Tag Archive: andere Gedanken


Kinderkram

Hallo Blog. Du bist noch immer da, und du wirst kaum gelesen. Ich werde dir jetzt ein Geständnis machen, vielleicht das erste ernsthafte Geständnis, das ich dir jemals gemacht habe in den vier Jahren, die du nun mein bist. Natürlich bist du vorrangig zuständig für hübsche Bilder, für nachdenkliche und manchmal auch Überzeugungs-verbreitende Texte, weniger als eine Art persönliches Tagebuch. Du sollst und wirst ordentlicher bleiben als ein Tagebuch es sein darf und nicht vermüllt werden mit den ganz alltäglichen Gedanken. Du bist – im Gegensatz zu echten Tagebüchern – eine zumindest halbwegs vorzeigbare Gedankensammlung. Liebes Blog, ich hätte gerne ein Kind.

Ich erinnere mich, vor längerer Zeit einmal am Ende eines Artikels den scherzhaften Einwurf gemacht zu haben, ich würde in einem folgenden Artikel einmal das Thema behandeln, warum ich immer vehement behaupte, garantiert niemals Kinder haben zu wollen, obwohl ich eigentlich vielleicht doch gar nicht so denke (oder so). Damals war ich auch wirklich sicher, dass Kinder nichts für mich persönlich sind und schon gar nicht in den nächsten Jahren, und sowieso sind Kinder ekelhafte Mistblagen, die kreischen und ständig alles und jede_n herausfordern müssen/wollen. Ich bin nicht die Person für Kinder, das ist meine Schwester; die wird von allen Kindern geliebt und beantwortet das auch mit Gegenliebe. Neben ihr bin ich die komische Kinder-skeptisch-beäugende Halberwachsene, die sich lieber mit anwesenden Tieren oder Büchern beschäftigt. Zugegebenermaßen ist das prätentiös und gelogen. Wenn meine Schwester nicht in der Nähe ist und die beste Cousine/Patentante/große Freundin der Welt darstellt für die kleinen Mistblagen, dann bin ich die coolste Spielgefährtin/Erklärerin. Ich kann stundenlang kreischend durch Keller laufen und Verstecken spielen. Ich liebe Ice Age. Ist das genug, um es sich zuzutrauen, selbst ein Kind zu haben?

Wann ist diese Veränderung eingetreten? Ich weiß es nicht. Ich gebe noch immer einen feuchten Dreck auf meine biologische Uhr, dazu bin ich zu jung. Eigentlich bin ich, auch was die Lebenssituation betrifft, insgesamt eher zu jung. Vielleicht macht das den Reiz aus. Das Gefühl, ein Kind, sollte es jetzt (oder im nächsten oder übernächsten Jahr) auf die Welt kommen, großziehen zu können ohne das Gefühl, es nur aus so etwas wie Torschlusspanik gezeugt zu haben. Oder weil es eben gerade so gut passte in die Planung. Es wäre allein der große Wunsch. Natürlich hinterfrage ich das wieder als naiv und romantisch, weil es genau derselbe Grund ist, den wahrscheinlich die meisten Teenager-Eltern angeben würden, wenn sie nach ihrer Motivation gefragt würden, im Teenageralter Eltern zu werden.

Der Unterschied hierbei besteht vielleicht darin, dass ich mir einbilde, relativ nüchtern und aufgeklärt an die Sache heranzugehen. Ich bin mir, zumindest theoretisch, des ganzen Stresses bewusst, der Unsicherheiten, die zwangsläufig entstehen, der Erschöpfung, des Kraftaufwands. Ich will es trotzdem. Ich hege die Hoffnung, noch in einer Phase zu sein, in der mir der Perfektionismus fehlt, dessentwegen andere Menschen sich scheinbar für Kleinigkeiten wahnsinnig machen. Ich bestehe nicht auf Ordnung und Sauberkeit und schlafe auch jetzt locker wie ein Stein, sobald ich mich hinlege. Ich habe keine eigenen Krankheiten und Gebrechen. Mir ist es egal, wenig Geld zu haben, sofern es nicht einen gewissen Lebensstandard unterschreitet (um auch hier sehr ehrlich zu sein, denn natürlich habe ich von echter Armut keinen Schimmer und möchte hier nicht meinen Mund aufreißen).

Vielleicht liegt es auch daran, dass meine Sicht auf die Welt und meinen Platz in ihr sich noch immer rasant verändert und, soweit ich das einschätzen kann, hin zu mehr Integrität und Souveränität bewegt. Es sind viele Kleinigkeiten, an denen das bemerkbar ist und die mich, im Gegensatz zum Schmerz des Erwachsenwerdens, nicht quälen, sondern eher helfen. Und auf einmal, ohne dass ich es bewusst realisierte, war auf einmal dieser Wunsch da, der bislang in meinem Kopf geblieben ist. Der Wunsch danach, einen kleinen Menschen hier herumliegen und später -laufen zu haben, der irgendwann sprechen lernt und für diesen kleinen Menschen zu sorgen, und…naja, warum Menschen eben Kinder in die Welt setzen wollen. So kam es, dass ich während eines nächtlichen Telefongesprächs mit dem Zauberer damit herausplatzte und das somit nun zu einem Thema geworden ist, über das gesprochen wird, das ich nicht mehr zurücknehmen kann. Zumindest wurde bisher keine Häme über mich ausgeschüttet, denn erwartbar wäre es doch gewesen bei der Absurdität dieses plötzlich geäußerten Sinneswandels. Stattdessen Überraschung, nicht unbedingt negative, und Nachdenklichkeit. Diese hat sich bis jetzt gehalten und wird es wohl auch noch eine Weile lang tun. Sie soll es dürfen, meinetwegen so lange, wie es eben braucht für andere Menschen als mich, um zu einer Entscheidung zu kommen, die nicht spontan aus dem Bauch heraus gefällt wird und dann unumstößlich steht, ohne dass daran groß zu rütteln wäre. (Für sich betrachtet, ist das ein ziemliches Privileg, das ich vielleicht mehr würdigen sollte.)

Es würden viele andere hypothetische Abenteuer dafür aufgegeben werden, aber das Konzept Selbstverwirklichung ist mir ohnehin zu perfektionistisch. Ich argumentiere vor mir selbst damit, dass Elternschaft an sich ja auch ein Abenteuer darstellt, ein nicht allzu kleines, was scheinbar die meisten Eltern so sehen. Das gibt mir Hoffnung.

Blöd nur, dass ich mir vor nichtmal einem Jahr eine doch recht teure Kupferspirale habe einpflanzen lassen, die, sollte sie in absehbarer Zeit wieder entfernt werden, eine ziemliche Geldverschwendung darstellt. Über was für Dinge eins sich so Gedanken macht… Genauso wie darüber, ob diese Wohnung platzmäßig reicht. Ob Reisen theoretisch noch möglich wären. Ob es machbar wird, das ganze ohne Auto zu managen. Zeit. Geld. Ob die Basis an Vertrauen und beziehungstechnischer Sicherheit breit genug ist, um ein Kind daraufzusetzen, und wie groß das Risiko ist, dass dieses Kind schon im jungen Alter als Trennungskind aufwächst. Ob das Kind nicht unter elterlicher Überforderung leiden wird. Ob es klug ist, schwanger zu werden, wenn ich dann keine Antidepressiva nehmen kann, wo ich doch derzeit schlecht einschätzen kann, wie groß die Rolle dieser Antidepressiva für meine Stimmung ist. Darüber steht immer wieder etwas, das ich mir letztlich doch immer als etwas zauberhaftes vorgestellt habe: ein Mistbalg, ein kreischendes, und das ganze pathetische Drumherum. Was vielleicht für den ganzen Rest und die Sorgen entschädigen könnte.

Noch weiß ich nicht, wie die Geschichte weitergehen wird; es kann sehr gut sein, dass nach reiflicher Überlegung entschieden wird, das Ganze doch noch ruhen zu lassen, die Spirale zu behalten und so zu tun, als hätten diese ganzen Gedanken und Gespräche während dieser (bisher doch recht kurzen) Zeitspanne gar nicht stattgefunden. Ich wäre nicht allzu traurig deswegen, denn noch bin ich ohnehin so jung und alles noch so offen… da ist es noch nicht an der Zeit, sich intensiv über potentiell verpasste Chancen zu ärgern. Allein das Gefühl, sich theoretisch zu so etwas in der Lage zu fühlen, ist ein gutes, und es wird hoffentlich nach Abbruch der Kinderpläne bleiben, als ein kleines, aber hartnäckiges „Aber du hättest gekonnt!“

Bauchgefühl

Eins hat doch einen Bauch. So einige Leute haben keinen, keinen wirklichen, manche haben sogar an der Stelle nur ein Loch, das begrenzt wird von Hüftknochen und Rippenbogen, doch einige Wesen haben tatsächlich etwas Reinkneifwürdiges, sowas ziemlich menschliches, womit unser Organismus etwaige plötzliche Mammutflauten zu kompensieren versucht. Andere haben viel Bauch.

Nützlich kann er doch sein: Manchmal spricht er zu einem, flüstert einem Dinge zu. Brummelt unverständliche Worte, die nur für einen selbst, den exklusiven Besitzer dieses Bauchs, gedacht sein können, spricht für die Seele. Bauchweh vor Prüfungen, Übelkeit nach Streits. Das Gefühl, aufzustehen und etwas vollkommen absurdes frühstücken zu wollen. Auf dem Rücken liegen und mit dem Bauch gluckern, einige können das.

Es gibt in meiner Erfahrungswelt nichts, was derartig spannungsbeladen ist wie der Bauch, kein anderer Teil des Körpers. Eine Zeit lang brachte mich gesellschaftlicher und medialer Input dazu, Brüste überzubewerten und darunter zu leiden, kleine zu haben. Diese Unzufriedenheit wurde nahtlos abgelöst von dem krampfhaften Gefühl, allgemein zuviel zu sein, und allem voran war hier der Bauch das Schlachtfeld, auf dem alle Kämpfe ausgetragen wurden. Er war (und ist) omnipräsent, er schafft es, alle Gedanken auf sich zu ziehen. Ich habe ihn mit einem rot-weißen Flatterband absperren wollen wie eine Unfallstelle, doch auch das hätte nichts an seiner Existenz geändert. Zentrum allen Hasses und ebenso allen Wollens war immer diese unvermeidliche Körpermitte, von der alles andere abzweigt, was mir eventuell gefallen könnte (meine Ellbogen und meine Füße und der Körperteil, an dem meine knubbeligen kleinen Ohren festgewachsen sind).

Der Anblick von Bäuchen auf Plakaten und in Filmen erfüllt mich noch immer mit Wut. War es früher eine, die sich aus Neid und Selbsthass speiste (bei gleichzeitigem Bewusstsein über die Absurdität solcher Körper, die niemals auch nur eine klitzekleine Mammutflaute überstanden hätten), ist heute eigentlich nur noch Wut über die Absurdität an sich geblieben. Die Zurschaustellung von etwas so Intimem. Etwas, das den Großteil unserer inneren Organe beinhaltet, unser enterisches Nervensystem, und so viele unserer Körperfunktionen regelt…Nach meinem Selbstgefühl sollte so etwas als unglaublich verletzlich eingestuft werden. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlen muss, wenn eins ein Model ist und der eigene Bauch so ein Produkt ist, das vermarktet werden und deswegen immer gut in Schuss sein muss, immer bereit, gezeigt zu werden. Zu wissen, dass der eigene Bauch (in Kombination mit Photoshop-Fähigkeiten) so eine Zielfläche wird für die Verzweiflung anderer Menschen…Ob berühmte Frauen, die sehr viel trainieren, um für ihren schönen bauch bezahlt zu werden, an so etwas denken? (Da ich eine Frau bin, weiß ich nicht, wie es sich für Männer anfühlt, die durchschnittlich seltener ihren Oberkörper verhüllen und ein anderes Körpergefühl vermittelt bekommen.)

Eine Zeitlang fuhr ich halbwegs gut damit, meinen Bauch vollkommen zu ignorieren, ihn nicht zu berühren, nicht anzusehen, so zu tun, als ob er nicht da wäre. Als sei er eine leere Stelle in meinem Körper, denn leere Stellen können weder dick noch dünn sein noch etwas dazwischen. Das war ein wenig schwierig in der konsequenten Handhabung, doch ein sicheres Mittel, um Grübeleien und eventuelle Rückfälle zu vermeiden; etwas, das ignoriert wird, kann keinen Hass auf sich ziehen und somit auch keine wilden Diätpläne.

Dann besserte sich auch das, mein Bauch darf inzwischen nach dem Essen vorgewölbt sein und die Essensmenge hängt nicht nur vom Völlegefühl ab. Hunger ist ja nichts, was im Bauch stattfindet, sondern viel mehr im Kopf, auch Teetrinken füllt den Magen, aber nicht mich selbst als Ganzes. Wie dumm konnte ich sein, das so lange zu übersehen? Wie dumm bin ich noch immer, die Rudimente dieser Muster nicht vollständig ablegen zu können und mich zu befreien aus dem Zwang des Dünnseins? Ist das wirklich nur die Verknüpfung mit dem Selbstwertgefühl (das „Ich-will-weg-sein-oder-zumindest-so-gut-wie-möglich“), oder hängen daran noch mehr Mechanismen, die durch lebenslange Erziehung unlösbar in meinem Kopf verankert sind? Wie sehr brauche ich das Gefühl eines vorzeigbaren Körpers, um mich auch als vorzeigbarer Mensch zu fühlen, einfach nur, weil es mir dieses Schema von allen Seiten entgegenschlägt? All das sind Dinge, die ich für mich selbst nicht lösen kann und die auch meine Therapie nicht lösen konnte.

Inzwischen bin ich bei einer sehr dekonstruktivistischen Variante angekommen, die sämtliche Körperlichkeit in den Hintergrund schiebt. Noch immer scheint das nicht die Ideallösung zu sein, denn ich stelle fest, dass ich noch immer mehr über mein Äußeres wahrgenommen werde, als ich in meiner Naivität erwarte. Hierbei spielt weniger die Statur als die Kleidung eine Rolle, doch auch die Kleidungswahl fällt schwer und bleibt somit immer auf standardisierten, alten Anziehsachen hängen. Neue einzukaufen, würde zwangsläufig eine erneute Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper bedeuten.

Ich weiß nicht, inwieweit meine genetische Weiblichkeit und meine Körperlichkeit zusammenhängen und ob der Versuch, beides in den Hintergrund zu stellen, irgendeine Art von Erfolg mit sich bringen wird. Eines scheint es jedoch zu bewirken: Ich beginne mehr Dinge, tue Neues, weil weniger gedankliche Barrieren existieren und weniger Kraft und Energie für Grübeleien draufgehen. Somit ist mein Körper, mein Bauch noch lange keine frisch asphaltierte und hübsche Straße, sondern vielmehr eine stillgelegte Baustelle, aber stattdessen pflanze ich in der Zwischenzeit am Wegesrand Blümchen.

Anämie

Also, um es noch ein weiteres Mal zu erwähnen: Ich habe hier ja diesen Körper… Was das für ein Unfall war, ist mir noch immer nicht ganz klar, aber gut. Ich habe ein wenig geschrieben zu Dankbarkeit ihm gegenüber, über Hass sowieso. Hass aber eigentlich immer nur auf seine Form, seine Beschaffenheit und Struktur, ja, mir wurde von vielen Seiten beigebracht, was ich alles an ihm auszusetzen habe(-n kann). Den Körper, den stört das alles überhaupt nicht, der sitzt herum, schläft (zu viel), geht die Straße entlang und manchmal knackt er oder äußert ein Grummeln aus der Abdominalgegend.

Was alles nicht stimmen kann, ist mir zu einigen Teilen bewusst. Mich könnte eine Arteriosklerose ereilen, oder eine Artherosklerose  (das sind zwei verschiedene Dinge, glücklicherweise hat bisher niemand gemerkt, dass ich den Unterschied nicht benennen kann), dann hätte ich dicke Plaques an meinen Gefäßwänden, voller Schaumzellen und sonstigem Müll, und irgendwann würde eine dieser körpereigenen Abfalldeponien rupturieren und wir hätten den Salat. Also, mein Gefäßsystem und ich. Vermutlich würde das Ganze zu einem Herzinfarkt führen, im ungünstigeren Fall vielleicht zu einem Schlaganfall…und ich läge herum (bzw., mein Körper läge herum, denn vom natürlichen Pessimismus ausgehend wäre da nicht mehr viel „ich“ übrig hinter dem ganzen Sabber), und die Kühe und Schweine, Hühner, Kälbchen und Enten würden mich auslachen und es als ihre Rache verstehen für all ihre Artgenossen, die ich gefressen habe.

Nun fehlen da zwei Details: Erstmal fresse ich keine Artgenossen und auch keine Nachbararten, und zweitens sind Tiere, glaube ich, nicht so konzipiert, dass sie Dinge wie Schadenfreude oder Freude an gewollter Grausamkeit empfinden und somit auch niemand auslachen würden, egal, was diese Person ihnen oder anderen angetan hätte.

Wenn mir etwas fehlt, dann lachen meistens nur die Menschen. Oder sie sind sehr besorgt. „Siehst du, das liegt an deiner komischen Ernährung. Dir fehlen Vitamine, und Mineralstoffe…“

„Nein!“, sage ich dann. „Ich bin immer so! Das hat damit gaaar nichts zu tun!“

Was aber gelogen ist. Es hat, zumindest bei mir, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit etwas damit zu tun, denn ich bin dauernd hypoton und dauernd anämisch. Mein Körper könnte irgendwie bessere Leistungen erbringen, und sicher wäre es auch irgendwie möglich, wieder einen Zustand zu erlangen, in dem ich aufstehe und mir keine Gedanken darum machen muss, in wie vielen Sekunden ich einen Gegenstand zum Festhalten erreichen sollte, um die Schwindelsekunden unbeschadet vorbeizubringen. Das war zwar schon immer so, aber nicht auf einem derartigen Niveau. Natürlich könnte ich daran etwas ändern, ich könnte anfangen, tierische Produkte zu essen, mehr zu trinken, ich könnte konsequenter mit Eisen etc. substituieren oder mich körperlich mehr betätigen. Ich könnte natürlich auch aufhören, Blutspenden zu gehen, und (was aber sehr viel unwichtiger ist) eine Hormontherapie anstreben, die die Menstruation unterdrückt.

Ich habe ein wahrscheinlich sehr geringes Risiko von Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber ich habe dennoch keinen perfekten, fitten Körper. Wenn es daraum geht, Treppen hochzukommen, bin ich genauso am Japsen wie ein Mensch mit Übergewicht oder notorische Raucher_innen. Natürlich klingt Blutarmut da irgendwie cooler als die typischen „Wohlstandskrankheiten“, die meist nicht so attraktiv wirken. (Nehmen wir zum Beispiel das Wort „herzkrank“ – die erste Assoziation sind meistens Kinder, die mit einem Herzfehler geboren wurden und deswegen im zarten Alter schlimme Operationen erleben, weshalb sie großäugig auf Werbeplakaten von Hilfsorganisationen zu sehen sind… weniger die Endsechzigerin, die aufgrund chronisch zu hoher Blutfettwerte und Bluthochdruck zwei Herzinfarkte hatte und jetzt hechelnd im Bett liegt, weiterhin adipös.)

Dennoch scheinen viele Menschen von mir zu erwarten, dass ich einen perfekten Körper zu präsentieren habe. Gesund und proper, so wie die Aushängeschilder von „Vegan Bodybuildung & Fitness“, und immer mit gesunden, selbstgekochtem Essen gefüttert (Danke, Attila Hildmann, dass du die Erwartungen so hoch ansetzt!), ganz wunderbar. Oftmals bin ich gewillt, zu lügen, was das angeht, um dumme Fragen zu vermeiden, alles als ganz problemlos darzustellen. Mit wie vielen Floskeln habe ich schon um mich gehauen, weniger, um Werbung für Veganismus zu machen, als (oftmals) aus Gründen der Rechtfertigung. Während fleischfressende junge Frauen in meinem Jahrgang herumlaufen und allen erzählen, wie niedrig denn ihre Eisenwerte seien, würde ich den Teufel tun, so etwas auch nur zu erwähnen.

Ich bin Veganerin, und nein, ich bin nicht perfekt. Ich bin relativ dünn, was ich aber auch schon vor Veganerzeiten war, aber…oh Schreck! Das Kind ist auch noch essgestört!

Nun wird jedem sofort alles klar. Sie macht das gar nicht aus ethischen Gründen, sie versteckt dahinter nur ihre „Magersucht“ (die keine ist), um sich so vor fetthaltigen Lebensmitteln zu drücken und immer für sich alleine essen zu können…Falls ihr dabei versehentlich ein bisschen Tierliebe untergekommen ist, was das nur ein versehentlicher Nebeneffekt. (Blick meiner Therapeutin, als sie sagte, wenn ich das mit dem Essen „in den Griff“ bekommen wolle, müsse ich aber auch die Nahrungsauswahl „etwas lockerer“ angehen; fehlte nur noch, dass sie mir eine bestimmte Sorte Mortadella empfohlen hätte…) Das Kind benutzt den Veganismus für ihre eigenen, selbstsüchtigen Interessen. Somit ist sämtliche Art von Vorbildfunktion für andere völlig ruiniert.

Aufschrei, wenn eine (von einem Vegetarier organisierte) Studie zu dem Ergebnis kommt, dass prozentual mehr Vegetarier_innen essgestört sind als der Anteil in der restlichen Bevölkerung. „Natürlich“, schreien sie alle, „Vegetarismus führt zu Essstörungen!“ Oder umgekehrt: „Nur wegen ihrer Essstörung essen sie vegetarisch!“ Natürlich hat das alles gar nichts mit allgemein höherer Sensibilität zu tun, die insbesondere Menschen mit depressiven Erkrankungen bezüglich ihrer Umwelt entwickeln und die sie dazu bringen kann, sich Gedanken über die Auswirkungen ihres Essverhaltens zu machen…und eben eventuell Vegetarier_innen zu werden. Eine Sensibilität, die den meisten selbszufriedenen und vom Leben bekräftigten Menschen oftmals abzugehen scheint.

Ich würde gerne herumlaufen und allen erzählen, wie schlecht meine Eisenwerte sind, und wie niedrig mein Hämoglobin, ebenso mein Blutdruck, wie wenig Muskelmasse ich am Körper habe, wie ungleich das Verhältnis meiner Kohlenhydrat- im Vergleich zur Eiweißaufnahme ist… Und dann würde ich laut sagen: Aber ich will trotzdem lieber so leben (nämlich nicht kraftstrotzend), als alternativ Tiere und Tierprodukte in mich hineinzustopfen. Das Zeitalter der Holzfäller ist vorbei. Es wäre also an der Zeit, auch die Holzfällersteaks abzuschaffen.

Als ich klein war, spielten wir gelegentlich, wir seien Hexen; wir hatten kleine Reisigbesen, die uns unsere Eltern im Urlaub in Schweden gekauft hatten und die niemals zum Fegen benutzt wurden, sondern eigentlich ausschließlich zum Fliegen. Wir hatten drei Grundstücke, über die wir flogen, mit Sprüngen über die kleinen Buchsbaumhecken, die den Weg dazwischen säumen (und manchmal auch in die Buchsbaumhecken, was nicht so erfreulich war), dazwischen kein Zaun. Irgendwo im Garten war ein kleiner Plastikpflock, der die Grundstücksgrenze markieren sollte, doch irgendwann erwischte ihn meine Mutter mit dem Rasenmäher, seitdem ward er nicht mehr gesehen. Unser eigenes Grundstück ist weit hinter der Straße, angebunden an ein großes, das vorne liegt, und neben einem, das so groß ist wie die beiden anderen zusammen.

Im vorderen Grundstück lebten zwei alte Leute, deren Tochter mit ihrem Mann „unser“ Haus gebaut hatte, aber sich dann von ihm hatte scheiden lassen, sodass irgendwann meine Eltern, zwei recht junge Stadtmenschen mit zwei kleinen Kindern, dieses Haus kauften.

Hier bin ich aufgewachsen.

An den ungemütlicheren Tagen, besonders im Winter, verschlug es uns häufiger nach nebenan, in die kleine Küche des uralten Fachwerkhauses an der Straße, die von einem Kohlenofen gnadenlos überheizt war (schließlich musste auch der Rest des Hauses etwas abbekommen), wo wir herumsaßen und heimlich hofften, dass unsere alte Nachbarin ins Nebenzimmer ging und uns „Bollsche“ holte: Nimm-2-Bonbons aus einem großen Glas, das sich wundersamerweise von selbst nachuzfüllen schien. Ich aß grundsätzlich orange, meine Schwester gelb.

Wenn wir Glück hatten, sahen die alten Leute fern und wir lümmelten uns mit ausgestreckten Beinen auf der Plüschcouch und genossen diese Tätigkeit, die uns unser Zuhause in Ermangelung eines Fernsehgerätes nicht bieten konnte. Wenn nichts interessantes lief, durften wir KiKa sehen, und ich erinnere mich, dass wir ansonsten oft Skispringen ansahen (obwohl mich Skispringen bis heute nicht die Bohne interessiert) und dabei Kekse aßen. Manchmal wurden wir von unseren Eltern dort geparkt, wenn sie Wichtiges zu tun hatten. Mein Leben lang wurde ich nicht einmal von einem_r „Babysitter_in“ gehütet, soweit ich mich erinnern kann.

Der Garten dieser alten Leute bestand zu einem Großteil (also etwa der Hälfte) aus einem Beet, in dem Folgendes wuchs: Erdbeeren, Karotten, Lauch, Kartoffeln, Zuckererbsen. (Sicher habe ich etwas vergessen.) Die Pflanzen waren in Reihen nach Größe geordnet. An mehreren Stellen des restlichen Gartens gab es Himbeeren, die an einem Spalier wuchsen, Obstbäume und einige Johannisbeersträucher. Wir rissen uns um die Erdbeerernte und die der Zuckerschoten, an den restlichen Sträuchern räuberten wir, was das Zeug hielt, auch weit vor Erntezeit.

Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, stürzte die alte Frau, während sie gerade die Wäsche aufhängte; mein Vater sah es und sprintete aus dem Haus. Ich verstand die Aufregung nicht, sie war nur auf die Knie gefallen, als sei sie gestolpert. Sie kam ins Krankenhaus, blieb eine Weile dort und kam wieder nach Hause. Irgendwann kam sie wieder ins Krankenhaus und ein paar Tage später holte mich meine Mutter vom Bus ab und erzählte, dass sie gestorben sei. Ich war so trotzig, dass ich deswegen nicht geweint habe, auch bisher nicht. Es wird schwierig sein, wegen eines Menschen zu weinen, der schon seit Jahren tot ist und an den man nur verschwommene Erinnerungen hat, also versuche ich es nicht.

Als nächstes erinnere ich mich, dass das Beet allmählich verkleinert wurde, weil es für meinen Nachbar schwer wurde, es allein mit zunehmendem Alter zu bewirtschaften. Zum Schluss war noch ein Streifen übrig, auf dem frei gewordenen Stück spielten wir manchmal „Federball über die Wäscheleine“. Seit einigen Jahren ist es ganz weg, dafür ist dort nun viel Rasen. Er hörte auf, seine Kirschen selbst zu ernten, dafür stellte er ein paar jüngere Leute an, die in den großen Kirschbäumen herumkletterten. Einer der Kirschbäume wurde zu alt und musste „umgemacht“ werden, was mir nicht ungelegen kam (früher hatte ich Alpträume, eben dieser Baum würde brennend umfallen und uns dem Weg aus dem Garten versperren), dafür wurden mehrere kleine Apfelbäume gepflanzt, die noch heute klein sind. Er hörte auf, seine Pfingstrosen zu ernten und noch im Knospenzustand auf dem Markt zu verkaufen, stattdessen blühten sie im Garten in ihrer vollen Pracht auf und verwelkten dann. (In einem der frühesten Blogbeiträge ist ein Foto ebendieser Pfingstrosen.)

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Dann ging ich weg für ein Jahr, und konnte den Gedanken nicht vertreiben, dass ich mich vielleicht zum letzten Mal in der Gartenlaube verabschieden würde, mit sehr lauter Stimme, jedes Wort betonend. Es war ein halb von Sensationslust getriebener Gedanke und ich schäme mich bei der Erinnerung daran, aber vertreiben ließ er sich dennoch nicht. Mein Nachbar pflegte dazusitzen und mit einer Lupe die Regionalzeitung zu studieren und jedes Mal, wenn ich in der Laube vorbeischaute, konnte ich es nicht lassen, mir die harten Stacheln der riesigen Aloe-Vera-Topfpflanze in die Fingerkuppen zu drücken. Ich muss 16 Jahre alt gewesen sein, als ich das Aufzieh-Blechhuhn von seinem Stammplatz im Eckregal in die Hand nahm, den kleinen Vierkant darin drehte und es über den Tisch wackeln ließ, fasziniert davon, dass es nach Jahren des unberührten Herumstehens noch nicht eingerostet war, doch vermutlich war dasselbe auch schon viele Jahre vor meiner Geburt der Fall.

An Weihnachten luden meine Eltern jedes Mal Nachbarn der beiden anderen Grundstücke ein, „für eine Stunde“ herüberzukommen, auf Tee und Kekse, nach der Bescherung, sodass für uns Kinder eine kleine zweite Bescherung stattfand. Zumindest war das ab irgendeinem Jahr so, denn so lange hatte die Tochter meines alten Nachbarn gebraucht, bis sie wieder einen Fuß in dieses Haus setzen konnte und wollte, in dem sie selbst einmal gelebt hatte und mit dem sie wohl nicht nur gute Erinnerungen verband. Eines der spätesten Bilder der alten Frau ist es, wie er sie vorsichtig die Treppe vor unserer Haustür hinuntergeleitet und sie unten angekommen ihren Arm in seinen hakt, wie die beiden sehr langsam den Gartenweg zurück zu ihrem eigenen Haus gehen, zwischen den Buchsbaumhecken im schwachen Licht der Gartenlaternen. Einige Jahre später war es ein ähnliches Bild, nur dass nun seine Tochter ihn die Treppe vor der Haustür hinuntergeleitete und ihn danach stützte, um mit ihm sehr langsam den Gartenweg zum alten Fachwerkhaus an der Straße entlangzugehen, nachdem er irgendwann gesagt hatte, er könne nun nicht mehr und er wollt „mal nach’m Bette“.

Er ist nun irgendwann im Dezember gestorben (ich habe es ewig nicht fertiggebracht, diesen Blogpost fertigzuschreiben), ich war gerade im Studentenwohnheim, als meine Mutter mir eine Mail schrieb und ich rief zurück und weinte, und meine Mutter weinte, und bei der Beerdigung weinten so ziemlich alle (bis auf mich, weil ich der blöden katholischen Kirche, in der wir saßen, diese Genugtuung nicht geben wollte), meine Geschwister und die ganzen Leute aus dem Dorf, die ich kenne, seit ich klein bin, aber immer nur flüchtig. Wir saßen im Restaurant des Schwimmbades unserer Kleinstadt hinterher, es gab nichts, was ich veganismusbedingt hätte essen wollen, meine Schwester und ich unterhielten uns mit halbfremden alten Menschen und am Ende, als die anderen gegangen waren, noch mit der Familie meines Nachbarn: Seiner Tochter, seiner Enkelin, ihrem Mann und ihrem Sohn. „Weißt du noch“, sagte seine Enkelin zu mir“, als du das letzte Mal weggegangen bist und wir waren gerade alle im Garten und du bist nochmal hingegangen und hast Tschüss gesagt, obwohl du es eilig hattest. Als ob du…als ob es…“

(Natürlich ist es Humbug, ich bin nicht extra hingegangen und habe Tschüss gesagt, weil ich eine Ahnung hatte, dass er bald sterben könnte, sondern nur, weil man mir beigebracht hat, respektvoll zu den Leuten im Dorf zu sein und Höflichkeit zu wahren, und auch, weil ich wusste, dass es nur noch so schlecht sah, dass er mich kaum bemerkt hätte oder mich zumindest nicht hätte einordnen können. Deswegen bin ich am Kirschbaum vorbeigesprintet und habe ihm die Hand gegeben, statt nur im Vorbeigehen zu rufen, bevor wir zum Bahnhof fuhren, um den Zug zu kriegen.)

Danach gingen wir durch die leeren Straßen zu unserem Auto zurück und mein Vater sagte in die Stille hinein: „Nun ist er wirklich nach’m Bette gegangen.“

Das hatte ich auch schon die ganze Zeit gedacht.

Avirtuell

Ich bin selten wirklich anwesend, wenn ich im Internet bin. Dort verbringe ich normalerweise etwa die Hälfte meiner Tage, und ich fühle mich „offline“ ein wenig verloren und haltlos ohne die Möglichkeit, Dinge schnell und unkompliziert nachsehen zu können.

Doch es gibt diese Menschen, die dem Internet, die anderen passiv Lesenden (wie mir) und zufällig-darüber-Stolpernden etwas geben, sei es irgendeine beliebige Art von Text; die die Fähigkeit haben, Gedanken entweder sehr schnell oder sehr geduldig zu formulieren und denen es vielleicht auch in gewisser Weise hilft, sie auf diese Weise niederzuschreiben und hochzuladen. Einige möchten vielleicht gern gelesen werden, anderen ist es eher egal.

Und ich dümpele dazwischen herum, bin ziellos und auch im Internet nicht so richtig willkommen, trage nichts bei und schiele beim Verfassen von Texten immer nur  auf die „Anzahl der Wörter im Text“ (gerade: 135). Wahrscheinlich bin ich einfach nicht dafür geschaffen, vieles mit anderen zu teilen, oder da ist einfach nicht sehr viel, auf jeden Fall nicht genug Teilenswertes, die Blogposts sind erbitterte Kämpfe mit der eigenen Schreibfaulheit und dem gleichzeitig existierenden Gefühl, wahnsinnig zu werden und innerlich vollständig zu verkümmern, wenn nicht zumindest manchmal die Initiative ergriffen wird, um etwas zu strukturieren, zu schaffen, zu schreiben. Es ist – kurz gesagt – ein Trauerspiel. Und dennoch bleibt dieser Blog so halb am Leben, immer irgendwie mitgeschleift für die nächste einsam-ruhige und pseudokreative Nacht, in der ja möglicherweise doch noch einmal etwas zustande kommt, worauf ich mich dann wieder mehrere Wochen ausruhen kann.

Es gibt dieses ekelhafte Gefühl von Unproduktivität, das vermutlich hauptsächlich aus der (übertriebenen) Annahme stammt, andere Leute hätten, so etwas wie einen natürlichen, permanent aktiven Quell von Kreativität. Dieser muss nicht einmal besonders schnell oder groß sein, es reicht ja eine gewisse Beständigkeit, um diese Person, sofern sie nicht von selbst dauernd schreibt oder sich sonstwie schöpferisch auslebt, mehr und mehr mit Ideen und Gedanken anzufüllen, die dann über kurz oder lang von selbst ihren Weg in die Welt finden. Das Trugbild in meinem Kopf ist also, dass alle (außer mir natürlich) von sich aus den Drang haben, sich der Welt mitzuteilen, und das auch noch auf ästhetisch-ansprechende Art und Weise; dass selbiges natürlich auch von mir erwartet wird, die ich vollkommen unfähig bin, solche Erwartungen auch nur im Ansatz zu erfüllen. Am liebsten möchte ich Mäuschen sein im gesamten Internet, niemanden wissen lassen, dass ich überhaupt da bin, um ja nicht unter dem Druck zu stehen, auch mal selbst irgendetwas beizusteuern zu alledem, was ich tagtäglich konsumiere.

Und weil mich dieser permanente Konsum krank macht, schreibe ich, auf ekelhafte Art und Weise, subjektiv, vollkommen metaphernlos, lieblos, hingerotzt, eigentlich nur für mich selbst. Als eine irrationale Legitimation für den ganzen Rest, als Erfüllung von eingebildeten Erwartungen, um mich selbst nicht so sehr hassen zu müssen, gelegentlich. Weil ich nicht das Zeug dazu habe, um die „Stille und Geheimnisvolle“ zu sein, die ich so gern in anderen sehe, und die ich dafür  ebenso sehr hassen könnte. Laut und faul zu sein, das ist keine gute Kombination.

Heute Nacht scheint der Mond, derartig strahlend hell, dass die Bäume  gespenstische Schatten auf den gespenstisch schimmernden Asphalt werfen und die gesamte Nacht wirkt wie ein seltsam verkorkster Tag mit einer verhinderten Sonne. Meine Kaninchen sitzen irritiert und hellwach in ihrem Stall und rühren sich kaum von der Stelle, die Frösche sind schon seit längerer Zeit verstummt. Die Kälte kriecht unter die Kleider und sagt der Faszination angesichts dieses Gusses aus weißem Licht den Kampf an.

Ich sitze im Haus und suche (im Internet, wo sonst) nach Photographie von Edward Hopper; weiß, dass es sie gibt, finde aber keine und bin irritiert, ob das Wissen um die Existenz früher „Fotokunst“ Hoppers nicht nur Einbildung gewesen sein könnte. Doch da sind genaue Kopfbilder, die unmöglich erfunden sein können, wenn ich sie nur fände, wenn, wenn… Es ist fehlbar, das Internet. Das ist eine gruselige Vorstellung; dass all die Quellen, auf die ich mich in Diskussionen und auch in alltäglichen, stillen Gedankenspielen verlasse, ebenso gut manipuliert oder schlicht erfunden sein könnten und alles, was ich anderen davon erzähle, nicht wahr ist. Dass diese das jedoch nicht hinterfragen, sondern es ebenso weitertragen, dass ich somit selbst Schuld sein könnte an einer gewissen Ausbreitung von falschen Tatsachen, Gerüchten und Irrglauben. Dieser Gedankengang lässt sich endlos fortsetzen in einer zerfressenden Reihe von Was-wäre-wenn-Spielen, die alles noch Verlässliche auf einmal ins Wanken bringen.

Doch ich brauche es, diesen virtuellen Rahmen, der ein Café ist voller Menschen, die sich dort zu Hause fühlen, sich mit hippen Accessoires dort einrichten und kreativ sind. Ich sitze an einem Tischchen an der Wand und trinke alleine einen Tee, innerlich schon mit dem Gedanken beschäftigt, wann ich wieder gehen kann, ohne dass es komisch wirkt. Ich bin viel im Internet, jedoch selbst eher avirtuell.

Kritzelnichts

Es scheint, als würde ich mich ein wenig entfremden von diesem Blog in der letzten Zeit, vom Schreiben allgemein, von der Stimmung, die es dazu bedarf, der inneren Ruhe, der Zeit, die ich brauche, um wirklich so etwas wie Worte zustande zu bringen.

Das Dunkelgrün dieses Hintergrunds scheint mir so weit entfernt zu sein, unpassend, von zu vielen Erwartungen überschwängert, die eine ehrliche Auseinandersetzung mit Gedanken und Gefühlen unmöglich machen. So lange scheint es schon her zu sein, seit ich den Blog überhaupt erstellt habe. Dass er noch immer existiert, als ein weiterer Baustein der nichts-vergessenden virtuellen Identität, scheint beinah abstrus zu sein. Natürlich kann ich immer noch Fotos hochladen, doch für ironisch-distanzierte Texte, die von einem Stück Traurigkeit und gleichzeitig Gedankenverlorenheit sprechen, scheint er kaum mehr ein Platz zu sein. (Manche sagen „es“ zu ihrem Blog, doch die männliche Form ist mir so zur Gewohnheit geworden.)

Die frühere eigene Person? Wie jemand Fremdes, dem man zufällig begegnet ist, ohne es wirklich zu wollen, der einen dann mit persönlichen Details belastet, Dinge von sich selbst erzählt, die man doch eigentlich nie wissen wollte. Alt ist das alles, alt und uninteressant, hier schleicht sich wieder ein Zitat aus Juli Zehs „Spieltrieb“ meine Gedanken:

„Was soeben geschehen war, rückte in den Status des Irrealen und fiel ein paar Meter tief in ein großes Becken, für das die Bezeichnung „Gedächtnis“ bei weitem zu schmeichelhaft gewesen wäre. Es handelte sich mehr um ein Auffanglager für beliebige, meist unvollständige, zerbrochene und in sich verdrehte Erinnerungen, um einen Schrottplatz des Gewesenen(…)“

So scheint die Gegenwart ein dauerhaft für sich allein stehendes Konstrukt zu sein, ohne irgendeine Haftung, ohne Zusammenhang oder Bezug außer dieser wackeligen und äußerst unzuverlässigen Zukunft. Dadurch entsteht die Leere, die sich gelegentlich unerträglich ausnimmt und dann wieder kaum vorhanden zu sein scheint.

Allgemein sitzt hier ein etwas…eingebundenerer Mensch als noch vor einem Jahr, ein Mensch mit Interessen, die sich nicht großartig gewandelt haben und doch insgesamt eine etwas veränderte Grundeinstellung bilden. Ich fühle mich in mehr Verpflichtendes eingebunden, was schön ist und gleichzeitig anstrengend, bringt es mich doch gelegentlich in die ungewohnte Situation des „Viel vor, und die zeit für all das könnte knapp werden“. Das Nichtstun hinter der Maske des Lernens ist weniger geworden. Vielleicht auch das Lernen selbst, vielleicht wird mich dafür beizeiten das Leben bestrafen.

Vor inzwischen zwei Tagen bin ich aus Paris wiedergekommen, extrem knapp bei Kasse, staubig, verschwitzt und müde, und noch immer sehnt sich mein Körper nach einem Bett (einem ganzen, stabilen Bett, für mich alleine, und dann ausschlafen…), dazwischen wuseln Erinnerungen, deren baldiges Verblassen ich schon jetzt vorsorglich bedaure. Alle Bilder werden höchstwahrscheinlich aufgrund von diversen (ernsthaften!) Streitereien mit klappriger, unfähiger Flohmarkt-Kamera kompletter Mist geworden sein, oder – noch schlimmer – einfach überhaupt nichts. Zum Laden gehen und einen leeren Umschlag aus dem Regal nehmen, auf Nachfrage bei den Mitarbeitern ein „Tut uns Leid, auch das Labor hat da nichts mehr finden können!“ So wird es sein. Immerhin habe ich einen braunen Strickpullover gefunden, auf dem großen verlassenen Platz in La Défense, direkt vor der Grande Arche (Es war Sonntagabend kurz nach Sonnenuntergang und sehr postapokalyptisch, ich erwartete Zombies), in dem ich ja angeblich „zerbrechlich“ aussehen soll. Ich kann nicht verbergen, dass mein pseodo-männliches, schwarze Schlabber-T-Shirts tragendes Selbst davon ganz entzückt ist.

Krank ist das mit diesem Körper hier, um mich herum und überall! Nun tun nichtmal mehr meine Poknochen weh, vom Ritt auf einem wilden Mustang Pariser Leihfahrrad, sich zu zweit einen Sattel teilend, weil für ein weiteres Fahrrad kein Geld mehr übrig war. Ist ja auch sehr spießig, so mit einem ausgeglichenen Fahrrad-Personen-Verhältnis und überhaupt. Vom Süden über die Seine, nach Nordosten und dann zum Montmartre, dort Aufgabe wegen Kopfsteinpfaster und Steigung. (Ieh.)

Ich habe Gitarre gespielt und mir vorgenommen, weil ich mich zu Worten nicht in der Lage sah (sie tröpfeln, als sei mein Sprachzentrum schwer nierenkrank), die Ergebnisse mutig online zu stellen und mich der Kritik hinzugeben. („Du kiekst und klingst wie ein kleines Mädchen! Geht es noch schmalziger? Aus dir wird keine Janis Joplin werden!“ – Ja, das weiß ich alles, zu meiner Verteidigung: Ich war davor bei der Chorprobe und musste so eklige Töne singen, solche irgendwas-gestrichenen…Ach, sie waren jedenfalls viel zu weit weg von der obersten Notenlinie. Das macht ein bisschen heiser.)

Abendstille

So allmählich wird es dunkler um mich herum, auf dieser Wiese. Uni-WLAN sei Dank. Über mir spannt sich ein blaugrauer Himmel zwischen den schwarzen Silhouetten der Blätter, kein Mensch weit und breit, sogar die Vögel sind inzwischen verstummt. In zwei drei drei Labors brennt noch Licht, doch sogar der Geruch der anatomischen Sammlung (deren Milchglasfenster auf diese Seite des Campus hinausführen) hat sich inzwischen verflüchtigt. Sehr weit weg kreischen Mädchen, die den Abend auszukosten scheinen mit Alkohol und lauter Musik irgendwo hinten bei den Schwesternwohnheimen. Sogar das Gras scheint inzwischen schwarz zu sein, das Display des Laptops wirft blassweißes Licht auf meine torkelnden Hände.

In meinen Ohren Philip Glass.

Es ist Sommer. Nun ist Sommer. Ich kann es wohl unmöglich noch leugnen, und beinahe fürchte ich mich ein wenig davor, so wie ich mich vor dem Erreichen jedes Zenits fürchte.

Im Augenblick, in dem mir bewusst wird, dass es gerade angebracht wäre, das höchste Glück zu empfinden, die Gegenwart ohne Hintergedanken zu genießen, scheint es, als sei etwas im Getriebe defekt, es knirscht und hakt und auf einmal gibt es die ersten Grübeleien über später. Dass es wieder kälter werden könnte, in diesem Fall. Dass ganz allgemein etwas vorbeigehen kann, so gut wie immer. Die Gewissheit, dass nichts für ewig bleibt, verursacht Verlustgedanken ab dem Moment, in dem der Aufstieg überwunden scheint. Das langsame Herantasten an die Sonne, das Ablegen der Jacke, mittags an trockenen Tagen. Auf einmal, Mitte März, eine Wärme, die zum Barfußlaufen einlud und doch ein kurzlebiges Wunder war, welches als solches akzeptiert werden konnte und auf die keine Wut über die darauf folgenden Regentage zu schieben ist. Nun jedoch kann niemand mehr von einem Wunder sprechen, warme Tage im Mai sind warme Tage im Mai, ganz normal und seit Januar langersehnt, weil von jedem insgeheim erwartet.

Dann verfluche ich meinen Mangel an jener Fähigkeit, weniger Gedanken zu haben; weniger zu grübeln, als gut ist.