(cave: Ich schreibe hier von cis-Frauen, weil es um die Anatomie und die körperlichen Schwierigkeiten von cis-Frauen geht. Trans-Frauen und -Männer, Intersex- oder andere Menschen sind diesbezüglich etwas besonderes und ihre medizinische Lage ist noch einmal eine ganz andere, und ja, ich bedaure es, dass in meinem Studium nicht mehr darauf eingegangen wird.)

Ich habe im Studium im Moment das Modul Gynäkologie, und ich habe schon vorher allen erzählt, dass es mich nervt. Es nervt mich, weil so unglaublich viele, überwiegend weibliche, Menschen unbedingt „Gyn“ machen wollen, später, im Berufsleben. Meistens, weil sie den Gedanken toll finden, Babys auf die Welt zu bringen, kaum mehr und kaum weniger. Vielleicht auch, weil sie sich solidarisch fühlen mit Frauen, die körperliche Probleme haben, und den schönen Gedanken hegen, Menschen helfen zu können, die dafür meist auch wirklich dankbar sind. Allerdings wohl hauptsächlich wegen der Babys.

Dazu kommt, dass in den Vorlesungen mehrfach Werbung für die Fachrichtung gemacht wurde und erwähnt, dass keine Ärztin und kein Arzt dazu gezwungen werden könnte, Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen. Dazu habe ich, aus reinem ethischen Interesse, vorher Sachen gelesen, unter anderem das hier, und es wird die Hypothese aufgestellt, dass, um jemals „einen Facharzt“ in der Gynäkologie zu bekommen, das Vornehmen von Schwangerschaftsabbrüchen unumgänglich ist. Das hat den einfachen Grund, dass eine gewisse Zahl von Operationen vorgewiesen werden muss, und diese ist kaum erreichbar, wenn eine Ärztin oder ein Arzt nicht auch bereit ist, dafür auch Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Es kommt mir also vor, als hätten einige Dozentinnen uns in den Vorlesungen diesbezüglich belogen.

Ich bin überzeugt davon, dass Abtreibungen richtig sind, dass schwangere Menschen die Wahl haben sollten und dass das „Menschenrecht“ nicht schon bei der befruchteten Eizelle oder beim Trophoblasten beginnt. Dennoch weiß ich selbst nicht, ob ich einen Schwangerschaftsabbruch durchführen könnte, womöglich auch mehrere am Tag, jeden Tag, ohne mich deswegen schlecht zu fühlen, ohne Skrupel zu haben. Höchwahrscheinlich nicht.

Doch das nur am Rande, denn dieser Punkt ist nur ein weiterer, weshalb ich mich diesem Modul mit gemischten Gefühlen gewidmet habe. Für mich steht ohnehin fest, dass ich nicht in die Gynäkologie gehen werde, denn andere Dinge interessieren mich mehr, daran haben auch diese eineinhalb Wochen Vorlesung nichts ändern können, daran wird wohl auch das noch folgende einwöchige Blockpraktikum nichts ändern.

Es gibt dennoch eine Sache, die sich bei mirgeändert hat; sie betrifft insbesondere ältere und alte Frauen. Schon vorher habe ich, wenn Leute mich fragten, warum ich denn Gyn nicht so toll fände, gern scherzhaft erwidert: Tja, nicht jede Frau ist unter 40, und danach wird es oft sehr faltig, muffelig, und oftmals auch sehr eklig! Es ist nicht aus der Luft gegriffen, dass männliche Menschen, die Gynäkologen werden (insbesondere, wenn sie jung und standardmäßig attraktiv sind), oftmals belächelt werden, dass sie gefragt werden, wie sie denn noch erfüllten hetero-Sex haben könnten, nachdem sie den halben Tag senile Genitalien vor Augen hatten und ihre Finger/Geräte da einführen mussten, blablubb.

Ich denke ungern darüber nach, dass ich vielleicht irgendwann einmal alt werde. Ich habe schon jetzt nicht die perfekte Akzeptanz für meinen Körper entwickelt, obwohl er relativ normschön ist, und ich weiß nicht, wie das später einmal werden wird. Ich habe Angst davor und befürchte, dass sich das noch weiter verschlimmern wird, dass ich den gelegentlichen Ekel vor mir selbst, meinem Körper, meinen Genitalien, im Alter noch verstärkt empfinden werde.

Im Gynäkologie-Modul freuten sich alle auf Babys, Familienplanungsgedöns, Babys und Babys, und letztendlich ging es in den meisten Vorlesungen um die Menopause, um Osteoporose, um Infektionen, Geschlechtskrankheiten, um den Descensus Uteri (d.h. der Uterus rutscht im Becken nach unten, weil das Bindegewebe und die Beckenbodenmuskulatur schwächer werden, er kann Inkontinenz verursachen oder auch ganz aus dem Körper herausfallen), um trockene Schleimhäute, Operationen (insbesondere operative Entbindungen), Dammrisse und -Schnitte, um die Ertastung von Knoten in Brüsten, bei denen annähernd sämtliches Brustdrüsengewebe schon in Bindegewebe umgebaut wurde, um Wucherungen im Uterus und in den Eierstöcken, und um bösartige Tumore. Kurz gesagt: Es war eklig. Gyn ist so ein Modul, wo ich kaum im Zug mit einem Lehrbuch lernen kann, weil ich das Buch nicht aufschlagen kann, wenn eine fremde Person neben mir sitzt. Zumindest nicht, wenn Bilder auf der Seite sind.

Nun schreiben wir übermorgen schon die Klausur, und ich glaube, die meisten in meinem Jahrgang sind inzwischen von der Baby-Illusion befreit. Ich habe auch manchmal ziemlich eindeutig und platt gedacht, dass die Körper von Frauen in vielen Dingen enorm eklig sind und sein können, ich habe mich selbst weiter in dem Entschluss bestärkt, keine leiblichen Kinder haben zu wollen, auch aus Angst vor den Erlebnissen einer Geburt, die für viele doch sehr traumatisierend sind und viel mehr körperliche, unangenehme Folgen haben können, als den meisten bewusst ist. (Zum Beispiel wird bei 35% der „problemlosen“ vaginalen Geburten der Schließmuskel leicht verletzt. Das kann im Alter zu Stuhlinkontinenz führen. Bei einer Frau mit drei Kindern ist es schon Glückssache, das nicht zu bekommen.)

Sehr extrem sind auch die Folgen der Menopause für Frauen. Früher dachte ich, wie wohl die meisten: Menopause bedeutet einige Jahre Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen, danach kein Ärger mehr mit monatlicher Blutung (=Schmerzen, Geschmiere, PMS), hormonelle Ausgeglichenheit, keine Angst mehr vor ungewollter Schwangerschaft. Die Realität „postmentrueller“ Frauen besteht scheinbar viel öfter aus vaginaler Trockenheit, Mikrorissen der Schleimhaut, Infektionen, Schmerzen beim penetrativen Sex, Abbau der Knochendichte mit vielfach erhöhtem Risiko für Knochenbrüche und Wirbelsäulenschäden, Risiko für Brustkrebs und Thrombosen nach Hormonersatztherapie und Depression. Dazu kommt noch, dass der Körper sein Aussehen verändert, Brüste fühlen sich nicht mehr an wie gewohnt, Falten in der Bauchdecke, oft ungewollte Gewichtszunahme durch plötzlich veränderte Stoffwechsellage. Ich habe lange darüber nachgegrübelt, wie es sein kann, dass Frauen so etwas durchmachen müssen, dass es beinahe alle Frauen betrifft, dass sehr, wirklich sehr wenig darüber gesprochen wird. (Inkontinenz im Alter ist ein riesiges Problem bei Frauen, fast die Hälfte ist von irgendeiner Form der Inkontinenz betroffen. Von denen sucht wiederum nicht einmal die Hälfte ärztliche Hilfe, und die meisten erst dann, wenn es schon so schlimm ist, dass gesellschaftliche Teilhabe für sie beinahe unmöglich geworden ist.)

Alte Frauen sind, nachdem ich dieses Gyn-Modul hatte, in meinen Augen ein Haufen voller Probleme. Irgendwann fiel mir dann auf, dass eine postmenopausale Frau evolutionär „nutzlos“ ist. Für die Nachkommen spielt es keine Rolle, wie es einer Frau geht, wenn sie ihren Teil der Fortpflanzung erfüllt hat. Somit ist es für eine Art kein evolutionärer Nachteil, wenn die weiblichen Individuen nach dem Ende ihrer fruchtbaren Lebenszeit schnell körperlich verfallen, oft sehr krank werden und ein Leben führen, das nicht mehr schön ist. Ich habe das Gefühl, dass diese Auffassung so oder so ähnlich auch in den Köpfen vieler Menschen verankert ist. Es gibt weniges, worauf so schamlos herumgehackt werden darf, wie die Körper alter Frauen. (Ich nehme mich da nicht aus, selbst habe ich darüber gelästert, und mittlerweile schäme ich mich dafür.) Wie oft werden Witze gemacht über hängende Brüste, über Sex mit alten Frauen („wie wenn du eine Wurst in einen Flur wirfst“), über sexuell aktive alte Frauen im Allgemeinen („Ieh, darüber will ich gar nicht nachdenken“). Wie lange hat es gedauert, bis die Notwendigkeit von Präparaten erkannt wurde, die die Vaginalflora stabilisieren, nachdem weibliche Hormone diese Aufgabe nichtmehr erfüllen? Wozu sollten alte Frauen überhaupt Sex haben? Sie können doch ohnehin keine Kinder mehr bekommen.

Inzwischen quälen mich viele dieser Gedanken, und das nicht nur, weil ich selber irgendwann eine alte Frau sein werde, sondern auch, weil ich an die Frauen denken muss, die ich kenne, jene, die alt sind und jene, die es gerade werden. (In meiner Generation gehen gerade die meisten Mütter durch die Menopause, es wird fast nie darüber gesprochen und die Familienmitglieder gucken schnell weg, wenn sie im Kühlschrank die Bakterienpräparate oder Vaginalsalben sehen, die da zwischen Marmelade und Senf liegen.) Ich wünsche mir mehr Solidarität mit ihnen, mit ihren Körpern. Ich wünsche mir, dass sie offener über ihre Probleme und Schwierigkeiten reden können, ohne von der Gesellschaft als eklig abgestempelt zu werden. Letztendlich muss ich sagen, dass ich wohl trotzdem nicht Gynäkologie machen will oder werde, aber immerhin hat dieses elende Studiumsmodul mich gelehrt, dass mehr Respekt nötig ist und ein anderer, selbstverständlicherer Umgang mit alten Frauen und allem, was ihre Lebenssituation so an Krankheiten und Schwierigkeiten mit sich bringt. Und: Alte Genitalien sind nicht eklig. Geburten sind viel ekelhafter.