Tag Archive: Fachliches


Ich begann im August mit der Arbeit und wurde von einer MTA eingearbeitet, die mir auch jetzt noch immer hilft, wenn ich mal wieder ein Protokoll verlegt habe oder Proben im Kühlschrank nicht finde, die mir nebenbei von ihren Kindern, ihrem Freund und ihrer Schwangerschaft erzählt und mir anbietet, Möbel von ihrem Dachboden zu kriegen, wenn ich mal umziehe.

Zunächst begannen wir mit DNA-Aufarbeitung aus Blut. Dafür werden regelmäßig Blutproben genommen von Patient_innen, die Leukämie haben oder hatten und denen Stammzellen von Fremdspender_innen transplantiert wurden. Diese müssen dann mit einer Reihe von Chemikalien behandelt werden, um die Zellen zu zerstören und die Chromosomen freizusetzen. Dann wird das über eine spezielle Membran zentrifugiert. Durch den Druck werden die Zellreste nach außen geschleudert, während nur die DNA chemisch in der Membran festgehalten wird.

Alles in allem dauert dieser Vorgang etwa drei Stunden (vom Raussuchen der Proben bis zum Wegsortieren der fertigen DNA), doch die Zeit verlängert sich enorm, wenn viele Blutproben gleichzeitig bearbeitet werden. Ich sitze dabei an einem Abzug, also einer Arbeitsfläche hinter einer Glasscheibe, unter der nur meine Arme durchpassen. Im Chemieunterricht in der Schule hatten wir das auch, aber da ging es nur darum, dass nichts giftiges zu uns kommt. Hier ist das Ziel eher, dass keine Verunreinigungen aus der Umwelt zu den Proben kommen. Die Luft wird also nicht einfach abgezogen, sondern im Kreis gepustet und dabei gefiltert, sodass immer eine Luftschranke an der Öffnung der Glasscheibe ist. Ich trage Kittel und Handschuhe und darf mich nicht am Kopf kratzen, weshalb mein Kopf immer ganz furchtbar zu jucken beginnt.

Wenn ich fertig bin, muss ich messen, wieviel DNA tatsächlich in der Pufferlösung schwimmt, die ich da habe. Das tut ein kleines Gerät, das die DNA-Probe durchleuchtet und mir die Konzentration in Nanogramm DNA pro Mikroliter Flüssigkeit angibt. (Ich habe keine Ahnung, wie es das tut…)

Die DNA, die ich dann habe, kommt zum Teil von der Person selbst und zum Teil ist es DNA des Spenders_der Spenderin, deren Blutstammzellen im Körper des Menschen sind. Im Idealfall sollte es 100% Spender_innen-DNA sein. Wenn ein Teil vom Patienten_der Patientin selbst kommt, kann es sein, dass es Leukämiezellen sind, also Krebszellen, die wieder auf dem Vormarsch sind. Aus diesem Grund muss das Verhältnis der verschiedenen Zellen bzw. der DNA zueinander gemessen werden, um zu sehen, wann auf einmal der Empfänger_innen-Anteil rasch ansteigt.

Zum Vergleich habe ich Standard-DNA, die aus Fertig-Zellreihen hergestellt wurde. Solche Zellreihen können im Internet bestellt werden. Die Standard-DNA ist in bestimmten Verhältnissen gemischt, also 100% A/0% B, 10% A/90% B, 1% A/ 99% B, und so weiter bis 0,0001% A/99,999% B, immer logarithmisch.

Das Ganze wird dann gemessen in einem PCR-Gerät. Ich nehme meine DNA und gebe sie zu einem Gemisch aus DNA-Bausteinen, Primern (die zeigen an, welche Stelle der DNA vervielfältigt werden soll), einer Probe (die fluoresziert, wenn die DNA vervielfältigt wird) und Polymerase, das ist das Enzym, das an der DNA entlangwandert und neue Bausteine dazubastelt.

Im PCR-Gerät werden die DNA-Doppelstränge durch Hitze getrennt, und in einer Abkühlphase danach werden die einzelnen Stränge wieder zu Doppelsträngen ergänzt, mit Hilfe der Bausteine. Das wiederholt sich 44 Mal, danach sind die Bausteine aufgebraucht, die Polymerase ist durch die Hitze ziemlich kaputt das Ganze hat keinen Sinn mehr… Und anders als die alte Technik kann mein cooles Gerät die Menge der DNA in Echtzeit messen. Zu jedem Zeitpunkt jedes Zyklus (Erhitzen & Abkühlen) kann es mir sagen, wieviel DNA gerade da war. Das Ganze sieht dann etwa so aus:

Jede Kurve ist eine DNA-Probe. Anfangs passiert nicht viel, dann schnellt die Vervielfältigung der DNA in die Höhe, schließlich flacht es sich ab, denn…wie gesagt, alles geht zum Schluss kaputt. Wenn die Konzentration der DNA von Anfang an niedriger ist (z.B. nur 0,1% statt 1% oder 10%), dann kommt die Kurve später, steht also weiter rechts in der Graphik. Jede Kurve ist eine Standardkonzentration im logarithmischen Schema. Im Idealfall sind sie alle gleich weit voneinander entfernt (oder auch: 3,33 Zyklen).

Durch die Primer kann ich bestimmen, dass nur DNA vervielfältigt werden soll, die auch zum Patienten_zur Patientin gehört. Diese ist dann positiv und die des Spenders_der Spenderin ist negativ. Und gemessen an den Standards brauche ich das Ganze dann nur noch in eine Excel-Tabelle einzutragen, die mir ausrechnet, wieviel Prozent Patient_innen-DNA ich habe. Im Prinzip kann ich es auch schon an den Kurven sehen. Wenn die Patient_innenkurve genau über der 1%-Kurve des Standards liegt, dann weiß ich, das der Patient_die Patientin zu dem Zeitpunkt auch genau 1% eigene Zellen im Blut hatte. Natürlich kann das Programm es besser als ich mit den Augen. Ich kann das nicht auf 10 Nachkommastellen erkennen.

So also funktioniert mein Projekt. In etwa. Also, es gibt noch ein paar Dinge, die ich nicht erwähnt habe und die dazugehören, aber die sind eher wichtig für die Ergebnisse, und hier erklärt habe ich das Prinzip an sich 🙂

Wahrscheinlich ist es total unverständlich. Ich freue mich nur immer, wenn Leute irgendwann sagen: „Okay, das habe ich vielleicht irgendwie verstanden!“, und es nicht einfach nur schnarchlangweilig finden. Und falls sich wirklich jemand dafür interessiert, schwafele ich auch gerne noch ein bisschen weiter über Details…

Denn vielleicht, und wir wollen das auch klinisch ausprobieren, kann dieses Prinzip wirklich in Zukunft helfen, dass Leukämiepatient_innen nach einer Stammzelltransplantation nicht so oft einen Rückfall bekommen. Mal sehen.

 

 

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Patient_innen

Hach, ich bin so professionell geworden – zumindest kann ich ansatzweise so tun, als ob.

Eigentlich wollte ich damit herausplatzen, dass ich tatsächlich glaube, so etwas wie ein “Steckenpferd” gefunden zu haben, ein Fachgebiet, von dem ich nicht immer nur leer rede, sondern das mich wirklich interessiert. Ein Monat ist vergangen, seit ich wieder Uni habe, es stehen schon wieder Prüfungen an, ich werde wie immer schlecht abschneiden (falls ich sie überhaupt bestehe), und ich fürchtete schon, alles zu vergessen, was ich noch erzählen wollte.

Ob es nicht schlimm sei, mit Krebspatien_innen zu tun zu haben. (Natürlich sagen alle nur “Patienten”, genauso wie konsequent “Ärzte” und “Schwestern” gesagt wird. Oh ja, inmitten all des verwirrenden Fortschritts der Sprache steht die Medizin als eine der letzten Bastionen, in denen noch jede_r ungestraft und selbstverständlich diskriminieren darf.) Dann sage ich meistens, dass es eigentlich nicht schlimm war, meistens. Vielleicht bin ich so gefühlskalt, vielleicht auch wie geschaffen für den Umgang mit leidenden Menschen, vielleicht hängt auch beides miteinander zusammen; das wäre mir am unangenehmsten. Vielleicht lag es auch nur an der freundlichen Atmosphäre, die mir entgegenwehte wie die Luft aus einem Fön, dass alles andere mir nicht so schlimm vorkam.

Die Selbstverständlichkeit, mit der das Leiden dieser fast 20 Menschen behandelt wurde, war so eine “aus Gewohnheit”. Es gibt diesen festen Horizont von therapeutischen Möglichkeiten, und danach ist eben das Repertoire erschöpft, da kann eben nichts getan werden, und dies schien beiden Seiten bewusst zu sein und wurde auch nicht angezweifelt. Vielleicht mag ich das so sehr, dass es recht feste Schemata gibt, und wenn Entscheidungen anfallen, muss eins sie nicht immer ganz allein treffen. Wenn Fehler passieren, hat das meist eher mit Vergessen oder mangelnder Kommunikation zu tun. Und dennoch ist es keine kalte Stimmung, die herrscht, die Menschen werden nicht wie am Fließband abgefertigt, irgendwo ist da doch immer Sorge um sie.

Eine Ärztin sagte einmal auf dem Weg zum Mittagessen, dass sie morgens aufwacht und überlegt, was sie heute mit welchen Patienten machen muss; dass sie das eigentlich nervt. An einem ruhigen Tag bekamen wir Besuch von einer, die lange auf “meiner” Station gearbeitet hatte, die Zeit hatte und einfach vorbeikam, dann saßen sie zu dritt am Computer und guckten im Intranet alle Patienten nach, die sie kennen und die gerade auf Intensiv liegen. Ob sie noch leben, und wenn ja, ob sie noch intubiert sind. In der Hämatoonkologie kommen und gehen die Menschen, sie sind wie Bumerangs. Wenn ich länger geblieben wäre, hätte ich alle, die gingen, garantiert nochmal getroffen. Sie kriegen einen Chemozyklus stationär, Betreuung danach, erholen sich langsam, und fahren irgendwann für einige Zeit “Pause” heim. Dann kommen sie für den nächsten Zyklus, werden wieder aufgenommen, alles beginnt von vorn. Wenn ich Krebs hätte, bräuchte ich das wohl auch. So viel Zeit im Krankenhaus zu verbringen muss noch viel ekelhafter sein, wenn eins nichtmal vertraute Gesichter hat, weil alle immer wechseln. Aber so war es etwas anderes.

An einem Tag wurde eine Aufnahme angekündigt, die aus einem anderen Krankenhaus kam wegen unklarer Hypermenorrhoe. Eine Frau, die elf Tage lang ihre Periode hatte und sich deswegen untersuchen ließ, dabei kam eine “eklatante Verminderung aller drei Zellreihen” heraus (Erys, Leukos und Plättchen), mit “akutem Verdacht auf ernsthafte Erkrankung!!”. So stand es ernsthaft im Überweisungsschein und im Dienstzimmer wurde herzlich gelästert. Die Frau hatte eine Freundin dabei, war dick und trug eine Kobmination aus rot, grasgrün und Ringelstrümpfen, sie lächelte und erzählte, dass sie seit zwei Jahren wieder rauche, dass sie in psychologischer Behandlung sei, dass sie Freiberuflerin sei. Was genau, wurde zuerst gar nicht gefragt. Sie war die erste, bei der ich sozusagen die “Abfolge” von Schritten miterlebt habe, die am Anfang einer solchen Erkrankung stehen. Sie wurde mehr oder weniger sofort stationär aufgenommen, ihre Freundin holte ihr Kleidung von zu Hause, sie bekam eine Knochenmarksbiopsie. Sprich, auf dem Bauch liegen, örtliche Betäubung am hinteren Hüftkamm (da, wo diese Kuhle oberhalb des Pos ist), mit einer großen Nadel den Knochen durchbohren und das flüssige Mark aspirieren. Das tut weh, und je jünger die Menschen sind, desto härter sind ihre Knochen, das ist richtig zu spüren. “Meine” Nanny-Ärztin, so klein und zierlich, war ziemlich erschöpft danach. Mit dem Knochenmark werde Ausstriche auf Objektträgern gemacht (schnell, sonst gerinnt es), die kommen dann ins Labor und werden mikroskopisch untersucht.

Nun kam also heraus, dass ihr Knochenmark praktisch nur noch aus Blasten besteht, also unreife Blutzellen, die nichts taugen und alles verstopfen, sodass keine richtige Blutbildung mehr stattfinden kann…eine ziemlich typische Leukämie, außer, dass sie einen fiesen Typ hat (hatte?), der schwer therapierbar ist. Ich durfte bei der Diagnosemitteilung dabei sein, und stand/saß ewig lange mucksmäuschenstill in der Ecke, um nicht zu stören; sie weinte und ihr Bruder, riesig und bärtig, saß verwirrt daneben, ich habe alle Infohefte geholt, die es auf der Station gab. Sie fragte, ob sie denn in etwa vier Monaten halbwegs fit sein könnte, weil sie keine feste Arbeit hat. Darauf fiel der Satz: “Ich kann sie ewig lang krankschreiben, so lange Sie möchten.” – “Nein”, sagte sie, “ich bin Sängerin. Ich muss auftreten.”

Aber es ist utopisch, in so einem Fall. Noch immer stehen auf ihrer Website (ja, ich bin eine Stalkerin) die Termine dieses Sommers, bei denen sie garantiert nicht aufgetreten ist, und ich kann es mir nur so erklären, dass sie wohl anderes im Kopf hat, als ihre Website jetzt zu aktualisieren. Sängerin!, denke ich immer wieder. Ich habe Aufnahmen von ihr gehört (wie auch der Rest der Personals auf Station, wir sind alle Stalker), und sie sind so unglaublich viel besser, als ich es jemals können werde. Natürlich ist diese Frage müßig, aber sie taucht dennoch manchmal auf; warum denn ausgerechnet so jemand so etwas kriegen muss. Es erscheint so ungerecht. Immer, wenn ich danach bei ihr im Zimmer war, zum Blutnabnehmen, war ich  ein wenig ehrfürchtig und manchmal extrem trottelig deswegen. Equipment vergessen, dreimal gelaufen, ZVK versehentlich zweimal angespült, sterile Verpackungen nicht aufgekriegt, nichts schlimmes, aber dennoch peinlich.

Da ist ein älterer Mann gewesen, der Atemnot hatte. Er kam mit einer Sauerstoffsättigung von 85% (ich keuche bei 97%), weil seine Erythrozyten so niedrig waren. Nach etwa 10 Ery-Konzentraten ging es ihm besser, aber seine Leukämie-Diagnose hatte er trotzdem, und mit über 70 waren seine Chancen, die Chemoterapie zu überleben, recht gering. Als jemand ihm die Möglichkeit einer palliativen Therapie erklärte, sagte er gar nichts, und seine Frau neben ihm wäre dem Arzt fast an den Hals gesprungen, dass er es wagen konnte, den Vorschlag zu machen, ihren Mann “einfach sterben” zu lassen. Ich glaube, sie hat die ganze Zeit hindurch trotz vieler Erklärungsversuche das Prinzip nicht verstanden, also entschieden sie sich für die kurative Möglichkeit, und als meine Famulatur zu Ende war, lag er auf der Intensivstation im Sterben, weil durch die Toxizität der Therapie seine Organe nacheinander versagten. Das weiß ich aber nur noch aus Erzählungen; gesehen habe ich ihn da nicht mehr. Ich habe in der Zeit ein wenig drüber nachgedacht, ob ich, wenn mir so etwas jemals passieren sollte, mich selbst als jüngere Person für einen kurativen Therapieansatz entscheiden würde, wenn dieser nicht 100% Effektivität verspricht. Vielleicht sollte ich das einfach hinnehmen und auf eine nettere Art sterben als…naja, so.

Dennoch sind diese Gedanken müßig: Höchstwahrscheinlich würde ich verzweifelt alles in Anspruch nehmen, was mir angeboten würde an Therapie, Schmerzmitteln, Erleichterung. Ich vermute, wenn jemand mir sagte, dass ich für die gesamte Dauer der Erkrankung in ein künstliches Koma versetzt werden könnte, würde ich auch das mit Kusshand bejahen. Denn sich solche heroischen Gedanken zu machen, ist immer leicht, wenn eins nicht wirklich in der betreffenden Situation ist…

Nächste Woche lesen Sie : Warum ich immer vehement behaupte, niieeemals Kinder haben zu wollen, und warum es eventuell doch passieren könnte. Und warum ich jetzt wahrscheinlich trotzdem eine Abtreibung in Anspruch nehmen würde. Warum ich über Leute meckere, die mir ihr glückliches Pärchenleben ins Gesicht klatschen, obwohl ich selber eins habe, mit dem ich versuche, nicht so aufdringlich hausieren zu gehen (was mir vielleicht nicht immer gelingt, weshalb ich anderen damit trotzdem auf die Nerven gehe).

Famulatur

(Dieser Artikel lag ewig unbenutzt herum und ist deswegen nicht mehr ganz aktuell, aber dennoch.)

Morgen ist der allerletzte Tag meiner allerersten Famulatur. Ich habe am vorletzten Tag och einmal frei, weil ich am Samstag vor zwei Wochen für zwei Stunden in die Klinik geradelt bin, um Blut abzunehmen und mit diesem dann ins Zentrallabor und zur Blutbank zu laufen, mich hilflos durchfragend und gleichzeitig meines weißen Kittels schämend, der immer so aussieht, als müsste ich von allem eine Ahnung haben. Die Leute gucken  dann immer so komisch Für diese zwei Stunden Samstagarbeit (die sich nicht so sehr wie Arbeit anfühlten) bekomme ich nun einen ganzen Tag frei, was schon viel darüber aussagt, wie wenig eins dort auf mich angewiesen ist. Und dennoch ist es schön, und erschöpfend, beides gleichzeitig. Ich bekomme (bzw. bekam) die eigene Unfähigkeit täglich geradezu ins Gesicht geworfen, obgleich ich niemals direkt dafür kritisiert wurde, wahrscheinlich nichtmal indirekt. Im Gegenteil, ich bin mit einer solchen zugewandten Freundlichkeit behandelt worden wie in keinem meiner Pflegepraktika, wo ich (auf anderer Ebene) sehr viel nützlicher war und dennoch weniger entspannte Nettigkeit in Erinnerung habe. Vielleicht tue ich damit auch den Stationen, die ich kennengelernt habe, Unrecht.

Ich weiß noch, wie ich am ersten Tag erschien, um halb acht Uhr morgens und hochmotiviert, und dann über eine Stunde hilflos wartend im Arztzimmer der mir zugewiesenen Station herumsaß, nicht wagend, nochmals Leute mit meinen Fragen zu belästigen, denn besonders morgens ist ja in Krankenhäusern außerordentlich viel zu tun und alles passiert mehr oder weniger gleichzeitig. Um zwanzig vor neun erschien eine gepflegte Endzwanzigerin, die sich als erstes Pumps mit niedrigen Absätzen anzog und sich entschuldigte, dass sie nichts mit Famulant*innen anfangen könne, weil sie selbst erst drei Monate hier arbeite. Weiters erschien eine andere gepflegte Endzwanzigerin mit blonden Haaren und ein griesgrämig dreinschauender Mittvierziger mit sportlicher Brille; all diese Menschen sahen und sehen so professionell aus, so glattgebügelt, so patient*innenfreundlich, wie Bedienstete im Luftverkehr, nur mit komplizierterer Ausbildung. Ich brauchte eine Weile des schüchternen Herumsitzens und bloß-nicht-im-Weg-sein-wollens, um festzustellen, dass sie sehr wohl Menschen mit richtiger, eckiger Persönlichkeit sind (wenn doch in ihren Haltungen sehr angepasst).

Danach versuchte ich, mir in keinem Patientenzimmer anmerken zu lassen, dass dies meine erste Famulatur war, ich ließ mir alles zeigen und nickte wie eine prüfende Sachverständige, kam mir ein wenig vor wie Kim Jong Un. Dabei tönte in meinem Kopf nur pausenlos: „Das sollst du selber machen? Nie im Leben? Wie funktioniert das? Du hast es dir jetzt schon zehnmal angesehen und noch immer noch begriffen! Aber du musst jetzt! Du musst!“ Blutabnehmen aus der peripheren Vene, Blut abnehmen aus dem ZVK, Blutkulturen mit Vacutainer-System (sterile Dinge aus Plastik verschrauben, größere Stichkanülen), Anforderungsscheine ausfüllen, Aufnahmen machen… Hilfe, Hilfe. Zumindest das Legen von Viggos (also peripheren Venenverweilkanülen) wurde dank Anfängertum (noch) nicht von mir erwartet.

Bei allen anderen Sachen durfte ich nur zusehen, musste aber nicht (wollte aber immer), und so sah ich mehrere ZVK-Anlagen, alle Subclavia, einige Knochenmarkpunktionen, drei Lumbalpunktionen, eine Nasensonden-Anlage (volles Programm mit literweise Erbrochenem), und vier Stammzelltransplantationen, von denen ich die letzte selber machen durfte (ehrlich, es ist nur ein ganz kleines bisschen Luft in den Infusionsschlauch gekommen, und ich habe schnell angehalten, als ich es gesehen habe). Eigentlich sollte ich auch noch eine Knochenmarkpunktion selber machen, aber ich war ohnehin skeptisch, ob ich das schaffe, und ein ungeduldiger Arzt machte dem sowieso einen Strich durch die Rechnung, indem er es selbst tat.

Dazwischen lief ich hilflos hinter den weißbekittelten Menschen her, wenn sie in die Kantine gingen, in der es selten etwas veganes zu essen gab und wenn, dann nur aus Versehen. Ich bin sicher; hätte ich die Küche darauf hingewiesen, dass einige ihrer Gerichte tatsächlich sowohl Fleisch als auch Milch und Ei entbehren…ich hätte beim nächsten Mal Sahne darin gefunden. Beziehungsweise eine kleine 21 in der Allergenliste, für „Milchprodukte und daraus hergestellte Erzeugnisse“. Ich habe am Ende des Monats die Allergenliste der Cafateria besser auswendig gekonnt als die Entwicklungsschritte der hämatopoetischen Zellreihen. In der Kantine sagte ich nichts, es ist schwierig, sich innerhalb von einem Monat in eine Gruppe von Menschen zu integrieren, wenn eins das nichtmal in zweieinhalb Jahren ordentlich schafft.

Und ach, Leute habe ich getroffen…im hoffentlich folgenden nächsten Artikel versuche ich, ein bisschen näher zu beschreiben, einfach so von der Seele, es tut gut, auch wenn niemand es liest.