Category: Überlegtes


Kinderkram

Hallo Blog. Du bist noch immer da, und du wirst kaum gelesen. Ich werde dir jetzt ein Geständnis machen, vielleicht das erste ernsthafte Geständnis, das ich dir jemals gemacht habe in den vier Jahren, die du nun mein bist. Natürlich bist du vorrangig zuständig für hübsche Bilder, für nachdenkliche und manchmal auch Überzeugungs-verbreitende Texte, weniger als eine Art persönliches Tagebuch. Du sollst und wirst ordentlicher bleiben als ein Tagebuch es sein darf und nicht vermüllt werden mit den ganz alltäglichen Gedanken. Du bist – im Gegensatz zu echten Tagebüchern – eine zumindest halbwegs vorzeigbare Gedankensammlung. Liebes Blog, ich hätte gerne ein Kind.

Ich erinnere mich, vor längerer Zeit einmal am Ende eines Artikels den scherzhaften Einwurf gemacht zu haben, ich würde in einem folgenden Artikel einmal das Thema behandeln, warum ich immer vehement behaupte, garantiert niemals Kinder haben zu wollen, obwohl ich eigentlich vielleicht doch gar nicht so denke (oder so). Damals war ich auch wirklich sicher, dass Kinder nichts für mich persönlich sind und schon gar nicht in den nächsten Jahren, und sowieso sind Kinder ekelhafte Mistblagen, die kreischen und ständig alles und jede_n herausfordern müssen/wollen. Ich bin nicht die Person für Kinder, das ist meine Schwester; die wird von allen Kindern geliebt und beantwortet das auch mit Gegenliebe. Neben ihr bin ich die komische Kinder-skeptisch-beäugende Halberwachsene, die sich lieber mit anwesenden Tieren oder Büchern beschäftigt. Zugegebenermaßen ist das prätentiös und gelogen. Wenn meine Schwester nicht in der Nähe ist und die beste Cousine/Patentante/große Freundin der Welt darstellt für die kleinen Mistblagen, dann bin ich die coolste Spielgefährtin/Erklärerin. Ich kann stundenlang kreischend durch Keller laufen und Verstecken spielen. Ich liebe Ice Age. Ist das genug, um es sich zuzutrauen, selbst ein Kind zu haben?

Wann ist diese Veränderung eingetreten? Ich weiß es nicht. Ich gebe noch immer einen feuchten Dreck auf meine biologische Uhr, dazu bin ich zu jung. Eigentlich bin ich, auch was die Lebenssituation betrifft, insgesamt eher zu jung. Vielleicht macht das den Reiz aus. Das Gefühl, ein Kind, sollte es jetzt (oder im nächsten oder übernächsten Jahr) auf die Welt kommen, großziehen zu können ohne das Gefühl, es nur aus so etwas wie Torschlusspanik gezeugt zu haben. Oder weil es eben gerade so gut passte in die Planung. Es wäre allein der große Wunsch. Natürlich hinterfrage ich das wieder als naiv und romantisch, weil es genau derselbe Grund ist, den wahrscheinlich die meisten Teenager-Eltern angeben würden, wenn sie nach ihrer Motivation gefragt würden, im Teenageralter Eltern zu werden.

Der Unterschied hierbei besteht vielleicht darin, dass ich mir einbilde, relativ nüchtern und aufgeklärt an die Sache heranzugehen. Ich bin mir, zumindest theoretisch, des ganzen Stresses bewusst, der Unsicherheiten, die zwangsläufig entstehen, der Erschöpfung, des Kraftaufwands. Ich will es trotzdem. Ich hege die Hoffnung, noch in einer Phase zu sein, in der mir der Perfektionismus fehlt, dessentwegen andere Menschen sich scheinbar für Kleinigkeiten wahnsinnig machen. Ich bestehe nicht auf Ordnung und Sauberkeit und schlafe auch jetzt locker wie ein Stein, sobald ich mich hinlege. Ich habe keine eigenen Krankheiten und Gebrechen. Mir ist es egal, wenig Geld zu haben, sofern es nicht einen gewissen Lebensstandard unterschreitet (um auch hier sehr ehrlich zu sein, denn natürlich habe ich von echter Armut keinen Schimmer und möchte hier nicht meinen Mund aufreißen).

Vielleicht liegt es auch daran, dass meine Sicht auf die Welt und meinen Platz in ihr sich noch immer rasant verändert und, soweit ich das einschätzen kann, hin zu mehr Integrität und Souveränität bewegt. Es sind viele Kleinigkeiten, an denen das bemerkbar ist und die mich, im Gegensatz zum Schmerz des Erwachsenwerdens, nicht quälen, sondern eher helfen. Und auf einmal, ohne dass ich es bewusst realisierte, war auf einmal dieser Wunsch da, der bislang in meinem Kopf geblieben ist. Der Wunsch danach, einen kleinen Menschen hier herumliegen und später -laufen zu haben, der irgendwann sprechen lernt und für diesen kleinen Menschen zu sorgen, und…naja, warum Menschen eben Kinder in die Welt setzen wollen. So kam es, dass ich während eines nächtlichen Telefongesprächs mit dem Zauberer damit herausplatzte und das somit nun zu einem Thema geworden ist, über das gesprochen wird, das ich nicht mehr zurücknehmen kann. Zumindest wurde bisher keine Häme über mich ausgeschüttet, denn erwartbar wäre es doch gewesen bei der Absurdität dieses plötzlich geäußerten Sinneswandels. Stattdessen Überraschung, nicht unbedingt negative, und Nachdenklichkeit. Diese hat sich bis jetzt gehalten und wird es wohl auch noch eine Weile lang tun. Sie soll es dürfen, meinetwegen so lange, wie es eben braucht für andere Menschen als mich, um zu einer Entscheidung zu kommen, die nicht spontan aus dem Bauch heraus gefällt wird und dann unumstößlich steht, ohne dass daran groß zu rütteln wäre. (Für sich betrachtet, ist das ein ziemliches Privileg, das ich vielleicht mehr würdigen sollte.)

Es würden viele andere hypothetische Abenteuer dafür aufgegeben werden, aber das Konzept Selbstverwirklichung ist mir ohnehin zu perfektionistisch. Ich argumentiere vor mir selbst damit, dass Elternschaft an sich ja auch ein Abenteuer darstellt, ein nicht allzu kleines, was scheinbar die meisten Eltern so sehen. Das gibt mir Hoffnung.

Blöd nur, dass ich mir vor nichtmal einem Jahr eine doch recht teure Kupferspirale habe einpflanzen lassen, die, sollte sie in absehbarer Zeit wieder entfernt werden, eine ziemliche Geldverschwendung darstellt. Über was für Dinge eins sich so Gedanken macht… Genauso wie darüber, ob diese Wohnung platzmäßig reicht. Ob Reisen theoretisch noch möglich wären. Ob es machbar wird, das ganze ohne Auto zu managen. Zeit. Geld. Ob die Basis an Vertrauen und beziehungstechnischer Sicherheit breit genug ist, um ein Kind daraufzusetzen, und wie groß das Risiko ist, dass dieses Kind schon im jungen Alter als Trennungskind aufwächst. Ob das Kind nicht unter elterlicher Überforderung leiden wird. Ob es klug ist, schwanger zu werden, wenn ich dann keine Antidepressiva nehmen kann, wo ich doch derzeit schlecht einschätzen kann, wie groß die Rolle dieser Antidepressiva für meine Stimmung ist. Darüber steht immer wieder etwas, das ich mir letztlich doch immer als etwas zauberhaftes vorgestellt habe: ein Mistbalg, ein kreischendes, und das ganze pathetische Drumherum. Was vielleicht für den ganzen Rest und die Sorgen entschädigen könnte.

Noch weiß ich nicht, wie die Geschichte weitergehen wird; es kann sehr gut sein, dass nach reiflicher Überlegung entschieden wird, das Ganze doch noch ruhen zu lassen, die Spirale zu behalten und so zu tun, als hätten diese ganzen Gedanken und Gespräche während dieser (bisher doch recht kurzen) Zeitspanne gar nicht stattgefunden. Ich wäre nicht allzu traurig deswegen, denn noch bin ich ohnehin so jung und alles noch so offen… da ist es noch nicht an der Zeit, sich intensiv über potentiell verpasste Chancen zu ärgern. Allein das Gefühl, sich theoretisch zu so etwas in der Lage zu fühlen, ist ein gutes, und es wird hoffentlich nach Abbruch der Kinderpläne bleiben, als ein kleines, aber hartnäckiges „Aber du hättest gekonnt!“

Spielzimmermusik

Nun ist es schon mehrere Monate her, dass ich wieder in Sankt Petersburg gewesen bin, und ich trauere um meine Kinder, meine armen, armen, russischen behinderten Kinder, um die, die leben und um die, die gestorben sind. Alles ist so weit weg. Wahrscheinlich brauche ich die Distanz, zu den Ereignissen und den eigenen, damit verknüpften Emotionen.
Ich habe eine CD im Kinderheim gehabt, die wahrscheinlich jemand von den früheren Freiwilligen aufgenommen hat; es sind Klavierstücke, überwiegend nicht sehr gut gespielt, mit kleinen Fehlern und Aufnahmerauschen im Hintergrund, viele Filmsoundtracks. Ich habe diese CD unzählige Male gehört, wenn ich mit einem Kind in diesem Spielzimmer war, etwas fernab der Gruppe, ganz allein. Ein Raum mit braunem Linoleumboden und einer Ecke mit Teppich, einer „Höhle“, die durch einen Vorhang vom restlichen Raum abgetrennt war, einem Klapptisch mit blumenbedruckter Wachstuchdecke, in der gegenüberliegenden Ecke ein Regal, in dem einige Bücher über Pflege behinderter Menschen standen, einiges Spielzeug, ein CD-Spieler und ein Wasserkocher. Hinter dem Tisch ein Wandschrank, der voll mit Dingen war, die wir eigentlich nie benutzt haben und dazu einigen Fotoalben mit Bildern der Kinder und des Personals, dazu Beschreibungen, wer wer ist, damit die neuen Freiwilligen sich besser zurechtfinden. Der Raum war permanent überheizt. Im Winter lief ständig die nicht regulierbare Heizung auf Hochtouren, im Sommer schien die pralle Sonne herein. Auch bei Minusgraden unter -20°C saßen wir noch immer im T-Shirt in diesem Raum.
Hier war ich mit den Kindern. Ich habe sie auf den Teppich oder eine Weichmatte gesetzt oder gelegt, habe sie massiert oder versucht, mit ihnen zu spielen, ihnen schöne Dinge in die Hand gegeben, habe manchmal Duftöl an ihre Nasen gehalten oder etwas für sie gesungen. Natürlich war das meiste nicht von Erfolg gekrönt, manchmal sogar ganz im Gegenteil. Wie groß war jedes Mal meine Scham, wenn ich ein Kind durch etwas eigentlich Gutgemeintes versehentlich zum Weinen oder sogar zu einem Tobsuchtanfall gebracht hatte! Viele haben sich in solchen Phasen selbst gebissen und ich hatte immer Angst, das Kind mit einer frischen (Eigen-)Bisswunde zurück in die Gruppe zu bringen, was dann die Sanitarkas und die Erzieherinnen sagen würden, wenn sie es sähen.
Mit einigen Kindern war nicht viel „anzufangen“. Sie waren zu schlecht in ihrer körperlichen Verfassung, sehr schwach und schwerkrank. Ein Junge erbrach sich nach jeder Mahlzeit sehr lange, immer ein bisschen und wahrscheinlich zu einem beträchtlichen Teil absichtlich. Er greinte und überstreckte seinen Kopf, schlug den Hinterkopf an die Rückenlehne seines improvisierten Rollstuhls und rubbelte den Kopf daran, sodass er an dieser Stelle kaum noch Haare hatte. Ein anderer Junge mochte gar nicht erst essen; jeder Bissen war eine Geduldsprobe, er konnte kaum schlucken und hatte einen derart verkrümmten Rücken, dass es sehr schwer war, ihn in eine halbwegs aufrechte Position zu bringen. Im Liegen ist Schlucken tatsächlich sehr schwer. Der erste Junge ist Nikita, der zweite war Ilja.
Mit diesen beiden saß ich oft im Spielzimmer in einem Sitzsack. Ich setzte das Kind auf meine Knie, ließ mich dann in den Sitzsack sinken und ruckelte mich mit dem Po zurecht wie eine Amsel in ihrem Nest. Wenn ich bequem und stabil saß, ließ ich das Kind zurücksinken, bis es auf mir, in meinen Armen lag, und sein krummer Körper halbwegs in die Umgebung eingeschmiegt war. Obwohl diese beiden Kinder meine „Problemkinder“ waren, ging ich manchmal sogar bevorzugt mit ihnen ins Spielzimmer. Einmal, weil ich dachte, sie hätten es vielleicht nötiger als die anderen, fitteren Kinder, vielleicht auch, weil sie von der Atmosphäre der Ruhe und Geborgenheit mehr profitieren könnten, und letztendlich, ich gestehe es, vielleicht auch aus egozentrischen Gründen. Wenn ich mit Nikita oder Ilja im Spielzimmer war, war es für mich nicht anstrengend. Alles andere in diesem Kinderheim war anstrengend; das Füttern, die hygienische Pflege, die Beschäftigung, der Umgang mit dem Personal. Doch dann gab es diese Momente, in denen ich mit einem Kind im Sitzsack saß und es sich, manchmal jedenfalls, allmählich beruhigte. Ich habe Nikita so selten gesehen, wie er nicht greinte und seinen Kopf an der Lehne schubberte oder sein Essen hochwürgte, und diese Erinnerungen sind fast alle aus diesem Spielzimmer, als er im Sitzsack auf mir lag. Ich habe dann fast immer diese CD mit der Klaviermusik der ehemaligen Freiwilligen angemacht, oft genug passierte es, dass ich selbst dabei eingenickt bin, wenn das Kind auf meinem Schoß auch schlummerte, und erst wieder aufwachte, als nach einer Stunde die CD zu Ende war.
Natürlich sind das nicht die einzigen schönen Erinnerungen aus dem Spielzimmer; ich tue den anderen Kindern unrecht, wenn ich diese Stunden als die einzig erfüllenden hinstelle. Im Nachhinein vermisse ich vieles aus diesen Spielzimmerstunden, aber nicht alles davon hat so einen eindeutigen Trigger in Form von einer immer und immer wieder gehörten Musik.
Als unser Freiwilligenjahr sich dem Ende zuneigte, wurde immer klarer, dass wie die letzten Freiwilligen in diesem Heim sein würden, dass uns niemand nachfolgen würde, und so begannen wir in den letzten eineinhalb Wochen mit dem Ausräumen des Spielzimmers und dem Transport der meisten Dinge darin zur Zentrale der Organisation („Perspektivy“) in Sankt Petersburg. Ich bedaure heute, mir kein Andenken mitgenommen zu haben, ein kleines Spielzeug oder so, niemand hätte es vermisst oder wohl auch nur bemerkt. Ich war damals von viel Bitterkeit erfüllt, dass ich auf diesen Gedanken nicht kam. Alles ging auf einmal sehr schnell, wir hatten Helfer und waren sehr tatkräftig im Ausräumen und Abbauen, so habe ich nichts für mich selbst mitgenommen. Die Gitarre hatte ich in meinem Zimmer in der Stadt, wo sie auch geblieben ist, denn ich konnte sie nicht mit nach Deutschland nehmen. Die CD habe ich am Ende Sweta geschenkt, einer erwachsenen Bewohnerin, die ich ein wenig kannte und die mich wohl gernhatte, denn ich wollte allen, die ich im Heim kannte und die etwas davon hatten, ein kleines Abschiedsgeschenk machen und zu ihr passte es, so dachte ich, am besten.
Heute bin ich schrecklich froh, dass ich vorher darauf kam, die Musik der CD auf meinen Computer zu digitalisieren, wo sie noch heute ist. Ob Sweta die CD jemals gehört hat, weiß ich nicht, aber ich höre sie immer noch manchmal und denke dabei immer an den Sitzsack, an die bullerige Wärme, an Nikita und an Ilja, der diesen Mai gestorben ist.

Frauenkörper

(cave: Ich schreibe hier von cis-Frauen, weil es um die Anatomie und die körperlichen Schwierigkeiten von cis-Frauen geht. Trans-Frauen und -Männer, Intersex- oder andere Menschen sind diesbezüglich etwas besonderes und ihre medizinische Lage ist noch einmal eine ganz andere, und ja, ich bedaure es, dass in meinem Studium nicht mehr darauf eingegangen wird.)

Ich habe im Studium im Moment das Modul Gynäkologie, und ich habe schon vorher allen erzählt, dass es mich nervt. Es nervt mich, weil so unglaublich viele, überwiegend weibliche, Menschen unbedingt „Gyn“ machen wollen, später, im Berufsleben. Meistens, weil sie den Gedanken toll finden, Babys auf die Welt zu bringen, kaum mehr und kaum weniger. Vielleicht auch, weil sie sich solidarisch fühlen mit Frauen, die körperliche Probleme haben, und den schönen Gedanken hegen, Menschen helfen zu können, die dafür meist auch wirklich dankbar sind. Allerdings wohl hauptsächlich wegen der Babys.

Dazu kommt, dass in den Vorlesungen mehrfach Werbung für die Fachrichtung gemacht wurde und erwähnt, dass keine Ärztin und kein Arzt dazu gezwungen werden könnte, Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen. Dazu habe ich, aus reinem ethischen Interesse, vorher Sachen gelesen, unter anderem das hier, und es wird die Hypothese aufgestellt, dass, um jemals „einen Facharzt“ in der Gynäkologie zu bekommen, das Vornehmen von Schwangerschaftsabbrüchen unumgänglich ist. Das hat den einfachen Grund, dass eine gewisse Zahl von Operationen vorgewiesen werden muss, und diese ist kaum erreichbar, wenn eine Ärztin oder ein Arzt nicht auch bereit ist, dafür auch Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Es kommt mir also vor, als hätten einige Dozentinnen uns in den Vorlesungen diesbezüglich belogen.

Ich bin überzeugt davon, dass Abtreibungen richtig sind, dass schwangere Menschen die Wahl haben sollten und dass das „Menschenrecht“ nicht schon bei der befruchteten Eizelle oder beim Trophoblasten beginnt. Dennoch weiß ich selbst nicht, ob ich einen Schwangerschaftsabbruch durchführen könnte, womöglich auch mehrere am Tag, jeden Tag, ohne mich deswegen schlecht zu fühlen, ohne Skrupel zu haben. Höchwahrscheinlich nicht.

Doch das nur am Rande, denn dieser Punkt ist nur ein weiterer, weshalb ich mich diesem Modul mit gemischten Gefühlen gewidmet habe. Für mich steht ohnehin fest, dass ich nicht in die Gynäkologie gehen werde, denn andere Dinge interessieren mich mehr, daran haben auch diese eineinhalb Wochen Vorlesung nichts ändern können, daran wird wohl auch das noch folgende einwöchige Blockpraktikum nichts ändern.

Es gibt dennoch eine Sache, die sich bei mirgeändert hat; sie betrifft insbesondere ältere und alte Frauen. Schon vorher habe ich, wenn Leute mich fragten, warum ich denn Gyn nicht so toll fände, gern scherzhaft erwidert: Tja, nicht jede Frau ist unter 40, und danach wird es oft sehr faltig, muffelig, und oftmals auch sehr eklig! Es ist nicht aus der Luft gegriffen, dass männliche Menschen, die Gynäkologen werden (insbesondere, wenn sie jung und standardmäßig attraktiv sind), oftmals belächelt werden, dass sie gefragt werden, wie sie denn noch erfüllten hetero-Sex haben könnten, nachdem sie den halben Tag senile Genitalien vor Augen hatten und ihre Finger/Geräte da einführen mussten, blablubb.

Ich denke ungern darüber nach, dass ich vielleicht irgendwann einmal alt werde. Ich habe schon jetzt nicht die perfekte Akzeptanz für meinen Körper entwickelt, obwohl er relativ normschön ist, und ich weiß nicht, wie das später einmal werden wird. Ich habe Angst davor und befürchte, dass sich das noch weiter verschlimmern wird, dass ich den gelegentlichen Ekel vor mir selbst, meinem Körper, meinen Genitalien, im Alter noch verstärkt empfinden werde.

Im Gynäkologie-Modul freuten sich alle auf Babys, Familienplanungsgedöns, Babys und Babys, und letztendlich ging es in den meisten Vorlesungen um die Menopause, um Osteoporose, um Infektionen, Geschlechtskrankheiten, um den Descensus Uteri (d.h. der Uterus rutscht im Becken nach unten, weil das Bindegewebe und die Beckenbodenmuskulatur schwächer werden, er kann Inkontinenz verursachen oder auch ganz aus dem Körper herausfallen), um trockene Schleimhäute, Operationen (insbesondere operative Entbindungen), Dammrisse und -Schnitte, um die Ertastung von Knoten in Brüsten, bei denen annähernd sämtliches Brustdrüsengewebe schon in Bindegewebe umgebaut wurde, um Wucherungen im Uterus und in den Eierstöcken, und um bösartige Tumore. Kurz gesagt: Es war eklig. Gyn ist so ein Modul, wo ich kaum im Zug mit einem Lehrbuch lernen kann, weil ich das Buch nicht aufschlagen kann, wenn eine fremde Person neben mir sitzt. Zumindest nicht, wenn Bilder auf der Seite sind.

Nun schreiben wir übermorgen schon die Klausur, und ich glaube, die meisten in meinem Jahrgang sind inzwischen von der Baby-Illusion befreit. Ich habe auch manchmal ziemlich eindeutig und platt gedacht, dass die Körper von Frauen in vielen Dingen enorm eklig sind und sein können, ich habe mich selbst weiter in dem Entschluss bestärkt, keine leiblichen Kinder haben zu wollen, auch aus Angst vor den Erlebnissen einer Geburt, die für viele doch sehr traumatisierend sind und viel mehr körperliche, unangenehme Folgen haben können, als den meisten bewusst ist. (Zum Beispiel wird bei 35% der „problemlosen“ vaginalen Geburten der Schließmuskel leicht verletzt. Das kann im Alter zu Stuhlinkontinenz führen. Bei einer Frau mit drei Kindern ist es schon Glückssache, das nicht zu bekommen.)

Sehr extrem sind auch die Folgen der Menopause für Frauen. Früher dachte ich, wie wohl die meisten: Menopause bedeutet einige Jahre Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen, danach kein Ärger mehr mit monatlicher Blutung (=Schmerzen, Geschmiere, PMS), hormonelle Ausgeglichenheit, keine Angst mehr vor ungewollter Schwangerschaft. Die Realität „postmentrueller“ Frauen besteht scheinbar viel öfter aus vaginaler Trockenheit, Mikrorissen der Schleimhaut, Infektionen, Schmerzen beim penetrativen Sex, Abbau der Knochendichte mit vielfach erhöhtem Risiko für Knochenbrüche und Wirbelsäulenschäden, Risiko für Brustkrebs und Thrombosen nach Hormonersatztherapie und Depression. Dazu kommt noch, dass der Körper sein Aussehen verändert, Brüste fühlen sich nicht mehr an wie gewohnt, Falten in der Bauchdecke, oft ungewollte Gewichtszunahme durch plötzlich veränderte Stoffwechsellage. Ich habe lange darüber nachgegrübelt, wie es sein kann, dass Frauen so etwas durchmachen müssen, dass es beinahe alle Frauen betrifft, dass sehr, wirklich sehr wenig darüber gesprochen wird. (Inkontinenz im Alter ist ein riesiges Problem bei Frauen, fast die Hälfte ist von irgendeiner Form der Inkontinenz betroffen. Von denen sucht wiederum nicht einmal die Hälfte ärztliche Hilfe, und die meisten erst dann, wenn es schon so schlimm ist, dass gesellschaftliche Teilhabe für sie beinahe unmöglich geworden ist.)

Alte Frauen sind, nachdem ich dieses Gyn-Modul hatte, in meinen Augen ein Haufen voller Probleme. Irgendwann fiel mir dann auf, dass eine postmenopausale Frau evolutionär „nutzlos“ ist. Für die Nachkommen spielt es keine Rolle, wie es einer Frau geht, wenn sie ihren Teil der Fortpflanzung erfüllt hat. Somit ist es für eine Art kein evolutionärer Nachteil, wenn die weiblichen Individuen nach dem Ende ihrer fruchtbaren Lebenszeit schnell körperlich verfallen, oft sehr krank werden und ein Leben führen, das nicht mehr schön ist. Ich habe das Gefühl, dass diese Auffassung so oder so ähnlich auch in den Köpfen vieler Menschen verankert ist. Es gibt weniges, worauf so schamlos herumgehackt werden darf, wie die Körper alter Frauen. (Ich nehme mich da nicht aus, selbst habe ich darüber gelästert, und mittlerweile schäme ich mich dafür.) Wie oft werden Witze gemacht über hängende Brüste, über Sex mit alten Frauen („wie wenn du eine Wurst in einen Flur wirfst“), über sexuell aktive alte Frauen im Allgemeinen („Ieh, darüber will ich gar nicht nachdenken“). Wie lange hat es gedauert, bis die Notwendigkeit von Präparaten erkannt wurde, die die Vaginalflora stabilisieren, nachdem weibliche Hormone diese Aufgabe nichtmehr erfüllen? Wozu sollten alte Frauen überhaupt Sex haben? Sie können doch ohnehin keine Kinder mehr bekommen.

Inzwischen quälen mich viele dieser Gedanken, und das nicht nur, weil ich selber irgendwann eine alte Frau sein werde, sondern auch, weil ich an die Frauen denken muss, die ich kenne, jene, die alt sind und jene, die es gerade werden. (In meiner Generation gehen gerade die meisten Mütter durch die Menopause, es wird fast nie darüber gesprochen und die Familienmitglieder gucken schnell weg, wenn sie im Kühlschrank die Bakterienpräparate oder Vaginalsalben sehen, die da zwischen Marmelade und Senf liegen.) Ich wünsche mir mehr Solidarität mit ihnen, mit ihren Körpern. Ich wünsche mir, dass sie offener über ihre Probleme und Schwierigkeiten reden können, ohne von der Gesellschaft als eklig abgestempelt zu werden. Letztendlich muss ich sagen, dass ich wohl trotzdem nicht Gynäkologie machen will oder werde, aber immerhin hat dieses elende Studiumsmodul mich gelehrt, dass mehr Respekt nötig ist und ein anderer, selbstverständlicherer Umgang mit alten Frauen und allem, was ihre Lebenssituation so an Krankheiten und Schwierigkeiten mit sich bringt. Und: Alte Genitalien sind nicht eklig. Geburten sind viel ekelhafter.

Ich begann im August mit der Arbeit und wurde von einer MTA eingearbeitet, die mir auch jetzt noch immer hilft, wenn ich mal wieder ein Protokoll verlegt habe oder Proben im Kühlschrank nicht finde, die mir nebenbei von ihren Kindern, ihrem Freund und ihrer Schwangerschaft erzählt und mir anbietet, Möbel von ihrem Dachboden zu kriegen, wenn ich mal umziehe.

Zunächst begannen wir mit DNA-Aufarbeitung aus Blut. Dafür werden regelmäßig Blutproben genommen von Patient_innen, die Leukämie haben oder hatten und denen Stammzellen von Fremdspender_innen transplantiert wurden. Diese müssen dann mit einer Reihe von Chemikalien behandelt werden, um die Zellen zu zerstören und die Chromosomen freizusetzen. Dann wird das über eine spezielle Membran zentrifugiert. Durch den Druck werden die Zellreste nach außen geschleudert, während nur die DNA chemisch in der Membran festgehalten wird.

Alles in allem dauert dieser Vorgang etwa drei Stunden (vom Raussuchen der Proben bis zum Wegsortieren der fertigen DNA), doch die Zeit verlängert sich enorm, wenn viele Blutproben gleichzeitig bearbeitet werden. Ich sitze dabei an einem Abzug, also einer Arbeitsfläche hinter einer Glasscheibe, unter der nur meine Arme durchpassen. Im Chemieunterricht in der Schule hatten wir das auch, aber da ging es nur darum, dass nichts giftiges zu uns kommt. Hier ist das Ziel eher, dass keine Verunreinigungen aus der Umwelt zu den Proben kommen. Die Luft wird also nicht einfach abgezogen, sondern im Kreis gepustet und dabei gefiltert, sodass immer eine Luftschranke an der Öffnung der Glasscheibe ist. Ich trage Kittel und Handschuhe und darf mich nicht am Kopf kratzen, weshalb mein Kopf immer ganz furchtbar zu jucken beginnt.

Wenn ich fertig bin, muss ich messen, wieviel DNA tatsächlich in der Pufferlösung schwimmt, die ich da habe. Das tut ein kleines Gerät, das die DNA-Probe durchleuchtet und mir die Konzentration in Nanogramm DNA pro Mikroliter Flüssigkeit angibt. (Ich habe keine Ahnung, wie es das tut…)

Die DNA, die ich dann habe, kommt zum Teil von der Person selbst und zum Teil ist es DNA des Spenders_der Spenderin, deren Blutstammzellen im Körper des Menschen sind. Im Idealfall sollte es 100% Spender_innen-DNA sein. Wenn ein Teil vom Patienten_der Patientin selbst kommt, kann es sein, dass es Leukämiezellen sind, also Krebszellen, die wieder auf dem Vormarsch sind. Aus diesem Grund muss das Verhältnis der verschiedenen Zellen bzw. der DNA zueinander gemessen werden, um zu sehen, wann auf einmal der Empfänger_innen-Anteil rasch ansteigt.

Zum Vergleich habe ich Standard-DNA, die aus Fertig-Zellreihen hergestellt wurde. Solche Zellreihen können im Internet bestellt werden. Die Standard-DNA ist in bestimmten Verhältnissen gemischt, also 100% A/0% B, 10% A/90% B, 1% A/ 99% B, und so weiter bis 0,0001% A/99,999% B, immer logarithmisch.

Das Ganze wird dann gemessen in einem PCR-Gerät. Ich nehme meine DNA und gebe sie zu einem Gemisch aus DNA-Bausteinen, Primern (die zeigen an, welche Stelle der DNA vervielfältigt werden soll), einer Probe (die fluoresziert, wenn die DNA vervielfältigt wird) und Polymerase, das ist das Enzym, das an der DNA entlangwandert und neue Bausteine dazubastelt.

Im PCR-Gerät werden die DNA-Doppelstränge durch Hitze getrennt, und in einer Abkühlphase danach werden die einzelnen Stränge wieder zu Doppelsträngen ergänzt, mit Hilfe der Bausteine. Das wiederholt sich 44 Mal, danach sind die Bausteine aufgebraucht, die Polymerase ist durch die Hitze ziemlich kaputt das Ganze hat keinen Sinn mehr… Und anders als die alte Technik kann mein cooles Gerät die Menge der DNA in Echtzeit messen. Zu jedem Zeitpunkt jedes Zyklus (Erhitzen & Abkühlen) kann es mir sagen, wieviel DNA gerade da war. Das Ganze sieht dann etwa so aus:

Jede Kurve ist eine DNA-Probe. Anfangs passiert nicht viel, dann schnellt die Vervielfältigung der DNA in die Höhe, schließlich flacht es sich ab, denn…wie gesagt, alles geht zum Schluss kaputt. Wenn die Konzentration der DNA von Anfang an niedriger ist (z.B. nur 0,1% statt 1% oder 10%), dann kommt die Kurve später, steht also weiter rechts in der Graphik. Jede Kurve ist eine Standardkonzentration im logarithmischen Schema. Im Idealfall sind sie alle gleich weit voneinander entfernt (oder auch: 3,33 Zyklen).

Durch die Primer kann ich bestimmen, dass nur DNA vervielfältigt werden soll, die auch zum Patienten_zur Patientin gehört. Diese ist dann positiv und die des Spenders_der Spenderin ist negativ. Und gemessen an den Standards brauche ich das Ganze dann nur noch in eine Excel-Tabelle einzutragen, die mir ausrechnet, wieviel Prozent Patient_innen-DNA ich habe. Im Prinzip kann ich es auch schon an den Kurven sehen. Wenn die Patient_innenkurve genau über der 1%-Kurve des Standards liegt, dann weiß ich, das der Patient_die Patientin zu dem Zeitpunkt auch genau 1% eigene Zellen im Blut hatte. Natürlich kann das Programm es besser als ich mit den Augen. Ich kann das nicht auf 10 Nachkommastellen erkennen.

So also funktioniert mein Projekt. In etwa. Also, es gibt noch ein paar Dinge, die ich nicht erwähnt habe und die dazugehören, aber die sind eher wichtig für die Ergebnisse, und hier erklärt habe ich das Prinzip an sich 🙂

Wahrscheinlich ist es total unverständlich. Ich freue mich nur immer, wenn Leute irgendwann sagen: „Okay, das habe ich vielleicht irgendwie verstanden!“, und es nicht einfach nur schnarchlangweilig finden. Und falls sich wirklich jemand dafür interessiert, schwafele ich auch gerne noch ein bisschen weiter über Details…

Denn vielleicht, und wir wollen das auch klinisch ausprobieren, kann dieses Prinzip wirklich in Zukunft helfen, dass Leukämiepatient_innen nach einer Stammzelltransplantation nicht so oft einen Rückfall bekommen. Mal sehen.

 

 

Ich habe eigentlich wirklich Lust, von meiner angefangenen Promotion zu erzählen, auch auf die Gefahr hin, dass es ausschließlich langweilig wird. Vielleicht, weil ich mich immer noch irgendwie privilegiert fühle, dass ich diese, tatsächlich diese Stelle bekommen habe, weil ich scheinbar die einzige Person auf der großen weiten Welt bin, die das spannend findet. Abgesehen von meinem Doktorvater, allerdings wundere ich mich manchmal ohnehin, ob er der menschlichen Spezies angehört, oder ob er irgendwann einer Zellkultur entstiegen ist, die mit Eppstein-Bahr-Viren behandelt wurde, um ihr Superkräfte zu verleihen.

Ich habe diese Stelle nun seit über einem einem Jahr sicher, und seit über einem dreiviertel Jahr arbeite ich hier jeden Tag, und ich habe noch nie wirklich darüber gebloggt. Anfangs war alles noch so unsicher: Ich erfuhr von einem Programm zur Promotion für Mediziner_innen, das an meiner Uni angeboten wird, dann erfuhr ich noch ein wenig mehr, ich schleppte eine arme, unbeteiligte Person zu einer schnarchlangweiligen Infoveranstaltung, ich traute mich nicht. Damals nahm ich psychologische Beratung für Studierende in Anspruch und der innere Widerspruch aus Faszination und grandioser Angst führte dazu, dass ich eine ganze Stunde lang mit der Psychologin in ihrem Büro saß und lamentierte, Flyer für Bewerbungstraining durchging und aus dem Fenster sah. (Nach den Stunden bei ihr erinnere ich mich am allerbesten eigentlich an den Blick aus dem Fenster, das ging mir bei der „echten“ Psychotherapie auch so, ich muss wirklich eine dämliche Art der Gesprächsführung haben.)

Ich bewarb mich auf letzten Drücker und sehr unorganisiert. Mein Mitbewohner musste, von mir telefonisch gesteuert, mein Zimmer auf den Kopf stellen und meine Physikums-Bescheinigung finden, einscannen und mir schicken, weil ich sie vergessen hatte, bevor ich für einen Monat wegfuhr. So schaffte ich es gerade noch rechtzeitig, vor der Deadline meine Unterlagen einzureichen. Es stellte sich heraus, dass das gar nicht nötig gewesen wäre, denn alle Bewerber_innen wurden  ohnehin ins Programm aufgenommen und der wirklich schwierige Teil kam erst noch, denn die Aufteilung auf die Projekte inklusive persönlichen Anschreibens der Projektleiter_innen war nun ganz unsere eigene Sache. Ich schrieb pauschal alle an, die hämato-onkologische Projekte anboten, sich also mit Blutkrebs, Lymphdrüsenkrebs und Knochenmark- bzw. Stammzelltransplantation und den entsprechenden Folgen beschäftigten. Einige antworteten nicht, zweimal wurde ich um ein persönliches Treffen gebeten.

Das erste Treffen fand an einem Samstag statt, die Klinik war ziemlich leer, ich hatte das einzig vorzeigbare angezogen, was in meinem Schrank lag und war dann aber mit dem Fahrrad gefahren, sodass ich ziemlich außer Atem ankam. Ich kannte die Wegbeschreibung zu der Station, in die ich musste, und hatte eine Telefonnummer in der Tasche, die ich anrief, als die Tür nicht aufging. Die nächsten zwei Stunden verbrachte ich mit Nicken und „mh-mh“-sagen, denn dieser Mensch war furchtbar begeistert von allem, was mit seiner Forschung zu tun hatte. Ich versuchte, ein paar zumindest schlau klingende Fragen zu stellen und verließ die Station nach sehr langer Zeit mit zwei Pulikationen in den Händen und einem ganz guten Grundgefühl, gemischt mit dem Eindruck, dass der Mensch eher Werbung für sein Projekt gemacht hatte, dabei hätte doch eigentlich ich Werbung für mich machen sollen.

Das zweite Treffen begann damit, dass ich den Ort nicht fand und, nachdem ich die Projektleiterin persönlich dazu bringen musste, mich von woanders abzuholen, nicht wusste, was ich über mich selbst erzählen sollte. Das Gespräch fand statt mit ihr und einer anderen wissenschaftlichen Mitarbeiterin, mir wurde mitgeteilt, wieviel Wert auf die „Atmosphäre“ im Labor gelegt wird und dass die „Persönlichkeit der Bewerber“ (sic) sehr ernst genommen wurde, dass englisch die Grundsprache sei und die „bisherigen Doktoranden“ das aber nach einer Weile ganz gut hingekriegt hätten. Ich bewundere diese Frau dafür, wie sie sich einer Person gegenüber, die sie eigentlich nicht leiden mochte, so betont freundlich verhalten konnte.

Ich merke hier, ich schreibe sehr parteiisch und vorhersehbar. Alle anderen Menschen in meinem Jahrgang erzählten sich gegenseitig, wieviele Labore und Projekte sie schon angeschaut hätten und noch anzuschauen gedachten, und ich wollte eigentlich nur das erste Projekt, das ich angeschaut hatte und hatte gar keine Lust, noch andere Projekte anzuschreiben und um einen Termin zu bitten. Dennoch überwand ich mich und mailte an die Leiterin des zweiten Projekts, dass es mir sehr gut gefallen hätte und ich mich freuen würde, dort Doktorandin zu sein, nur weil ich Torschlusspanik hatte und befürchtete, im schlimmsten Fall sonst ganz ohne Projekt dazustehen.

Ich wurde glücklicherweise nicht genommen. Stattdessen folgte ein zweites Treffen im ersten Projekt, bei dem ich nicht so recht wusste, wie ich die Klippe der Entscheidungsnotwendigkeit diplomatisch umschiffen sollte und aus Hilflosigkeit recht deutlich wurde. Also erzählte ich vom anderen Projekt und sagte: „Die wollen sich schon bis zum Ende dieser Woche entscheiden, aber eigentlich mag ich dieses Projekt lieber. Ich muss denen eine Rückmeldung geben. Also wenn sie mich nehmen, dann sage ich denen ab.“

Im Nachhinein war das etwas peinlich, denn irgendwie war ich wohl sowieso schon als Doktorandin in diesem Projekt gehandelt worden und hatte das falsch verstanden, als ich dachte, das zweite Treffen sei eine Art Stichwahl oder so. Somit war die Erkenntnis, dass ich nun wirklich ein Projekt hatte, erst im Nachhinein ein freudiges Feuerwerk und im ersten Moment eher Verwirrung.

So begann ich mit diesem Projekt, es war recht seltsam. Ich weiß noch immer nicht, ob ich gut war oder Glück hatte und zu welchen Anteilen beides ein Faktor war…

Unordnung

Äußerlich ist hier derzeit alles unordentlich. Überall liegen Dinge, die eigentlich an andere Orte gehören. Ich finde manches nicht und vermeide es auch, danach zu suchen, aus der Befürchtung heraus, es könnte unwiederbringlich weg sein. Es ist nicht schmutzig, nur chaotisch.

Die Dunkelheit ist allgegenwärtig, was die Tage kurz erscheinen lässt und das Gefühl mit sich bringt, zur Dämmerung sei der Tag an sich vorbei und alle wichtigen Aufgaben müssten ohnehin auf morgen verschoben werden. So bin ich enorm unproduktiv, mehr noch als sonst. Erstaunlich ist, dass das alles mit einer erstaunlich stabilen Stimmung vor sich geht. Die Winterdepression, die normalerweise mit dem Januar kommt und erst im April wieder wirklich verschwindet, ist seltsamerweise ausgeblieben. Die tägliche kühle Luft nimmt mein Organismus gleichmütig hin, ich stapfe mit den Händen in den Taschen meiner großen blauen Jacke (Geburtstagsgeschenk 2012) den Weg von zu Hause zur Bushaltestelle, um zur Uniklinik zu fahren, jeden Tag. Ich bin jetzt ein Mensch mit einem beinahe regulären Job, zumindest für eine gewisse Zeit. Ich stehe auf, dusche, esse, was da ist und mache mich auf den Weg. Jeden Tag, seit über einem halben Jahr, und es ist das erste Mal im Leben, dass ich das tue.

Noch immer mag ich meine Arbeit, und auch das ist ein gutes Zeichen. Dazwischen mischen sich allerdings inzwischen die ersten Versagensängste was, wenn du am Ende das Schreiben nicht hinkriegst und dann ist alles ruiniert und Unsicherheiten du schaffst es nicht, genügend Referenzen zu beschaffen und auch noch zu ordnen bis hin zu spontaner, irrationaler Panik inzwischen machen andere irgendwo auf der Welt genau dasselbe wie du und sind damit schneller/erfolgreicher, doch eigentlich weiß ich: Irgendwie auf Biegen und Brechen, werde ich promovieren. Und meinem Doktorvater ein gut organisiertes, zum Weiterarbeiten geeignetes Projekt hinterlassen, das werde ich sowieso.

Gleichzeitig raubt mir diese Beschäftigung, und das war wohl auch zu merken, etwas den Reichtum an Worten. Obgleich es schön ist, laugt es auch aus. Ich bin kein Franz Kafka, der täglich einer drögen, ungeliebten Arbeit nachging und dann abends/nachts prosaische Meisterwerke verfasste (trotz Schreibblockaden). Wenn ich heimkomme, möchte ich die Schuhe von den Füßen streifen, den BH/Binder ausziehen (wenn ich sowas mal trage), ins Bett kriechen und den Rest des Abends konsumierend vor meinem Computer verbringen. Ich weiß, dass ein Großteil meiner Kolleg_innen das auch so handhabt, und kann es sehr gut verstehen. Es ist eine Art Tanken, nur dass es lange dauert. Sich zum Schreiben zwingen? Wie soll das funktionieren bei einer Person, die sich nicht einmal zwingen kann, aufzuräumen oder regelmäßig zu kochen?

Und so liegt mein Schreiben derzeit brach. Es ist nur eine Phase, sage ich mir. Es wird vorübergehen, solche Dinge gehen einfach vorüber, alles ändert sich und mit der einen oder anderen unbemerkten Veränderung wird auch das zurückkehren. Gedanken werden um andere Dinge kreisen als nur um Praktisches. Es wird wieder mehr Selbstmitleid hinzukommen, das einen natürlichen Faktor fürs Schreibenkönnen darstellt. Bis dahin wird Unordnung sein in allen Medien, in denen ich sporadisch aktiv bin. Und ein wenig Leere.

Denn das mag eine peinliche, aber für mich nicht abstreitbare Tatsache sein: Um die Schreiblust (manchmal eher Scheibwut) entwickeln zu können, die ich manchmal verspüre und auch brauche, ist Trauer eine Art Voraussetzung. Das bedeutet, ich brauche einen Teil Trauer, um mich „richtig“ fühlen zu können. Ohne diese Trauer ist zwar alles mehr oder weniger in Ordnung, aber ich bin nicht so ganz ich selbst. Wie soll mensch da ein „schönes Leben“ anpeilen können?

Ich könnte also sagen, dass das Blog und die Schreiberei allgemein derzeit etwa so aussieht:

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Wobei ich doch so sehr hoffe, es irgendwann, durch den ein oder anderen Einfluss, mehr zu so etwas zu bringen:

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Möge das Chaos also mit uns sein.

Whatever

Es ist Herbst, ich habe im Herbst Geburtstag, und weil ich es mir so sehr gewünscht habe, haben meine Eltern für mich bei Ebay eine digitale Kamera ersteigert. Von einem sehr netten Hobby-Journalisten und Hobby-Journalismus-Fotografen (d.h., glaube ich, er hat immer mal wieder Themen recherchiert und ausgearbeitet und das dann Zeitungen angeboten), der sie uns schickte mit allem, was dabei war. Das zweite Objektiv, ein Tele, habe ich noch gar nicht ausprobiert, aus Furcht, sowieso nichts Gutes damit anfangen zu können. Er ist starker Raucher, dementsprechend riecht alles.

Es ist Herbst, und ich bekomme eine unglaubliche Angst vor allem, was mich erwartet. Dazu gehören die Dinge, die drinnen stattfinden. Unendliche Zugfahren, Busfahrten, Autofahrten, hunderte und tausende Kilometer, die ich vernichten werde allein aus der Notwendigkeit heraus, um da sein zu können, wo ich sein will, und dann auch wieder dahin zu kommen, wo ich sein muss. Immer abwechselnd. Dazu gehört die Ungewissheit, was aus meinem Promotionsprojekt werden wird, welches gerade erst im Anlaufen ist, für das ich versuche, geregelte Arbeitszeiten zu akzeptieren, Überstunden zu machen, mich nicht zu beklagen und mich in etwas einzufinden, das wohl einen Vorgeschmack auf mein ganzes späteres Leben darstellt. Für das ich komplizierte, wissenschaftliche, englische Texte lesen muss und versuchen, mir komplexe Sachverhalte selbst mithilfe von bunten Grafiken aus dem Internet beizubringen. Und dann auch noch selbst denken, analysieren, mir Sachen ausdenken und sie präsentieren, nicht dumm dastehen. Dabei habe ich eine Schreibhemmung, wenn es um so etwas geht. Ich habe es nicht einmal geschafft, in der Schule eine vernünftige Facharbeit zu verfassen. Wie kam ich auf den grandiosen Gedanken, mich an eine Doktorarbeit zu setzen? Wollte ich das, oder wollte ich nur mir und allen anderen um mich herum etwas beweisen? Wieviel „arrogante Naturwissenschaftlerin“ ist in mir, die das Wort „Work-Life-Balance“ am liebsten in die Tonne treten würde, um zum passionierten Workaholic zu mutieren? (Leider stehen mir hierfür zu viele persönliche Bedürfnisse im Weg.) Ich bemühe mich also, einfach nicht aufzugeben und es Beppo Straßenkehrer nachzutun, der einmal atmet, fegt und wieder atmet und so allmählich seine 100.000 Stunden abarbeitet. (Soviel wird vermutlich meine ganze Promotion nicht an Zeit einnehmen, schließlich bin ich angehende Medizinerin.)

Es ist Herbst, und ich fürchte mich vor den fallenden Temperaturen und noch viel mehr vor der Dunkelheit. Ich gehöre wohl zu den Menschen, die alles Licht gierig in sich aufsaugen, gedämpfte Lampen hassen (außer in Cafés und Restaurants) und Panik bekommen, wenn sie sich in Räumen mit funzeligen Energiesparlampen befinden, die nicht heller gedimmt werden können. Ich kann morgens nicht aufstehen, wenn kein Licht in meine Zimmer fällt. Ich schlafe konsequent ohne Vorhänge. Doch bald bräuchte ich die gar nicht mehr, denn es wird dunkel sein, wenn ich nach Hause komme und dunkel, wenn ich morgens das Haus verlasse, und dazwischen sind einige sehnsüchtige Blicke aus dem Fenster und der verfrorene Gang zur Mensa. Es gibt Therapieleuchten für Menschen mit saisonaler Depression. Ich habe kein Geld für so etwas und bekäme wohl auch keine Krankenkasse dazu, so etwas zu finanzieren, also tröste ich mich mit dem gelegentlichen Komfort überheizter Räume.

Am Wochenende war ich in Strasbourg, was wirklich eine menschenfreundliche Stadt ist. Sie ist barrierefreier als alles, was ich aus Deutschland kenne, multilingual (Die Namen der Pflanzen im Botanischen Garten waren auch auf deutsch vermerkt), hat viele kostenlose Angebote, ein gut ausgebautes ebenerdiges Verkehrsnetz und Unmengen von günstiger Wohnfläche im Innenstadtbereich (was, zugegeben, auf Kosten der optischen Attraktivität geht), wodurch Gentrifizierung vermieden wird.

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(Wer sagen kann, was die grüne, schrumpelige Frucht ist, bekommt einen Orden.)

Patient_innen

Hach, ich bin so professionell geworden – zumindest kann ich ansatzweise so tun, als ob.

Eigentlich wollte ich damit herausplatzen, dass ich tatsächlich glaube, so etwas wie ein “Steckenpferd” gefunden zu haben, ein Fachgebiet, von dem ich nicht immer nur leer rede, sondern das mich wirklich interessiert. Ein Monat ist vergangen, seit ich wieder Uni habe, es stehen schon wieder Prüfungen an, ich werde wie immer schlecht abschneiden (falls ich sie überhaupt bestehe), und ich fürchtete schon, alles zu vergessen, was ich noch erzählen wollte.

Ob es nicht schlimm sei, mit Krebspatien_innen zu tun zu haben. (Natürlich sagen alle nur “Patienten”, genauso wie konsequent “Ärzte” und “Schwestern” gesagt wird. Oh ja, inmitten all des verwirrenden Fortschritts der Sprache steht die Medizin als eine der letzten Bastionen, in denen noch jede_r ungestraft und selbstverständlich diskriminieren darf.) Dann sage ich meistens, dass es eigentlich nicht schlimm war, meistens. Vielleicht bin ich so gefühlskalt, vielleicht auch wie geschaffen für den Umgang mit leidenden Menschen, vielleicht hängt auch beides miteinander zusammen; das wäre mir am unangenehmsten. Vielleicht lag es auch nur an der freundlichen Atmosphäre, die mir entgegenwehte wie die Luft aus einem Fön, dass alles andere mir nicht so schlimm vorkam.

Die Selbstverständlichkeit, mit der das Leiden dieser fast 20 Menschen behandelt wurde, war so eine “aus Gewohnheit”. Es gibt diesen festen Horizont von therapeutischen Möglichkeiten, und danach ist eben das Repertoire erschöpft, da kann eben nichts getan werden, und dies schien beiden Seiten bewusst zu sein und wurde auch nicht angezweifelt. Vielleicht mag ich das so sehr, dass es recht feste Schemata gibt, und wenn Entscheidungen anfallen, muss eins sie nicht immer ganz allein treffen. Wenn Fehler passieren, hat das meist eher mit Vergessen oder mangelnder Kommunikation zu tun. Und dennoch ist es keine kalte Stimmung, die herrscht, die Menschen werden nicht wie am Fließband abgefertigt, irgendwo ist da doch immer Sorge um sie.

Eine Ärztin sagte einmal auf dem Weg zum Mittagessen, dass sie morgens aufwacht und überlegt, was sie heute mit welchen Patienten machen muss; dass sie das eigentlich nervt. An einem ruhigen Tag bekamen wir Besuch von einer, die lange auf “meiner” Station gearbeitet hatte, die Zeit hatte und einfach vorbeikam, dann saßen sie zu dritt am Computer und guckten im Intranet alle Patienten nach, die sie kennen und die gerade auf Intensiv liegen. Ob sie noch leben, und wenn ja, ob sie noch intubiert sind. In der Hämatoonkologie kommen und gehen die Menschen, sie sind wie Bumerangs. Wenn ich länger geblieben wäre, hätte ich alle, die gingen, garantiert nochmal getroffen. Sie kriegen einen Chemozyklus stationär, Betreuung danach, erholen sich langsam, und fahren irgendwann für einige Zeit “Pause” heim. Dann kommen sie für den nächsten Zyklus, werden wieder aufgenommen, alles beginnt von vorn. Wenn ich Krebs hätte, bräuchte ich das wohl auch. So viel Zeit im Krankenhaus zu verbringen muss noch viel ekelhafter sein, wenn eins nichtmal vertraute Gesichter hat, weil alle immer wechseln. Aber so war es etwas anderes.

An einem Tag wurde eine Aufnahme angekündigt, die aus einem anderen Krankenhaus kam wegen unklarer Hypermenorrhoe. Eine Frau, die elf Tage lang ihre Periode hatte und sich deswegen untersuchen ließ, dabei kam eine “eklatante Verminderung aller drei Zellreihen” heraus (Erys, Leukos und Plättchen), mit “akutem Verdacht auf ernsthafte Erkrankung!!”. So stand es ernsthaft im Überweisungsschein und im Dienstzimmer wurde herzlich gelästert. Die Frau hatte eine Freundin dabei, war dick und trug eine Kobmination aus rot, grasgrün und Ringelstrümpfen, sie lächelte und erzählte, dass sie seit zwei Jahren wieder rauche, dass sie in psychologischer Behandlung sei, dass sie Freiberuflerin sei. Was genau, wurde zuerst gar nicht gefragt. Sie war die erste, bei der ich sozusagen die “Abfolge” von Schritten miterlebt habe, die am Anfang einer solchen Erkrankung stehen. Sie wurde mehr oder weniger sofort stationär aufgenommen, ihre Freundin holte ihr Kleidung von zu Hause, sie bekam eine Knochenmarksbiopsie. Sprich, auf dem Bauch liegen, örtliche Betäubung am hinteren Hüftkamm (da, wo diese Kuhle oberhalb des Pos ist), mit einer großen Nadel den Knochen durchbohren und das flüssige Mark aspirieren. Das tut weh, und je jünger die Menschen sind, desto härter sind ihre Knochen, das ist richtig zu spüren. “Meine” Nanny-Ärztin, so klein und zierlich, war ziemlich erschöpft danach. Mit dem Knochenmark werde Ausstriche auf Objektträgern gemacht (schnell, sonst gerinnt es), die kommen dann ins Labor und werden mikroskopisch untersucht.

Nun kam also heraus, dass ihr Knochenmark praktisch nur noch aus Blasten besteht, also unreife Blutzellen, die nichts taugen und alles verstopfen, sodass keine richtige Blutbildung mehr stattfinden kann…eine ziemlich typische Leukämie, außer, dass sie einen fiesen Typ hat (hatte?), der schwer therapierbar ist. Ich durfte bei der Diagnosemitteilung dabei sein, und stand/saß ewig lange mucksmäuschenstill in der Ecke, um nicht zu stören; sie weinte und ihr Bruder, riesig und bärtig, saß verwirrt daneben, ich habe alle Infohefte geholt, die es auf der Station gab. Sie fragte, ob sie denn in etwa vier Monaten halbwegs fit sein könnte, weil sie keine feste Arbeit hat. Darauf fiel der Satz: “Ich kann sie ewig lang krankschreiben, so lange Sie möchten.” – “Nein”, sagte sie, “ich bin Sängerin. Ich muss auftreten.”

Aber es ist utopisch, in so einem Fall. Noch immer stehen auf ihrer Website (ja, ich bin eine Stalkerin) die Termine dieses Sommers, bei denen sie garantiert nicht aufgetreten ist, und ich kann es mir nur so erklären, dass sie wohl anderes im Kopf hat, als ihre Website jetzt zu aktualisieren. Sängerin!, denke ich immer wieder. Ich habe Aufnahmen von ihr gehört (wie auch der Rest der Personals auf Station, wir sind alle Stalker), und sie sind so unglaublich viel besser, als ich es jemals können werde. Natürlich ist diese Frage müßig, aber sie taucht dennoch manchmal auf; warum denn ausgerechnet so jemand so etwas kriegen muss. Es erscheint so ungerecht. Immer, wenn ich danach bei ihr im Zimmer war, zum Blutnabnehmen, war ich  ein wenig ehrfürchtig und manchmal extrem trottelig deswegen. Equipment vergessen, dreimal gelaufen, ZVK versehentlich zweimal angespült, sterile Verpackungen nicht aufgekriegt, nichts schlimmes, aber dennoch peinlich.

Da ist ein älterer Mann gewesen, der Atemnot hatte. Er kam mit einer Sauerstoffsättigung von 85% (ich keuche bei 97%), weil seine Erythrozyten so niedrig waren. Nach etwa 10 Ery-Konzentraten ging es ihm besser, aber seine Leukämie-Diagnose hatte er trotzdem, und mit über 70 waren seine Chancen, die Chemoterapie zu überleben, recht gering. Als jemand ihm die Möglichkeit einer palliativen Therapie erklärte, sagte er gar nichts, und seine Frau neben ihm wäre dem Arzt fast an den Hals gesprungen, dass er es wagen konnte, den Vorschlag zu machen, ihren Mann “einfach sterben” zu lassen. Ich glaube, sie hat die ganze Zeit hindurch trotz vieler Erklärungsversuche das Prinzip nicht verstanden, also entschieden sie sich für die kurative Möglichkeit, und als meine Famulatur zu Ende war, lag er auf der Intensivstation im Sterben, weil durch die Toxizität der Therapie seine Organe nacheinander versagten. Das weiß ich aber nur noch aus Erzählungen; gesehen habe ich ihn da nicht mehr. Ich habe in der Zeit ein wenig drüber nachgedacht, ob ich, wenn mir so etwas jemals passieren sollte, mich selbst als jüngere Person für einen kurativen Therapieansatz entscheiden würde, wenn dieser nicht 100% Effektivität verspricht. Vielleicht sollte ich das einfach hinnehmen und auf eine nettere Art sterben als…naja, so.

Dennoch sind diese Gedanken müßig: Höchstwahrscheinlich würde ich verzweifelt alles in Anspruch nehmen, was mir angeboten würde an Therapie, Schmerzmitteln, Erleichterung. Ich vermute, wenn jemand mir sagte, dass ich für die gesamte Dauer der Erkrankung in ein künstliches Koma versetzt werden könnte, würde ich auch das mit Kusshand bejahen. Denn sich solche heroischen Gedanken zu machen, ist immer leicht, wenn eins nicht wirklich in der betreffenden Situation ist…

Nächste Woche lesen Sie : Warum ich immer vehement behaupte, niieeemals Kinder haben zu wollen, und warum es eventuell doch passieren könnte. Und warum ich jetzt wahrscheinlich trotzdem eine Abtreibung in Anspruch nehmen würde. Warum ich über Leute meckere, die mir ihr glückliches Pärchenleben ins Gesicht klatschen, obwohl ich selber eins habe, mit dem ich versuche, nicht so aufdringlich hausieren zu gehen (was mir vielleicht nicht immer gelingt, weshalb ich anderen damit trotzdem auf die Nerven gehe).

Famulatur

(Dieser Artikel lag ewig unbenutzt herum und ist deswegen nicht mehr ganz aktuell, aber dennoch.)

Morgen ist der allerletzte Tag meiner allerersten Famulatur. Ich habe am vorletzten Tag och einmal frei, weil ich am Samstag vor zwei Wochen für zwei Stunden in die Klinik geradelt bin, um Blut abzunehmen und mit diesem dann ins Zentrallabor und zur Blutbank zu laufen, mich hilflos durchfragend und gleichzeitig meines weißen Kittels schämend, der immer so aussieht, als müsste ich von allem eine Ahnung haben. Die Leute gucken  dann immer so komisch Für diese zwei Stunden Samstagarbeit (die sich nicht so sehr wie Arbeit anfühlten) bekomme ich nun einen ganzen Tag frei, was schon viel darüber aussagt, wie wenig eins dort auf mich angewiesen ist. Und dennoch ist es schön, und erschöpfend, beides gleichzeitig. Ich bekomme (bzw. bekam) die eigene Unfähigkeit täglich geradezu ins Gesicht geworfen, obgleich ich niemals direkt dafür kritisiert wurde, wahrscheinlich nichtmal indirekt. Im Gegenteil, ich bin mit einer solchen zugewandten Freundlichkeit behandelt worden wie in keinem meiner Pflegepraktika, wo ich (auf anderer Ebene) sehr viel nützlicher war und dennoch weniger entspannte Nettigkeit in Erinnerung habe. Vielleicht tue ich damit auch den Stationen, die ich kennengelernt habe, Unrecht.

Ich weiß noch, wie ich am ersten Tag erschien, um halb acht Uhr morgens und hochmotiviert, und dann über eine Stunde hilflos wartend im Arztzimmer der mir zugewiesenen Station herumsaß, nicht wagend, nochmals Leute mit meinen Fragen zu belästigen, denn besonders morgens ist ja in Krankenhäusern außerordentlich viel zu tun und alles passiert mehr oder weniger gleichzeitig. Um zwanzig vor neun erschien eine gepflegte Endzwanzigerin, die sich als erstes Pumps mit niedrigen Absätzen anzog und sich entschuldigte, dass sie nichts mit Famulant*innen anfangen könne, weil sie selbst erst drei Monate hier arbeite. Weiters erschien eine andere gepflegte Endzwanzigerin mit blonden Haaren und ein griesgrämig dreinschauender Mittvierziger mit sportlicher Brille; all diese Menschen sahen und sehen so professionell aus, so glattgebügelt, so patient*innenfreundlich, wie Bedienstete im Luftverkehr, nur mit komplizierterer Ausbildung. Ich brauchte eine Weile des schüchternen Herumsitzens und bloß-nicht-im-Weg-sein-wollens, um festzustellen, dass sie sehr wohl Menschen mit richtiger, eckiger Persönlichkeit sind (wenn doch in ihren Haltungen sehr angepasst).

Danach versuchte ich, mir in keinem Patientenzimmer anmerken zu lassen, dass dies meine erste Famulatur war, ich ließ mir alles zeigen und nickte wie eine prüfende Sachverständige, kam mir ein wenig vor wie Kim Jong Un. Dabei tönte in meinem Kopf nur pausenlos: „Das sollst du selber machen? Nie im Leben? Wie funktioniert das? Du hast es dir jetzt schon zehnmal angesehen und noch immer noch begriffen! Aber du musst jetzt! Du musst!“ Blutabnehmen aus der peripheren Vene, Blut abnehmen aus dem ZVK, Blutkulturen mit Vacutainer-System (sterile Dinge aus Plastik verschrauben, größere Stichkanülen), Anforderungsscheine ausfüllen, Aufnahmen machen… Hilfe, Hilfe. Zumindest das Legen von Viggos (also peripheren Venenverweilkanülen) wurde dank Anfängertum (noch) nicht von mir erwartet.

Bei allen anderen Sachen durfte ich nur zusehen, musste aber nicht (wollte aber immer), und so sah ich mehrere ZVK-Anlagen, alle Subclavia, einige Knochenmarkpunktionen, drei Lumbalpunktionen, eine Nasensonden-Anlage (volles Programm mit literweise Erbrochenem), und vier Stammzelltransplantationen, von denen ich die letzte selber machen durfte (ehrlich, es ist nur ein ganz kleines bisschen Luft in den Infusionsschlauch gekommen, und ich habe schnell angehalten, als ich es gesehen habe). Eigentlich sollte ich auch noch eine Knochenmarkpunktion selber machen, aber ich war ohnehin skeptisch, ob ich das schaffe, und ein ungeduldiger Arzt machte dem sowieso einen Strich durch die Rechnung, indem er es selbst tat.

Dazwischen lief ich hilflos hinter den weißbekittelten Menschen her, wenn sie in die Kantine gingen, in der es selten etwas veganes zu essen gab und wenn, dann nur aus Versehen. Ich bin sicher; hätte ich die Küche darauf hingewiesen, dass einige ihrer Gerichte tatsächlich sowohl Fleisch als auch Milch und Ei entbehren…ich hätte beim nächsten Mal Sahne darin gefunden. Beziehungsweise eine kleine 21 in der Allergenliste, für „Milchprodukte und daraus hergestellte Erzeugnisse“. Ich habe am Ende des Monats die Allergenliste der Cafateria besser auswendig gekonnt als die Entwicklungsschritte der hämatopoetischen Zellreihen. In der Kantine sagte ich nichts, es ist schwierig, sich innerhalb von einem Monat in eine Gruppe von Menschen zu integrieren, wenn eins das nichtmal in zweieinhalb Jahren ordentlich schafft.

Und ach, Leute habe ich getroffen…im hoffentlich folgenden nächsten Artikel versuche ich, ein bisschen näher zu beschreiben, einfach so von der Seele, es tut gut, auch wenn niemand es liest.

Bauchgefühl

Eins hat doch einen Bauch. So einige Leute haben keinen, keinen wirklichen, manche haben sogar an der Stelle nur ein Loch, das begrenzt wird von Hüftknochen und Rippenbogen, doch einige Wesen haben tatsächlich etwas Reinkneifwürdiges, sowas ziemlich menschliches, womit unser Organismus etwaige plötzliche Mammutflauten zu kompensieren versucht. Andere haben viel Bauch.

Nützlich kann er doch sein: Manchmal spricht er zu einem, flüstert einem Dinge zu. Brummelt unverständliche Worte, die nur für einen selbst, den exklusiven Besitzer dieses Bauchs, gedacht sein können, spricht für die Seele. Bauchweh vor Prüfungen, Übelkeit nach Streits. Das Gefühl, aufzustehen und etwas vollkommen absurdes frühstücken zu wollen. Auf dem Rücken liegen und mit dem Bauch gluckern, einige können das.

Es gibt in meiner Erfahrungswelt nichts, was derartig spannungsbeladen ist wie der Bauch, kein anderer Teil des Körpers. Eine Zeit lang brachte mich gesellschaftlicher und medialer Input dazu, Brüste überzubewerten und darunter zu leiden, kleine zu haben. Diese Unzufriedenheit wurde nahtlos abgelöst von dem krampfhaften Gefühl, allgemein zuviel zu sein, und allem voran war hier der Bauch das Schlachtfeld, auf dem alle Kämpfe ausgetragen wurden. Er war (und ist) omnipräsent, er schafft es, alle Gedanken auf sich zu ziehen. Ich habe ihn mit einem rot-weißen Flatterband absperren wollen wie eine Unfallstelle, doch auch das hätte nichts an seiner Existenz geändert. Zentrum allen Hasses und ebenso allen Wollens war immer diese unvermeidliche Körpermitte, von der alles andere abzweigt, was mir eventuell gefallen könnte (meine Ellbogen und meine Füße und der Körperteil, an dem meine knubbeligen kleinen Ohren festgewachsen sind).

Der Anblick von Bäuchen auf Plakaten und in Filmen erfüllt mich noch immer mit Wut. War es früher eine, die sich aus Neid und Selbsthass speiste (bei gleichzeitigem Bewusstsein über die Absurdität solcher Körper, die niemals auch nur eine klitzekleine Mammutflaute überstanden hätten), ist heute eigentlich nur noch Wut über die Absurdität an sich geblieben. Die Zurschaustellung von etwas so Intimem. Etwas, das den Großteil unserer inneren Organe beinhaltet, unser enterisches Nervensystem, und so viele unserer Körperfunktionen regelt…Nach meinem Selbstgefühl sollte so etwas als unglaublich verletzlich eingestuft werden. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlen muss, wenn eins ein Model ist und der eigene Bauch so ein Produkt ist, das vermarktet werden und deswegen immer gut in Schuss sein muss, immer bereit, gezeigt zu werden. Zu wissen, dass der eigene Bauch (in Kombination mit Photoshop-Fähigkeiten) so eine Zielfläche wird für die Verzweiflung anderer Menschen…Ob berühmte Frauen, die sehr viel trainieren, um für ihren schönen bauch bezahlt zu werden, an so etwas denken? (Da ich eine Frau bin, weiß ich nicht, wie es sich für Männer anfühlt, die durchschnittlich seltener ihren Oberkörper verhüllen und ein anderes Körpergefühl vermittelt bekommen.)

Eine Zeitlang fuhr ich halbwegs gut damit, meinen Bauch vollkommen zu ignorieren, ihn nicht zu berühren, nicht anzusehen, so zu tun, als ob er nicht da wäre. Als sei er eine leere Stelle in meinem Körper, denn leere Stellen können weder dick noch dünn sein noch etwas dazwischen. Das war ein wenig schwierig in der konsequenten Handhabung, doch ein sicheres Mittel, um Grübeleien und eventuelle Rückfälle zu vermeiden; etwas, das ignoriert wird, kann keinen Hass auf sich ziehen und somit auch keine wilden Diätpläne.

Dann besserte sich auch das, mein Bauch darf inzwischen nach dem Essen vorgewölbt sein und die Essensmenge hängt nicht nur vom Völlegefühl ab. Hunger ist ja nichts, was im Bauch stattfindet, sondern viel mehr im Kopf, auch Teetrinken füllt den Magen, aber nicht mich selbst als Ganzes. Wie dumm konnte ich sein, das so lange zu übersehen? Wie dumm bin ich noch immer, die Rudimente dieser Muster nicht vollständig ablegen zu können und mich zu befreien aus dem Zwang des Dünnseins? Ist das wirklich nur die Verknüpfung mit dem Selbstwertgefühl (das „Ich-will-weg-sein-oder-zumindest-so-gut-wie-möglich“), oder hängen daran noch mehr Mechanismen, die durch lebenslange Erziehung unlösbar in meinem Kopf verankert sind? Wie sehr brauche ich das Gefühl eines vorzeigbaren Körpers, um mich auch als vorzeigbarer Mensch zu fühlen, einfach nur, weil es mir dieses Schema von allen Seiten entgegenschlägt? All das sind Dinge, die ich für mich selbst nicht lösen kann und die auch meine Therapie nicht lösen konnte.

Inzwischen bin ich bei einer sehr dekonstruktivistischen Variante angekommen, die sämtliche Körperlichkeit in den Hintergrund schiebt. Noch immer scheint das nicht die Ideallösung zu sein, denn ich stelle fest, dass ich noch immer mehr über mein Äußeres wahrgenommen werde, als ich in meiner Naivität erwarte. Hierbei spielt weniger die Statur als die Kleidung eine Rolle, doch auch die Kleidungswahl fällt schwer und bleibt somit immer auf standardisierten, alten Anziehsachen hängen. Neue einzukaufen, würde zwangsläufig eine erneute Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper bedeuten.

Ich weiß nicht, inwieweit meine genetische Weiblichkeit und meine Körperlichkeit zusammenhängen und ob der Versuch, beides in den Hintergrund zu stellen, irgendeine Art von Erfolg mit sich bringen wird. Eines scheint es jedoch zu bewirken: Ich beginne mehr Dinge, tue Neues, weil weniger gedankliche Barrieren existieren und weniger Kraft und Energie für Grübeleien draufgehen. Somit ist mein Körper, mein Bauch noch lange keine frisch asphaltierte und hübsche Straße, sondern vielmehr eine stillgelegte Baustelle, aber stattdessen pflanze ich in der Zwischenzeit am Wegesrand Blümchen.