Tag Archive: Doktorarbeit


Unordnung

Äußerlich ist hier derzeit alles unordentlich. Überall liegen Dinge, die eigentlich an andere Orte gehören. Ich finde manches nicht und vermeide es auch, danach zu suchen, aus der Befürchtung heraus, es könnte unwiederbringlich weg sein. Es ist nicht schmutzig, nur chaotisch.

Die Dunkelheit ist allgegenwärtig, was die Tage kurz erscheinen lässt und das Gefühl mit sich bringt, zur Dämmerung sei der Tag an sich vorbei und alle wichtigen Aufgaben müssten ohnehin auf morgen verschoben werden. So bin ich enorm unproduktiv, mehr noch als sonst. Erstaunlich ist, dass das alles mit einer erstaunlich stabilen Stimmung vor sich geht. Die Winterdepression, die normalerweise mit dem Januar kommt und erst im April wieder wirklich verschwindet, ist seltsamerweise ausgeblieben. Die tägliche kühle Luft nimmt mein Organismus gleichmütig hin, ich stapfe mit den Händen in den Taschen meiner großen blauen Jacke (Geburtstagsgeschenk 2012) den Weg von zu Hause zur Bushaltestelle, um zur Uniklinik zu fahren, jeden Tag. Ich bin jetzt ein Mensch mit einem beinahe regulären Job, zumindest für eine gewisse Zeit. Ich stehe auf, dusche, esse, was da ist und mache mich auf den Weg. Jeden Tag, seit über einem halben Jahr, und es ist das erste Mal im Leben, dass ich das tue.

Noch immer mag ich meine Arbeit, und auch das ist ein gutes Zeichen. Dazwischen mischen sich allerdings inzwischen die ersten Versagensängste was, wenn du am Ende das Schreiben nicht hinkriegst und dann ist alles ruiniert und Unsicherheiten du schaffst es nicht, genügend Referenzen zu beschaffen und auch noch zu ordnen bis hin zu spontaner, irrationaler Panik inzwischen machen andere irgendwo auf der Welt genau dasselbe wie du und sind damit schneller/erfolgreicher, doch eigentlich weiß ich: Irgendwie auf Biegen und Brechen, werde ich promovieren. Und meinem Doktorvater ein gut organisiertes, zum Weiterarbeiten geeignetes Projekt hinterlassen, das werde ich sowieso.

Gleichzeitig raubt mir diese Beschäftigung, und das war wohl auch zu merken, etwas den Reichtum an Worten. Obgleich es schön ist, laugt es auch aus. Ich bin kein Franz Kafka, der täglich einer drögen, ungeliebten Arbeit nachging und dann abends/nachts prosaische Meisterwerke verfasste (trotz Schreibblockaden). Wenn ich heimkomme, möchte ich die Schuhe von den Füßen streifen, den BH/Binder ausziehen (wenn ich sowas mal trage), ins Bett kriechen und den Rest des Abends konsumierend vor meinem Computer verbringen. Ich weiß, dass ein Großteil meiner Kolleg_innen das auch so handhabt, und kann es sehr gut verstehen. Es ist eine Art Tanken, nur dass es lange dauert. Sich zum Schreiben zwingen? Wie soll das funktionieren bei einer Person, die sich nicht einmal zwingen kann, aufzuräumen oder regelmäßig zu kochen?

Und so liegt mein Schreiben derzeit brach. Es ist nur eine Phase, sage ich mir. Es wird vorübergehen, solche Dinge gehen einfach vorüber, alles ändert sich und mit der einen oder anderen unbemerkten Veränderung wird auch das zurückkehren. Gedanken werden um andere Dinge kreisen als nur um Praktisches. Es wird wieder mehr Selbstmitleid hinzukommen, das einen natürlichen Faktor fürs Schreibenkönnen darstellt. Bis dahin wird Unordnung sein in allen Medien, in denen ich sporadisch aktiv bin. Und ein wenig Leere.

Denn das mag eine peinliche, aber für mich nicht abstreitbare Tatsache sein: Um die Schreiblust (manchmal eher Scheibwut) entwickeln zu können, die ich manchmal verspüre und auch brauche, ist Trauer eine Art Voraussetzung. Das bedeutet, ich brauche einen Teil Trauer, um mich „richtig“ fühlen zu können. Ohne diese Trauer ist zwar alles mehr oder weniger in Ordnung, aber ich bin nicht so ganz ich selbst. Wie soll mensch da ein „schönes Leben“ anpeilen können?

Ich könnte also sagen, dass das Blog und die Schreiberei allgemein derzeit etwa so aussieht:

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Wobei ich doch so sehr hoffe, es irgendwann, durch den ein oder anderen Einfluss, mehr zu so etwas zu bringen:

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Möge das Chaos also mit uns sein.

Whatever

Es ist Herbst, ich habe im Herbst Geburtstag, und weil ich es mir so sehr gewünscht habe, haben meine Eltern für mich bei Ebay eine digitale Kamera ersteigert. Von einem sehr netten Hobby-Journalisten und Hobby-Journalismus-Fotografen (d.h., glaube ich, er hat immer mal wieder Themen recherchiert und ausgearbeitet und das dann Zeitungen angeboten), der sie uns schickte mit allem, was dabei war. Das zweite Objektiv, ein Tele, habe ich noch gar nicht ausprobiert, aus Furcht, sowieso nichts Gutes damit anfangen zu können. Er ist starker Raucher, dementsprechend riecht alles.

Es ist Herbst, und ich bekomme eine unglaubliche Angst vor allem, was mich erwartet. Dazu gehören die Dinge, die drinnen stattfinden. Unendliche Zugfahren, Busfahrten, Autofahrten, hunderte und tausende Kilometer, die ich vernichten werde allein aus der Notwendigkeit heraus, um da sein zu können, wo ich sein will, und dann auch wieder dahin zu kommen, wo ich sein muss. Immer abwechselnd. Dazu gehört die Ungewissheit, was aus meinem Promotionsprojekt werden wird, welches gerade erst im Anlaufen ist, für das ich versuche, geregelte Arbeitszeiten zu akzeptieren, Überstunden zu machen, mich nicht zu beklagen und mich in etwas einzufinden, das wohl einen Vorgeschmack auf mein ganzes späteres Leben darstellt. Für das ich komplizierte, wissenschaftliche, englische Texte lesen muss und versuchen, mir komplexe Sachverhalte selbst mithilfe von bunten Grafiken aus dem Internet beizubringen. Und dann auch noch selbst denken, analysieren, mir Sachen ausdenken und sie präsentieren, nicht dumm dastehen. Dabei habe ich eine Schreibhemmung, wenn es um so etwas geht. Ich habe es nicht einmal geschafft, in der Schule eine vernünftige Facharbeit zu verfassen. Wie kam ich auf den grandiosen Gedanken, mich an eine Doktorarbeit zu setzen? Wollte ich das, oder wollte ich nur mir und allen anderen um mich herum etwas beweisen? Wieviel „arrogante Naturwissenschaftlerin“ ist in mir, die das Wort „Work-Life-Balance“ am liebsten in die Tonne treten würde, um zum passionierten Workaholic zu mutieren? (Leider stehen mir hierfür zu viele persönliche Bedürfnisse im Weg.) Ich bemühe mich also, einfach nicht aufzugeben und es Beppo Straßenkehrer nachzutun, der einmal atmet, fegt und wieder atmet und so allmählich seine 100.000 Stunden abarbeitet. (Soviel wird vermutlich meine ganze Promotion nicht an Zeit einnehmen, schließlich bin ich angehende Medizinerin.)

Es ist Herbst, und ich fürchte mich vor den fallenden Temperaturen und noch viel mehr vor der Dunkelheit. Ich gehöre wohl zu den Menschen, die alles Licht gierig in sich aufsaugen, gedämpfte Lampen hassen (außer in Cafés und Restaurants) und Panik bekommen, wenn sie sich in Räumen mit funzeligen Energiesparlampen befinden, die nicht heller gedimmt werden können. Ich kann morgens nicht aufstehen, wenn kein Licht in meine Zimmer fällt. Ich schlafe konsequent ohne Vorhänge. Doch bald bräuchte ich die gar nicht mehr, denn es wird dunkel sein, wenn ich nach Hause komme und dunkel, wenn ich morgens das Haus verlasse, und dazwischen sind einige sehnsüchtige Blicke aus dem Fenster und der verfrorene Gang zur Mensa. Es gibt Therapieleuchten für Menschen mit saisonaler Depression. Ich habe kein Geld für so etwas und bekäme wohl auch keine Krankenkasse dazu, so etwas zu finanzieren, also tröste ich mich mit dem gelegentlichen Komfort überheizter Räume.

Am Wochenende war ich in Strasbourg, was wirklich eine menschenfreundliche Stadt ist. Sie ist barrierefreier als alles, was ich aus Deutschland kenne, multilingual (Die Namen der Pflanzen im Botanischen Garten waren auch auf deutsch vermerkt), hat viele kostenlose Angebote, ein gut ausgebautes ebenerdiges Verkehrsnetz und Unmengen von günstiger Wohnfläche im Innenstadtbereich (was, zugegeben, auf Kosten der optischen Attraktivität geht), wodurch Gentrifizierung vermieden wird.

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(Wer sagen kann, was die grüne, schrumpelige Frucht ist, bekommt einen Orden.)

Plankopf

In meinem Kopf sind Pläne. Es sind verhältnismäßig viele, fürchte ich. Problematisch daran ist nur, dass es Pläne bleiben, immer und immer… Vermutlich kennen alle dieses Gefühl (Ausnahmen bestätigen die Regel), viele Dinge tun zu wollen und am liebsten alle gleichzeitig, sie irgendwie hinter sich haben zu wollen. Ist das nur ein sich-sehnen nach Ruhe und Gemütlichkeit? Oder geht es auch darum, wirklich die eigene Situation verbessern zu wollen?

Es gibt Momente, da summieren sich all die kleinen und großen Pläne in meinem Kopf zu einem unübersichtlichen Haufen. Auf einmal wird „Batterien kaufen für die beiden Uhren um Flur“ gleichbedeutend mit „beste Freundin endlich wieder treffen“, „alten Freund anrufen“ und solchen ungreifbaren Sachen wie „sich vorbereiten für das Symposium Ende dieses Monats, bei dem ich in wissenschaftlichem Englisch das Projekt meiner Doktorarbeit erläutern und willkürklich dazu gestellte Fragen werde beantworten müssen“. Vielleicht weiche ich auch Dingen aus, indem ich sie mit auf eine meiner tausend imaginären Listen schreibe und dann dort verrotten lasse, und zwar alle miteinander, es geht zu wie auf einer Mülldeponie.

Soziale Dinge mischen sich mit Arbeit, dazu kommt Kram, den ich ganz allgemein organisieren muss, und den gesamten Raum dazwischen füllen die Klinkerlitzchen. Allein all das, was ich seit langer Zeit kaufen wollte oder sollte (einen Duschvorhang, Vorhänge für mein Fenster, einen Ceranfeldschaber – ja, ich habe das Gefühl, so etwas zu brauchen -, den MP3-Player reklamieren, weiters einen Mixer, ein paar „gute“ Schuhe). Irgendwo finde ich auch Dinge, die ich eigentlich gerne machen wollte, nur so für mich selbst…und die über die Zeit hinweg ebenfalls zu Pflichten geworden sind, ganz still und heimlich. Ich wollte mir selbst einen Pullover stricken, traue mich aber nicht daran, weil ich kaum stricken kann. Warum ich das mit dem Pullover irgendwann beschlossen habe, weiß ich selbst nicht mehr so genau. Nun liegt hier die Wolle und ein Paar passende Rundnadeln und beides wartet eigentlich nur darauf, dass ich endlich anfange.

Es kann sein, dass mir deswegen die Arbeit an meinem Projekt allgemein so gut gefällt. Es besteht aus viel Planung, aber solcher, die ich in anderem Rahmen tue, einem professionelleren. Allein die Anwesenheit im Labor bringt viel mehr Organisation in mein Handeln, und von Prokrastination werde ich lieber gar nichts schreiben. Ich bleibe derzeit fast jeden Tag neun oder mehr Stunden dort, und es macht mir nicht einmal sonderlich viel aus. In diesem Rahmen erlebe ich, dass die geplanten Dinge auch wirklich weitergesponnen werden, sie werden verwirklicht oder (ganz offiziell) verworfen. Alte Proben werfe ich weg, ungültige Zettel werfe ich weg, vieles digitalisiere ich und vernichte dann die Printversionen. Jeden Abend, wenn ich nach Hause gehe, räume ich vorher alles auf (allein schon, weil wir uns mit fünf Personen zweieinhalb „Workspaces“ teilen). Mich beruhigt das alles ungemein: Zu wissen, woran ich bin, dass Dinge auf etwas zulaufen und das (voraussichtlich) auch irgendwann erreichen werden. Pläne machen und sie verwirklichen. Dieses befriedigende Gefühl habe ich schon, wenn ich ein selbstgebasteltes Protokoll in der Hand habe, das ich hinterher selbst befolge.

Ich habe heute das Kunststück fertiggebracht, nach zehn Stunden Arbeit nach Hause zu kommen, eine lange und nette Unterhaltung mit meinem Mitbewohner zu führen und danach noch in Dunkelheit und Regen mit dem Fahrrad einkaufen zu fahren, um morgen etwas Veganes zu haben, das ich auf einen Grill legen kann. Ich weiß, dass es solche Tage nicht ständig geben kann, das widerspricht allen Naturgesetzen meiner Existenz. Andererseits kann es vielleicht nicht schaden, ein Leben zu haben, in dem ich schon auf mich selbst stolz bin (und das auch Monate später), weil ich es geschafft habe, nach wochenlangem Liegenlassen Knöpfe an ein Kleidungsstück zu nähen. Dennoch warte ich unterschwellig immer darauf, dass es wieder einen Umschwung gibt und ich meine Tage verbringe wie…normalerweise. Laptop, Essen, Jammern.

Gerade schauen mich vorwurfsvoll drei gerahmte Bilder an, die noch immer nicht an der Wand hängen (wo sie hinsollen), also endet dieser Blogpost hiermit.