Tag Archive: Egozeug


Kinderkram

Hallo Blog. Du bist noch immer da, und du wirst kaum gelesen. Ich werde dir jetzt ein Geständnis machen, vielleicht das erste ernsthafte Geständnis, das ich dir jemals gemacht habe in den vier Jahren, die du nun mein bist. Natürlich bist du vorrangig zuständig für hübsche Bilder, für nachdenkliche und manchmal auch Überzeugungs-verbreitende Texte, weniger als eine Art persönliches Tagebuch. Du sollst und wirst ordentlicher bleiben als ein Tagebuch es sein darf und nicht vermüllt werden mit den ganz alltäglichen Gedanken. Du bist – im Gegensatz zu echten Tagebüchern – eine zumindest halbwegs vorzeigbare Gedankensammlung. Liebes Blog, ich hätte gerne ein Kind.

Ich erinnere mich, vor längerer Zeit einmal am Ende eines Artikels den scherzhaften Einwurf gemacht zu haben, ich würde in einem folgenden Artikel einmal das Thema behandeln, warum ich immer vehement behaupte, garantiert niemals Kinder haben zu wollen, obwohl ich eigentlich vielleicht doch gar nicht so denke (oder so). Damals war ich auch wirklich sicher, dass Kinder nichts für mich persönlich sind und schon gar nicht in den nächsten Jahren, und sowieso sind Kinder ekelhafte Mistblagen, die kreischen und ständig alles und jede_n herausfordern müssen/wollen. Ich bin nicht die Person für Kinder, das ist meine Schwester; die wird von allen Kindern geliebt und beantwortet das auch mit Gegenliebe. Neben ihr bin ich die komische Kinder-skeptisch-beäugende Halberwachsene, die sich lieber mit anwesenden Tieren oder Büchern beschäftigt. Zugegebenermaßen ist das prätentiös und gelogen. Wenn meine Schwester nicht in der Nähe ist und die beste Cousine/Patentante/große Freundin der Welt darstellt für die kleinen Mistblagen, dann bin ich die coolste Spielgefährtin/Erklärerin. Ich kann stundenlang kreischend durch Keller laufen und Verstecken spielen. Ich liebe Ice Age. Ist das genug, um es sich zuzutrauen, selbst ein Kind zu haben?

Wann ist diese Veränderung eingetreten? Ich weiß es nicht. Ich gebe noch immer einen feuchten Dreck auf meine biologische Uhr, dazu bin ich zu jung. Eigentlich bin ich, auch was die Lebenssituation betrifft, insgesamt eher zu jung. Vielleicht macht das den Reiz aus. Das Gefühl, ein Kind, sollte es jetzt (oder im nächsten oder übernächsten Jahr) auf die Welt kommen, großziehen zu können ohne das Gefühl, es nur aus so etwas wie Torschlusspanik gezeugt zu haben. Oder weil es eben gerade so gut passte in die Planung. Es wäre allein der große Wunsch. Natürlich hinterfrage ich das wieder als naiv und romantisch, weil es genau derselbe Grund ist, den wahrscheinlich die meisten Teenager-Eltern angeben würden, wenn sie nach ihrer Motivation gefragt würden, im Teenageralter Eltern zu werden.

Der Unterschied hierbei besteht vielleicht darin, dass ich mir einbilde, relativ nüchtern und aufgeklärt an die Sache heranzugehen. Ich bin mir, zumindest theoretisch, des ganzen Stresses bewusst, der Unsicherheiten, die zwangsläufig entstehen, der Erschöpfung, des Kraftaufwands. Ich will es trotzdem. Ich hege die Hoffnung, noch in einer Phase zu sein, in der mir der Perfektionismus fehlt, dessentwegen andere Menschen sich scheinbar für Kleinigkeiten wahnsinnig machen. Ich bestehe nicht auf Ordnung und Sauberkeit und schlafe auch jetzt locker wie ein Stein, sobald ich mich hinlege. Ich habe keine eigenen Krankheiten und Gebrechen. Mir ist es egal, wenig Geld zu haben, sofern es nicht einen gewissen Lebensstandard unterschreitet (um auch hier sehr ehrlich zu sein, denn natürlich habe ich von echter Armut keinen Schimmer und möchte hier nicht meinen Mund aufreißen).

Vielleicht liegt es auch daran, dass meine Sicht auf die Welt und meinen Platz in ihr sich noch immer rasant verändert und, soweit ich das einschätzen kann, hin zu mehr Integrität und Souveränität bewegt. Es sind viele Kleinigkeiten, an denen das bemerkbar ist und die mich, im Gegensatz zum Schmerz des Erwachsenwerdens, nicht quälen, sondern eher helfen. Und auf einmal, ohne dass ich es bewusst realisierte, war auf einmal dieser Wunsch da, der bislang in meinem Kopf geblieben ist. Der Wunsch danach, einen kleinen Menschen hier herumliegen und später -laufen zu haben, der irgendwann sprechen lernt und für diesen kleinen Menschen zu sorgen, und…naja, warum Menschen eben Kinder in die Welt setzen wollen. So kam es, dass ich während eines nächtlichen Telefongesprächs mit dem Zauberer damit herausplatzte und das somit nun zu einem Thema geworden ist, über das gesprochen wird, das ich nicht mehr zurücknehmen kann. Zumindest wurde bisher keine Häme über mich ausgeschüttet, denn erwartbar wäre es doch gewesen bei der Absurdität dieses plötzlich geäußerten Sinneswandels. Stattdessen Überraschung, nicht unbedingt negative, und Nachdenklichkeit. Diese hat sich bis jetzt gehalten und wird es wohl auch noch eine Weile lang tun. Sie soll es dürfen, meinetwegen so lange, wie es eben braucht für andere Menschen als mich, um zu einer Entscheidung zu kommen, die nicht spontan aus dem Bauch heraus gefällt wird und dann unumstößlich steht, ohne dass daran groß zu rütteln wäre. (Für sich betrachtet, ist das ein ziemliches Privileg, das ich vielleicht mehr würdigen sollte.)

Es würden viele andere hypothetische Abenteuer dafür aufgegeben werden, aber das Konzept Selbstverwirklichung ist mir ohnehin zu perfektionistisch. Ich argumentiere vor mir selbst damit, dass Elternschaft an sich ja auch ein Abenteuer darstellt, ein nicht allzu kleines, was scheinbar die meisten Eltern so sehen. Das gibt mir Hoffnung.

Blöd nur, dass ich mir vor nichtmal einem Jahr eine doch recht teure Kupferspirale habe einpflanzen lassen, die, sollte sie in absehbarer Zeit wieder entfernt werden, eine ziemliche Geldverschwendung darstellt. Über was für Dinge eins sich so Gedanken macht… Genauso wie darüber, ob diese Wohnung platzmäßig reicht. Ob Reisen theoretisch noch möglich wären. Ob es machbar wird, das ganze ohne Auto zu managen. Zeit. Geld. Ob die Basis an Vertrauen und beziehungstechnischer Sicherheit breit genug ist, um ein Kind daraufzusetzen, und wie groß das Risiko ist, dass dieses Kind schon im jungen Alter als Trennungskind aufwächst. Ob das Kind nicht unter elterlicher Überforderung leiden wird. Ob es klug ist, schwanger zu werden, wenn ich dann keine Antidepressiva nehmen kann, wo ich doch derzeit schlecht einschätzen kann, wie groß die Rolle dieser Antidepressiva für meine Stimmung ist. Darüber steht immer wieder etwas, das ich mir letztlich doch immer als etwas zauberhaftes vorgestellt habe: ein Mistbalg, ein kreischendes, und das ganze pathetische Drumherum. Was vielleicht für den ganzen Rest und die Sorgen entschädigen könnte.

Noch weiß ich nicht, wie die Geschichte weitergehen wird; es kann sehr gut sein, dass nach reiflicher Überlegung entschieden wird, das Ganze doch noch ruhen zu lassen, die Spirale zu behalten und so zu tun, als hätten diese ganzen Gedanken und Gespräche während dieser (bisher doch recht kurzen) Zeitspanne gar nicht stattgefunden. Ich wäre nicht allzu traurig deswegen, denn noch bin ich ohnehin so jung und alles noch so offen… da ist es noch nicht an der Zeit, sich intensiv über potentiell verpasste Chancen zu ärgern. Allein das Gefühl, sich theoretisch zu so etwas in der Lage zu fühlen, ist ein gutes, und es wird hoffentlich nach Abbruch der Kinderpläne bleiben, als ein kleines, aber hartnäckiges „Aber du hättest gekonnt!“

Advertisements

Existenzielles

Manchmal frage ich mich, wozu ich dieses Blog habe. Das ist ein wunderbar dramatischer Satz (der wohl von sehr wenigen Menschen überhaupt gelesen werden wird); eigentlich ist dieses Drama in der Form gar nicht meine Sache.

Dennoch spiegelt diese Internetadresse einen Teil meiner Zerissenheit wieder, zwischen Persönlichkeit und Politik, Ehrlichkeit und Idealismus. Ich weiß oft nicht, was ich schreiben soll. Private Erzählungen aus meinem Alltagsleben? Diskurse und Monologe über Dinge, die wirklich wichtig sind, aber von einer Person wie mir schlecht bis gar nicht formuliert werden können? Ab und zu schimmert die Motivation des Veganismus hier durch, ansonsten wenig. Ich weiß auch nicht, ob die anwesenden Leute sowas lesen würde oder eher Persönliches wollen. Vielleicht bleibt es also bei einer Mischung aus beidem, mit Einsprengseln von fachlicher Begeisterung, die sonst niemand interessieren.

Es wird Sommer und ich fühle mich mal wieder ein bisschen wie ein Baum. Ich ernähre mich vom Licht, ich bewege mich wieder lieber, meine Haare werden grün… Foto 74

Hups.

Vor zwei (drei?) Monaten ist mein Mitbewohner ausgezogen, hat die Katzen mitgenommen und ein unerwartetes Loch des Vermissens gerissen, das in lanAlltgem, betroffenem Schweigen mündete. Nun ist der Flur sehr leer. Wir haben eine Zimmerpalme an den Ort gestellt, wo der Kratzbaum war, um die Leere zu kaschieren. Nun ist jemand eingezogen, sie hat einen Hund, ist auch Vegetarierin, lebt meistens vegan, hat unglaublich lange Haare, wir verstehen uns überraschend gut trotz meiner Anfälle von Minderwertigkeitskomplexen und Introvertiertheit. Der Hund ist faul, belagert mich, wenn ich esse, und lässt sich mit Freude kraulen. Ich habe alle Privilegien, was diesen Hund betrifft, ohne die dazugehörigen Pflichten. Dennoch bleibt es anders, irgendwie seltsam. Ich nabele mich allmählich ab, habe ich das Gefühl. Die bevorstehende Veränderung reißt ein Loch in mein Zugehörigkeitsgefühl, und so bin ich selbst wohl nicht kontaktfreudig genug, weil ich die Sache ökonomisch angehe.

Ich werde wieder nach Russland fliegen. In dieses riesige, öde Land, das sich seit meinem letzten Aufenthalt dort derartig unbeliebt gemacht hat mit diversen Kriegen, Menschenrechtsverstößen und der Wiederwahl des verrückten und gößenwahsinnigen Vladimir Putin. Die Petitions-Website „Campact“ mahnte vor einiger Zeit: „Russia censoring gay? Don’t go there!“, und ich dachte: Doch, ich werde es trotzdem tun. Irgendwann, irgendwie, werde ich es tun. In der Hoffnung, dass alles, was in mir und um mich herum dort kaputtgegangen ist, sich irgendwie wieder findet, sich vielleicht ein Stück weit zusammenfügen oder zumindest besser einordnen lässt. Ich lebe jetzt in den wenigen verbleibenden Tagen in der Gewissheit, die Flugtickets in meinem E-Mail-Posteingang zu haben. Und ich kann dort hinfliegen, komme was wolle. Wäre ich sehr melodramatisch, würde ich sagen: Vielleicht schließt sich damit der Kreis. Wahrscheinlich jedoch werde ich einfach nur noch verwirrter zurückkehren, in der Gewissheit, dass ich mir eine Menge vorgemacht habe und die Dinge nicht so sind und nie so waren, wie ich es jetzt noch denke. Hoffentlich kann Campact mir das verzeihen. Ich würde auch nicht als Touristin dort hinfliegen, aber durch diesen persönlichen Bias kommt mir alles ganz anders vor.

Ich habe meine damalige (deutsche) Arbeitskollegin angeschrieben, mit der ich in einem Verhältnis permanenten Konkurrierens und Misstrauens umgegangen bin, das selten durch freundliche Momente durchbrochen wurde. Sie antwortete in einer sehr langen Nachricht und entschuldigte sich für damals, mehrfach, und ich weiß nicht einmal, ob es an mir wäre, diese Entschuldigung umgekehrt ebenso auszusprechen. Wahrscheinlich schon. Es wirkt so lange her, das damalige Ich gar nicht mehr einschätzbar, sodass ich kaum sagen kann, was ich mir damals habe zuschulden kommen lassen und wieviel von dem ganzen Unglück ihr zuzurechnen ist, oder ob es einfach eine Verkettung ungünstiger Umstände war mit der Kombination zweier unvereinbarer Charaktere. Vermutlich ist es besser, sich einmal zu viel zu entschuldigen als einmal zu wenig. Und vermutlich schauen wir meistens mit einem zu milden Blick auf unsere Vergangenheit und sehen nur zu gern darüber hinweg, wie unausstehlich wir selbst waren, unabhängig von einzelnen Situationen, sondern im Gesamten.

Doktorarbeit I

Ich habe eigentlich wirklich Lust, von meiner angefangenen Promotion zu erzählen, auch auf die Gefahr hin, dass es ausschließlich langweilig wird. Vielleicht, weil ich mich immer noch irgendwie privilegiert fühle, dass ich diese, tatsächlich diese Stelle bekommen habe, weil ich scheinbar die einzige Person auf der großen weiten Welt bin, die das spannend findet. Abgesehen von meinem Doktorvater, allerdings wundere ich mich manchmal ohnehin, ob er der menschlichen Spezies angehört, oder ob er irgendwann einer Zellkultur entstiegen ist, die mit Eppstein-Bahr-Viren behandelt wurde, um ihr Superkräfte zu verleihen.

Ich habe diese Stelle nun seit über einem einem Jahr sicher, und seit über einem dreiviertel Jahr arbeite ich hier jeden Tag, und ich habe noch nie wirklich darüber gebloggt. Anfangs war alles noch so unsicher: Ich erfuhr von einem Programm zur Promotion für Mediziner_innen, das an meiner Uni angeboten wird, dann erfuhr ich noch ein wenig mehr, ich schleppte eine arme, unbeteiligte Person zu einer schnarchlangweiligen Infoveranstaltung, ich traute mich nicht. Damals nahm ich psychologische Beratung für Studierende in Anspruch und der innere Widerspruch aus Faszination und grandioser Angst führte dazu, dass ich eine ganze Stunde lang mit der Psychologin in ihrem Büro saß und lamentierte, Flyer für Bewerbungstraining durchging und aus dem Fenster sah. (Nach den Stunden bei ihr erinnere ich mich am allerbesten eigentlich an den Blick aus dem Fenster, das ging mir bei der „echten“ Psychotherapie auch so, ich muss wirklich eine dämliche Art der Gesprächsführung haben.)

Ich bewarb mich auf letzten Drücker und sehr unorganisiert. Mein Mitbewohner musste, von mir telefonisch gesteuert, mein Zimmer auf den Kopf stellen und meine Physikums-Bescheinigung finden, einscannen und mir schicken, weil ich sie vergessen hatte, bevor ich für einen Monat wegfuhr. So schaffte ich es gerade noch rechtzeitig, vor der Deadline meine Unterlagen einzureichen. Es stellte sich heraus, dass das gar nicht nötig gewesen wäre, denn alle Bewerber_innen wurden  ohnehin ins Programm aufgenommen und der wirklich schwierige Teil kam erst noch, denn die Aufteilung auf die Projekte inklusive persönlichen Anschreibens der Projektleiter_innen war nun ganz unsere eigene Sache. Ich schrieb pauschal alle an, die hämato-onkologische Projekte anboten, sich also mit Blutkrebs, Lymphdrüsenkrebs und Knochenmark- bzw. Stammzelltransplantation und den entsprechenden Folgen beschäftigten. Einige antworteten nicht, zweimal wurde ich um ein persönliches Treffen gebeten.

Das erste Treffen fand an einem Samstag statt, die Klinik war ziemlich leer, ich hatte das einzig vorzeigbare angezogen, was in meinem Schrank lag und war dann aber mit dem Fahrrad gefahren, sodass ich ziemlich außer Atem ankam. Ich kannte die Wegbeschreibung zu der Station, in die ich musste, und hatte eine Telefonnummer in der Tasche, die ich anrief, als die Tür nicht aufging. Die nächsten zwei Stunden verbrachte ich mit Nicken und „mh-mh“-sagen, denn dieser Mensch war furchtbar begeistert von allem, was mit seiner Forschung zu tun hatte. Ich versuchte, ein paar zumindest schlau klingende Fragen zu stellen und verließ die Station nach sehr langer Zeit mit zwei Pulikationen in den Händen und einem ganz guten Grundgefühl, gemischt mit dem Eindruck, dass der Mensch eher Werbung für sein Projekt gemacht hatte, dabei hätte doch eigentlich ich Werbung für mich machen sollen.

Das zweite Treffen begann damit, dass ich den Ort nicht fand und, nachdem ich die Projektleiterin persönlich dazu bringen musste, mich von woanders abzuholen, nicht wusste, was ich über mich selbst erzählen sollte. Das Gespräch fand statt mit ihr und einer anderen wissenschaftlichen Mitarbeiterin, mir wurde mitgeteilt, wieviel Wert auf die „Atmosphäre“ im Labor gelegt wird und dass die „Persönlichkeit der Bewerber“ (sic) sehr ernst genommen wurde, dass englisch die Grundsprache sei und die „bisherigen Doktoranden“ das aber nach einer Weile ganz gut hingekriegt hätten. Ich bewundere diese Frau dafür, wie sie sich einer Person gegenüber, die sie eigentlich nicht leiden mochte, so betont freundlich verhalten konnte.

Ich merke hier, ich schreibe sehr parteiisch und vorhersehbar. Alle anderen Menschen in meinem Jahrgang erzählten sich gegenseitig, wieviele Labore und Projekte sie schon angeschaut hätten und noch anzuschauen gedachten, und ich wollte eigentlich nur das erste Projekt, das ich angeschaut hatte und hatte gar keine Lust, noch andere Projekte anzuschreiben und um einen Termin zu bitten. Dennoch überwand ich mich und mailte an die Leiterin des zweiten Projekts, dass es mir sehr gut gefallen hätte und ich mich freuen würde, dort Doktorandin zu sein, nur weil ich Torschlusspanik hatte und befürchtete, im schlimmsten Fall sonst ganz ohne Projekt dazustehen.

Ich wurde glücklicherweise nicht genommen. Stattdessen folgte ein zweites Treffen im ersten Projekt, bei dem ich nicht so recht wusste, wie ich die Klippe der Entscheidungsnotwendigkeit diplomatisch umschiffen sollte und aus Hilflosigkeit recht deutlich wurde. Also erzählte ich vom anderen Projekt und sagte: „Die wollen sich schon bis zum Ende dieser Woche entscheiden, aber eigentlich mag ich dieses Projekt lieber. Ich muss denen eine Rückmeldung geben. Also wenn sie mich nehmen, dann sage ich denen ab.“

Im Nachhinein war das etwas peinlich, denn irgendwie war ich wohl sowieso schon als Doktorandin in diesem Projekt gehandelt worden und hatte das falsch verstanden, als ich dachte, das zweite Treffen sei eine Art Stichwahl oder so. Somit war die Erkenntnis, dass ich nun wirklich ein Projekt hatte, erst im Nachhinein ein freudiges Feuerwerk und im ersten Moment eher Verwirrung.

So begann ich mit diesem Projekt, es war recht seltsam. Ich weiß noch immer nicht, ob ich gut war oder Glück hatte und zu welchen Anteilen beides ein Faktor war…

Plankopf

In meinem Kopf sind Pläne. Es sind verhältnismäßig viele, fürchte ich. Problematisch daran ist nur, dass es Pläne bleiben, immer und immer… Vermutlich kennen alle dieses Gefühl (Ausnahmen bestätigen die Regel), viele Dinge tun zu wollen und am liebsten alle gleichzeitig, sie irgendwie hinter sich haben zu wollen. Ist das nur ein sich-sehnen nach Ruhe und Gemütlichkeit? Oder geht es auch darum, wirklich die eigene Situation verbessern zu wollen?

Es gibt Momente, da summieren sich all die kleinen und großen Pläne in meinem Kopf zu einem unübersichtlichen Haufen. Auf einmal wird „Batterien kaufen für die beiden Uhren um Flur“ gleichbedeutend mit „beste Freundin endlich wieder treffen“, „alten Freund anrufen“ und solchen ungreifbaren Sachen wie „sich vorbereiten für das Symposium Ende dieses Monats, bei dem ich in wissenschaftlichem Englisch das Projekt meiner Doktorarbeit erläutern und willkürklich dazu gestellte Fragen werde beantworten müssen“. Vielleicht weiche ich auch Dingen aus, indem ich sie mit auf eine meiner tausend imaginären Listen schreibe und dann dort verrotten lasse, und zwar alle miteinander, es geht zu wie auf einer Mülldeponie.

Soziale Dinge mischen sich mit Arbeit, dazu kommt Kram, den ich ganz allgemein organisieren muss, und den gesamten Raum dazwischen füllen die Klinkerlitzchen. Allein all das, was ich seit langer Zeit kaufen wollte oder sollte (einen Duschvorhang, Vorhänge für mein Fenster, einen Ceranfeldschaber – ja, ich habe das Gefühl, so etwas zu brauchen -, den MP3-Player reklamieren, weiters einen Mixer, ein paar „gute“ Schuhe). Irgendwo finde ich auch Dinge, die ich eigentlich gerne machen wollte, nur so für mich selbst…und die über die Zeit hinweg ebenfalls zu Pflichten geworden sind, ganz still und heimlich. Ich wollte mir selbst einen Pullover stricken, traue mich aber nicht daran, weil ich kaum stricken kann. Warum ich das mit dem Pullover irgendwann beschlossen habe, weiß ich selbst nicht mehr so genau. Nun liegt hier die Wolle und ein Paar passende Rundnadeln und beides wartet eigentlich nur darauf, dass ich endlich anfange.

Es kann sein, dass mir deswegen die Arbeit an meinem Projekt allgemein so gut gefällt. Es besteht aus viel Planung, aber solcher, die ich in anderem Rahmen tue, einem professionelleren. Allein die Anwesenheit im Labor bringt viel mehr Organisation in mein Handeln, und von Prokrastination werde ich lieber gar nichts schreiben. Ich bleibe derzeit fast jeden Tag neun oder mehr Stunden dort, und es macht mir nicht einmal sonderlich viel aus. In diesem Rahmen erlebe ich, dass die geplanten Dinge auch wirklich weitergesponnen werden, sie werden verwirklicht oder (ganz offiziell) verworfen. Alte Proben werfe ich weg, ungültige Zettel werfe ich weg, vieles digitalisiere ich und vernichte dann die Printversionen. Jeden Abend, wenn ich nach Hause gehe, räume ich vorher alles auf (allein schon, weil wir uns mit fünf Personen zweieinhalb „Workspaces“ teilen). Mich beruhigt das alles ungemein: Zu wissen, woran ich bin, dass Dinge auf etwas zulaufen und das (voraussichtlich) auch irgendwann erreichen werden. Pläne machen und sie verwirklichen. Dieses befriedigende Gefühl habe ich schon, wenn ich ein selbstgebasteltes Protokoll in der Hand habe, das ich hinterher selbst befolge.

Ich habe heute das Kunststück fertiggebracht, nach zehn Stunden Arbeit nach Hause zu kommen, eine lange und nette Unterhaltung mit meinem Mitbewohner zu führen und danach noch in Dunkelheit und Regen mit dem Fahrrad einkaufen zu fahren, um morgen etwas Veganes zu haben, das ich auf einen Grill legen kann. Ich weiß, dass es solche Tage nicht ständig geben kann, das widerspricht allen Naturgesetzen meiner Existenz. Andererseits kann es vielleicht nicht schaden, ein Leben zu haben, in dem ich schon auf mich selbst stolz bin (und das auch Monate später), weil ich es geschafft habe, nach wochenlangem Liegenlassen Knöpfe an ein Kleidungsstück zu nähen. Dennoch warte ich unterschwellig immer darauf, dass es wieder einen Umschwung gibt und ich meine Tage verbringe wie…normalerweise. Laptop, Essen, Jammern.

Gerade schauen mich vorwurfsvoll drei gerahmte Bilder an, die noch immer nicht an der Wand hängen (wo sie hinsollen), also endet dieser Blogpost hiermit.

Als ich klein war, spielten wir gelegentlich, wir seien Hexen; wir hatten kleine Reisigbesen, die uns unsere Eltern im Urlaub in Schweden gekauft hatten und die niemals zum Fegen benutzt wurden, sondern eigentlich ausschließlich zum Fliegen. Wir hatten drei Grundstücke, über die wir flogen, mit Sprüngen über die kleinen Buchsbaumhecken, die den Weg dazwischen säumen (und manchmal auch in die Buchsbaumhecken, was nicht so erfreulich war), dazwischen kein Zaun. Irgendwo im Garten war ein kleiner Plastikpflock, der die Grundstücksgrenze markieren sollte, doch irgendwann erwischte ihn meine Mutter mit dem Rasenmäher, seitdem ward er nicht mehr gesehen. Unser eigenes Grundstück ist weit hinter der Straße, angebunden an ein großes, das vorne liegt, und neben einem, das so groß ist wie die beiden anderen zusammen.

Im vorderen Grundstück lebten zwei alte Leute, deren Tochter mit ihrem Mann „unser“ Haus gebaut hatte, aber sich dann von ihm hatte scheiden lassen, sodass irgendwann meine Eltern, zwei recht junge Stadtmenschen mit zwei kleinen Kindern, dieses Haus kauften.

Hier bin ich aufgewachsen.

An den ungemütlicheren Tagen, besonders im Winter, verschlug es uns häufiger nach nebenan, in die kleine Küche des uralten Fachwerkhauses an der Straße, die von einem Kohlenofen gnadenlos überheizt war (schließlich musste auch der Rest des Hauses etwas abbekommen), wo wir herumsaßen und heimlich hofften, dass unsere alte Nachbarin ins Nebenzimmer ging und uns „Bollsche“ holte: Nimm-2-Bonbons aus einem großen Glas, das sich wundersamerweise von selbst nachuzfüllen schien. Ich aß grundsätzlich orange, meine Schwester gelb.

Wenn wir Glück hatten, sahen die alten Leute fern und wir lümmelten uns mit ausgestreckten Beinen auf der Plüschcouch und genossen diese Tätigkeit, die uns unser Zuhause in Ermangelung eines Fernsehgerätes nicht bieten konnte. Wenn nichts interessantes lief, durften wir KiKa sehen, und ich erinnere mich, dass wir ansonsten oft Skispringen ansahen (obwohl mich Skispringen bis heute nicht die Bohne interessiert) und dabei Kekse aßen. Manchmal wurden wir von unseren Eltern dort geparkt, wenn sie Wichtiges zu tun hatten. Mein Leben lang wurde ich nicht einmal von einem_r „Babysitter_in“ gehütet, soweit ich mich erinnern kann.

Der Garten dieser alten Leute bestand zu einem Großteil (also etwa der Hälfte) aus einem Beet, in dem Folgendes wuchs: Erdbeeren, Karotten, Lauch, Kartoffeln, Zuckererbsen. (Sicher habe ich etwas vergessen.) Die Pflanzen waren in Reihen nach Größe geordnet. An mehreren Stellen des restlichen Gartens gab es Himbeeren, die an einem Spalier wuchsen, Obstbäume und einige Johannisbeersträucher. Wir rissen uns um die Erdbeerernte und die der Zuckerschoten, an den restlichen Sträuchern räuberten wir, was das Zeug hielt, auch weit vor Erntezeit.

Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, stürzte die alte Frau, während sie gerade die Wäsche aufhängte; mein Vater sah es und sprintete aus dem Haus. Ich verstand die Aufregung nicht, sie war nur auf die Knie gefallen, als sei sie gestolpert. Sie kam ins Krankenhaus, blieb eine Weile dort und kam wieder nach Hause. Irgendwann kam sie wieder ins Krankenhaus und ein paar Tage später holte mich meine Mutter vom Bus ab und erzählte, dass sie gestorben sei. Ich war so trotzig, dass ich deswegen nicht geweint habe, auch bisher nicht. Es wird schwierig sein, wegen eines Menschen zu weinen, der schon seit Jahren tot ist und an den man nur verschwommene Erinnerungen hat, also versuche ich es nicht.

Als nächstes erinnere ich mich, dass das Beet allmählich verkleinert wurde, weil es für meinen Nachbar schwer wurde, es allein mit zunehmendem Alter zu bewirtschaften. Zum Schluss war noch ein Streifen übrig, auf dem frei gewordenen Stück spielten wir manchmal „Federball über die Wäscheleine“. Seit einigen Jahren ist es ganz weg, dafür ist dort nun viel Rasen. Er hörte auf, seine Kirschen selbst zu ernten, dafür stellte er ein paar jüngere Leute an, die in den großen Kirschbäumen herumkletterten. Einer der Kirschbäume wurde zu alt und musste „umgemacht“ werden, was mir nicht ungelegen kam (früher hatte ich Alpträume, eben dieser Baum würde brennend umfallen und uns dem Weg aus dem Garten versperren), dafür wurden mehrere kleine Apfelbäume gepflanzt, die noch heute klein sind. Er hörte auf, seine Pfingstrosen zu ernten und noch im Knospenzustand auf dem Markt zu verkaufen, stattdessen blühten sie im Garten in ihrer vollen Pracht auf und verwelkten dann. (In einem der frühesten Blogbeiträge ist ein Foto ebendieser Pfingstrosen.)

IMG_3237

 

 

 

Dann ging ich weg für ein Jahr, und konnte den Gedanken nicht vertreiben, dass ich mich vielleicht zum letzten Mal in der Gartenlaube verabschieden würde, mit sehr lauter Stimme, jedes Wort betonend. Es war ein halb von Sensationslust getriebener Gedanke und ich schäme mich bei der Erinnerung daran, aber vertreiben ließ er sich dennoch nicht. Mein Nachbar pflegte dazusitzen und mit einer Lupe die Regionalzeitung zu studieren und jedes Mal, wenn ich in der Laube vorbeischaute, konnte ich es nicht lassen, mir die harten Stacheln der riesigen Aloe-Vera-Topfpflanze in die Fingerkuppen zu drücken. Ich muss 16 Jahre alt gewesen sein, als ich das Aufzieh-Blechhuhn von seinem Stammplatz im Eckregal in die Hand nahm, den kleinen Vierkant darin drehte und es über den Tisch wackeln ließ, fasziniert davon, dass es nach Jahren des unberührten Herumstehens noch nicht eingerostet war, doch vermutlich war dasselbe auch schon viele Jahre vor meiner Geburt der Fall.

An Weihnachten luden meine Eltern jedes Mal Nachbarn der beiden anderen Grundstücke ein, „für eine Stunde“ herüberzukommen, auf Tee und Kekse, nach der Bescherung, sodass für uns Kinder eine kleine zweite Bescherung stattfand. Zumindest war das ab irgendeinem Jahr so, denn so lange hatte die Tochter meines alten Nachbarn gebraucht, bis sie wieder einen Fuß in dieses Haus setzen konnte und wollte, in dem sie selbst einmal gelebt hatte und mit dem sie wohl nicht nur gute Erinnerungen verband. Eines der spätesten Bilder der alten Frau ist es, wie er sie vorsichtig die Treppe vor unserer Haustür hinuntergeleitet und sie unten angekommen ihren Arm in seinen hakt, wie die beiden sehr langsam den Gartenweg zurück zu ihrem eigenen Haus gehen, zwischen den Buchsbaumhecken im schwachen Licht der Gartenlaternen. Einige Jahre später war es ein ähnliches Bild, nur dass nun seine Tochter ihn die Treppe vor der Haustür hinuntergeleitete und ihn danach stützte, um mit ihm sehr langsam den Gartenweg zum alten Fachwerkhaus an der Straße entlangzugehen, nachdem er irgendwann gesagt hatte, er könne nun nicht mehr und er wollt „mal nach’m Bette“.

Er ist nun irgendwann im Dezember gestorben (ich habe es ewig nicht fertiggebracht, diesen Blogpost fertigzuschreiben), ich war gerade im Studentenwohnheim, als meine Mutter mir eine Mail schrieb und ich rief zurück und weinte, und meine Mutter weinte, und bei der Beerdigung weinten so ziemlich alle (bis auf mich, weil ich der blöden katholischen Kirche, in der wir saßen, diese Genugtuung nicht geben wollte), meine Geschwister und die ganzen Leute aus dem Dorf, die ich kenne, seit ich klein bin, aber immer nur flüchtig. Wir saßen im Restaurant des Schwimmbades unserer Kleinstadt hinterher, es gab nichts, was ich veganismusbedingt hätte essen wollen, meine Schwester und ich unterhielten uns mit halbfremden alten Menschen und am Ende, als die anderen gegangen waren, noch mit der Familie meines Nachbarn: Seiner Tochter, seiner Enkelin, ihrem Mann und ihrem Sohn. „Weißt du noch“, sagte seine Enkelin zu mir“, als du das letzte Mal weggegangen bist und wir waren gerade alle im Garten und du bist nochmal hingegangen und hast Tschüss gesagt, obwohl du es eilig hattest. Als ob du…als ob es…“

(Natürlich ist es Humbug, ich bin nicht extra hingegangen und habe Tschüss gesagt, weil ich eine Ahnung hatte, dass er bald sterben könnte, sondern nur, weil man mir beigebracht hat, respektvoll zu den Leuten im Dorf zu sein und Höflichkeit zu wahren, und auch, weil ich wusste, dass es nur noch so schlecht sah, dass er mich kaum bemerkt hätte oder mich zumindest nicht hätte einordnen können. Deswegen bin ich am Kirschbaum vorbeigesprintet und habe ihm die Hand gegeben, statt nur im Vorbeigehen zu rufen, bevor wir zum Bahnhof fuhren, um den Zug zu kriegen.)

Danach gingen wir durch die leeren Straßen zu unserem Auto zurück und mein Vater sagte in die Stille hinein: „Nun ist er wirklich nach’m Bette gegangen.“

Das hatte ich auch schon die ganze Zeit gedacht.

Avirtuell

Ich bin selten wirklich anwesend, wenn ich im Internet bin. Dort verbringe ich normalerweise etwa die Hälfte meiner Tage, und ich fühle mich „offline“ ein wenig verloren und haltlos ohne die Möglichkeit, Dinge schnell und unkompliziert nachsehen zu können.

Doch es gibt diese Menschen, die dem Internet, die anderen passiv Lesenden (wie mir) und zufällig-darüber-Stolpernden etwas geben, sei es irgendeine beliebige Art von Text; die die Fähigkeit haben, Gedanken entweder sehr schnell oder sehr geduldig zu formulieren und denen es vielleicht auch in gewisser Weise hilft, sie auf diese Weise niederzuschreiben und hochzuladen. Einige möchten vielleicht gern gelesen werden, anderen ist es eher egal.

Und ich dümpele dazwischen herum, bin ziellos und auch im Internet nicht so richtig willkommen, trage nichts bei und schiele beim Verfassen von Texten immer nur  auf die „Anzahl der Wörter im Text“ (gerade: 135). Wahrscheinlich bin ich einfach nicht dafür geschaffen, vieles mit anderen zu teilen, oder da ist einfach nicht sehr viel, auf jeden Fall nicht genug Teilenswertes, die Blogposts sind erbitterte Kämpfe mit der eigenen Schreibfaulheit und dem gleichzeitig existierenden Gefühl, wahnsinnig zu werden und innerlich vollständig zu verkümmern, wenn nicht zumindest manchmal die Initiative ergriffen wird, um etwas zu strukturieren, zu schaffen, zu schreiben. Es ist – kurz gesagt – ein Trauerspiel. Und dennoch bleibt dieser Blog so halb am Leben, immer irgendwie mitgeschleift für die nächste einsam-ruhige und pseudokreative Nacht, in der ja möglicherweise doch noch einmal etwas zustande kommt, worauf ich mich dann wieder mehrere Wochen ausruhen kann.

Es gibt dieses ekelhafte Gefühl von Unproduktivität, das vermutlich hauptsächlich aus der (übertriebenen) Annahme stammt, andere Leute hätten, so etwas wie einen natürlichen, permanent aktiven Quell von Kreativität. Dieser muss nicht einmal besonders schnell oder groß sein, es reicht ja eine gewisse Beständigkeit, um diese Person, sofern sie nicht von selbst dauernd schreibt oder sich sonstwie schöpferisch auslebt, mehr und mehr mit Ideen und Gedanken anzufüllen, die dann über kurz oder lang von selbst ihren Weg in die Welt finden. Das Trugbild in meinem Kopf ist also, dass alle (außer mir natürlich) von sich aus den Drang haben, sich der Welt mitzuteilen, und das auch noch auf ästhetisch-ansprechende Art und Weise; dass selbiges natürlich auch von mir erwartet wird, die ich vollkommen unfähig bin, solche Erwartungen auch nur im Ansatz zu erfüllen. Am liebsten möchte ich Mäuschen sein im gesamten Internet, niemanden wissen lassen, dass ich überhaupt da bin, um ja nicht unter dem Druck zu stehen, auch mal selbst irgendetwas beizusteuern zu alledem, was ich tagtäglich konsumiere.

Und weil mich dieser permanente Konsum krank macht, schreibe ich, auf ekelhafte Art und Weise, subjektiv, vollkommen metaphernlos, lieblos, hingerotzt, eigentlich nur für mich selbst. Als eine irrationale Legitimation für den ganzen Rest, als Erfüllung von eingebildeten Erwartungen, um mich selbst nicht so sehr hassen zu müssen, gelegentlich. Weil ich nicht das Zeug dazu habe, um die „Stille und Geheimnisvolle“ zu sein, die ich so gern in anderen sehe, und die ich dafür  ebenso sehr hassen könnte. Laut und faul zu sein, das ist keine gute Kombination.

Heute Nacht scheint der Mond, derartig strahlend hell, dass die Bäume  gespenstische Schatten auf den gespenstisch schimmernden Asphalt werfen und die gesamte Nacht wirkt wie ein seltsam verkorkster Tag mit einer verhinderten Sonne. Meine Kaninchen sitzen irritiert und hellwach in ihrem Stall und rühren sich kaum von der Stelle, die Frösche sind schon seit längerer Zeit verstummt. Die Kälte kriecht unter die Kleider und sagt der Faszination angesichts dieses Gusses aus weißem Licht den Kampf an.

Ich sitze im Haus und suche (im Internet, wo sonst) nach Photographie von Edward Hopper; weiß, dass es sie gibt, finde aber keine und bin irritiert, ob das Wissen um die Existenz früher „Fotokunst“ Hoppers nicht nur Einbildung gewesen sein könnte. Doch da sind genaue Kopfbilder, die unmöglich erfunden sein können, wenn ich sie nur fände, wenn, wenn… Es ist fehlbar, das Internet. Das ist eine gruselige Vorstellung; dass all die Quellen, auf die ich mich in Diskussionen und auch in alltäglichen, stillen Gedankenspielen verlasse, ebenso gut manipuliert oder schlicht erfunden sein könnten und alles, was ich anderen davon erzähle, nicht wahr ist. Dass diese das jedoch nicht hinterfragen, sondern es ebenso weitertragen, dass ich somit selbst Schuld sein könnte an einer gewissen Ausbreitung von falschen Tatsachen, Gerüchten und Irrglauben. Dieser Gedankengang lässt sich endlos fortsetzen in einer zerfressenden Reihe von Was-wäre-wenn-Spielen, die alles noch Verlässliche auf einmal ins Wanken bringen.

Doch ich brauche es, diesen virtuellen Rahmen, der ein Café ist voller Menschen, die sich dort zu Hause fühlen, sich mit hippen Accessoires dort einrichten und kreativ sind. Ich sitze an einem Tischchen an der Wand und trinke alleine einen Tee, innerlich schon mit dem Gedanken beschäftigt, wann ich wieder gehen kann, ohne dass es komisch wirkt. Ich bin viel im Internet, jedoch selbst eher avirtuell.

Geburtstag

Heute ist der Abend vor meinem Geburtstag, diesem eigentlich so normalen und doch völlig absurden, überschätzten Tag.

Wie bei allen Dingen ist die schönste Freude die Vorfreude, schon jetzt habe ich es nicht lassen können, mehreren Leuten beiläufig und vermutlich mit kindisch-quietschender Stimme mitzuteilen, dass ich „am Samstag Gebuuurztaaaaag habe“. Das gesamte Wort wird seinem eigentlichen Sinn entrissen, steht ein wenig leer herum, beinahe vergesse ich dabei selbst, dass ich vor soundsoviel Jahren auf die Welt gekommen bin, was vermutlich keine angenehme und auch keine sehr ästhetische Angelegenheit war, sondern im Gegenteil eine Menge Stress und strapazierte Nerven bedeutete. Ganz abgesehen davon, dass dieses Vorkommnis, das alle natürlich ganz toll und bejubelnswert fanden, meine Mutter die Karriere gekostet hat, die sie vielleicht hätte haben können, wenn meine Schwester (eineinhalb Jahre später) ihr erstes Kind gewesen wäre, ein Wunschkind. Vielleicht wären dann ohnehin eine Menge Dinge einfacher gewesen.

Mein Vater hätte in Ruhe zu Ende studiert und nicht zwei Jahre lang mit Müh und Not und einer Doktorandenstelle versuchen müssen, zwei weitere Menschen über Wasser zu halten, vielleicht hätten meiner Mutter und er nach seiner Promotion mehr Muße gehabt mit der Frage, wie es nun weitergehen solle. Vielleicht würden sie dann beide noch heute in Hamburg leben und arbeiten, statt arbeitsbedingt 200 Kilometer nach Süden ziehen zu müssen, und hätten zwei Kinder, die nicht meiner Schwester und ich gewesen wären. Vielleicht würden die beiden auch Medizin studieren und sich wünschen, irgendwann mal (nach einer Kindheit in einer Großstadt) geflegt je zwei Kinder in die Welt zu setzen (natürlich erst mit über 30) und ins Grüne zu ziehen.

Ich wünsche mir keine Kinder. Ich kann mir mich selbst nicht vorstellen beim Ausrichten von Partys mit Papierhüten, mein Veganertum schließt Spiele wie Eierlaufen eher aus, ohnehin würden meine vegetarisch/vegan ernährten Kinder entweder verhungern oder ich würde mich gezwungen sehen, sie aus dem Haus zu werfen, wenn sie anfangen, im Alter von 12 Jahren mit ihren Freunden aus Trotz bei „McDonald’s“ zu essen. Ich würde zusammenbrechen und anfangen, mich selbst und sie gleichartig zu hassen, noch ehe sie Fahrrad fahren könnten, vermutlich noch ehe sie vollständige Sätze bilden könnten.

Ich müsste dankbar dafür sein, ein Kind gewesen zu sein und es so lange sein zu dürfen, wie es mir beliebt, auch jetzt noch, und alle kindlichen oder kindischen Eigenschaften langsam und nacheinander ablegen zu können. Noch immer sind nicht alle davon verschwunden, vermutlich werden sie es auch nicht in näherer Zukunft, und es ist ein Luxus meines westlichen Lebens, dass die Gesellschaft, in der ich lebe, es mir erlaubt, meinen Egoismus feiern zu dürfen und mich „selbst zu verwirklichen“, selbst wenn diese Egozentrik einigen (vielen?) meiner Mitmenschen auf die Nerven geht. „Tut mir Leid, aber ich bin eben so (…)“

Meine Familie, an die ich normalerweise nicht so oft denke im Alltag, wenn ich nicht gerade Ferienjob-bedingt zu Hause wohne, scheint zur Zeit meines Geburtstags unerwartet wieder an Bedeutung zu gewinnen. Das mag nur eine sentimentale Masche sein, vielleicht wird mir bewusst, dass ich die Menschen brauche, die mein Leben so nachhaltig (und wohl nicht nur zum Guten) verändert haben. Noch viel mehr hat es aber wohl mit dem Verfallen in Kindheitsverhältnisse zu tun, das ich am Anfang dieses wirren Beitrags kurz angerissen habe. Geburtstage und Weihnachten wiederholen sich jedes Jahr in einer derartigen Regelmäßigkeit, dass sie wie Meilensteine zwischen allen anderen Veränderungen stehen, es ist, als sei keine Zeit vergangen, zumindest fühlt es sich für mich so an. Neuerungen fallen mir zwar auf, spielen aber in der Gesamtsymbolik keine größere Rolle.

Irgendwann stand fest, dass ich für meinen Geburtstag eine Jacke brauchen würde, weil ich selbst immer zu geizig bin, um solche teuren Dinge anzuschaffen. Als ich sagte, dass ich „mir mal eine suchen“ würde, war meine Mutter enttäuscht und deutete mehr als dezent an, dass sie gerne mit mir zusammen losgehen würde, um eine auszusuchen. (So etwas lässt sich leider schlecht als Überraschung planen, insbesondere mit so kapriziösen Kindern wie mir, die keine Stangenware aus wollen.) Erst, nachdem sie das gesagt hatte, wurde mir klar, wie unendlich traurig und trostlos es gewesen wäre, alleine (!) nach etwas zu suchen, was ich zum Geburtstag haben möchte. Ich habe niemals mit so etwas ein Problem, aber etwas in mir ist sieben oder acht Jahre alt und furchtbar einsam und liebes- und gesellschafts- und familienbedürftig, wenn es um meinen Geburtstag geht.

Dieses Ereignis reißt alle meine Schutzpanzer des Alltags auf und legt die empfindlichen Nervenleitungen bloß, macht mich emotional wie kaum einmal, weil ein Haufen Erwartungen auf ein paar kleinen Stunden liegt, die diese Last kaum zu tragen vermögen. Vermutlich werde ich morgen mindestens einmal weinen. Ob aus Enttäuschung oder aus Freude, das wird sich noch herausstellen. Ach.

Kritzelnichts

Es scheint, als würde ich mich ein wenig entfremden von diesem Blog in der letzten Zeit, vom Schreiben allgemein, von der Stimmung, die es dazu bedarf, der inneren Ruhe, der Zeit, die ich brauche, um wirklich so etwas wie Worte zustande zu bringen.

Das Dunkelgrün dieses Hintergrunds scheint mir so weit entfernt zu sein, unpassend, von zu vielen Erwartungen überschwängert, die eine ehrliche Auseinandersetzung mit Gedanken und Gefühlen unmöglich machen. So lange scheint es schon her zu sein, seit ich den Blog überhaupt erstellt habe. Dass er noch immer existiert, als ein weiterer Baustein der nichts-vergessenden virtuellen Identität, scheint beinah abstrus zu sein. Natürlich kann ich immer noch Fotos hochladen, doch für ironisch-distanzierte Texte, die von einem Stück Traurigkeit und gleichzeitig Gedankenverlorenheit sprechen, scheint er kaum mehr ein Platz zu sein. (Manche sagen „es“ zu ihrem Blog, doch die männliche Form ist mir so zur Gewohnheit geworden.)

Die frühere eigene Person? Wie jemand Fremdes, dem man zufällig begegnet ist, ohne es wirklich zu wollen, der einen dann mit persönlichen Details belastet, Dinge von sich selbst erzählt, die man doch eigentlich nie wissen wollte. Alt ist das alles, alt und uninteressant, hier schleicht sich wieder ein Zitat aus Juli Zehs „Spieltrieb“ meine Gedanken:

„Was soeben geschehen war, rückte in den Status des Irrealen und fiel ein paar Meter tief in ein großes Becken, für das die Bezeichnung „Gedächtnis“ bei weitem zu schmeichelhaft gewesen wäre. Es handelte sich mehr um ein Auffanglager für beliebige, meist unvollständige, zerbrochene und in sich verdrehte Erinnerungen, um einen Schrottplatz des Gewesenen(…)“

So scheint die Gegenwart ein dauerhaft für sich allein stehendes Konstrukt zu sein, ohne irgendeine Haftung, ohne Zusammenhang oder Bezug außer dieser wackeligen und äußerst unzuverlässigen Zukunft. Dadurch entsteht die Leere, die sich gelegentlich unerträglich ausnimmt und dann wieder kaum vorhanden zu sein scheint.

Allgemein sitzt hier ein etwas…eingebundenerer Mensch als noch vor einem Jahr, ein Mensch mit Interessen, die sich nicht großartig gewandelt haben und doch insgesamt eine etwas veränderte Grundeinstellung bilden. Ich fühle mich in mehr Verpflichtendes eingebunden, was schön ist und gleichzeitig anstrengend, bringt es mich doch gelegentlich in die ungewohnte Situation des „Viel vor, und die zeit für all das könnte knapp werden“. Das Nichtstun hinter der Maske des Lernens ist weniger geworden. Vielleicht auch das Lernen selbst, vielleicht wird mich dafür beizeiten das Leben bestrafen.

Vor inzwischen zwei Tagen bin ich aus Paris wiedergekommen, extrem knapp bei Kasse, staubig, verschwitzt und müde, und noch immer sehnt sich mein Körper nach einem Bett (einem ganzen, stabilen Bett, für mich alleine, und dann ausschlafen…), dazwischen wuseln Erinnerungen, deren baldiges Verblassen ich schon jetzt vorsorglich bedaure. Alle Bilder werden höchstwahrscheinlich aufgrund von diversen (ernsthaften!) Streitereien mit klappriger, unfähiger Flohmarkt-Kamera kompletter Mist geworden sein, oder – noch schlimmer – einfach überhaupt nichts. Zum Laden gehen und einen leeren Umschlag aus dem Regal nehmen, auf Nachfrage bei den Mitarbeitern ein „Tut uns Leid, auch das Labor hat da nichts mehr finden können!“ So wird es sein. Immerhin habe ich einen braunen Strickpullover gefunden, auf dem großen verlassenen Platz in La Défense, direkt vor der Grande Arche (Es war Sonntagabend kurz nach Sonnenuntergang und sehr postapokalyptisch, ich erwartete Zombies), in dem ich ja angeblich „zerbrechlich“ aussehen soll. Ich kann nicht verbergen, dass mein pseodo-männliches, schwarze Schlabber-T-Shirts tragendes Selbst davon ganz entzückt ist.

Krank ist das mit diesem Körper hier, um mich herum und überall! Nun tun nichtmal mehr meine Poknochen weh, vom Ritt auf einem wilden Mustang Pariser Leihfahrrad, sich zu zweit einen Sattel teilend, weil für ein weiteres Fahrrad kein Geld mehr übrig war. Ist ja auch sehr spießig, so mit einem ausgeglichenen Fahrrad-Personen-Verhältnis und überhaupt. Vom Süden über die Seine, nach Nordosten und dann zum Montmartre, dort Aufgabe wegen Kopfsteinpfaster und Steigung. (Ieh.)

Ich habe Gitarre gespielt und mir vorgenommen, weil ich mich zu Worten nicht in der Lage sah (sie tröpfeln, als sei mein Sprachzentrum schwer nierenkrank), die Ergebnisse mutig online zu stellen und mich der Kritik hinzugeben. („Du kiekst und klingst wie ein kleines Mädchen! Geht es noch schmalziger? Aus dir wird keine Janis Joplin werden!“ – Ja, das weiß ich alles, zu meiner Verteidigung: Ich war davor bei der Chorprobe und musste so eklige Töne singen, solche irgendwas-gestrichenen…Ach, sie waren jedenfalls viel zu weit weg von der obersten Notenlinie. Das macht ein bisschen heiser.)