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Schönes #16

Ich habe insgesamt vier Wochen Famulatur gemacht, davon zwei Wochen in der Viszeralchirurgie (Bäuche aufschneiden) und zwei Wochen in der Gynäkologie (Brustkrebs, Gebärmutter- und Eierstockkrebs, Schwangere). Beide Famulaturen waren, um es vorsichtig auszudrücken, ernüchternd. Nach der ersten freute ich mich auf die zweite, doch die hatte eine fast noch schlechtere Bilanz. Ein derart starres Netz von Hierarchien, Geklüngel, Engstirnigkeit und Egozentrik umfängt jede_n, der_die als arbeitende Person diese Bereiche betritt, dass es eins einfängt und eins sich großeMühe geben muss, nicht versehentlich auch noch an der Schinderei mitzuwirken, sei es durch Geläster, unterschwellig gemeine Bemerkungen, den Versuch, andere gegeneinander auszuspielen oder, am schlimmsten, den ganzen Frust an Patient_innen auszulassen (was leider ziemlich häufig vorzukommen scheint).

Vielleicht war es nur Pech. Ich hoffe es. Ich wüsste nicht, wohin mit mir und meinem Wunsch, Ärztin zu werden, wenn ich einsehen müsste, dass mein zukünftiger Arbeitsalltag… so aussehen würde und es kaum eine Chance gibt, irgendwo hinzukommen, wo es anders ist, freundlicher, menschlicher. Wo ein Hinweis einfach nur ein Hinweis ist und nicht ein Verweis mit entsprechendem Vorwurf. Wo die Aussage „das geht jetzt (leider) nicht“ nicht klingt wie „sei still und nerv nicht, wir wollen dich da nicht dabeihaben“. Wo jemand auf Wissbegier nicht reagiert, indem er_sie anderen deutlich macht, sich von der fragenden Person gestört zu fühlen, die immer noch mit im Raum ist. Wo jemand einsieht, dass eins ohne eigene Schuld misinformiert worden ist und etwas daher nicht richtig machen kann, oder noch schlimmer: Wo ein System aus widersprüchlichen Meinungen herrscht, was Arbeitsgewohnheiten betrifft, sodass die lernende Person immer wieder hin- und hergeworfen wird: Befolgst du Anweisungen von A, schnauzt B dich an. Entschuldigst du dich bei B (ohwohl es eigentlich nichts gibt, was du dir hast zuschulden kommen lassen) und änderst deine Arbeitsweise so, dass es B gefällt, kannst du sicher sein, dass kurz darauf A um die Ecke kommt und entsetzt ruft: „Was tust DU denn da!?“. Es ist aussichtslos, darauf zu hoffen, dass A und B untereinander ein klärendes Gespräch bezüglich ihrer divergenten Ansichten führen würden, denn A und B wollen ja dicke Kolleg_innen sein und das Betriebsklima schonen, und du bist nur ein_e dumme_r kleine_r Prantikant_in, da macht es nichts, wenn du einmal zuviel statt einmal zu wenig angeschnauzt wirst.

Ich bin, bis auf die Zeit in Russland, selten so häufig gedemütigt worden.

Ich wurde ganz zu Anfang, an meinem zweiten Tag in der Viszeralchirurgie, vom Chefarzt persönlich gedemütigt, als ich zum ersten Mal bei einer Operation assistieren sollte. Der Chefarzt stand neben mir und trug einen halben Mundschutz. Wer noch nie einen getragen hat: Die Dinger haben vier Bänder (eins an jeder Ecke) und oben ein kleinen, biegsamen, eingearbeiteten Metallsteg. Der gehört nach oben und wird über die Nase gedrückt, sodass der Mundschutz sich dem Nasenrücken anpasst und nicht herunterrutschen kann. Die beiden oberen Bänder und danach die beiden unteren Bänder werden am Hinterkopf zu Schleifen gebunden. (In Kombination mit der großen Schleife der Kopfhaube sieht eins dann ein bisschen aus wie ein Geschenk.)

Nun stand der Chefarzt neben mir und ich konnte seine ganze Nase sehen, mitsamt der Poren und der Nasenhaare. Darunter begann sein Mundschutz, der in seinem Fall wirklich nur ein Mundschutz war. Vor uns lag eine Patientin und war vom Rippenbogen bis zum Venushügel aufgeschnitten, ein Halterahmen spannte ihre Bauchdecke auseinander und ihr Darm lag auf dem Halterahmen, damit im Bauchraum mehr Platz war. Ich war ein bisschen fassungslos, wie jemand einfach munter aus der Nase in diesen Bauch hineinatmen konnte. Der Chefarzt wirkte nicht irritiert. (Manchmal, wenn etwas juckt oder verrutscht und eins sich selbst nicht kratzen kann, weil eins ja steril ist, dann kommt jemand von der OP-Pflege und kratzt, oder rückt die Brille gerade.) Ich stand und stand und wusste nicht, was ich zu ihm sagen sollte; schließlich entschied ich mich für ein bescheidenes „Entschuldigen Sie, Professor, ich glaube (!); ihr Mund-Nasenschutz (!) ist…ähm…heruntergerutscht.“ (Das war das einzige Mal, dass ich jemand mit Prof.-Titel auch tatsächlich mit solchem angesprochen habe, ich hasse diese Schleimerei und Titelgeilheit wie die Pest…)

Der Chefarzt sagte erst nichts. Dann sagte er, geradeaus blickend: „Aha. Ja…dankeschön.“ Er blickte zum Oberarzt, der mit am Tisch stand, und beide…kicherten, wie alte Männer eben kichern, eher ein Schnauben, stimmlos, aber unüberhörbar. Der Rest der OP verlief in sturem Wir-ignorieren-die-Praktikantin-Modus, irgendwann wurde ich dann glücklicherweise auch beinahe-ohnmächtig (wie es mir bei OPs so oft passiert) und trat vom OP-Tisch ab. Die nächsten Male, die ich mit dem Chefarzt operieren durfte musste, traute ich mich nicht mehr, das Thema anzusprechen. Stattdessen fragte ich eine Assistenzärztin auf Station sehr schüchtern danach. Sie druckste herum. Ihr war anzumerken, dass sie beinahe auf Spott gegen mich ausgewichen wäre, um das Thema nicht zu besprechen. Sie entschied sich dann für ein wie-selbstverständlich-klingendes: „Tja, das ist eben einfach seine Art.“ Damit war die Sache für sie beendet.

Letzten Endes war es mein Vater, der tatsächlich einmal eine hilfreiche Idee hatte, und so rief ich die Hygienebeauftragte der Uniklinik an schob ich es zwei Wochen vor mir her, bei der Hygienebeauftragten der Uniklinik anzurufen, um nach dem Ende der Famulatur den Chefarzt persönlich anzuschwärzen.

Heute habe ich es endlich getan. Ich war sehr unsicher, telefonierte mit mehreren Personen, erzählte allen zu ausführlich mein Problem, um dann weiterverwiesen zu werden (so eine Uniklinik ist groß). Hier schließt sich der Kreis zum Titel des Beitrags, und nach all dem Elend komme ich doch noch zum Wesentlichen: Ich habe es geschafft, mit der Hygienebeauftragten, die selbst studierte Medizinerin ist, zu sprechen, und fand bei ihr zwei sehr offene Ohren für dieses so banal wirkende Problem. Sie redete sehr lange über die verfehlte Vorbildfunktion dieses Professors, über „grundlegende Hygienestandards am Situs“ (= OP-Feld = offene_r Patient_in), über „Patientenschutz“, über das Alter dieses Chefarztes und die Ansicht solcher Männer (denn solche sind es beinahe immer: 1. alte 2. Männer; ich habe noch nie eine weibliche Chefärztin erlebt), sie seinen „Halbgötter in weiß“ und seien so gut, dass sie „auch locker einen Kaiserschnitt auf einer Kuhwiese durchführen könnten“.

(Das erinnerte mich an den Famulaturbericht zweier Mitstudenten, die in Indonesien waren und auch berichteten, dass dort ohne Mundschutz operiert werde. Was wohl daran liegt, dass Indonesien schlechte medizinische Standards hat und solche Dinger vielleicht gar nicht vorhanden waren. Hier ist es dasselbe, basierend auf der Arroganz eines alten Mannes.)

Ich telefonierte Die Hygienebeauftragte telefonierte eine halbe Stunde mit mir (ich sagte meistens nur: hm, ja…) und regte sich kräftig über alles auf, und es war Balsam für meine Seele. Nachdem wir aufgelegt hatten, war ich auf eine Art froh und erleichtert, als hätte das meine ganzen deprimierenden Erlebnisse der letzten Wochen ein wenig relativiert, allein durch das Wissen, dass ich nicht nur überempfindlich bin, und dass das System wirklich ein Scheißsystem ist. Zuletzt kündigte sie an, unabhängige Kommissionen „wie zufällig“ die OP-Säle der Viszeralchirurgie inspizieren zu lassen, die Statistiken der Wundinfektionen einzusehen und den ärztlichen Direktor, der der direkte Vorgesetzte der Chefärzte ist, in Kenntnis zu setzen, und ich war ziemlich baff, was ich gerade bewirkt hatte nur mit einem Anruf wegen eines Mundschutzes.

Ich weiß noch, zuletzt sagte sie, dass dieses System sich selbst überhole, dass es solche Formen von Hierarchie und damit verbundener Arroganz nicht mehr allzu lange geben könne und dürfe, dass die Dinge sich ändern würden… und dass ich das im Laufe meines Berufslebens wohl noch erleben würde.

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Frauenkörper

(cave: Ich schreibe hier von cis-Frauen, weil es um die Anatomie und die körperlichen Schwierigkeiten von cis-Frauen geht. Trans-Frauen und -Männer, Intersex- oder andere Menschen sind diesbezüglich etwas besonderes und ihre medizinische Lage ist noch einmal eine ganz andere, und ja, ich bedaure es, dass in meinem Studium nicht mehr darauf eingegangen wird.)

Ich habe im Studium im Moment das Modul Gynäkologie, und ich habe schon vorher allen erzählt, dass es mich nervt. Es nervt mich, weil so unglaublich viele, überwiegend weibliche, Menschen unbedingt „Gyn“ machen wollen, später, im Berufsleben. Meistens, weil sie den Gedanken toll finden, Babys auf die Welt zu bringen, kaum mehr und kaum weniger. Vielleicht auch, weil sie sich solidarisch fühlen mit Frauen, die körperliche Probleme haben, und den schönen Gedanken hegen, Menschen helfen zu können, die dafür meist auch wirklich dankbar sind. Allerdings wohl hauptsächlich wegen der Babys.

Dazu kommt, dass in den Vorlesungen mehrfach Werbung für die Fachrichtung gemacht wurde und erwähnt, dass keine Ärztin und kein Arzt dazu gezwungen werden könnte, Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen. Dazu habe ich, aus reinem ethischen Interesse, vorher Sachen gelesen, unter anderem das hier, und es wird die Hypothese aufgestellt, dass, um jemals „einen Facharzt“ in der Gynäkologie zu bekommen, das Vornehmen von Schwangerschaftsabbrüchen unumgänglich ist. Das hat den einfachen Grund, dass eine gewisse Zahl von Operationen vorgewiesen werden muss, und diese ist kaum erreichbar, wenn eine Ärztin oder ein Arzt nicht auch bereit ist, dafür auch Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Es kommt mir also vor, als hätten einige Dozentinnen uns in den Vorlesungen diesbezüglich belogen.

Ich bin überzeugt davon, dass Abtreibungen richtig sind, dass schwangere Menschen die Wahl haben sollten und dass das „Menschenrecht“ nicht schon bei der befruchteten Eizelle oder beim Trophoblasten beginnt. Dennoch weiß ich selbst nicht, ob ich einen Schwangerschaftsabbruch durchführen könnte, womöglich auch mehrere am Tag, jeden Tag, ohne mich deswegen schlecht zu fühlen, ohne Skrupel zu haben. Höchwahrscheinlich nicht.

Doch das nur am Rande, denn dieser Punkt ist nur ein weiterer, weshalb ich mich diesem Modul mit gemischten Gefühlen gewidmet habe. Für mich steht ohnehin fest, dass ich nicht in die Gynäkologie gehen werde, denn andere Dinge interessieren mich mehr, daran haben auch diese eineinhalb Wochen Vorlesung nichts ändern können, daran wird wohl auch das noch folgende einwöchige Blockpraktikum nichts ändern.

Es gibt dennoch eine Sache, die sich bei mirgeändert hat; sie betrifft insbesondere ältere und alte Frauen. Schon vorher habe ich, wenn Leute mich fragten, warum ich denn Gyn nicht so toll fände, gern scherzhaft erwidert: Tja, nicht jede Frau ist unter 40, und danach wird es oft sehr faltig, muffelig, und oftmals auch sehr eklig! Es ist nicht aus der Luft gegriffen, dass männliche Menschen, die Gynäkologen werden (insbesondere, wenn sie jung und standardmäßig attraktiv sind), oftmals belächelt werden, dass sie gefragt werden, wie sie denn noch erfüllten hetero-Sex haben könnten, nachdem sie den halben Tag senile Genitalien vor Augen hatten und ihre Finger/Geräte da einführen mussten, blablubb.

Ich denke ungern darüber nach, dass ich vielleicht irgendwann einmal alt werde. Ich habe schon jetzt nicht die perfekte Akzeptanz für meinen Körper entwickelt, obwohl er relativ normschön ist, und ich weiß nicht, wie das später einmal werden wird. Ich habe Angst davor und befürchte, dass sich das noch weiter verschlimmern wird, dass ich den gelegentlichen Ekel vor mir selbst, meinem Körper, meinen Genitalien, im Alter noch verstärkt empfinden werde.

Im Gynäkologie-Modul freuten sich alle auf Babys, Familienplanungsgedöns, Babys und Babys, und letztendlich ging es in den meisten Vorlesungen um die Menopause, um Osteoporose, um Infektionen, Geschlechtskrankheiten, um den Descensus Uteri (d.h. der Uterus rutscht im Becken nach unten, weil das Bindegewebe und die Beckenbodenmuskulatur schwächer werden, er kann Inkontinenz verursachen oder auch ganz aus dem Körper herausfallen), um trockene Schleimhäute, Operationen (insbesondere operative Entbindungen), Dammrisse und -Schnitte, um die Ertastung von Knoten in Brüsten, bei denen annähernd sämtliches Brustdrüsengewebe schon in Bindegewebe umgebaut wurde, um Wucherungen im Uterus und in den Eierstöcken, und um bösartige Tumore. Kurz gesagt: Es war eklig. Gyn ist so ein Modul, wo ich kaum im Zug mit einem Lehrbuch lernen kann, weil ich das Buch nicht aufschlagen kann, wenn eine fremde Person neben mir sitzt. Zumindest nicht, wenn Bilder auf der Seite sind.

Nun schreiben wir übermorgen schon die Klausur, und ich glaube, die meisten in meinem Jahrgang sind inzwischen von der Baby-Illusion befreit. Ich habe auch manchmal ziemlich eindeutig und platt gedacht, dass die Körper von Frauen in vielen Dingen enorm eklig sind und sein können, ich habe mich selbst weiter in dem Entschluss bestärkt, keine leiblichen Kinder haben zu wollen, auch aus Angst vor den Erlebnissen einer Geburt, die für viele doch sehr traumatisierend sind und viel mehr körperliche, unangenehme Folgen haben können, als den meisten bewusst ist. (Zum Beispiel wird bei 35% der „problemlosen“ vaginalen Geburten der Schließmuskel leicht verletzt. Das kann im Alter zu Stuhlinkontinenz führen. Bei einer Frau mit drei Kindern ist es schon Glückssache, das nicht zu bekommen.)

Sehr extrem sind auch die Folgen der Menopause für Frauen. Früher dachte ich, wie wohl die meisten: Menopause bedeutet einige Jahre Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen, danach kein Ärger mehr mit monatlicher Blutung (=Schmerzen, Geschmiere, PMS), hormonelle Ausgeglichenheit, keine Angst mehr vor ungewollter Schwangerschaft. Die Realität „postmentrueller“ Frauen besteht scheinbar viel öfter aus vaginaler Trockenheit, Mikrorissen der Schleimhaut, Infektionen, Schmerzen beim penetrativen Sex, Abbau der Knochendichte mit vielfach erhöhtem Risiko für Knochenbrüche und Wirbelsäulenschäden, Risiko für Brustkrebs und Thrombosen nach Hormonersatztherapie und Depression. Dazu kommt noch, dass der Körper sein Aussehen verändert, Brüste fühlen sich nicht mehr an wie gewohnt, Falten in der Bauchdecke, oft ungewollte Gewichtszunahme durch plötzlich veränderte Stoffwechsellage. Ich habe lange darüber nachgegrübelt, wie es sein kann, dass Frauen so etwas durchmachen müssen, dass es beinahe alle Frauen betrifft, dass sehr, wirklich sehr wenig darüber gesprochen wird. (Inkontinenz im Alter ist ein riesiges Problem bei Frauen, fast die Hälfte ist von irgendeiner Form der Inkontinenz betroffen. Von denen sucht wiederum nicht einmal die Hälfte ärztliche Hilfe, und die meisten erst dann, wenn es schon so schlimm ist, dass gesellschaftliche Teilhabe für sie beinahe unmöglich geworden ist.)

Alte Frauen sind, nachdem ich dieses Gyn-Modul hatte, in meinen Augen ein Haufen voller Probleme. Irgendwann fiel mir dann auf, dass eine postmenopausale Frau evolutionär „nutzlos“ ist. Für die Nachkommen spielt es keine Rolle, wie es einer Frau geht, wenn sie ihren Teil der Fortpflanzung erfüllt hat. Somit ist es für eine Art kein evolutionärer Nachteil, wenn die weiblichen Individuen nach dem Ende ihrer fruchtbaren Lebenszeit schnell körperlich verfallen, oft sehr krank werden und ein Leben führen, das nicht mehr schön ist. Ich habe das Gefühl, dass diese Auffassung so oder so ähnlich auch in den Köpfen vieler Menschen verankert ist. Es gibt weniges, worauf so schamlos herumgehackt werden darf, wie die Körper alter Frauen. (Ich nehme mich da nicht aus, selbst habe ich darüber gelästert, und mittlerweile schäme ich mich dafür.) Wie oft werden Witze gemacht über hängende Brüste, über Sex mit alten Frauen („wie wenn du eine Wurst in einen Flur wirfst“), über sexuell aktive alte Frauen im Allgemeinen („Ieh, darüber will ich gar nicht nachdenken“). Wie lange hat es gedauert, bis die Notwendigkeit von Präparaten erkannt wurde, die die Vaginalflora stabilisieren, nachdem weibliche Hormone diese Aufgabe nichtmehr erfüllen? Wozu sollten alte Frauen überhaupt Sex haben? Sie können doch ohnehin keine Kinder mehr bekommen.

Inzwischen quälen mich viele dieser Gedanken, und das nicht nur, weil ich selber irgendwann eine alte Frau sein werde, sondern auch, weil ich an die Frauen denken muss, die ich kenne, jene, die alt sind und jene, die es gerade werden. (In meiner Generation gehen gerade die meisten Mütter durch die Menopause, es wird fast nie darüber gesprochen und die Familienmitglieder gucken schnell weg, wenn sie im Kühlschrank die Bakterienpräparate oder Vaginalsalben sehen, die da zwischen Marmelade und Senf liegen.) Ich wünsche mir mehr Solidarität mit ihnen, mit ihren Körpern. Ich wünsche mir, dass sie offener über ihre Probleme und Schwierigkeiten reden können, ohne von der Gesellschaft als eklig abgestempelt zu werden. Letztendlich muss ich sagen, dass ich wohl trotzdem nicht Gynäkologie machen will oder werde, aber immerhin hat dieses elende Studiumsmodul mich gelehrt, dass mehr Respekt nötig ist und ein anderer, selbstverständlicherer Umgang mit alten Frauen und allem, was ihre Lebenssituation so an Krankheiten und Schwierigkeiten mit sich bringt. Und: Alte Genitalien sind nicht eklig. Geburten sind viel ekelhafter.

Ich begann im August mit der Arbeit und wurde von einer MTA eingearbeitet, die mir auch jetzt noch immer hilft, wenn ich mal wieder ein Protokoll verlegt habe oder Proben im Kühlschrank nicht finde, die mir nebenbei von ihren Kindern, ihrem Freund und ihrer Schwangerschaft erzählt und mir anbietet, Möbel von ihrem Dachboden zu kriegen, wenn ich mal umziehe.

Zunächst begannen wir mit DNA-Aufarbeitung aus Blut. Dafür werden regelmäßig Blutproben genommen von Patient_innen, die Leukämie haben oder hatten und denen Stammzellen von Fremdspender_innen transplantiert wurden. Diese müssen dann mit einer Reihe von Chemikalien behandelt werden, um die Zellen zu zerstören und die Chromosomen freizusetzen. Dann wird das über eine spezielle Membran zentrifugiert. Durch den Druck werden die Zellreste nach außen geschleudert, während nur die DNA chemisch in der Membran festgehalten wird.

Alles in allem dauert dieser Vorgang etwa drei Stunden (vom Raussuchen der Proben bis zum Wegsortieren der fertigen DNA), doch die Zeit verlängert sich enorm, wenn viele Blutproben gleichzeitig bearbeitet werden. Ich sitze dabei an einem Abzug, also einer Arbeitsfläche hinter einer Glasscheibe, unter der nur meine Arme durchpassen. Im Chemieunterricht in der Schule hatten wir das auch, aber da ging es nur darum, dass nichts giftiges zu uns kommt. Hier ist das Ziel eher, dass keine Verunreinigungen aus der Umwelt zu den Proben kommen. Die Luft wird also nicht einfach abgezogen, sondern im Kreis gepustet und dabei gefiltert, sodass immer eine Luftschranke an der Öffnung der Glasscheibe ist. Ich trage Kittel und Handschuhe und darf mich nicht am Kopf kratzen, weshalb mein Kopf immer ganz furchtbar zu jucken beginnt.

Wenn ich fertig bin, muss ich messen, wieviel DNA tatsächlich in der Pufferlösung schwimmt, die ich da habe. Das tut ein kleines Gerät, das die DNA-Probe durchleuchtet und mir die Konzentration in Nanogramm DNA pro Mikroliter Flüssigkeit angibt. (Ich habe keine Ahnung, wie es das tut…)

Die DNA, die ich dann habe, kommt zum Teil von der Person selbst und zum Teil ist es DNA des Spenders_der Spenderin, deren Blutstammzellen im Körper des Menschen sind. Im Idealfall sollte es 100% Spender_innen-DNA sein. Wenn ein Teil vom Patienten_der Patientin selbst kommt, kann es sein, dass es Leukämiezellen sind, also Krebszellen, die wieder auf dem Vormarsch sind. Aus diesem Grund muss das Verhältnis der verschiedenen Zellen bzw. der DNA zueinander gemessen werden, um zu sehen, wann auf einmal der Empfänger_innen-Anteil rasch ansteigt.

Zum Vergleich habe ich Standard-DNA, die aus Fertig-Zellreihen hergestellt wurde. Solche Zellreihen können im Internet bestellt werden. Die Standard-DNA ist in bestimmten Verhältnissen gemischt, also 100% A/0% B, 10% A/90% B, 1% A/ 99% B, und so weiter bis 0,0001% A/99,999% B, immer logarithmisch.

Das Ganze wird dann gemessen in einem PCR-Gerät. Ich nehme meine DNA und gebe sie zu einem Gemisch aus DNA-Bausteinen, Primern (die zeigen an, welche Stelle der DNA vervielfältigt werden soll), einer Probe (die fluoresziert, wenn die DNA vervielfältigt wird) und Polymerase, das ist das Enzym, das an der DNA entlangwandert und neue Bausteine dazubastelt.

Im PCR-Gerät werden die DNA-Doppelstränge durch Hitze getrennt, und in einer Abkühlphase danach werden die einzelnen Stränge wieder zu Doppelsträngen ergänzt, mit Hilfe der Bausteine. Das wiederholt sich 44 Mal, danach sind die Bausteine aufgebraucht, die Polymerase ist durch die Hitze ziemlich kaputt das Ganze hat keinen Sinn mehr… Und anders als die alte Technik kann mein cooles Gerät die Menge der DNA in Echtzeit messen. Zu jedem Zeitpunkt jedes Zyklus (Erhitzen & Abkühlen) kann es mir sagen, wieviel DNA gerade da war. Das Ganze sieht dann etwa so aus:

Jede Kurve ist eine DNA-Probe. Anfangs passiert nicht viel, dann schnellt die Vervielfältigung der DNA in die Höhe, schließlich flacht es sich ab, denn…wie gesagt, alles geht zum Schluss kaputt. Wenn die Konzentration der DNA von Anfang an niedriger ist (z.B. nur 0,1% statt 1% oder 10%), dann kommt die Kurve später, steht also weiter rechts in der Graphik. Jede Kurve ist eine Standardkonzentration im logarithmischen Schema. Im Idealfall sind sie alle gleich weit voneinander entfernt (oder auch: 3,33 Zyklen).

Durch die Primer kann ich bestimmen, dass nur DNA vervielfältigt werden soll, die auch zum Patienten_zur Patientin gehört. Diese ist dann positiv und die des Spenders_der Spenderin ist negativ. Und gemessen an den Standards brauche ich das Ganze dann nur noch in eine Excel-Tabelle einzutragen, die mir ausrechnet, wieviel Prozent Patient_innen-DNA ich habe. Im Prinzip kann ich es auch schon an den Kurven sehen. Wenn die Patient_innenkurve genau über der 1%-Kurve des Standards liegt, dann weiß ich, das der Patient_die Patientin zu dem Zeitpunkt auch genau 1% eigene Zellen im Blut hatte. Natürlich kann das Programm es besser als ich mit den Augen. Ich kann das nicht auf 10 Nachkommastellen erkennen.

So also funktioniert mein Projekt. In etwa. Also, es gibt noch ein paar Dinge, die ich nicht erwähnt habe und die dazugehören, aber die sind eher wichtig für die Ergebnisse, und hier erklärt habe ich das Prinzip an sich 🙂

Wahrscheinlich ist es total unverständlich. Ich freue mich nur immer, wenn Leute irgendwann sagen: „Okay, das habe ich vielleicht irgendwie verstanden!“, und es nicht einfach nur schnarchlangweilig finden. Und falls sich wirklich jemand dafür interessiert, schwafele ich auch gerne noch ein bisschen weiter über Details…

Denn vielleicht, und wir wollen das auch klinisch ausprobieren, kann dieses Prinzip wirklich in Zukunft helfen, dass Leukämiepatient_innen nach einer Stammzelltransplantation nicht so oft einen Rückfall bekommen. Mal sehen.

 

 

Ich habe eigentlich wirklich Lust, von meiner angefangenen Promotion zu erzählen, auch auf die Gefahr hin, dass es ausschließlich langweilig wird. Vielleicht, weil ich mich immer noch irgendwie privilegiert fühle, dass ich diese, tatsächlich diese Stelle bekommen habe, weil ich scheinbar die einzige Person auf der großen weiten Welt bin, die das spannend findet. Abgesehen von meinem Doktorvater, allerdings wundere ich mich manchmal ohnehin, ob er der menschlichen Spezies angehört, oder ob er irgendwann einer Zellkultur entstiegen ist, die mit Eppstein-Bahr-Viren behandelt wurde, um ihr Superkräfte zu verleihen.

Ich habe diese Stelle nun seit über einem einem Jahr sicher, und seit über einem dreiviertel Jahr arbeite ich hier jeden Tag, und ich habe noch nie wirklich darüber gebloggt. Anfangs war alles noch so unsicher: Ich erfuhr von einem Programm zur Promotion für Mediziner_innen, das an meiner Uni angeboten wird, dann erfuhr ich noch ein wenig mehr, ich schleppte eine arme, unbeteiligte Person zu einer schnarchlangweiligen Infoveranstaltung, ich traute mich nicht. Damals nahm ich psychologische Beratung für Studierende in Anspruch und der innere Widerspruch aus Faszination und grandioser Angst führte dazu, dass ich eine ganze Stunde lang mit der Psychologin in ihrem Büro saß und lamentierte, Flyer für Bewerbungstraining durchging und aus dem Fenster sah. (Nach den Stunden bei ihr erinnere ich mich am allerbesten eigentlich an den Blick aus dem Fenster, das ging mir bei der „echten“ Psychotherapie auch so, ich muss wirklich eine dämliche Art der Gesprächsführung haben.)

Ich bewarb mich auf letzten Drücker und sehr unorganisiert. Mein Mitbewohner musste, von mir telefonisch gesteuert, mein Zimmer auf den Kopf stellen und meine Physikums-Bescheinigung finden, einscannen und mir schicken, weil ich sie vergessen hatte, bevor ich für einen Monat wegfuhr. So schaffte ich es gerade noch rechtzeitig, vor der Deadline meine Unterlagen einzureichen. Es stellte sich heraus, dass das gar nicht nötig gewesen wäre, denn alle Bewerber_innen wurden  ohnehin ins Programm aufgenommen und der wirklich schwierige Teil kam erst noch, denn die Aufteilung auf die Projekte inklusive persönlichen Anschreibens der Projektleiter_innen war nun ganz unsere eigene Sache. Ich schrieb pauschal alle an, die hämato-onkologische Projekte anboten, sich also mit Blutkrebs, Lymphdrüsenkrebs und Knochenmark- bzw. Stammzelltransplantation und den entsprechenden Folgen beschäftigten. Einige antworteten nicht, zweimal wurde ich um ein persönliches Treffen gebeten.

Das erste Treffen fand an einem Samstag statt, die Klinik war ziemlich leer, ich hatte das einzig vorzeigbare angezogen, was in meinem Schrank lag und war dann aber mit dem Fahrrad gefahren, sodass ich ziemlich außer Atem ankam. Ich kannte die Wegbeschreibung zu der Station, in die ich musste, und hatte eine Telefonnummer in der Tasche, die ich anrief, als die Tür nicht aufging. Die nächsten zwei Stunden verbrachte ich mit Nicken und „mh-mh“-sagen, denn dieser Mensch war furchtbar begeistert von allem, was mit seiner Forschung zu tun hatte. Ich versuchte, ein paar zumindest schlau klingende Fragen zu stellen und verließ die Station nach sehr langer Zeit mit zwei Pulikationen in den Händen und einem ganz guten Grundgefühl, gemischt mit dem Eindruck, dass der Mensch eher Werbung für sein Projekt gemacht hatte, dabei hätte doch eigentlich ich Werbung für mich machen sollen.

Das zweite Treffen begann damit, dass ich den Ort nicht fand und, nachdem ich die Projektleiterin persönlich dazu bringen musste, mich von woanders abzuholen, nicht wusste, was ich über mich selbst erzählen sollte. Das Gespräch fand statt mit ihr und einer anderen wissenschaftlichen Mitarbeiterin, mir wurde mitgeteilt, wieviel Wert auf die „Atmosphäre“ im Labor gelegt wird und dass die „Persönlichkeit der Bewerber“ (sic) sehr ernst genommen wurde, dass englisch die Grundsprache sei und die „bisherigen Doktoranden“ das aber nach einer Weile ganz gut hingekriegt hätten. Ich bewundere diese Frau dafür, wie sie sich einer Person gegenüber, die sie eigentlich nicht leiden mochte, so betont freundlich verhalten konnte.

Ich merke hier, ich schreibe sehr parteiisch und vorhersehbar. Alle anderen Menschen in meinem Jahrgang erzählten sich gegenseitig, wieviele Labore und Projekte sie schon angeschaut hätten und noch anzuschauen gedachten, und ich wollte eigentlich nur das erste Projekt, das ich angeschaut hatte und hatte gar keine Lust, noch andere Projekte anzuschreiben und um einen Termin zu bitten. Dennoch überwand ich mich und mailte an die Leiterin des zweiten Projekts, dass es mir sehr gut gefallen hätte und ich mich freuen würde, dort Doktorandin zu sein, nur weil ich Torschlusspanik hatte und befürchtete, im schlimmsten Fall sonst ganz ohne Projekt dazustehen.

Ich wurde glücklicherweise nicht genommen. Stattdessen folgte ein zweites Treffen im ersten Projekt, bei dem ich nicht so recht wusste, wie ich die Klippe der Entscheidungsnotwendigkeit diplomatisch umschiffen sollte und aus Hilflosigkeit recht deutlich wurde. Also erzählte ich vom anderen Projekt und sagte: „Die wollen sich schon bis zum Ende dieser Woche entscheiden, aber eigentlich mag ich dieses Projekt lieber. Ich muss denen eine Rückmeldung geben. Also wenn sie mich nehmen, dann sage ich denen ab.“

Im Nachhinein war das etwas peinlich, denn irgendwie war ich wohl sowieso schon als Doktorandin in diesem Projekt gehandelt worden und hatte das falsch verstanden, als ich dachte, das zweite Treffen sei eine Art Stichwahl oder so. Somit war die Erkenntnis, dass ich nun wirklich ein Projekt hatte, erst im Nachhinein ein freudiges Feuerwerk und im ersten Moment eher Verwirrung.

So begann ich mit diesem Projekt, es war recht seltsam. Ich weiß noch immer nicht, ob ich gut war oder Glück hatte und zu welchen Anteilen beides ein Faktor war…

Unordnung

Äußerlich ist hier derzeit alles unordentlich. Überall liegen Dinge, die eigentlich an andere Orte gehören. Ich finde manches nicht und vermeide es auch, danach zu suchen, aus der Befürchtung heraus, es könnte unwiederbringlich weg sein. Es ist nicht schmutzig, nur chaotisch.

Die Dunkelheit ist allgegenwärtig, was die Tage kurz erscheinen lässt und das Gefühl mit sich bringt, zur Dämmerung sei der Tag an sich vorbei und alle wichtigen Aufgaben müssten ohnehin auf morgen verschoben werden. So bin ich enorm unproduktiv, mehr noch als sonst. Erstaunlich ist, dass das alles mit einer erstaunlich stabilen Stimmung vor sich geht. Die Winterdepression, die normalerweise mit dem Januar kommt und erst im April wieder wirklich verschwindet, ist seltsamerweise ausgeblieben. Die tägliche kühle Luft nimmt mein Organismus gleichmütig hin, ich stapfe mit den Händen in den Taschen meiner großen blauen Jacke (Geburtstagsgeschenk 2012) den Weg von zu Hause zur Bushaltestelle, um zur Uniklinik zu fahren, jeden Tag. Ich bin jetzt ein Mensch mit einem beinahe regulären Job, zumindest für eine gewisse Zeit. Ich stehe auf, dusche, esse, was da ist und mache mich auf den Weg. Jeden Tag, seit über einem halben Jahr, und es ist das erste Mal im Leben, dass ich das tue.

Noch immer mag ich meine Arbeit, und auch das ist ein gutes Zeichen. Dazwischen mischen sich allerdings inzwischen die ersten Versagensängste was, wenn du am Ende das Schreiben nicht hinkriegst und dann ist alles ruiniert und Unsicherheiten du schaffst es nicht, genügend Referenzen zu beschaffen und auch noch zu ordnen bis hin zu spontaner, irrationaler Panik inzwischen machen andere irgendwo auf der Welt genau dasselbe wie du und sind damit schneller/erfolgreicher, doch eigentlich weiß ich: Irgendwie auf Biegen und Brechen, werde ich promovieren. Und meinem Doktorvater ein gut organisiertes, zum Weiterarbeiten geeignetes Projekt hinterlassen, das werde ich sowieso.

Gleichzeitig raubt mir diese Beschäftigung, und das war wohl auch zu merken, etwas den Reichtum an Worten. Obgleich es schön ist, laugt es auch aus. Ich bin kein Franz Kafka, der täglich einer drögen, ungeliebten Arbeit nachging und dann abends/nachts prosaische Meisterwerke verfasste (trotz Schreibblockaden). Wenn ich heimkomme, möchte ich die Schuhe von den Füßen streifen, den BH/Binder ausziehen (wenn ich sowas mal trage), ins Bett kriechen und den Rest des Abends konsumierend vor meinem Computer verbringen. Ich weiß, dass ein Großteil meiner Kolleg_innen das auch so handhabt, und kann es sehr gut verstehen. Es ist eine Art Tanken, nur dass es lange dauert. Sich zum Schreiben zwingen? Wie soll das funktionieren bei einer Person, die sich nicht einmal zwingen kann, aufzuräumen oder regelmäßig zu kochen?

Und so liegt mein Schreiben derzeit brach. Es ist nur eine Phase, sage ich mir. Es wird vorübergehen, solche Dinge gehen einfach vorüber, alles ändert sich und mit der einen oder anderen unbemerkten Veränderung wird auch das zurückkehren. Gedanken werden um andere Dinge kreisen als nur um Praktisches. Es wird wieder mehr Selbstmitleid hinzukommen, das einen natürlichen Faktor fürs Schreibenkönnen darstellt. Bis dahin wird Unordnung sein in allen Medien, in denen ich sporadisch aktiv bin. Und ein wenig Leere.

Denn das mag eine peinliche, aber für mich nicht abstreitbare Tatsache sein: Um die Schreiblust (manchmal eher Scheibwut) entwickeln zu können, die ich manchmal verspüre und auch brauche, ist Trauer eine Art Voraussetzung. Das bedeutet, ich brauche einen Teil Trauer, um mich „richtig“ fühlen zu können. Ohne diese Trauer ist zwar alles mehr oder weniger in Ordnung, aber ich bin nicht so ganz ich selbst. Wie soll mensch da ein „schönes Leben“ anpeilen können?

Ich könnte also sagen, dass das Blog und die Schreiberei allgemein derzeit etwa so aussieht:

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Wobei ich doch so sehr hoffe, es irgendwann, durch den ein oder anderen Einfluss, mehr zu so etwas zu bringen:

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Möge das Chaos also mit uns sein.

Patient_innen

Hach, ich bin so professionell geworden – zumindest kann ich ansatzweise so tun, als ob.

Eigentlich wollte ich damit herausplatzen, dass ich tatsächlich glaube, so etwas wie ein “Steckenpferd” gefunden zu haben, ein Fachgebiet, von dem ich nicht immer nur leer rede, sondern das mich wirklich interessiert. Ein Monat ist vergangen, seit ich wieder Uni habe, es stehen schon wieder Prüfungen an, ich werde wie immer schlecht abschneiden (falls ich sie überhaupt bestehe), und ich fürchtete schon, alles zu vergessen, was ich noch erzählen wollte.

Ob es nicht schlimm sei, mit Krebspatien_innen zu tun zu haben. (Natürlich sagen alle nur “Patienten”, genauso wie konsequent “Ärzte” und “Schwestern” gesagt wird. Oh ja, inmitten all des verwirrenden Fortschritts der Sprache steht die Medizin als eine der letzten Bastionen, in denen noch jede_r ungestraft und selbstverständlich diskriminieren darf.) Dann sage ich meistens, dass es eigentlich nicht schlimm war, meistens. Vielleicht bin ich so gefühlskalt, vielleicht auch wie geschaffen für den Umgang mit leidenden Menschen, vielleicht hängt auch beides miteinander zusammen; das wäre mir am unangenehmsten. Vielleicht lag es auch nur an der freundlichen Atmosphäre, die mir entgegenwehte wie die Luft aus einem Fön, dass alles andere mir nicht so schlimm vorkam.

Die Selbstverständlichkeit, mit der das Leiden dieser fast 20 Menschen behandelt wurde, war so eine “aus Gewohnheit”. Es gibt diesen festen Horizont von therapeutischen Möglichkeiten, und danach ist eben das Repertoire erschöpft, da kann eben nichts getan werden, und dies schien beiden Seiten bewusst zu sein und wurde auch nicht angezweifelt. Vielleicht mag ich das so sehr, dass es recht feste Schemata gibt, und wenn Entscheidungen anfallen, muss eins sie nicht immer ganz allein treffen. Wenn Fehler passieren, hat das meist eher mit Vergessen oder mangelnder Kommunikation zu tun. Und dennoch ist es keine kalte Stimmung, die herrscht, die Menschen werden nicht wie am Fließband abgefertigt, irgendwo ist da doch immer Sorge um sie.

Eine Ärztin sagte einmal auf dem Weg zum Mittagessen, dass sie morgens aufwacht und überlegt, was sie heute mit welchen Patienten machen muss; dass sie das eigentlich nervt. An einem ruhigen Tag bekamen wir Besuch von einer, die lange auf “meiner” Station gearbeitet hatte, die Zeit hatte und einfach vorbeikam, dann saßen sie zu dritt am Computer und guckten im Intranet alle Patienten nach, die sie kennen und die gerade auf Intensiv liegen. Ob sie noch leben, und wenn ja, ob sie noch intubiert sind. In der Hämatoonkologie kommen und gehen die Menschen, sie sind wie Bumerangs. Wenn ich länger geblieben wäre, hätte ich alle, die gingen, garantiert nochmal getroffen. Sie kriegen einen Chemozyklus stationär, Betreuung danach, erholen sich langsam, und fahren irgendwann für einige Zeit “Pause” heim. Dann kommen sie für den nächsten Zyklus, werden wieder aufgenommen, alles beginnt von vorn. Wenn ich Krebs hätte, bräuchte ich das wohl auch. So viel Zeit im Krankenhaus zu verbringen muss noch viel ekelhafter sein, wenn eins nichtmal vertraute Gesichter hat, weil alle immer wechseln. Aber so war es etwas anderes.

An einem Tag wurde eine Aufnahme angekündigt, die aus einem anderen Krankenhaus kam wegen unklarer Hypermenorrhoe. Eine Frau, die elf Tage lang ihre Periode hatte und sich deswegen untersuchen ließ, dabei kam eine “eklatante Verminderung aller drei Zellreihen” heraus (Erys, Leukos und Plättchen), mit “akutem Verdacht auf ernsthafte Erkrankung!!”. So stand es ernsthaft im Überweisungsschein und im Dienstzimmer wurde herzlich gelästert. Die Frau hatte eine Freundin dabei, war dick und trug eine Kobmination aus rot, grasgrün und Ringelstrümpfen, sie lächelte und erzählte, dass sie seit zwei Jahren wieder rauche, dass sie in psychologischer Behandlung sei, dass sie Freiberuflerin sei. Was genau, wurde zuerst gar nicht gefragt. Sie war die erste, bei der ich sozusagen die “Abfolge” von Schritten miterlebt habe, die am Anfang einer solchen Erkrankung stehen. Sie wurde mehr oder weniger sofort stationär aufgenommen, ihre Freundin holte ihr Kleidung von zu Hause, sie bekam eine Knochenmarksbiopsie. Sprich, auf dem Bauch liegen, örtliche Betäubung am hinteren Hüftkamm (da, wo diese Kuhle oberhalb des Pos ist), mit einer großen Nadel den Knochen durchbohren und das flüssige Mark aspirieren. Das tut weh, und je jünger die Menschen sind, desto härter sind ihre Knochen, das ist richtig zu spüren. “Meine” Nanny-Ärztin, so klein und zierlich, war ziemlich erschöpft danach. Mit dem Knochenmark werde Ausstriche auf Objektträgern gemacht (schnell, sonst gerinnt es), die kommen dann ins Labor und werden mikroskopisch untersucht.

Nun kam also heraus, dass ihr Knochenmark praktisch nur noch aus Blasten besteht, also unreife Blutzellen, die nichts taugen und alles verstopfen, sodass keine richtige Blutbildung mehr stattfinden kann…eine ziemlich typische Leukämie, außer, dass sie einen fiesen Typ hat (hatte?), der schwer therapierbar ist. Ich durfte bei der Diagnosemitteilung dabei sein, und stand/saß ewig lange mucksmäuschenstill in der Ecke, um nicht zu stören; sie weinte und ihr Bruder, riesig und bärtig, saß verwirrt daneben, ich habe alle Infohefte geholt, die es auf der Station gab. Sie fragte, ob sie denn in etwa vier Monaten halbwegs fit sein könnte, weil sie keine feste Arbeit hat. Darauf fiel der Satz: “Ich kann sie ewig lang krankschreiben, so lange Sie möchten.” – “Nein”, sagte sie, “ich bin Sängerin. Ich muss auftreten.”

Aber es ist utopisch, in so einem Fall. Noch immer stehen auf ihrer Website (ja, ich bin eine Stalkerin) die Termine dieses Sommers, bei denen sie garantiert nicht aufgetreten ist, und ich kann es mir nur so erklären, dass sie wohl anderes im Kopf hat, als ihre Website jetzt zu aktualisieren. Sängerin!, denke ich immer wieder. Ich habe Aufnahmen von ihr gehört (wie auch der Rest der Personals auf Station, wir sind alle Stalker), und sie sind so unglaublich viel besser, als ich es jemals können werde. Natürlich ist diese Frage müßig, aber sie taucht dennoch manchmal auf; warum denn ausgerechnet so jemand so etwas kriegen muss. Es erscheint so ungerecht. Immer, wenn ich danach bei ihr im Zimmer war, zum Blutnabnehmen, war ich  ein wenig ehrfürchtig und manchmal extrem trottelig deswegen. Equipment vergessen, dreimal gelaufen, ZVK versehentlich zweimal angespült, sterile Verpackungen nicht aufgekriegt, nichts schlimmes, aber dennoch peinlich.

Da ist ein älterer Mann gewesen, der Atemnot hatte. Er kam mit einer Sauerstoffsättigung von 85% (ich keuche bei 97%), weil seine Erythrozyten so niedrig waren. Nach etwa 10 Ery-Konzentraten ging es ihm besser, aber seine Leukämie-Diagnose hatte er trotzdem, und mit über 70 waren seine Chancen, die Chemoterapie zu überleben, recht gering. Als jemand ihm die Möglichkeit einer palliativen Therapie erklärte, sagte er gar nichts, und seine Frau neben ihm wäre dem Arzt fast an den Hals gesprungen, dass er es wagen konnte, den Vorschlag zu machen, ihren Mann “einfach sterben” zu lassen. Ich glaube, sie hat die ganze Zeit hindurch trotz vieler Erklärungsversuche das Prinzip nicht verstanden, also entschieden sie sich für die kurative Möglichkeit, und als meine Famulatur zu Ende war, lag er auf der Intensivstation im Sterben, weil durch die Toxizität der Therapie seine Organe nacheinander versagten. Das weiß ich aber nur noch aus Erzählungen; gesehen habe ich ihn da nicht mehr. Ich habe in der Zeit ein wenig drüber nachgedacht, ob ich, wenn mir so etwas jemals passieren sollte, mich selbst als jüngere Person für einen kurativen Therapieansatz entscheiden würde, wenn dieser nicht 100% Effektivität verspricht. Vielleicht sollte ich das einfach hinnehmen und auf eine nettere Art sterben als…naja, so.

Dennoch sind diese Gedanken müßig: Höchstwahrscheinlich würde ich verzweifelt alles in Anspruch nehmen, was mir angeboten würde an Therapie, Schmerzmitteln, Erleichterung. Ich vermute, wenn jemand mir sagte, dass ich für die gesamte Dauer der Erkrankung in ein künstliches Koma versetzt werden könnte, würde ich auch das mit Kusshand bejahen. Denn sich solche heroischen Gedanken zu machen, ist immer leicht, wenn eins nicht wirklich in der betreffenden Situation ist…

Nächste Woche lesen Sie : Warum ich immer vehement behaupte, niieeemals Kinder haben zu wollen, und warum es eventuell doch passieren könnte. Und warum ich jetzt wahrscheinlich trotzdem eine Abtreibung in Anspruch nehmen würde. Warum ich über Leute meckere, die mir ihr glückliches Pärchenleben ins Gesicht klatschen, obwohl ich selber eins habe, mit dem ich versuche, nicht so aufdringlich hausieren zu gehen (was mir vielleicht nicht immer gelingt, weshalb ich anderen damit trotzdem auf die Nerven gehe).

Famulatur

(Dieser Artikel lag ewig unbenutzt herum und ist deswegen nicht mehr ganz aktuell, aber dennoch.)

Morgen ist der allerletzte Tag meiner allerersten Famulatur. Ich habe am vorletzten Tag och einmal frei, weil ich am Samstag vor zwei Wochen für zwei Stunden in die Klinik geradelt bin, um Blut abzunehmen und mit diesem dann ins Zentrallabor und zur Blutbank zu laufen, mich hilflos durchfragend und gleichzeitig meines weißen Kittels schämend, der immer so aussieht, als müsste ich von allem eine Ahnung haben. Die Leute gucken  dann immer so komisch Für diese zwei Stunden Samstagarbeit (die sich nicht so sehr wie Arbeit anfühlten) bekomme ich nun einen ganzen Tag frei, was schon viel darüber aussagt, wie wenig eins dort auf mich angewiesen ist. Und dennoch ist es schön, und erschöpfend, beides gleichzeitig. Ich bekomme (bzw. bekam) die eigene Unfähigkeit täglich geradezu ins Gesicht geworfen, obgleich ich niemals direkt dafür kritisiert wurde, wahrscheinlich nichtmal indirekt. Im Gegenteil, ich bin mit einer solchen zugewandten Freundlichkeit behandelt worden wie in keinem meiner Pflegepraktika, wo ich (auf anderer Ebene) sehr viel nützlicher war und dennoch weniger entspannte Nettigkeit in Erinnerung habe. Vielleicht tue ich damit auch den Stationen, die ich kennengelernt habe, Unrecht.

Ich weiß noch, wie ich am ersten Tag erschien, um halb acht Uhr morgens und hochmotiviert, und dann über eine Stunde hilflos wartend im Arztzimmer der mir zugewiesenen Station herumsaß, nicht wagend, nochmals Leute mit meinen Fragen zu belästigen, denn besonders morgens ist ja in Krankenhäusern außerordentlich viel zu tun und alles passiert mehr oder weniger gleichzeitig. Um zwanzig vor neun erschien eine gepflegte Endzwanzigerin, die sich als erstes Pumps mit niedrigen Absätzen anzog und sich entschuldigte, dass sie nichts mit Famulant*innen anfangen könne, weil sie selbst erst drei Monate hier arbeite. Weiters erschien eine andere gepflegte Endzwanzigerin mit blonden Haaren und ein griesgrämig dreinschauender Mittvierziger mit sportlicher Brille; all diese Menschen sahen und sehen so professionell aus, so glattgebügelt, so patient*innenfreundlich, wie Bedienstete im Luftverkehr, nur mit komplizierterer Ausbildung. Ich brauchte eine Weile des schüchternen Herumsitzens und bloß-nicht-im-Weg-sein-wollens, um festzustellen, dass sie sehr wohl Menschen mit richtiger, eckiger Persönlichkeit sind (wenn doch in ihren Haltungen sehr angepasst).

Danach versuchte ich, mir in keinem Patientenzimmer anmerken zu lassen, dass dies meine erste Famulatur war, ich ließ mir alles zeigen und nickte wie eine prüfende Sachverständige, kam mir ein wenig vor wie Kim Jong Un. Dabei tönte in meinem Kopf nur pausenlos: „Das sollst du selber machen? Nie im Leben? Wie funktioniert das? Du hast es dir jetzt schon zehnmal angesehen und noch immer noch begriffen! Aber du musst jetzt! Du musst!“ Blutabnehmen aus der peripheren Vene, Blut abnehmen aus dem ZVK, Blutkulturen mit Vacutainer-System (sterile Dinge aus Plastik verschrauben, größere Stichkanülen), Anforderungsscheine ausfüllen, Aufnahmen machen… Hilfe, Hilfe. Zumindest das Legen von Viggos (also peripheren Venenverweilkanülen) wurde dank Anfängertum (noch) nicht von mir erwartet.

Bei allen anderen Sachen durfte ich nur zusehen, musste aber nicht (wollte aber immer), und so sah ich mehrere ZVK-Anlagen, alle Subclavia, einige Knochenmarkpunktionen, drei Lumbalpunktionen, eine Nasensonden-Anlage (volles Programm mit literweise Erbrochenem), und vier Stammzelltransplantationen, von denen ich die letzte selber machen durfte (ehrlich, es ist nur ein ganz kleines bisschen Luft in den Infusionsschlauch gekommen, und ich habe schnell angehalten, als ich es gesehen habe). Eigentlich sollte ich auch noch eine Knochenmarkpunktion selber machen, aber ich war ohnehin skeptisch, ob ich das schaffe, und ein ungeduldiger Arzt machte dem sowieso einen Strich durch die Rechnung, indem er es selbst tat.

Dazwischen lief ich hilflos hinter den weißbekittelten Menschen her, wenn sie in die Kantine gingen, in der es selten etwas veganes zu essen gab und wenn, dann nur aus Versehen. Ich bin sicher; hätte ich die Küche darauf hingewiesen, dass einige ihrer Gerichte tatsächlich sowohl Fleisch als auch Milch und Ei entbehren…ich hätte beim nächsten Mal Sahne darin gefunden. Beziehungsweise eine kleine 21 in der Allergenliste, für „Milchprodukte und daraus hergestellte Erzeugnisse“. Ich habe am Ende des Monats die Allergenliste der Cafateria besser auswendig gekonnt als die Entwicklungsschritte der hämatopoetischen Zellreihen. In der Kantine sagte ich nichts, es ist schwierig, sich innerhalb von einem Monat in eine Gruppe von Menschen zu integrieren, wenn eins das nichtmal in zweieinhalb Jahren ordentlich schafft.

Und ach, Leute habe ich getroffen…im hoffentlich folgenden nächsten Artikel versuche ich, ein bisschen näher zu beschreiben, einfach so von der Seele, es tut gut, auch wenn niemand es liest.

Anämie

Also, um es noch ein weiteres Mal zu erwähnen: Ich habe hier ja diesen Körper… Was das für ein Unfall war, ist mir noch immer nicht ganz klar, aber gut. Ich habe ein wenig geschrieben zu Dankbarkeit ihm gegenüber, über Hass sowieso. Hass aber eigentlich immer nur auf seine Form, seine Beschaffenheit und Struktur, ja, mir wurde von vielen Seiten beigebracht, was ich alles an ihm auszusetzen habe(-n kann). Den Körper, den stört das alles überhaupt nicht, der sitzt herum, schläft (zu viel), geht die Straße entlang und manchmal knackt er oder äußert ein Grummeln aus der Abdominalgegend.

Was alles nicht stimmen kann, ist mir zu einigen Teilen bewusst. Mich könnte eine Arteriosklerose ereilen, oder eine Artherosklerose  (das sind zwei verschiedene Dinge, glücklicherweise hat bisher niemand gemerkt, dass ich den Unterschied nicht benennen kann), dann hätte ich dicke Plaques an meinen Gefäßwänden, voller Schaumzellen und sonstigem Müll, und irgendwann würde eine dieser körpereigenen Abfalldeponien rupturieren und wir hätten den Salat. Also, mein Gefäßsystem und ich. Vermutlich würde das Ganze zu einem Herzinfarkt führen, im ungünstigeren Fall vielleicht zu einem Schlaganfall…und ich läge herum (bzw., mein Körper läge herum, denn vom natürlichen Pessimismus ausgehend wäre da nicht mehr viel „ich“ übrig hinter dem ganzen Sabber), und die Kühe und Schweine, Hühner, Kälbchen und Enten würden mich auslachen und es als ihre Rache verstehen für all ihre Artgenossen, die ich gefressen habe.

Nun fehlen da zwei Details: Erstmal fresse ich keine Artgenossen und auch keine Nachbararten, und zweitens sind Tiere, glaube ich, nicht so konzipiert, dass sie Dinge wie Schadenfreude oder Freude an gewollter Grausamkeit empfinden und somit auch niemand auslachen würden, egal, was diese Person ihnen oder anderen angetan hätte.

Wenn mir etwas fehlt, dann lachen meistens nur die Menschen. Oder sie sind sehr besorgt. „Siehst du, das liegt an deiner komischen Ernährung. Dir fehlen Vitamine, und Mineralstoffe…“

„Nein!“, sage ich dann. „Ich bin immer so! Das hat damit gaaar nichts zu tun!“

Was aber gelogen ist. Es hat, zumindest bei mir, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit etwas damit zu tun, denn ich bin dauernd hypoton und dauernd anämisch. Mein Körper könnte irgendwie bessere Leistungen erbringen, und sicher wäre es auch irgendwie möglich, wieder einen Zustand zu erlangen, in dem ich aufstehe und mir keine Gedanken darum machen muss, in wie vielen Sekunden ich einen Gegenstand zum Festhalten erreichen sollte, um die Schwindelsekunden unbeschadet vorbeizubringen. Das war zwar schon immer so, aber nicht auf einem derartigen Niveau. Natürlich könnte ich daran etwas ändern, ich könnte anfangen, tierische Produkte zu essen, mehr zu trinken, ich könnte konsequenter mit Eisen etc. substituieren oder mich körperlich mehr betätigen. Ich könnte natürlich auch aufhören, Blutspenden zu gehen, und (was aber sehr viel unwichtiger ist) eine Hormontherapie anstreben, die die Menstruation unterdrückt.

Ich habe ein wahrscheinlich sehr geringes Risiko von Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber ich habe dennoch keinen perfekten, fitten Körper. Wenn es daraum geht, Treppen hochzukommen, bin ich genauso am Japsen wie ein Mensch mit Übergewicht oder notorische Raucher_innen. Natürlich klingt Blutarmut da irgendwie cooler als die typischen „Wohlstandskrankheiten“, die meist nicht so attraktiv wirken. (Nehmen wir zum Beispiel das Wort „herzkrank“ – die erste Assoziation sind meistens Kinder, die mit einem Herzfehler geboren wurden und deswegen im zarten Alter schlimme Operationen erleben, weshalb sie großäugig auf Werbeplakaten von Hilfsorganisationen zu sehen sind… weniger die Endsechzigerin, die aufgrund chronisch zu hoher Blutfettwerte und Bluthochdruck zwei Herzinfarkte hatte und jetzt hechelnd im Bett liegt, weiterhin adipös.)

Dennoch scheinen viele Menschen von mir zu erwarten, dass ich einen perfekten Körper zu präsentieren habe. Gesund und proper, so wie die Aushängeschilder von „Vegan Bodybuildung & Fitness“, und immer mit gesunden, selbstgekochtem Essen gefüttert (Danke, Attila Hildmann, dass du die Erwartungen so hoch ansetzt!), ganz wunderbar. Oftmals bin ich gewillt, zu lügen, was das angeht, um dumme Fragen zu vermeiden, alles als ganz problemlos darzustellen. Mit wie vielen Floskeln habe ich schon um mich gehauen, weniger, um Werbung für Veganismus zu machen, als (oftmals) aus Gründen der Rechtfertigung. Während fleischfressende junge Frauen in meinem Jahrgang herumlaufen und allen erzählen, wie niedrig denn ihre Eisenwerte seien, würde ich den Teufel tun, so etwas auch nur zu erwähnen.

Ich bin Veganerin, und nein, ich bin nicht perfekt. Ich bin relativ dünn, was ich aber auch schon vor Veganerzeiten war, aber…oh Schreck! Das Kind ist auch noch essgestört!

Nun wird jedem sofort alles klar. Sie macht das gar nicht aus ethischen Gründen, sie versteckt dahinter nur ihre „Magersucht“ (die keine ist), um sich so vor fetthaltigen Lebensmitteln zu drücken und immer für sich alleine essen zu können…Falls ihr dabei versehentlich ein bisschen Tierliebe untergekommen ist, was das nur ein versehentlicher Nebeneffekt. (Blick meiner Therapeutin, als sie sagte, wenn ich das mit dem Essen „in den Griff“ bekommen wolle, müsse ich aber auch die Nahrungsauswahl „etwas lockerer“ angehen; fehlte nur noch, dass sie mir eine bestimmte Sorte Mortadella empfohlen hätte…) Das Kind benutzt den Veganismus für ihre eigenen, selbstsüchtigen Interessen. Somit ist sämtliche Art von Vorbildfunktion für andere völlig ruiniert.

Aufschrei, wenn eine (von einem Vegetarier organisierte) Studie zu dem Ergebnis kommt, dass prozentual mehr Vegetarier_innen essgestört sind als der Anteil in der restlichen Bevölkerung. „Natürlich“, schreien sie alle, „Vegetarismus führt zu Essstörungen!“ Oder umgekehrt: „Nur wegen ihrer Essstörung essen sie vegetarisch!“ Natürlich hat das alles gar nichts mit allgemein höherer Sensibilität zu tun, die insbesondere Menschen mit depressiven Erkrankungen bezüglich ihrer Umwelt entwickeln und die sie dazu bringen kann, sich Gedanken über die Auswirkungen ihres Essverhaltens zu machen…und eben eventuell Vegetarier_innen zu werden. Eine Sensibilität, die den meisten selbszufriedenen und vom Leben bekräftigten Menschen oftmals abzugehen scheint.

Ich würde gerne herumlaufen und allen erzählen, wie schlecht meine Eisenwerte sind, und wie niedrig mein Hämoglobin, ebenso mein Blutdruck, wie wenig Muskelmasse ich am Körper habe, wie ungleich das Verhältnis meiner Kohlenhydrat- im Vergleich zur Eiweißaufnahme ist… Und dann würde ich laut sagen: Aber ich will trotzdem lieber so leben (nämlich nicht kraftstrotzend), als alternativ Tiere und Tierprodukte in mich hineinzustopfen. Das Zeitalter der Holzfäller ist vorbei. Es wäre also an der Zeit, auch die Holzfällersteaks abzuschaffen.