt, dass es in anderen Gegenden, anderen Teilen der Welt, noch viel schlimmer ist. In England scheint es in sehr vielen Gegenden so zu sein; in London, in Bristol und in Cornwall war es jedenfalls so.

Dafür gibt es das Meer, was wunderschön ist in seiner Wildheit, seiner Farbe und seiner immerwährenden Anwesenheit, die für mich, wo ich nicht am Meer lebe, etwas Beeindruckendes hat. Es ist so besonders, am Meer entlangzugehen („Spazieren“ kann ich nicht sagen, denn dafür muss eins sich zu sehr gegen den Wind stemmen), oberhalb der Klippen durch die Graslandschaft der Dünen zu streifen, die wie ein fremder Planet aussieht, über die zerklüfteten Felsen zu klettern oder einfach durch die kleinen Ortschaften zu wandern, mit ihren oftmals heruntergekommen Häusern und Häuschen und dazwischen ab und zu eine Palme oder ein großer Farn. Dem Golfstrom sei Dank.

Ich lade einige Fotos hoch:

Möchte ich nach diesen ganzen Bildern, die mich jetzt schon wieder wehmütig machen, überhaupt noch vom frustrierenden und desillusionierenden Alltag der Wochen danach berichten? Eigentlich nicht. Vielleicht ein anderes Mal, wenn auch das wieder in weitere Vergangenheit gerückt ist und somit distanziert und bilanzierend erzählt werden kann. Derzeit knabbere ich noch zu sehr an den deprimierenden Eindrücken, die mich an mir, meinem Verhältnis zu anderen Menschen, meiner Berufswahl und somit auch ein wenig an meiner Berufswahl zweifeln lassen, auch wenn es netto „nur“ zwei jeweils zweiwöchige Famulaturen waren, die mir sowohl mein Interesse an der Chirurgie ausgetrieben als auch meine Freude an der Gynäkologie – nunja – zumindest ziemlich madig gemacht haben. Es zehrt an mir, und das mehr, als es vermutlich sollte. Ich lasse es erst einmal ruhen und warte den Beginn des neuen Semesters ab. Adieu, liebes Blog.

Langgesammeltes

In diesem Frühling und Sommer sind doch einige Bilder entstanden und ich bin noch immer nicht dazu gekommen, sie auf den Blog zu tun. Sie passen kaum noch thematisch, erzählen von Tagen, die längst vergangen sind, von Bäumen, an denen grüne Blätter hängen und einer Zeit, als ich barfuß lief und einen Hut aufsetzte, um nicht von der Sonne verbrannt zu werden. Schon jetzt träume ich wieder davon. Am allermeisten ist es die schlichte Vision davon, in der Sonne auf dem Rasen zu sitzen und in einem Buch zu lesen. Kein Schwimmengehen in Seen und Flüssen, kein Eisessen, kein Strand, keine Urlaubsplanung kommt gegen dieses banale Gedankenbild an, das mich durch diese Tage und Abende begleitet. So seufze ich ab und zu und klicke mich durch die farbigen Zeugnisse, dass das in diesen Breitengraden theoretisch möglich ist, dass es möglich war und in einer absehbaren Zeit auch wieder möglich sein wird. Bis dahin esse ich Süßes und schlafe viel, sehr viel.

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Schönes #6

Ich habe einen ganzen, ganzen langen Tag durchgehalten, vom Aufstehen um 6:30, den Zug nehmen um sieben, dann Vorlesung bis ein Uhr, dann Laborarbeit und Statistik. Die aktualisierte Liste meiner Studienpatient_innen ist endlich mal angekommen, ich habe eine Übersicht erstellen können für summierte Werte von allen, dann war ich in der Bibliothek und habe tatsächlich herausgefunden, was die Lösung des klinischen Szenarios ist, das wir derzeit in Pädiatrie durchgehen (frühgeborener Säugling entwickelt nach einer Woche ein Atemnotsyndrom, Blässe, Apathie, gespannte Fontanelle, geblähtes Abdomen, erbricht, hat Petechien und schließlich einen Krampfanfall – eine Neugeborenensepsis, yay!), war dann noch im Chor, stellte fest, dass ich wirklich nicht mehr so schlecht singe und die meisten Töne der H-Moll-Messe in zwischen kann, fuhr dann etwas früher heim und kam um 23:00 wieder zu Hause an. Und das mit Kopfweh und Nebenwirkungen vom Sertralin (heißt, ich zappele viel herum und gähne übermäßig viel und habe manchmal einen erhöhten Puls), wobei die Kopfschmerzen wohl auch davon kommen, denn der Zauberer weckte mich heute nacht und sagte, ich würde furchtbar mit den Zähnen knirschen. Ich wollte nicht jammern, nur Stolz ausdrücken.

Frühsommer

Derzeit habe ich einiges in Arbeit, aber so richtig wollen die Worte nicht kommen. So ruht das mit Aussicht auf eventuelle Verbesserung meiner Schreiberei.

Wirklich gut geht es mir im Moment nicht. Schöne Dinge gibt es, ja, aber das alles wird von einer generellen Kraftlosigkeit überlagert, die mir in den letzten sieben Tagen zwei schreckliche Tage beschert hat, was doch eine ernüchternde Bilanz ist. Bleibt die Hoffnung auf Besserung.

Am Wetter kann es natürlich nicht liegen, denn das habe ich, so gut, es ging, ausgenutzt und etwas Schönes ist auch dabei herumgekommen:

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Ansonsten sieht es aber bei mir, auch an sonnigen Tagen, eher so aus.

Computer, offenes Fenster, und die Trauer darüber, nicht rauszugehen, obwohl ich könnte, es sogar wirklich schön sein könnte und mich theoretisch nichts daran hindert, außer ich selbst. Dazu eine Portion Menschenscheu und erneutes, verhasstes Chaos in Kombination mit der Kraftlosigkeit, die mich vom Aufräumen abhält. Eine gesunde Portion Selbsthass und schon sind die Frühlingsgefühle dahin. Lächerlich ist es, sich so vom Wetter abhängig zu machen.

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Whatever

Es ist Herbst, ich habe im Herbst Geburtstag, und weil ich es mir so sehr gewünscht habe, haben meine Eltern für mich bei Ebay eine digitale Kamera ersteigert. Von einem sehr netten Hobby-Journalisten und Hobby-Journalismus-Fotografen (d.h., glaube ich, er hat immer mal wieder Themen recherchiert und ausgearbeitet und das dann Zeitungen angeboten), der sie uns schickte mit allem, was dabei war. Das zweite Objektiv, ein Tele, habe ich noch gar nicht ausprobiert, aus Furcht, sowieso nichts Gutes damit anfangen zu können. Er ist starker Raucher, dementsprechend riecht alles.

Es ist Herbst, und ich bekomme eine unglaubliche Angst vor allem, was mich erwartet. Dazu gehören die Dinge, die drinnen stattfinden. Unendliche Zugfahren, Busfahrten, Autofahrten, hunderte und tausende Kilometer, die ich vernichten werde allein aus der Notwendigkeit heraus, um da sein zu können, wo ich sein will, und dann auch wieder dahin zu kommen, wo ich sein muss. Immer abwechselnd. Dazu gehört die Ungewissheit, was aus meinem Promotionsprojekt werden wird, welches gerade erst im Anlaufen ist, für das ich versuche, geregelte Arbeitszeiten zu akzeptieren, Überstunden zu machen, mich nicht zu beklagen und mich in etwas einzufinden, das wohl einen Vorgeschmack auf mein ganzes späteres Leben darstellt. Für das ich komplizierte, wissenschaftliche, englische Texte lesen muss und versuchen, mir komplexe Sachverhalte selbst mithilfe von bunten Grafiken aus dem Internet beizubringen. Und dann auch noch selbst denken, analysieren, mir Sachen ausdenken und sie präsentieren, nicht dumm dastehen. Dabei habe ich eine Schreibhemmung, wenn es um so etwas geht. Ich habe es nicht einmal geschafft, in der Schule eine vernünftige Facharbeit zu verfassen. Wie kam ich auf den grandiosen Gedanken, mich an eine Doktorarbeit zu setzen? Wollte ich das, oder wollte ich nur mir und allen anderen um mich herum etwas beweisen? Wieviel „arrogante Naturwissenschaftlerin“ ist in mir, die das Wort „Work-Life-Balance“ am liebsten in die Tonne treten würde, um zum passionierten Workaholic zu mutieren? (Leider stehen mir hierfür zu viele persönliche Bedürfnisse im Weg.) Ich bemühe mich also, einfach nicht aufzugeben und es Beppo Straßenkehrer nachzutun, der einmal atmet, fegt und wieder atmet und so allmählich seine 100.000 Stunden abarbeitet. (Soviel wird vermutlich meine ganze Promotion nicht an Zeit einnehmen, schließlich bin ich angehende Medizinerin.)

Es ist Herbst, und ich fürchte mich vor den fallenden Temperaturen und noch viel mehr vor der Dunkelheit. Ich gehöre wohl zu den Menschen, die alles Licht gierig in sich aufsaugen, gedämpfte Lampen hassen (außer in Cafés und Restaurants) und Panik bekommen, wenn sie sich in Räumen mit funzeligen Energiesparlampen befinden, die nicht heller gedimmt werden können. Ich kann morgens nicht aufstehen, wenn kein Licht in meine Zimmer fällt. Ich schlafe konsequent ohne Vorhänge. Doch bald bräuchte ich die gar nicht mehr, denn es wird dunkel sein, wenn ich nach Hause komme und dunkel, wenn ich morgens das Haus verlasse, und dazwischen sind einige sehnsüchtige Blicke aus dem Fenster und der verfrorene Gang zur Mensa. Es gibt Therapieleuchten für Menschen mit saisonaler Depression. Ich habe kein Geld für so etwas und bekäme wohl auch keine Krankenkasse dazu, so etwas zu finanzieren, also tröste ich mich mit dem gelegentlichen Komfort überheizter Räume.

Am Wochenende war ich in Strasbourg, was wirklich eine menschenfreundliche Stadt ist. Sie ist barrierefreier als alles, was ich aus Deutschland kenne, multilingual (Die Namen der Pflanzen im Botanischen Garten waren auch auf deutsch vermerkt), hat viele kostenlose Angebote, ein gut ausgebautes ebenerdiges Verkehrsnetz und Unmengen von günstiger Wohnfläche im Innenstadtbereich (was, zugegeben, auf Kosten der optischen Attraktivität geht), wodurch Gentrifizierung vermieden wird.

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(Wer sagen kann, was die grüne, schrumpelige Frucht ist, bekommt einen Orden.)

Landkreuzfahrt

Das war es wirklich. Per Anhalter ging es los, durch Belgien und einen Zipfel Frankreich („Excusez-moi, est-ce que vous allez d’ici sur l’autoroute E40 à la direction de Calais? Non? Ah, dommage. Mais merci quand même.“), am Abend desselben Tages über den Kanal. In Köln fragte ich Harald Schmidt, ob er Richtung Aachen unterwegs sei, aber er wollte leider nur wieder ins Stadtzentrum (wie alle anderen an der Stelle auch!). Mir fiel seine Identität hinterher auf, obgleich ich nie fernsehe.

In Dover war die erste Nacht recht komfortabel in einer Wohnung, die wir einigen anderen Übernachtungs-Angeboten gegenüber vorzogen, was sch gelohnt hat. Kein Gestank, keine stockbetrunkenen Leute, am nächsten Morgen eine spontane Klippenwanderung. Die zweite Nacht gleich das wieder aus; Camping in einem kleinen Grünstreifen neben einem großen Kreisverkehr in Portsmouth. Warum wollte ich nochmal nach Westen, obwohl ich wusste, dass es dorthin keine Direktverbindung gibt?

Noch einen Tag später waren wir endlich in der Grafschaft, in die wir wollten, und fuhren bequem mit dem Zug nach Newquay. Auf einem Aldi-Parkplatz stehend, sahen wir zum ersten Mal den Atlantik. Danach sahen wir ihn eigentlich die ganze Zeit, immer auf der rechten Seite, weiter nach Südwesten wandernd, bei Wind und Regen. Zwei Tage und etwa 30 km später schien zum ersten Mal wieder die Sonne. Der Rest ist entspannt, noch ein bisschen trampen, um Schlafplätze betteln, Sonnenbrand, im Meer baden, Baked Beans, Hummus-Brot und Ingwerkekse essen (leider sonst nicht so viel anderes).

In St. Ives nahm ich ganz sentimental Abschied vom Meer, nur um es danach noch dreimal wiederzusehen, denn die Rückreise war…nunja, suboptimal. Sie wird nicht miterzählt, obwohl sie zwei (eigentlich sogar drei) Tage lang stattgefunden hat.

Eigentlich wollte ich nur Bilder hochladen, aber ganz kommentarlos wäre das wohl wenig sinnvoll. Das große Hitchhiker-Pappschild mit der Aufschrift „CORNWALL“ ist leider unterwegs verloren gegangen, aber zum Glück erst, nachdem es uns erfolgreich in weniger als 20 Minuten aus Plymouth rausgebracht hatte…Und nun zum Eigentlichen!

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Winterbilder

Beinahe habe ich es überstanden, die Kälte, die ich noch immer nicht leiden kann, voller Nässe, langsam trocknender Wäsche und dem stetigen Gefühl des Eingesperrtseins. Natürlich immer der Versuch, das alles in den Bildern zu ignorieren, nur die schöne, manchmal fast hübsche Seite des Frosts herauszukehren, die nicht immer wirklich da ist, alles mehr Schein als Sein. Vielleicht ist einzig das der Selbstzweck der Photographie: Alles Hässliche wegzukehren, zu relativieren, Bild für Bild den trügerischen Eindruck einer reinen, eindeutig einzuordnenden Welt zu erwecken, in der wir zwar gern leben würden, es aber niemals werden. Ich versuche, lächerliche Fenster zu schaffen und in der Wahl des Ausschnitts genau das auszublenden, was deutlich machen könnte, dass es sich hier nur um kaschierte Banalität handelt.

Also Bilder von Schnee, von einem entfernten Pärchen in einer Allee, einem abendlichen Waldspaziergang, von frostigen Winterhimmeln, blassen Sonnenstrahlen und nochmal Schnee.

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