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Schönes #13

Ich habe frei und habe liebe Sachen gemacht und mir ist dafür gedankt worden, und ich habe endlich zwei Nachrichten geschrieben, die ich schon lange vor mir hergeschoben hatte…

Dafür schweige ich jetzt auch vom Wetter, vom latenten Einsamkeitsgefühl und der wieder beginnen Studiumsangst, die nach dieser sehr entspannten Woche wieder ein bisschen auftaucht.

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Spielzimmermusik

Nun ist es schon mehrere Monate her, dass ich wieder in Sankt Petersburg gewesen bin, und ich trauere um meine Kinder, meine armen, armen, russischen behinderten Kinder, um die, die leben und um die, die gestorben sind. Alles ist so weit weg. Wahrscheinlich brauche ich die Distanz, zu den Ereignissen und den eigenen, damit verknüpften Emotionen.
Ich habe eine CD im Kinderheim gehabt, die wahrscheinlich jemand von den früheren Freiwilligen aufgenommen hat; es sind Klavierstücke, überwiegend nicht sehr gut gespielt, mit kleinen Fehlern und Aufnahmerauschen im Hintergrund, viele Filmsoundtracks. Ich habe diese CD unzählige Male gehört, wenn ich mit einem Kind in diesem Spielzimmer war, etwas fernab der Gruppe, ganz allein. Ein Raum mit braunem Linoleumboden und einer Ecke mit Teppich, einer „Höhle“, die durch einen Vorhang vom restlichen Raum abgetrennt war, einem Klapptisch mit blumenbedruckter Wachstuchdecke, in der gegenüberliegenden Ecke ein Regal, in dem einige Bücher über Pflege behinderter Menschen standen, einiges Spielzeug, ein CD-Spieler und ein Wasserkocher. Hinter dem Tisch ein Wandschrank, der voll mit Dingen war, die wir eigentlich nie benutzt haben und dazu einigen Fotoalben mit Bildern der Kinder und des Personals, dazu Beschreibungen, wer wer ist, damit die neuen Freiwilligen sich besser zurechtfinden. Der Raum war permanent überheizt. Im Winter lief ständig die nicht regulierbare Heizung auf Hochtouren, im Sommer schien die pralle Sonne herein. Auch bei Minusgraden unter -20°C saßen wir noch immer im T-Shirt in diesem Raum.
Hier war ich mit den Kindern. Ich habe sie auf den Teppich oder eine Weichmatte gesetzt oder gelegt, habe sie massiert oder versucht, mit ihnen zu spielen, ihnen schöne Dinge in die Hand gegeben, habe manchmal Duftöl an ihre Nasen gehalten oder etwas für sie gesungen. Natürlich war das meiste nicht von Erfolg gekrönt, manchmal sogar ganz im Gegenteil. Wie groß war jedes Mal meine Scham, wenn ich ein Kind durch etwas eigentlich Gutgemeintes versehentlich zum Weinen oder sogar zu einem Tobsuchtanfall gebracht hatte! Viele haben sich in solchen Phasen selbst gebissen und ich hatte immer Angst, das Kind mit einer frischen (Eigen-)Bisswunde zurück in die Gruppe zu bringen, was dann die Sanitarkas und die Erzieherinnen sagen würden, wenn sie es sähen.
Mit einigen Kindern war nicht viel „anzufangen“. Sie waren zu schlecht in ihrer körperlichen Verfassung, sehr schwach und schwerkrank. Ein Junge erbrach sich nach jeder Mahlzeit sehr lange, immer ein bisschen und wahrscheinlich zu einem beträchtlichen Teil absichtlich. Er greinte und überstreckte seinen Kopf, schlug den Hinterkopf an die Rückenlehne seines improvisierten Rollstuhls und rubbelte den Kopf daran, sodass er an dieser Stelle kaum noch Haare hatte. Ein anderer Junge mochte gar nicht erst essen; jeder Bissen war eine Geduldsprobe, er konnte kaum schlucken und hatte einen derart verkrümmten Rücken, dass es sehr schwer war, ihn in eine halbwegs aufrechte Position zu bringen. Im Liegen ist Schlucken tatsächlich sehr schwer. Der erste Junge ist Nikita, der zweite war Ilja.
Mit diesen beiden saß ich oft im Spielzimmer in einem Sitzsack. Ich setzte das Kind auf meine Knie, ließ mich dann in den Sitzsack sinken und ruckelte mich mit dem Po zurecht wie eine Amsel in ihrem Nest. Wenn ich bequem und stabil saß, ließ ich das Kind zurücksinken, bis es auf mir, in meinen Armen lag, und sein krummer Körper halbwegs in die Umgebung eingeschmiegt war. Obwohl diese beiden Kinder meine „Problemkinder“ waren, ging ich manchmal sogar bevorzugt mit ihnen ins Spielzimmer. Einmal, weil ich dachte, sie hätten es vielleicht nötiger als die anderen, fitteren Kinder, vielleicht auch, weil sie von der Atmosphäre der Ruhe und Geborgenheit mehr profitieren könnten, und letztendlich, ich gestehe es, vielleicht auch aus egozentrischen Gründen. Wenn ich mit Nikita oder Ilja im Spielzimmer war, war es für mich nicht anstrengend. Alles andere in diesem Kinderheim war anstrengend; das Füttern, die hygienische Pflege, die Beschäftigung, der Umgang mit dem Personal. Doch dann gab es diese Momente, in denen ich mit einem Kind im Sitzsack saß und es sich, manchmal jedenfalls, allmählich beruhigte. Ich habe Nikita so selten gesehen, wie er nicht greinte und seinen Kopf an der Lehne schubberte oder sein Essen hochwürgte, und diese Erinnerungen sind fast alle aus diesem Spielzimmer, als er im Sitzsack auf mir lag. Ich habe dann fast immer diese CD mit der Klaviermusik der ehemaligen Freiwilligen angemacht, oft genug passierte es, dass ich selbst dabei eingenickt bin, wenn das Kind auf meinem Schoß auch schlummerte, und erst wieder aufwachte, als nach einer Stunde die CD zu Ende war.
Natürlich sind das nicht die einzigen schönen Erinnerungen aus dem Spielzimmer; ich tue den anderen Kindern unrecht, wenn ich diese Stunden als die einzig erfüllenden hinstelle. Im Nachhinein vermisse ich vieles aus diesen Spielzimmerstunden, aber nicht alles davon hat so einen eindeutigen Trigger in Form von einer immer und immer wieder gehörten Musik.
Als unser Freiwilligenjahr sich dem Ende zuneigte, wurde immer klarer, dass wie die letzten Freiwilligen in diesem Heim sein würden, dass uns niemand nachfolgen würde, und so begannen wir in den letzten eineinhalb Wochen mit dem Ausräumen des Spielzimmers und dem Transport der meisten Dinge darin zur Zentrale der Organisation („Perspektivy“) in Sankt Petersburg. Ich bedaure heute, mir kein Andenken mitgenommen zu haben, ein kleines Spielzeug oder so, niemand hätte es vermisst oder wohl auch nur bemerkt. Ich war damals von viel Bitterkeit erfüllt, dass ich auf diesen Gedanken nicht kam. Alles ging auf einmal sehr schnell, wir hatten Helfer und waren sehr tatkräftig im Ausräumen und Abbauen, so habe ich nichts für mich selbst mitgenommen. Die Gitarre hatte ich in meinem Zimmer in der Stadt, wo sie auch geblieben ist, denn ich konnte sie nicht mit nach Deutschland nehmen. Die CD habe ich am Ende Sweta geschenkt, einer erwachsenen Bewohnerin, die ich ein wenig kannte und die mich wohl gernhatte, denn ich wollte allen, die ich im Heim kannte und die etwas davon hatten, ein kleines Abschiedsgeschenk machen und zu ihr passte es, so dachte ich, am besten.
Heute bin ich schrecklich froh, dass ich vorher darauf kam, die Musik der CD auf meinen Computer zu digitalisieren, wo sie noch heute ist. Ob Sweta die CD jemals gehört hat, weiß ich nicht, aber ich höre sie immer noch manchmal und denke dabei immer an den Sitzsack, an die bullerige Wärme, an Nikita und an Ilja, der diesen Mai gestorben ist.

Schönes #12

Wir haben die Wohnung aufgeräumt, von oben bis unten, von vorne bis hinten, nun riecht es nach Parkettpflegemittel, ein sanfter Geruch, und es sieht beinahe ein bisschen leer aus. Ich bin so froh, das endlich geschafft zu haben, und es gab keinen Streit, im Gegenteil, wir haben Platten gehört und alte Lieder von Reinhard Mey. Es ist spät, aber ich bin kaum müde. Ich habe die Frauenheilkunde-Klausur mit „Gut“ bestanden und war heute mit einer sehr freundlichen, zugewandten Erasmus-Studentin in der Mensa, wir haben uns auf Französisch unterhalten. Warum mag sie mich bloß?

Ein guter, ein sicherer Tag.

Schönes #11

Es ist unangenehm, das einzugestehen, weil es ein falsches Licht auf das Medizinstudium wirft, aber heute hatten wir Repetitorium in Frauenheilkunde und der Dozent war scheinbar derartig genervt über das stupide System der Multiple-Choice-Fragen, dass er uns mehr oder weniger alles verraten hat, was morgen früh in der Prüfung drankommen wird. Ich bin selten so entspannt in eine Prüfung gegangen, und trotz des schlechten Gewissens, dass das ein unfair erworbener Vorteil ist, bleibt es ein schönes Gefühl.

Gestern war ich in der Bibliothek und habe gelernt, und dann hatte ich ganz plötzlich die Motivation, den letzten Blogartikel zu schreiben. Nun mag es redundant klingen, dass ich schon in meinem Blog über mein Blog schreibe, aber ich versuche, ehrlich zu sein. Nachdem ich ihn geschrieben hatte, bin ich nach Hause gefahren, ich habe gelernt, gestrickt und tatsächlich eine Mütze fertig bekommen. Sie ist blau-gelb geringelt und hat die Form einer Zipfelmütze, und sie passt auf meinen kleinen Kopf, das tun fast keine Mützen.

Ich habe zweimal unseren Nachbarn getroffen und hatte freundlichen Smalltalk.

Ich war abends mit dem Zauberer bei Bahá’í-Freund*innen, habe Tee getrunken und über Andachts- und Themenabende geredet, ich bin so froh, diese Leute zu kennen. Es versüßt mir das Leben in dieser Stadt, zu wissen, dass es sie gibt.

Ich bin früh am Abend schlafen gegangen, und ich habe geträumt, bei meiner ehemaligen Nachbarin und einer nicht existierenden Enkeltochter von ihr in der alten Küche zu sitzen, mit dem Hund, der vor einigen Monaten eingeschläfert wurde, wir haben gegessen und auf einmal lag die Brille des Zauberers auf einer Kommode, in zwei Hälften, das Nasenteil fehlte, und ich erinnerte mich im Traum daran, dass der Zauberer krank geworden und gestorben war, dass ich ohne ihn leben müsste, und ich bin weinend aufgewacht. Allerdings lag der Zauberer neben mir und war sehr lebendig.

Frauenkörper

(cave: Ich schreibe hier von cis-Frauen, weil es um die Anatomie und die körperlichen Schwierigkeiten von cis-Frauen geht. Trans-Frauen und -Männer, Intersex- oder andere Menschen sind diesbezüglich etwas besonderes und ihre medizinische Lage ist noch einmal eine ganz andere, und ja, ich bedaure es, dass in meinem Studium nicht mehr darauf eingegangen wird.)

Ich habe im Studium im Moment das Modul Gynäkologie, und ich habe schon vorher allen erzählt, dass es mich nervt. Es nervt mich, weil so unglaublich viele, überwiegend weibliche, Menschen unbedingt „Gyn“ machen wollen, später, im Berufsleben. Meistens, weil sie den Gedanken toll finden, Babys auf die Welt zu bringen, kaum mehr und kaum weniger. Vielleicht auch, weil sie sich solidarisch fühlen mit Frauen, die körperliche Probleme haben, und den schönen Gedanken hegen, Menschen helfen zu können, die dafür meist auch wirklich dankbar sind. Allerdings wohl hauptsächlich wegen der Babys.

Dazu kommt, dass in den Vorlesungen mehrfach Werbung für die Fachrichtung gemacht wurde und erwähnt, dass keine Ärztin und kein Arzt dazu gezwungen werden könnte, Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen. Dazu habe ich, aus reinem ethischen Interesse, vorher Sachen gelesen, unter anderem das hier, und es wird die Hypothese aufgestellt, dass, um jemals „einen Facharzt“ in der Gynäkologie zu bekommen, das Vornehmen von Schwangerschaftsabbrüchen unumgänglich ist. Das hat den einfachen Grund, dass eine gewisse Zahl von Operationen vorgewiesen werden muss, und diese ist kaum erreichbar, wenn eine Ärztin oder ein Arzt nicht auch bereit ist, dafür auch Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Es kommt mir also vor, als hätten einige Dozentinnen uns in den Vorlesungen diesbezüglich belogen.

Ich bin überzeugt davon, dass Abtreibungen richtig sind, dass schwangere Menschen die Wahl haben sollten und dass das „Menschenrecht“ nicht schon bei der befruchteten Eizelle oder beim Trophoblasten beginnt. Dennoch weiß ich selbst nicht, ob ich einen Schwangerschaftsabbruch durchführen könnte, womöglich auch mehrere am Tag, jeden Tag, ohne mich deswegen schlecht zu fühlen, ohne Skrupel zu haben. Höchwahrscheinlich nicht.

Doch das nur am Rande, denn dieser Punkt ist nur ein weiterer, weshalb ich mich diesem Modul mit gemischten Gefühlen gewidmet habe. Für mich steht ohnehin fest, dass ich nicht in die Gynäkologie gehen werde, denn andere Dinge interessieren mich mehr, daran haben auch diese eineinhalb Wochen Vorlesung nichts ändern können, daran wird wohl auch das noch folgende einwöchige Blockpraktikum nichts ändern.

Es gibt dennoch eine Sache, die sich bei mirgeändert hat; sie betrifft insbesondere ältere und alte Frauen. Schon vorher habe ich, wenn Leute mich fragten, warum ich denn Gyn nicht so toll fände, gern scherzhaft erwidert: Tja, nicht jede Frau ist unter 40, und danach wird es oft sehr faltig, muffelig, und oftmals auch sehr eklig! Es ist nicht aus der Luft gegriffen, dass männliche Menschen, die Gynäkologen werden (insbesondere, wenn sie jung und standardmäßig attraktiv sind), oftmals belächelt werden, dass sie gefragt werden, wie sie denn noch erfüllten hetero-Sex haben könnten, nachdem sie den halben Tag senile Genitalien vor Augen hatten und ihre Finger/Geräte da einführen mussten, blablubb.

Ich denke ungern darüber nach, dass ich vielleicht irgendwann einmal alt werde. Ich habe schon jetzt nicht die perfekte Akzeptanz für meinen Körper entwickelt, obwohl er relativ normschön ist, und ich weiß nicht, wie das später einmal werden wird. Ich habe Angst davor und befürchte, dass sich das noch weiter verschlimmern wird, dass ich den gelegentlichen Ekel vor mir selbst, meinem Körper, meinen Genitalien, im Alter noch verstärkt empfinden werde.

Im Gynäkologie-Modul freuten sich alle auf Babys, Familienplanungsgedöns, Babys und Babys, und letztendlich ging es in den meisten Vorlesungen um die Menopause, um Osteoporose, um Infektionen, Geschlechtskrankheiten, um den Descensus Uteri (d.h. der Uterus rutscht im Becken nach unten, weil das Bindegewebe und die Beckenbodenmuskulatur schwächer werden, er kann Inkontinenz verursachen oder auch ganz aus dem Körper herausfallen), um trockene Schleimhäute, Operationen (insbesondere operative Entbindungen), Dammrisse und -Schnitte, um die Ertastung von Knoten in Brüsten, bei denen annähernd sämtliches Brustdrüsengewebe schon in Bindegewebe umgebaut wurde, um Wucherungen im Uterus und in den Eierstöcken, und um bösartige Tumore. Kurz gesagt: Es war eklig. Gyn ist so ein Modul, wo ich kaum im Zug mit einem Lehrbuch lernen kann, weil ich das Buch nicht aufschlagen kann, wenn eine fremde Person neben mir sitzt. Zumindest nicht, wenn Bilder auf der Seite sind.

Nun schreiben wir übermorgen schon die Klausur, und ich glaube, die meisten in meinem Jahrgang sind inzwischen von der Baby-Illusion befreit. Ich habe auch manchmal ziemlich eindeutig und platt gedacht, dass die Körper von Frauen in vielen Dingen enorm eklig sind und sein können, ich habe mich selbst weiter in dem Entschluss bestärkt, keine leiblichen Kinder haben zu wollen, auch aus Angst vor den Erlebnissen einer Geburt, die für viele doch sehr traumatisierend sind und viel mehr körperliche, unangenehme Folgen haben können, als den meisten bewusst ist. (Zum Beispiel wird bei 35% der „problemlosen“ vaginalen Geburten der Schließmuskel leicht verletzt. Das kann im Alter zu Stuhlinkontinenz führen. Bei einer Frau mit drei Kindern ist es schon Glückssache, das nicht zu bekommen.)

Sehr extrem sind auch die Folgen der Menopause für Frauen. Früher dachte ich, wie wohl die meisten: Menopause bedeutet einige Jahre Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen, danach kein Ärger mehr mit monatlicher Blutung (=Schmerzen, Geschmiere, PMS), hormonelle Ausgeglichenheit, keine Angst mehr vor ungewollter Schwangerschaft. Die Realität „postmentrueller“ Frauen besteht scheinbar viel öfter aus vaginaler Trockenheit, Mikrorissen der Schleimhaut, Infektionen, Schmerzen beim penetrativen Sex, Abbau der Knochendichte mit vielfach erhöhtem Risiko für Knochenbrüche und Wirbelsäulenschäden, Risiko für Brustkrebs und Thrombosen nach Hormonersatztherapie und Depression. Dazu kommt noch, dass der Körper sein Aussehen verändert, Brüste fühlen sich nicht mehr an wie gewohnt, Falten in der Bauchdecke, oft ungewollte Gewichtszunahme durch plötzlich veränderte Stoffwechsellage. Ich habe lange darüber nachgegrübelt, wie es sein kann, dass Frauen so etwas durchmachen müssen, dass es beinahe alle Frauen betrifft, dass sehr, wirklich sehr wenig darüber gesprochen wird. (Inkontinenz im Alter ist ein riesiges Problem bei Frauen, fast die Hälfte ist von irgendeiner Form der Inkontinenz betroffen. Von denen sucht wiederum nicht einmal die Hälfte ärztliche Hilfe, und die meisten erst dann, wenn es schon so schlimm ist, dass gesellschaftliche Teilhabe für sie beinahe unmöglich geworden ist.)

Alte Frauen sind, nachdem ich dieses Gyn-Modul hatte, in meinen Augen ein Haufen voller Probleme. Irgendwann fiel mir dann auf, dass eine postmenopausale Frau evolutionär „nutzlos“ ist. Für die Nachkommen spielt es keine Rolle, wie es einer Frau geht, wenn sie ihren Teil der Fortpflanzung erfüllt hat. Somit ist es für eine Art kein evolutionärer Nachteil, wenn die weiblichen Individuen nach dem Ende ihrer fruchtbaren Lebenszeit schnell körperlich verfallen, oft sehr krank werden und ein Leben führen, das nicht mehr schön ist. Ich habe das Gefühl, dass diese Auffassung so oder so ähnlich auch in den Köpfen vieler Menschen verankert ist. Es gibt weniges, worauf so schamlos herumgehackt werden darf, wie die Körper alter Frauen. (Ich nehme mich da nicht aus, selbst habe ich darüber gelästert, und mittlerweile schäme ich mich dafür.) Wie oft werden Witze gemacht über hängende Brüste, über Sex mit alten Frauen („wie wenn du eine Wurst in einen Flur wirfst“), über sexuell aktive alte Frauen im Allgemeinen („Ieh, darüber will ich gar nicht nachdenken“). Wie lange hat es gedauert, bis die Notwendigkeit von Präparaten erkannt wurde, die die Vaginalflora stabilisieren, nachdem weibliche Hormone diese Aufgabe nichtmehr erfüllen? Wozu sollten alte Frauen überhaupt Sex haben? Sie können doch ohnehin keine Kinder mehr bekommen.

Inzwischen quälen mich viele dieser Gedanken, und das nicht nur, weil ich selber irgendwann eine alte Frau sein werde, sondern auch, weil ich an die Frauen denken muss, die ich kenne, jene, die alt sind und jene, die es gerade werden. (In meiner Generation gehen gerade die meisten Mütter durch die Menopause, es wird fast nie darüber gesprochen und die Familienmitglieder gucken schnell weg, wenn sie im Kühlschrank die Bakterienpräparate oder Vaginalsalben sehen, die da zwischen Marmelade und Senf liegen.) Ich wünsche mir mehr Solidarität mit ihnen, mit ihren Körpern. Ich wünsche mir, dass sie offener über ihre Probleme und Schwierigkeiten reden können, ohne von der Gesellschaft als eklig abgestempelt zu werden. Letztendlich muss ich sagen, dass ich wohl trotzdem nicht Gynäkologie machen will oder werde, aber immerhin hat dieses elende Studiumsmodul mich gelehrt, dass mehr Respekt nötig ist und ein anderer, selbstverständlicherer Umgang mit alten Frauen und allem, was ihre Lebenssituation so an Krankheiten und Schwierigkeiten mit sich bringt. Und: Alte Genitalien sind nicht eklig. Geburten sind viel ekelhafter.

Schönes #9

Heute war also Halloween, und wir waren auf eine Halloween-Feier eingeladen, von unserem Nachbarn, der deutlich cooler ist, als es zunächst den Anschein hatte. Also zogen wir mit Nudelsalat in der Hand eine Tür weiter und verbrachten den Abend überwiegend mit Simpsons-Folgen und einem extrem sclechten Film, in dem David Bowie eine Hauptrolle spielte. Ich triezte die Meerschweinchen und verliebte mich ein klein wenig in beide, denn es sind nunmal Meerschweinchen, da kann mensch sich der Zuneigung kaum erwehren.

Wunderschön war, dass ich im Bad dieses Menschen eine nicht zu verachtende Sammlung von Nagellacken vorfand, viele davon waren Überlacke mit Glitter, und so saß ich selig auf dem Wohnzimmerfußboden und pinselte meine Nägel an. Nun habe ich malvefarbene Fingernägel mit silbernen Punkten, was sehr stilvoll aussieht.

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Mein Bauch ist voll von Kürbissuppe, und ich habe gelernt, „To Ramona“ zu spielen, und so beschließe ich, den Tag zu mögen trotz des gelegentlich nagenden Gefühls, dass die Leute in meiner Uni viel tollere Sachen in Planung haben, ich darin nicht involviert bin und sie allgemein viel mehr machen, mehr können, mehr sind.

Schönes #8

Ich habe schon wieder länger nichts geschrieben, weil ich nunmal inkonstant bin mit meiner Motivation und Durchhaltefähigkeit, dafür entschuldige ich mich beim Blog und sonst bei niemand (entschuldige, Blog), und mache einfach weiter, als sei nichts gewesen.

Heute habe ich ein Lied auf der Gitarre gespielt, das ich sehr, sehr gern mag und irgendwann vor langer Zeit schon einmal ausprobiert hatte. Danach dachte ich aus irgendeinem Grund, es würde sich nicht dafür eignen, von einer einzelnen Person mit so schlichter Begleitung gespielt zu werden, doch gerade gefiel es mir ziemlich gut. Ich habe es aufgenommen und hochgeladen, und es ist zwischen dem üblichen Rauschen und mit einem Verspieler-Akkord hier zu hören.

Um ehrlich zu sein, gab es ansonsten sehr wenig Schönes an diesem Tag (doch, ich habe die Ergebnisse der beiden Klausuren bekommen, die ich bisher wieder geschrieben habe, und beide mit einer Drei bestanden), ich bin matschig und müde und fühle mich so furchtbar einsam. Wie immer weiß ich nicht, ob das begründet ist oder ich mich nur anstelle. Es erfüllt mit einer ekelhaften Leere, die sich nicht so richtig vertreiben lassen will.

Schönes #7

Heute morgen war in meinem E-Mail-Postfach eine Nachricht von meiner…wie ist sie zu nennen? Kollegin? Bekannte? Freundin?…aus der Zeit in Russland, wir haben zusammen im selben Kinderheim gearbeitet, sie mit den ganz kleinen, ich mit den etwas größeren Kindern. Immer und immer hatten wir Streit, teilweise völlige Funkstille, bis zu einer Nachricht von mir vor einigen Monaten, anlässlich meiner Reise nach St. Petersburg und eben auch in dieses Kinderheim. Ursprünglich wollte ich nur wissen, ob sie gern Fotos hätte, daraufhin folgte ein Mailwechsel voller Entschuldigungen (beiderseits) und lieber Worte, dann prokrastinierte ich das Schicken von Bildern und dachte schon, damit sei die Sache gestorben. Und nun ihr Nachhaken, ihre Sorge, ihr Interesse. Es ist ihr nicht egal. Ich bin so froh, diese Verbindung zu ihr zu haben, dass das alte Verhältnis endlich bereinigt ist von all den Hässlichkeiten und Bösartigkeiten, die zwischen uns gewesen sind. Nun habe ich ihr geantwortet in einer Mail, die drei Word-Seiten umfasst, mehr oder weniger aus Versehen, und vielleicht, vielleicht, wird daraus ein regelmäßiger Briefwechsel. Es wird sich zeigen.

Ich habe einen ganzen, ganzen langen Tag durchgehalten, vom Aufstehen um 6:30, den Zug nehmen um sieben, dann Vorlesung bis ein Uhr, dann Laborarbeit und Statistik. Die aktualisierte Liste meiner Studienpatient_innen ist endlich mal angekommen, ich habe eine Übersicht erstellen können für summierte Werte von allen, dann war ich in der Bibliothek und habe tatsächlich herausgefunden, was die Lösung des klinischen Szenarios ist, das wir derzeit in Pädiatrie durchgehen (frühgeborener Säugling entwickelt nach einer Woche ein Atemnotsyndrom, Blässe, Apathie, gespannte Fontanelle, geblähtes Abdomen, erbricht, hat Petechien und schließlich einen Krampfanfall – eine Neugeborenensepsis, yay!), war dann noch im Chor, stellte fest, dass ich wirklich nicht mehr so schlecht singe und die meisten Töne der H-Moll-Messe in zwischen kann, fuhr dann etwas früher heim und kam um 23:00 wieder zu Hause an. Und das mit Kopfweh und Nebenwirkungen vom Sertralin (heißt, ich zappele viel herum und gähne übermäßig viel und habe manchmal einen erhöhten Puls), wobei die Kopfschmerzen wohl auch davon kommen, denn der Zauberer weckte mich heute nacht und sagte, ich würde furchtbar mit den Zähnen knirschen. Ich wollte nicht jammern, nur Stolz ausdrücken.