Tag Archive: Depression


Schönes #15

Es klingt unglaubwürdig, aber nach diesem doch etwas gemeinen letzten Post haben sich die Dinge tatsächlich ein wenig geändert, was wohl hauptsächlich an der Prüfungsangst lag, die wir am letzten Tag vor der mündlichen Prüfung alle gleich ausstanden, zusammen mit dem Gefühl, nicht einmal genug Wissen für fünf Minuten Reproduktion zu besitzen und der Befürchtung, sich vor den anderen zu blamieren. Mir wurde nach fünf Tagen klar, dass die beiden meinen Namen kennen. Es wurde geredet, zumindest oberflächlich, ohne missgünstige Untertöne. Auch, wenn wohl keine Freundschaft daraus entstehen wird, ist es eine schöne und beruhigende Erkenntnis.

Letztendlich ging die Prüfung für uns alle mit einer Eins aus, was das Gejammer vorher ziemlich ad absurdum führte. Zusammenfassend habe ich sehr viele Babys gesehen und mit einem Sechsjährigen geflirtet, der mich nicht leiden konnte, weil ich die 73629. Person war, die ein Stethoskop auf ihn halten wollte und dazu auch noch sein Hemd hochziehen („Das kann ich alleine!“). Er war auch nicht beeindruckt von einem der lustig bedruckten T-Shirts, die ich besitze und in voller Absicht alle nacheinander während dieser Woche angezogen habe.

Nun nähert sich Weihnachten und ich habe einen Plan für fast jedes Weihnachtsgeschenk, das irgendjemand bekommen soll.

Die schönste Nachricht, die eigentlich diesen Blogpost ausgelöst hat, kam aber telefonisch an diesem Vormittag: Unser kleines weißes Kaninchen ist nicht mehr alleine. Mein Bruder rief mich an und durch die Festnetzleitung hörte ich das nervöse Atmen des Neuankömmlings; sie ist von Bekannten gekommen, nachdem deren anderes Kaninchen (wie unseres) gestorben war, sodass beide Kaninchen von akuter Vereinsamung bedroht waren. Sie verstehen sich wohl gut, schon am ersten Tag. Meine Mutter hat Bilder geschickt, die ich aus überschwänglicher Freude hier herumzeige, um mit meinem Glück hausieren zu gehen, denn nachdem wir schon dachten, unser Kaninchen müsste ins Tierheim, um nicht einsam zu sterben, kann es nun dableiben, und endlich werde ich, wenn ich im Elternhaus ankomme, wieder leichten Herzens zum Kaninchenstall gehen. Gerade fällt mir kein schöneres Weihnachtsgeschenk ein.

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Und obwohl es mir nicht immer gut geht, ich oftmals ziemlich wenig Kraft habe, grundlos traurig bin und weiterhin Medikamente nehme, bin ich so froh, dass dieses Blog endlich mal wieder einen Sinn hat. Ich bin für so vieles dankbar; unter anderem dafür, dass die weniger schönen Dinge von hier aus sogar… bewältigbar scheinen.

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Frühsommer

Derzeit habe ich einiges in Arbeit, aber so richtig wollen die Worte nicht kommen. So ruht das mit Aussicht auf eventuelle Verbesserung meiner Schreiberei.

Wirklich gut geht es mir im Moment nicht. Schöne Dinge gibt es, ja, aber das alles wird von einer generellen Kraftlosigkeit überlagert, die mir in den letzten sieben Tagen zwei schreckliche Tage beschert hat, was doch eine ernüchternde Bilanz ist. Bleibt die Hoffnung auf Besserung.

Am Wetter kann es natürlich nicht liegen, denn das habe ich, so gut, es ging, ausgenutzt und etwas Schönes ist auch dabei herumgekommen:

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Ansonsten sieht es aber bei mir, auch an sonnigen Tagen, eher so aus.

Computer, offenes Fenster, und die Trauer darüber, nicht rauszugehen, obwohl ich könnte, es sogar wirklich schön sein könnte und mich theoretisch nichts daran hindert, außer ich selbst. Dazu eine Portion Menschenscheu und erneutes, verhasstes Chaos in Kombination mit der Kraftlosigkeit, die mich vom Aufräumen abhält. Eine gesunde Portion Selbsthass und schon sind die Frühlingsgefühle dahin. Lächerlich ist es, sich so vom Wetter abhängig zu machen.

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Bauchgefühl

Eins hat doch einen Bauch. So einige Leute haben keinen, keinen wirklichen, manche haben sogar an der Stelle nur ein Loch, das begrenzt wird von Hüftknochen und Rippenbogen, doch einige Wesen haben tatsächlich etwas Reinkneifwürdiges, sowas ziemlich menschliches, womit unser Organismus etwaige plötzliche Mammutflauten zu kompensieren versucht. Andere haben viel Bauch.

Nützlich kann er doch sein: Manchmal spricht er zu einem, flüstert einem Dinge zu. Brummelt unverständliche Worte, die nur für einen selbst, den exklusiven Besitzer dieses Bauchs, gedacht sein können, spricht für die Seele. Bauchweh vor Prüfungen, Übelkeit nach Streits. Das Gefühl, aufzustehen und etwas vollkommen absurdes frühstücken zu wollen. Auf dem Rücken liegen und mit dem Bauch gluckern, einige können das.

Es gibt in meiner Erfahrungswelt nichts, was derartig spannungsbeladen ist wie der Bauch, kein anderer Teil des Körpers. Eine Zeit lang brachte mich gesellschaftlicher und medialer Input dazu, Brüste überzubewerten und darunter zu leiden, kleine zu haben. Diese Unzufriedenheit wurde nahtlos abgelöst von dem krampfhaften Gefühl, allgemein zuviel zu sein, und allem voran war hier der Bauch das Schlachtfeld, auf dem alle Kämpfe ausgetragen wurden. Er war (und ist) omnipräsent, er schafft es, alle Gedanken auf sich zu ziehen. Ich habe ihn mit einem rot-weißen Flatterband absperren wollen wie eine Unfallstelle, doch auch das hätte nichts an seiner Existenz geändert. Zentrum allen Hasses und ebenso allen Wollens war immer diese unvermeidliche Körpermitte, von der alles andere abzweigt, was mir eventuell gefallen könnte (meine Ellbogen und meine Füße und der Körperteil, an dem meine knubbeligen kleinen Ohren festgewachsen sind).

Der Anblick von Bäuchen auf Plakaten und in Filmen erfüllt mich noch immer mit Wut. War es früher eine, die sich aus Neid und Selbsthass speiste (bei gleichzeitigem Bewusstsein über die Absurdität solcher Körper, die niemals auch nur eine klitzekleine Mammutflaute überstanden hätten), ist heute eigentlich nur noch Wut über die Absurdität an sich geblieben. Die Zurschaustellung von etwas so Intimem. Etwas, das den Großteil unserer inneren Organe beinhaltet, unser enterisches Nervensystem, und so viele unserer Körperfunktionen regelt…Nach meinem Selbstgefühl sollte so etwas als unglaublich verletzlich eingestuft werden. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlen muss, wenn eins ein Model ist und der eigene Bauch so ein Produkt ist, das vermarktet werden und deswegen immer gut in Schuss sein muss, immer bereit, gezeigt zu werden. Zu wissen, dass der eigene Bauch (in Kombination mit Photoshop-Fähigkeiten) so eine Zielfläche wird für die Verzweiflung anderer Menschen…Ob berühmte Frauen, die sehr viel trainieren, um für ihren schönen bauch bezahlt zu werden, an so etwas denken? (Da ich eine Frau bin, weiß ich nicht, wie es sich für Männer anfühlt, die durchschnittlich seltener ihren Oberkörper verhüllen und ein anderes Körpergefühl vermittelt bekommen.)

Eine Zeitlang fuhr ich halbwegs gut damit, meinen Bauch vollkommen zu ignorieren, ihn nicht zu berühren, nicht anzusehen, so zu tun, als ob er nicht da wäre. Als sei er eine leere Stelle in meinem Körper, denn leere Stellen können weder dick noch dünn sein noch etwas dazwischen. Das war ein wenig schwierig in der konsequenten Handhabung, doch ein sicheres Mittel, um Grübeleien und eventuelle Rückfälle zu vermeiden; etwas, das ignoriert wird, kann keinen Hass auf sich ziehen und somit auch keine wilden Diätpläne.

Dann besserte sich auch das, mein Bauch darf inzwischen nach dem Essen vorgewölbt sein und die Essensmenge hängt nicht nur vom Völlegefühl ab. Hunger ist ja nichts, was im Bauch stattfindet, sondern viel mehr im Kopf, auch Teetrinken füllt den Magen, aber nicht mich selbst als Ganzes. Wie dumm konnte ich sein, das so lange zu übersehen? Wie dumm bin ich noch immer, die Rudimente dieser Muster nicht vollständig ablegen zu können und mich zu befreien aus dem Zwang des Dünnseins? Ist das wirklich nur die Verknüpfung mit dem Selbstwertgefühl (das „Ich-will-weg-sein-oder-zumindest-so-gut-wie-möglich“), oder hängen daran noch mehr Mechanismen, die durch lebenslange Erziehung unlösbar in meinem Kopf verankert sind? Wie sehr brauche ich das Gefühl eines vorzeigbaren Körpers, um mich auch als vorzeigbarer Mensch zu fühlen, einfach nur, weil es mir dieses Schema von allen Seiten entgegenschlägt? All das sind Dinge, die ich für mich selbst nicht lösen kann und die auch meine Therapie nicht lösen konnte.

Inzwischen bin ich bei einer sehr dekonstruktivistischen Variante angekommen, die sämtliche Körperlichkeit in den Hintergrund schiebt. Noch immer scheint das nicht die Ideallösung zu sein, denn ich stelle fest, dass ich noch immer mehr über mein Äußeres wahrgenommen werde, als ich in meiner Naivität erwarte. Hierbei spielt weniger die Statur als die Kleidung eine Rolle, doch auch die Kleidungswahl fällt schwer und bleibt somit immer auf standardisierten, alten Anziehsachen hängen. Neue einzukaufen, würde zwangsläufig eine erneute Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper bedeuten.

Ich weiß nicht, inwieweit meine genetische Weiblichkeit und meine Körperlichkeit zusammenhängen und ob der Versuch, beides in den Hintergrund zu stellen, irgendeine Art von Erfolg mit sich bringen wird. Eines scheint es jedoch zu bewirken: Ich beginne mehr Dinge, tue Neues, weil weniger gedankliche Barrieren existieren und weniger Kraft und Energie für Grübeleien draufgehen. Somit ist mein Körper, mein Bauch noch lange keine frisch asphaltierte und hübsche Straße, sondern vielmehr eine stillgelegte Baustelle, aber stattdessen pflanze ich in der Zwischenzeit am Wegesrand Blümchen.

Unikram

Es ist Sommer, tatsächlich, unbemerkt hat sich der Juli vorbeigeschlichen, heute ist ein Film in meiner Kamera fertig geworden, der erste seit Monaten, ich bin oft müde und arbeite viel, lerne nebenbei – nein, ich kann mich über Leere wahrlich nicht beklagen.

Normal ist das Leben geworden, auf eine Art, die ich würdigen kann und mag; ich bin umgeben mit Dingen und Menschen, mit denen ein durchschnittliches westeuropäisches Individuum in den meisten Fällen umgeben ist, und mir gefällt der Gedanke, dass das alles um mich ist wie ein Netz, eines, in das ich falle, wenn meine eigenen Stricke gelegentlich reißen, was sie durchaus mal tun. Es ist, alles in allem, nicht allzu viel. Eltern und Geschwister, ein Zuhause in dem kleinen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, in dem die Orte meiner Kindheit sind, die Flüsse und Felder und zwei beglückende Kaninchen. Und ein Zuhause in der Stadt, das ich selbst bezahlen muss und in seiner Kleinheit mal beschützt, mal beengt, Freiheit gibt, aber auch nimmt.

Dazu kommen die Leute, mit denen ich zu tun habe und Gedanken, gelegentlich Gefühle austausche, die ich ab und zu sehe, es sind nicht viele, meistens reichen sie mir. Ach, immer und immer wieder muss ich mir vor Augen halten, welche Dankbarkeit in mir sein sollte für diese paar hartnäckigen Menschen, die auch Sendepausen meinerseits ignorieren und mir erhalten bleiben. Ich kann die Liebe, die in mir ist, projizieren, sodass sie nicht eingeht, und dort stößt sie nicht auf Ablehnung. Gelegentlich krault man mir den Rücken.

Es gibt Themen, die besprechenswert sind, kleine, aber deutliche Akzente eines sich ständig ändernden Charakters, die viele für ihre Assimilation beim Kennenlernen benutzen können, die diese kleinen Ecken und Kanten respektieren oder auch nicht und somit als potentielle nähere Menschen für mich einzuordnen sind.

Und dann die Uni – auch in den Ferien omnipräsent, jede Prüfung ein Grund zu zittern, sie schwebt so oft als Big Brother über allen anderen Tätigkeiten. Noch immer dabei und im Rennen, das grenzt an ein Wunder, ein gar nicht kleines. So viele Denkanstöße gibt sie trotz reiner Orientierung am Pflichtstoff, sie beeinflusst mein Welt- und Menschenbild, fördert Toleranz, in manchen Aspekten aber auch die Erkenntnis der Wichtigkeit von Selbstschutz.

Da war neulich der Gedanke, dass dieses Studium – Medizin, auf die allgemeine Frage Fremder oft eher drucksend hervorgebracht – tatsächlich alle anderen Dinge übersteigt, die ich in meinem Leben wollte, und gleichzeitig alle Dinge, die ich vielleicht einmal mehr wollte, im Laufe der Zeit überlebt hat, als recht klarer und langfristig beständiger Wunsch. Dann kam, irgendwann, der Wunsch dazu, ein wandelndes Nichts zu sein, im wahrsten Sinne des Wortes mit der Welt anzuecken und zu diesem Zweck zunächst einmal eckig zu sein. Dieses Begehren hat es tatsächlich geschafft, alle anderen Säulen (denn nichts anderes stellen die oben aufgezählten Dinge dar) nach und nach ins Wanken zu bringen. Diese Mechanismen sind bekannt; wir alle sind wohl schon mit der Materie in Berührung gekommen, haben Dokus über fast durchsichtige junge Mädchen gesehen, die wegen eines Stücks Paprika oder eines Joghurts einen Weinkrampf bekamen und haben selbst zwischen Mitleid, Befremdung und Verachtung geschwankt.

Nun habe ich nicht wegen Paprika geweint. (Wegen Joghurt allerdings schon ab und zu.) Weinen tut man eine Menge als Möchtegern-Lufthauch (welch ein Widersinn eigentlich) und da ist die Erinnerung an solche leidigen Tage, die wirklich vieles versaut haben, sich zu häufen begannen, bis ich irgendwann wusste: Dies ist der erste und vielleicht einzige Grund, der es tatsächlich schaffen könnte, alles ins Wanken zu bringen, was da an Träumen ist. Dann begann das große Abwägen. Natürlich siegt das Herz bei 90% aller und bei 100% aller befriedigenden Entscheidungen über den Kopf, und natürlich kann eine solche Herzsache wie das eigene, praktisch Intimsphäre-kongruente Körpergefühl (Dünnsein), kaum über das eher rationale Wissen triumphieren, dass eins sich auf diesem Wege vielleicht die allergrößte Chance der eigenen Jugend ruiniert.

Hier kam Big Brother ins Spiel; das, was die Uni in meinem Kopf (und meinem Herzen) repräsentiert. Ich bin heute bereit, das als eine Art kleines Wunder anzuerkennen, es womöglich auch übertrieben zu verklären, solange diese Verklärung guttut. Es hat den Anschein, als ob mein Hängen an diesem Studium, diesem Studienplatz, in jeder Hinsicht triumphiert hat über die dümmliche Idee, ein zartes Elflein sein zu wollen – oder, mit anderen Worten, höchstens 49 Kilo zu wiegen, was letztendlich dazu geführt hat, dass ich eine strenge, spitznasige Psychotherapeutin aufsuchte, die diesen „wunden Punkt“ recht schnell gefunden hatte und der zuliebe ich das häufige Gerede über progressive Muskelentspannung, selbstheilende Aura und „Balance“ ertrug. Und lernte. Durchfiel und wieder lernte, und wieder. (Und wieder. Testate kann man unendlich oft wiederholen.) Den ganzen Sommer lang, dann nach dem Winter wieder, bis zu diesem Sommer. Nun stehe ich hier und habe keine offenen Rechnungen, keine Schulden bei mir selbst, und ja, verdammt. Ich bin stolz darauf, mehr wohl, als ich es dem gesunden Menschenverstand nach sein sollte. Ich werde gehen müssen und mich bei meiner Therapeutin bedanken.

Einen Kniefall vor meiner Uni muss ich nicht tun, das habe ich bereits unzählige Male, wenn auch nur in Gedanken, bei einem flüchtigen Blick zurück auf dem Heimweg getan. Falls das Bild nicht schon in irgendeiner Sammlung herumschwirrt: Dies ist die Medizinische Hochschule Hannover, die den Großteil meines Lebens und meiner Lebensplanung bestimmt, ich hasse sie (in einigen Punkten) und ich danke ihr.